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Interview mit Prof.
Dr. rer. pol. Dr. Karl-Heinz Wehkamp
Medizin
braucht Ethik wie Luft zum Atmen
Horst Kreussler
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Prof.
Dr. rer. pol. Dr. Karl-Heinz
Wehkamp (Foto: hk) |
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Einer der bekanntesten
Medizinethiker Deutschlands, Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Wehkamp, hat lange
in Schleswig-Holstein gelebt und gearbeitet und ist erst kürzlich
nach Hamburg gezogen, wo er seit Jahren an der heutigen Hochschule für
Angewandte Wissenschaften, Studiengänge Gesundheits- und Pflegewissenschaften,
lehrt. Gewissermaßen zum landesbezogenen Abschied befragte ihn das
Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt (SHÄ) zu aktuellen Aspekten
der medizinethischen Debatte, wie sie etwa in seinem Titelbeitrag im Deutschen
Ärzteblatt 36/2004 bis hin zum Deutschen Ärztetag in Berlin
vor wenigen Wochen geführt wurde.
SHÄ:
Prof. Wehkamp, von Ärzteseite wird und wurde gerade beim Deutschen
Ärztetag in Berlin der Stellenwert des Arzt-Patienten-Verhältnisses
betont. Worauf sollten Ärzte aus Ihrer Sicht in einem umfassend verstandenen
Patienten-Arzt-Verhältnis stärker achten - auch auf manchmal
zurückgestellte Aspekte wie Zuwendung, Empathie, Menschlichkeit?
Prof. Wehkamp:
Ärzte sollten sich dessen bewusst sein, dass dieses Verhältnis
das grundlegende soziale Fundament der Medizin darstellt, dass es für
den Erfolg der Medizin in vielfacher Hinsicht entscheidend ist, dass hier
die Grundvoraussetzungen der Diagnostik und Indikationsstellung sowie
der Steuerung des Therapieprozesses liegen. Dieses Verhältnis konstituiert
in gewisser Weise erst den Patienten, denn erst im Gegenüber
zum Arzt wird der Kranke (und immer häufiger auch der Gesunde) zum
Patienten. Dieses Verhältnis ist hoch sensibel, es verlangt kommunikative,
fachliche und ethische Kompetenzen des Arztes, und es ist heute bedroht,
weil die Ärzte zunehmend mehr administrative, rechtliche und ökonomische
Vorgaben von Verwaltungen und Managementebenen bekommen, die primär
politische oder wirtschaftliche Ziele verfolgen. Wenn es nicht gelingt,
das Patientenwohl als wichtigsten Orientierungspunkt zu schützen,
so wird das Vertrauensverhältnis Patient-Arzt zerstört. Damit
würde die Medizin in ihrem moralischen Zentrum vergiftet.
Also: Zuwendung, Empathie und Menschlichkeit sind als ärztliche Qualitäten
zwar sehr wichtig, dennoch ist die Arzt-Patient-Beziehung nicht primär
ein psychologisches Phänomen, sondern eher ein ethischer Raum. Hier
liegt eine wichtige Voraussetzung von Entscheidungen und von deren moralischer
Qualität. Aber jene, die die Rahmenbedingungen ärztlicher Arbeit
gestalten, Verwaltungen, Manager, Krankenkassen und Politik, müssen
die Voraussetzungen schaffen bzw. sichern, dass dieser Raum des Vertrauens
geschützt wird. Die Ökonomisierung der Medizin, deren Notwendigkeit
ich in Grenzen anerkenne, kann hier zu einer sehr großen Gefahr
werden.
SHÄ:
Sie sehen das Arzt-Patienten-Verhältnis unter dem Druck des Spannungsverhältnisses
von Medizin und Ökonomie. Viel wird darüber abstrakt diskutiert,
aber wie kann der Arzt sich konkret gegenüber seinem Patienten ethisch
vertretbar verhalten?
Zur
Vita Professor Wehkamp
Geboren 1948 in Hessen, aufgewachsen in Ostfriesland,
Studium der Soziologie/Philosophie in Frankfurt/M.,
Bremen:
Diplom-Soziologe; dann Medizin in Würzburg und Lübeck,
Arzt für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie für
Psychotherapie, fast 10 Jahre klinisch tätig in Bremen.
Forschungstätigkeit am Institut für
Medizinische Soziologie der
Univ. Göttingen.
1990-1996 Direktor des Sozialmedizinisch-Psychologischen Instituts
der Ev.-Luth. Landeskirche Hannover,
später umgestaltet zum Zentrum für
Gesundheitsethik an der Ev. Akademie Loccum in Hannover.
Seit 1997 Professor für Medizin in den Studiengängen
Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Fachhochschule Hamburg.
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Prof.
Wehkamp:
Grundsätzlich ist das Verhältnis von Medizin und Ökonomie
sehr kompliziert und hat mehrere Ebenen. Wenn heute die Politik oder die
Krankenkassen explizit ökonomische Eckpunkte vorgeben, um medizinisches
Geschehen zu steuern, darf man sich nicht wundern, wenn einzelne Ärzte
bestehende Systeme ausbeuten. Aber zurück zu Ihrer Frage:
Als erstes ist es wichtig, dass wir Ärzte unsere Ethik kennen und
parat haben. Wir müssen wissen, was medizinische Moral erlaubt und
was nicht. Selbst das Recht ist im Zweifelsfalle gegen uns, wenn wirtschaftliche
Vorgaben gegen das Primat des Patientenwohls oder das Gebot der Schadensvermeidung
verstoßen. Und der einzelne Arzt braucht die Rückendeckung
durch die verfasste Ärzteschaft, die selbst die Beziehungen zwischen
medizinischen Werten und ökonomischen Argumente nicht hinreichend
durchdacht hat.
SHÄ:
Aber was kann der Arzt im einzelnen Behandlungsverhältnis tun?
Prof. Wehkamp:
Das lässt sich schwer allgemein beantworten. Gut wäre es, wenn
er oder sie sich Gedanken darüber macht, was es heißt, sich
sowohl an Qualitätsmaßstäben als auch am Kriterium der
Wirtschaftlichkeit zu orientieren. Einmal geht es um gute Medizin, ein
Begriff, der leichter gesagt, als mit konkreten Inhalten gefüllt
ist. Gute Medizin basiert auch auf dem guten Maß. Also
brauchen wir einen Sinn für Angemessenheit. Der Aspekt
der Wirtschaftlichkeit darf andererseits nicht als primär feindlich
angesehen werden, denn Wirtschaftlichkeit bedeutet optimale Nutzung von
Ressourcen. Eng damit verbunden ist der Anspruch, medizinische Leistungen
gerecht einzusetzen. Es ist schon viel gewonnen, wenn Ärzte
sich sehr bewusst dem Problem der Gerechtigkeit und der Prioritätssetzung
auseinandersetzen. Dies sollte auch im Gespräch mit anderen Menschen
- nicht nur Ärzten - geschehen.
SHÄ:
Und das heißt im Verhältnis zum behandelten Patienten?
Prof. Wehkamp:
Im individuellen Arzt-Patienten-Verhältnis gibt es mehr und mehr
Belastungen durch ökonomische Zwänge, weil Ärzte Probleme
aushalten müssen, die gesellschaftlich verantwortet und auf dieser
Ebene nicht gelöst worden sind. Die Politik hat hier überwiegend
versagt, weil sie ein über hundert Jahre altes System verteidigt.
Dessen hoher Anspruch (zugespitzt alles für alle) ist
aber angesichts des enormen (und teuren) medizinischen Fortschritts nicht
mehr haltbar. Wir müssen die Frage lösen, welches Maß
an Medizin wir für welche Personen in welchen Situationen bereitstellen
wollen und welche Beiträge dafür zu zahlen sind. Dann kann auch
das Arzt-Patienten-Verhältnis vom ökonomischen Druck befreit
werden.
SHÄ:
Durch die nach der letzten Gesundheitsreform möglichen Einzelverträge
von Krankenkassen mit einzelnen Kliniken und Praxen sehen sich Ärzte
in der Situation, ihre Patienten mit gleichem Krankheitsbild unterschiedlich
versorgen zu sollen. Verschärft sich dadurch die sich schon lange
anbahnende Problematik der Mehrklassenmedizin und der Verteilungsgerechtigkeit?
Prof. Wehkamp:
Diese Frage ist inzwischen in der Medizin, in der Versicherungswirtschaft
und bei der Politik angekommen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass
die Zeiten vorbei sind - wenn es sie je wirklich gab -, in denen alle
Versicherten die gleichen Behandlungen bekamen, dafür sind die Möglichkeiten
der Medizin zu sehr ins Grenzenlose erweitert worden. Es wird sich zeigen,
dass unsere Sozialsysteme das nicht leisten können.
Es geht im Grunde nicht um die Frage, ob wir ein Ein-, Zwei- oder Fünfklassen-System
haben, sondern ob, wo und wieweit die individuelle Bereitschaft, mehr
Geld für die eigene Gesundheit auszugeben, zumutbar ist oder nicht.
Es wird kein Weg vorbeigehen an einer Kombination von sozialer Grundabsicherung
und vermehrten privaten Zusatzversicherungen.
SHÄ:
Zusatzfrage: Bleibt dem Arzt auf der Mikroebene nichts weiter übrig,
als diese Ungleichheit zu akzeptieren?
Prof. Wehkamp:
Ja, das tut er bereits durch das IGEL-System. Aber man kann
auch gegensteuern. Vor der großen Zeit des Sozialstaates gab es
mehr als heute das Robin-Hood-System (to rob the rich
and to help the poor, Anmerkung des Verfassers). Das Akzeptieren
muss freilich Grenzen haben, aber wo diese liegen, das haben wir noch
viel zu wenig diskutiert. Für die Debatte muss der Weg geebnet werden,
und dazu bedarf es der Einsicht, dass das medizinisch Notwendige
nicht klar definiert werden kann, dass es grenzenlos erweitert werden
kann und dass dieser Leitbegriff heute nichts mehr taugt.
SHÄ:
Kommen wir zu einer Konsequenz ärztlichen Handelns, die auch Schwerpunkt
der Arbeit der Zentralen Ethikkommission (ZEKO) bei der Bundesärztekammer
ist: das verschlechterte Arztbild in der Öffentlichkeit. Vertreter
der Ärzteschaft beklagen zudem die bei Partnern und Politik geringere
Akzeptanz gegenüber früher. Wäre hier aus ethischer Sicht
ein wenig mehr konkrete Selbst- als Fremdkritik hilfreich für mehr
Glaubwürdigkeit?
Prof. Wehkamp:
Wir haben in Deutschland noch zuwenig Reflexion über die medizinische
Profession, uns fehlt so etwas wie Think Tanks, in denen über
Kriterien für Gesundheit und Krankheit, über den Inhalt medizinischer
Indikationen, über die Ziele der Heilkunde diskutiert wird und darüber,
was einen Arzt eigentlich ausmacht, wo er das Entscheidungsmonopol haben
sollte und wo nicht, was Gesundheitsberufe (im Ausland etabliert: health
workers) leisten und welche ethischen Standards sie haben sollten.
Die Schweiz hat eine Medizinische Akademie der Wissenschaften, und es
gibt andere interdisziplinäre Einrichtungen, die sich mit der Steuerung
der Entwicklung des Medizinbetriebs befassen. Wir können also durchaus
Selbstkritik gut gebrauchen, aber wichtiger noch wäre mir eine qualifizierte
Reflexion des Projekts Medizin: seiner Ziele, seiner Regularien, seiner
Identität. Da wir beides viel zu wenig haben verteidigen sich Ärzte
oft sehr unproduktiv und unglücklich.
SHÄ:
Und warum so viel Defensive und kaum Selbstkritik?
Prof. Wehkamp:
Hier spielt die Struktur der Medizinerausbildung und die Kultur der medizinischen
Institutionen eine Rolle. Krankenhäuser zum Beispiel kommen in ihrer
Hierarchie quasi von militärischen Vorbildern her. Erst allmählich
werden medizinisch oder organisatorisch schlechte Zustände nicht
mehr akzeptiert, angesichts des ökonomischen Drucks. Es gilt immer
noch: Ein Leitender im Medizinbetrieb muss schon - sit venia verbo - furchtbar
viel Mist bauen, um gehen zu müssen. Die Medizin kommt erst sehr
langsam aus dem Feudalsystem in der Demokratie an.
SHÄ:
Sie fordern ethisches Handeln von den Ärzten. Aber wie soll die Reflexion
funktionieren in der Hetze des medizinischen Alltags? Sie hatten einmal
eine Westentaschenethik mit den vier bekannten Grundprinzipien
(Autonomie des Patienten, keinen Schaden, sondern Nutzen bringen und Gerechtigkeit
bei der Mittelverteilung) für die Praxis vorgeschlagen?
Prof. Wehkamp:
Grundsätzlich kommt es nicht auf intellektuelle Tricks an, sondern
auf eine Kultur im Verhalten und im gemeinsamen Gespräch. Behandlungsteams
sollten sich regelmäßig fragen: Was können wir besser
machen? Wie schaffen wir eine gute Medizin? Also heraus aus der Ebene
der Schuldzuweisung und Selbstverteidigung ... Das fehlt bei uns fast
überall. Die leitenden Ärzte müssten ihre Mitarbeiter zu
offenem Diskurs ermuntern (auch wenn der Chef einen Fehler gemacht hat),
nicht sie einschüchtern. Ob das eine Generationsfrage ist? Ja, eine
Reihe von jüngeren Chefärzten scheint da offener zu sein. Nur
bei der jüngsten Ärztegeneration, den Assistenten in der Klinik,
beobachte ich jetzt eine übermäßige Inanspruchnahme, sie
werden zu wenig angehört, ja oft nicht mehr so ordentlich weitergebildet
wie bisher gewohnt.
SHÄ:
Abschließende Frage an den passionierten Ruderer: Ist die Medizinethik
bei uns in der Defensive oder gibt es doch ein aussichtsreiches Rudern
gegen den Strom?
Prof. Wehkamp:
Ja, die Medizinethik hat einen schweren Stand. Aber sie hat zugleich so
gute Chancen wie noch nie - weil man sie unbedingt braucht. Ohne Ethik
würde das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt zerstört.
Und ohne ethische Orientierung ist die medizinische Versorgung in den
Zeiten von Ökonomisierung und Globalisierung nicht zu entwickeln.
Eine Reihe von Betrieben der Gesundheitswirtschaft hat dies schon erkannt
und setzt auch aus ökonomischen Gründen auf ethische Ausrichtung.
Ganz einfach ist die ethische Ausrichtung aber nicht. Dazu müssen
sich wie gesagt die im Medizinsektor Handelnden ändern, aber die
Medizinethiker auch: Sie müssen raus aus den Philosophie-Ecke, sie
brauchen vielleicht weniger historische als sozialwissenschaftlich-ökonomische
Kompetenz, und - die Medizinethik muss kämpferischer werden!
SHÄ:
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Wehkamp! (hk)
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 7/2005
S. 32-35
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