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Unsere Nachbarn

20 Jahre Sozialgerontologie
Werner Loosen

Als Leitspruch könnte über der Feier zum 20-jährigen Bestehen des Arbeitsschwerpunktes Sozial-gerontologie im Institut für Medizin-Soziologie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg stehen: Die restlichen Ressourcen und Kompetenzen nutzen, statt über Verlorengegangenes zu trauern. Jedenfalls ist es das Bestreben der Arbeitsgruppe unter Leitung von Dr. Hanneli Döhner von Anfang an gewesen, die Menschen auf genau dies hinzuweisen.

 
  Dr. Hanneli Döhner

Und was hat es nicht für Projekte gegeben in diesen zwei Jahrzehnten! Hausärztliche Qualifizierung; allein in Schleswig-Holstein haben mehr als 150 niedergelassene Hausärzte an einem gerontologischen Fortbildungsprogramm teilgenommen, das Dr. Thomas Stamm, Chefarzt der Klinik für Frührehabilitation und Geriatrie im Westküstenklinikum Heide, mitentwickelt hat. Es gab die Evaluation der besonderen stationären Dementenbetreung in Hamburg. Jetzt gerade kümmert sich die Arbeitsgruppe als Koordinatorin um ein europaweites Projekt zum Thema pflegende Angehörige.

Kontinuität

Prof. Dr. Dr. Alf Trojan, Direktor des Instituts für Medizin-Soziologie, gratulierte im Namen des Instituts Hanneli Döhner und ihrem Team: „20 Jahre Arbeit an einem Thema bedeuten viel und verlangen volle Arbeitskraft.“ Trojan verwies darauf, dass man sich im UKE bereits in den Jahren vor 1985 um chronische Erkrankungen der wachsenden Gruppe alter Menschen gekümmert habe. Und: „Wir haben uns auch schon - das war völlig innovativ - mit der gesundheitlichen Versorgung alter Menschen beschäftigt.“ Zu den Erfolgen der Arbeitsgruppe - irgendwann kam der Begriff Schwerpunkt auf - gehörte nach den Worten von Alf Trojan, dass früh schon erkannt wurde, welche Probleme ein solcher Forschungsbereich würde aufgreifen müssen - etwa die Breite und Tiefe der Vernetzung bei der Arbeit: „Das ist inzwischen europaweit gültig.“ Von daher sei es nur ein kleiner Schritt zum Forschungsschwerpunkt Versorgungsforschung, der jetzt im UKE entstehen soll.

 
  Dr. Hans-Joachim von Kondratowitz (Fotos: wl)

Wesentliche Impulse besonders in Sachen Interdisziplinarität, so Prof. Dr. Thomas Klie, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, seien aus Hamburg gekommen. Dass man sich in Deutschland überhaupt um alte Menschen - wissenschaftlich gesehen - kümmere, sei erst seit knapp 30 Jahren der Fall, „und im UKE ist damit begonnen worden“. Zunächst seien es kleine Schritte gewesen, stets aber getragen von sehr viel Engagement; „nicht zuletzt dadurch haben viele von uns eine wissenschaftliche Heimat in der Gerontologie gefunden“, betonte Klie und fügte ironisch hinzu, nur wer sich mit älteren Menschen beschäftige, könne sich auch mit 50 noch jung fühlen; nicht ganz so leicht falle das demjenigen, der sich um junge Menschen kümmere.

Ausbildung

In den siebziger Jahren haben die deutschen Hochschulen die Gerontologie entdeckt, sie wurde zum Feld für Fort- und Weiterbildung, erste Institute entstanden. Die Geriatrie etablierte sich und fand bald auch politisch stärkere Beachtung. Es kam zu einer Emanzipierung der Gerontologie als Studiengang, 1984 wurde die Sozial-Gerontologie in Kassel gegründet, zunächst nur zugänglich für Sozialarbeiter. Es entstand die Gerontologie in Vechta, stark konzentriert auf die Lehre. Ein Aufbaustudiengang Gerontologie wurde in Heidelberg gegründet; in Erlangen entstand die Psychogerontologie, die vor allem Psychologen und Ärzte im Blick hatte - nach den Worten von Thomas Klie inzwischen ein ganz wichtiges Qualifikationsfeld. Schwerpunkte gibt es seitdem mit unterschiedlicher Ausrichtung an mehreren Universitäten und Fachhochschulen, etwa in Dortmund oder Braunschweig, Mannheim und Ludwigshafen. Auch im deutschsprachigen Ausland kommt das Thema mehr und mehr zum Zug, es gibt Kooperationen mit deutschen Einrichtungen und kleine Netzwerke.

 
  Prof. Dr. Thomas Klie

„An wen wendet sich dieser relativ neue Zweig der Wissenschaft?“, fragte Klie. Seine Antwort: Aufstiegsorientierte; Wiedereinsteiger; Interessierte in sozialer Arbeit und Pflege, aber auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Thomas Klie nennt die Gerontologie eine Querschnittsdisziplin für alle diejenigen, die in gerontologischen Feldern forschen, und: „Sie ist immens wichtig in einer Zeit, in der die Gesellschaft stetig altert.“ Der fächerübergreifende Gedanke sei gut, um Einbahndenken zu vermeiden - „wenn ich mal die Ärzte ausnehme, die sich in ganz besonderer Weise um die Versorgung alter Menschen kümmern“ -, daher sei die Interdisziplinarität bedeutsam. Thomas Klies Vorhersage für das Jahr 2030: Hinzu kommen muss eine ethische Grundhaltung, die in jedem Menschen einen Wert sieht. „Das müssen wir in der Gerontologie in allen ihren Bereichen ernst nehmen, sonst werden wir der genannten ethischen Forderung nicht gerecht!“

Defizite

 
  Prof. Dr. Alf Trojan

Er sei begeistert von der Kontinuität im Hamburger Arbeitsschwerpunkt Sozialgerontologie, erklärte PD Dr. Hans-Joachim von Kondratowitz vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin. Diese Kontinuität sei deshalb so immens wichtig, weil immer noch schwer zu beurteilen sei, was gerontologische Forschung eigentlich sei. Vielleicht sei es besser, eher das Wort multidisziplinär zu verwenden als interdisziplinär. Als negativ empfinde er, dass es kaum Vergleiche gebe im europäischen Kontext - „dabei könnten wir davon viel lernen“. Außerdem gebe es noch immer zu wenig Praxisforschung. Auch müsse die Arbeit in Richtung auf mehr Anwendungszusammenhänge intensiviert werden: „Aus all dem gewinne ich ein ambivalentes Bild der Gerontologie in Deutschland - es passiert zwar ungeheuer viel, es fehlt aber auch sehr viel, etwa in Sachen Kooperation und Vernetzung.“ Nach wie vor gebe es in diesem Bereich viel zu heterogene Strategien in Deutschland, meinte von Kondratowitz. Anders ausgedrückt: Jedes Bundesland wurstelt in etwa vor sich hin. Große Schwierigkeiten gebe es auch bei der Kooperation mit Osteuropa, wo stets die Altersmedizin im Vordergrund gestanden habe, wo das Soziale aber erst langsam ins Blickfeld rücke: „Auch dies ist für mich ein Zeichen dafür, wie wichtig es ist, europäische Vergleiche anzustellen.“

Aktivitäten

Dr. Hanneli Döhner dankte ihrem Team für die stets verlässliche und engagierte Zusammenarbeit und nannte einige der Aktivitäten in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Dazu gehört der Arbeitskreis Selbstbestimmtes Altern, die Organisation der Hamburger Altentage 1986; wichtig sei auch die frühzeitige Verbindung mit den Grauen Panthern gewesen sowie die stets gute Zusammenarbeit mit dem Albertinen-Haus, Zentrum für Geriatrie und Gerontologie. Bedauernswert sei in all den Jahren gewesen, dass „nur wenige niedergelassene Ärzte unsere Arbeit kontinuierlich begleitet haben“, stellte Hanneli Döhner fest. Wichtig sei ihr und dem Team die Verleihung des Berliner Gesundheitspreises 2000 für das Projekt „Care and Case Management für chronisch kranke alte Menschen“ gewesen. Ihr „Wunsch für uns alle“: Bürgerengagement, Praxis, Forschung und Politik mögen sich zusammentun mit dem Ziel: „Gesundheit im Alter“.
Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 06/2005

S. 74-76