zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis

Unsere Nachbarn

Informationsveranstaltung
Unentschlossene Medizinstudenten

80 Prozent der Rostocker Medizinstudenten haben sich im sechsten Semester noch nicht entschieden, in welcher Disziplin und an welchem Ort sie ihrer ärztlichen Tätigkeit einmal nachgehen werden. Diese unentschlossene Gruppe hatte die gemeinsame Initiative von Ärztekammer, Kassenärztlicher Vereinigung (KV), Sozialministerium und Uni im Blick, als sie am 27. April auf einer Informationsveranstaltung in der Rostocker Uni für Niederlassungen in Mecklenburg-Vorpommern warben.

 
  Die finanzielle Situation der Hausarztpraxen stimmt Rostocker Medizinstudenten skeptisch: Nora Richter, Simone Weber, Matthias Baetje (v. l. n. r.) (Fotos: di)

Unbefriedigende Infrastruktur, zu alte Patienten, zu viel Verwaltung - Gründe gegen eine Praxistätigkeit im Nachbarland gibt es einige. Eine aber wird immer wieder genannt: die im Vergleich zum Westen schlechtere Bezahlung. Dass auch einiges für die Niederlassung in Mecklenburg-Vorpommern spricht, machte besonders KV-Chef Dr. Wolfgang Eckert den Studenten klar. Er schwärmte vom maritimen Flair an der Ostsee, aber auch von den Möglichkeiten, die einem niedergelassenen Hausarzt in Mecklenburg-Vorpommern offen stehen: „In diesen Gemeinden sind Sie der Mittelpunkt. Sie allein entscheiden, was Sie machen“, sagte Eckert. Und Gesundheitsministerin Marianne Linke stellte fest: „Mecklenburg-Vorpommern bietet sehr gute Chancen für Allgemeinmediziner. Sie sind sehr willkommen, die Bevölkerung wartet auf Sie.“

 
  Lockere Gespräche: Kammerpräsident Dr. Andreas Crusius (im weißen Kittel) und Studenten

In fünf Jahren, wenn die Studenten vom Hörsaal in die Praxen wechseln könnten, werden im Nordosten 443 Hausarztsitze zur freien Auswahl stehen. Jeder dritte Hausarzt ist jetzt über 60 Jahre alt. Das zögerliche Interesse an einer Praxisübernahme hat meist finanzielle Gründe. Der Präsident der Landesärzte-kammer, Dr. Andreas Crusius, sah denn auch keinen Anlass, das Problem klein zu reden, sondern schenkte den Studenten reinen Wein ein: „Nur noch zwei Banken bei uns geben Kredite für eine Niederlassung.“ Die unsichere finanzielle Situation dürfte auch für die alarmierende Abwanderung von Berufsein-steigern ausschlaggebend sein. Crusius berichtete, dass von 123 Berufseinsteigern, die 2003 in Mecklenburg-Vorpommern ihre Tätigkeit aufgenommen hatten, 48 bis zum Jahr 2005 das Land verlassen haben. Diese Vorzeichen gaben auch Studenten wie Matthias Baetje und Nora Richter zu denken. Die Studentin hat sich bereits gegen ihr Geburts- und Studienland Mecklenburg-Vorpommern entschieden und sagt: „Ich werde nicht bleiben.“ Baetje würde zwar gerne wie seine Mutter als niedergelassener Arzt in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten - aber nur zu fairen Bedingungen, sprich: vernünftige Bezahlung und keine ständige Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft. Auf diese Einstellung der jungen Ärztegeneration sollten sich auch die Klinikchefs einstellen, mahnte Crusius: „Junge Ärzte wollen zum Feierabend noch ihre Kinder sehen. Daran müssen sich auch die Ausbilder gewöhnen.“

Crusius gab aber auch zu bedenken, dass Medizinstudenten von heute wegen der großen Nachfrage nach hausärztlicher Tätigkeit viele Trümpfe selbst in der Hand halten: „Sie diktieren die Preise.“ Und es werden viele Anstrengungen unternommen, um die Nachwuchsmediziner im Land zu halten:

  • Der Weg zum Hausarzt wird finanziell unterstützt: Famulaturen mit bis zu 250 Euro im Monat, das praktische Jahr in der Allgemeinmedizin bis zu 16 Wochen lang mit 100 Euro pro Woche, die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin bis zu drei Jahre lang mit 2 040 Euro im Monat.
  • In den Regionen sind nach Gesprächen von Eckert und Linke mit den Landräten auch viele Kommunen aufgewacht: Sie wissen, dass sie Ärzte nicht locken können, wenn Kindergärten, Schulen und andere Infrastruktur fehlt. Auch über günstiges Bauland für Ärzte wird nachgedacht. Einzelne Kreise wie etwa Parchim nutzten bereits den Informationstag, um sich den angehenden Medizinern zu präsentieren.
  • Studenten können sich gezielt informieren: In der KV stehen zahlreiche Angebote für potenzielle Haus- und Fachärzte nach Fachgebiet, Region und anderen Wünschen detailliert zur Verfügung - zum Teil bis hin zur Klärung der Unterkunft.

Darüber hinaus werden die Partner der Initiative im Nordosten weiter auf die Bedürfnisse des Nachwuchses eingehen und die Kommunikation vertiefen. Weitere Informationsveranstaltungen in lockerer Atmosphäre wie in der Rostocker Uniklinik bei Musik, lockeren Gesprächen, Bier und Brause sollen folgen. Eckert erhofft sich davon auch Aufschlüsse über die Wünsche der neuen Mediziner-Generation. „Sie müssen uns sagen, was für Sie wichtig ist“, ermunterte er die Interessenten. Bei vielen kommt das an, Medizinstudentin Simone Weber etwa kann sich trotz der finanziellen Unsicherheit eine Praxistätigkeit in Mecklenburg-Vorpommern immerhin vorstellen. (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 06/2005

S. 73-74