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Unsere Nachbarn

Sexuelle Gewalt

Sexuelle Gewalt: Betroffen sind vor allem Frauen, das lässt sich zweifelsfrei feststellen. Ansonsten aber: ein vielseitiger Begriff. Viele Situationen gehören dazu, die vielleicht nicht sofort damit in Ver-bindung gebracht werden, etwa die Verweigerung von Kontrazeptiva oder auch die Genitalverstümme-lung bei Mädchen (gibt es übrigens auch in Deutschland).

 
  Jule Friedrich
 
  Dr. Seven Anders (Fotos: wl)

In einem Ethik-Seminar am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) bezog sich die freiberuflich tätige Hebamme Jule Friedrich auf eine Studie, die im vergangenen Herbst veröffentlicht worden ist und die das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben hatte. Teilgenommen hatten daran mehr als 10 000 Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren. Mündliche Interviews bezogen sich auf körperliche und sexuelle Gewalt; in Fragebögen war zudem auf den Aspekt häusliche Gewalt eingegangen worden. Betroffen ist, wer eine Gewaltform mindestens einmal im Leben erfahren hat. Körperliche Gewalt reicht von leichten Ohrfeigen über das Werfen von Gegenständen bis hin zu Würgen und Prügeln. Der Studie zufolge haben körperliche Gewalt 37 Prozent der befragten Frauen erfahren, 13 Prozent haben unter sexueller Gewalt zu leiden gehabt.

Beides nannten 40 Prozent der Befragten. 25 Prozent der zuletzt genannten Frauen haben in der Studie auf frühere oder aktuelle Partner als Täter hingewiesen. Jule
Friedrich schlussfolgerte: „Körperliche und sexuelle Gewalt erleiden die Frauen überwiegend durch männliche Partner, und zwar im häuslichen Bereich. Es stimmt offensichtlich nicht, dass Frauen in der Öffentlichkeit gefährdeter sind!“ Diese Aussage gelte auch für sexuelle Gewalt: Mehr als die Hälfte der Frauen gab an, sie habe im häuslichen Bereich stattgefunden. Und: Bei der körperlichen Gewalt sind die Täter zu 71 Prozent Männer; bei der sexuellen Gewalt sind es fast hundert Prozent.

Folgen der Gewalt

Zu den gesundheitlichen Folgen gehören für die Frauen blaue Flecken ebenso wie Verstauchungen und Knochenbrüche, aber auch Schlafstörungen, Ängste, Depressionen, Suizidgedanken, Essstörungen und Drogenmissbrauch. Ein Drittel der Frauen hat ärztliche Hilfe gebraucht, egal, ob körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren worden war. Zu den Folgen muss aber auch gerechnet werden, dass Frauen späte oder gar keine Schwangerenvorsorge treffen, dass es zu ungewollten Schwangerschaften und zu einer vorzeitigen Plazentaablösung kommt, dass Frauen Ängste entwickeln bei Entspannungs- und Atemübungen, dass sie vaginalen Ultraschall ablehnen, dass sie nicht im Liegen gebären wollen, dass sie über starke Schmerzen beim Stillen klagen. Es gibt also ein großes Bündel von Folgen, die Frauen als Gewaltopfer ertragen müssen. Jule Friedrich: „Das medizinische Personal muss dies alles wissen, damit nicht weitere Schäden für die Frauen auftreten.“ Und was kann medizinisches Personal selbst tun, um den Frauen ihre Situation zu erleichtern? Die erfahrene Hebamme nennt unter anderem: die eigene Einstellung zu Sexualität und Gewalt überprüfen (Supervision); bereit sein zu glauben, was die Frauen erzählen - „Missbrauch denkt sich niemand aus!“ -; eine Atmosphäre von Vertrauen schaffen; Zeit zum Zuhören haben; darauf achten, dass die Frau nicht unnötig entblößt wird; ihre Gefühle achten und ihre Bedürfnisse ernst nehmen.

Gewalt ist teuer

Die Folgekosten der Gewalt - für Deutschland gibt es keine Zahlen - sind beispielsweise in England und Wales errechnet worden: 40,2 Milliarden Dollar - jährlich weltweit. Kein Wunder, dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation) festgestellt hat: Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist weltweit eines der größten Gesundheitsprobleme. Jule Friedrichs Kommentar zu dieser Feststellung: „Das ist bekannt, aber es wird nicht umgesetzt!“

Die WHO fordert inzwischen, dass zur Anamnese grundsätzlich auch die Frage nach Gewalt gehört. Immerhin will die EU das Thema im kommenden Jahr europaweit aufgreifen - und das scheint nötig zu sein, denn dazu gehören auch Frauenhandel, erzwungene Prostitution, wie gesagt häusliche Gewalt, Gewalt bei Verabredungen und Brautwerbung, aber auch geringere Schul- und Berufsausbildung von Mädchen. Jule Friedrich: „Denken Sie stets daran, dass solche Gewalt grundsätzlich jede Frau, jedes Mädchen treffen kann, ob arm der reich, ob verheiratet oder Single.

Über Erfahrungen in der rechtsmedizinischen Untersuchungsstelle am UKE sprach Dr. Sven Anders. Über die mögliche Schließung der Einrichtung hat das Ärzteblatt im Februar ausführlich berichtet - kürzlich gab es übrigens eine private Spende, die eine halbe Arztstelle sichern hilft; nach wie vor arbeiten die Ärzte in der Opferstelle weitestgehend ehrenamtlich, die Räume stellt das UKE; Spenden werden vorrangig für Sachmittel verwendet. „Könnten wir über die Krankenkassen abrechnen, wären wir ein ganzes Stück weiter. Das aber lehnen sowohl die zuständige Kassenärztliche Vereinigung als auch die Kassen bislang ab“, erklärte Anders. Gewaltopfern wird in der Untersuchungsstelle eine Ganzkörperuntersuchung angeboten, damit alle Begleitverletzungen dokumentiert werden können. Zudem gibt es dort eine psychologische Betreuung und Hinweise auf rechtliche Belange (aber keine Rechtsberatung).

Das Ziel: mehr Rechtssicherheit

„Kennen Sie die drei Gründe, die zu einer Vergewaltigung führen?“, fragte Sven Anders und bezog sich bei seiner Antwort auf einen amerikanischen Bundespolizeibeamten: „Macht. Ärger. Beides.“ 1999 gab es in der ein Jahr zuvor gegründeten Untersuchungsstelle 46 Untersuchungen; 2004 waren es mehr als 1 400. Ein Großteil der Opfer meldet sich nachts; zu 60 Prozent sind es Frauen, zu 38 Prozent Männer. Gewalt gegen Kinder wird selten gemeldet. Aber: „Fast die Hälfte aller Gewaltanwendungen passiert im familiären Nahfeld“, weiß Sven Anders. Die Opferstelle sei vor allem deshalb nötig, weil so gewährleistet sei, dass die Opfer - ob von der Polizei gebracht oder von selbst gekommen - sofort weitergegeben werden können an Gynäkologen, Chirurgen, aber auch an Fachleute der Mikrobiologie (etwa bei einem HIV-Verdacht beim Täter), an Dermatologen oder Pädiater. (In diesem Zusammenhang: Andere Krankenhäuser werden in Sachen Gewalt in Hamburg nicht mehr angefahren.) Abstriche werden gemacht, Fremdmaterial (Haare) wird untersucht, Blutproben genommen - Hepatitis B und C, HIV-Status; Alkohol, Medikamente, Drogen. Es wird also alles untersucht, was vor Gericht für das Opfer zu mehr Rechtssicherheit führen kann. (wl)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 06/2005

S. 76-78