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Medizin und Wissenschaft
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| Ausgewählte
Inhalte und Kommentare Deutsche Leitlinie Tabakentwöhnung Karl-Heinz Bauer In 10/2004 wurde die von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie erarbeitete Leitlinie zur Tabakentwöhnung über das Internet (www.uni-duesseldorf.de/ AWMF/LL/076-006.htm oder www.dg-sucht.de - Rubrik Praxis) publiziert . Verwendung finden die bei Leitlinien üblichen Evidenzgrade Ia (Vorliegen einer Metaanalyse oder mindestens zweier kontrollierter randomisierter Studien [RCT]) bis IV (Expertenmeinungen).
Ausgewählte Inhalte aus den sechs Abschnitten der Leitlinie werden dargestellt und mit Gelbmarkierung vom Rezensenten kommentiert. Die unter Epidemiologie mitgeteilten Daten stützen sich auf die Mikrozensus-Erhebung des Statistischen Bundesamtes: 1999 rauchten global 26,7 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung über dem 15. Lebensjahr. Unter Bezug auf den Fagerström-Test der Nikotinabhängigkeit. (FTND) waren 34,8 Prozent der Raucher tabakabhängig. Das Rauchverhalten erfüllte bei vielen Rauchern die Kriterien einer Abhängigkeitserkrankung (IIb). Deutschlandweit sterben jährlich 90 000 bis 140 000 Menschen an den aufgeführten Tabakfolgeschäden.
Als anamnestische Parameter der Tabakabhängigkeit gelten: Rauchen sofort oder bald nach dem Erwachen, positive Antworten auf die Fragen nach den Entzugssymptomen bei Karenz, frühes Einstiegsalter bei Rauchbeginn, lange Dauer des Tabakkonsums und erfolglose frühere Ausstiegsversuche. Als biochemischer Marker der Abhängigkeit gilt ein exspiratorischer CO-Wert >15 ppm. Ein Dokumentationsbogen für die wichtigsten Basisdaten, zu erheben vor Beginn der Tabakentwöhnung, schließt den Abschnitt ab.
Eine ärztliche Kurzintervention (Ratschlag) zum Rauchstopp soll bei jedem routinemäßigen Patientenkontakt erfolgen, unabhängig davon, ob der Raucher um Unterstützung gebeten hat. Jeder Ratschlag gilt als effektiv, weil er einen Rauchstopp induzieren kann und die Abstinenzquote erhöht (Ia). Kurzratschläge von nichtärztlichem Personal des Gesundheitswesens (Krankenschwester, Krankenpfleger, Arzthelferin usw.) erhöhen wahrscheinlich die Abstinenzquote (III). Zwischen Intensität der Kurzberatung und Entwöhnungserfolg besteht eine positive Korrelation: Mit zunehmender Beratungsdauer erhöht sich die Abstinenzrate (Ia).
Ziel der Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung ist die Abstinenz, nicht das kontrollierte Rauchen. Eine Therapie sollte immer die körperliche und psychische Komponente der Tabakabhängigkeit berücksichtigen. Deshalb hat die Kombination aus verhaltenstherapeutischer Intervention mit pharmakologischer Begleittherapie die höchste Effektivität (Ia). Alle in Deutschland zur Tabakentwöhnung zugelassenen Nikotinersatzpräparate (zwei mg - und vier mg - Kaugummi, Nikotinpflaster mit neun Wirkstärken, zwei mg - Sublingualtablette, Inhaler, Nasenspray, zwei mg - und vier mg Lutschtablette) sind effektiv (Ia). Die Odds ratios (OR) der verschiedenen Nikotinersatzpräparate (NRT) liegen - verglichen mit Placebo (=1,00) - zwischen 1,66 bis 2,27. Inhaler und Nasalspray sind rezeptpflichtig und über international tätige Apotheken zu beziehen. Die Kombination zweier NRT (z. B. langwirksames Pflaster und rasch wirkendes Nasalspray) bedarf besonderer ärztlicher Überwachung (IV). Eine NRT > acht Wochen Dauer hat keinen Einfluss auf die Langzeitabstinenz (I), trotzdem wird sie für stark abhängige Raucher zur Rückfallprophylaxe vorgeschlagen (IV)! In zwei Tabellen werden die diversen NRT, deren Anwendung, Anwendungsbeschränkungen, Kontraindikationen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Pharmaka eingehend erläutert.
Verhaltens- und psychotherapeutische Interventionen finden sich in fast allen strukturierten Behandlungskonzepten. Die Verfahren berufen sich auf empirisch gesichertes Wissen. Einen evidenzbasierten Wirkungsnachweis gibt es nur für eine geringe Zahl dieser Interventionen. Die praktische Umsetzung der als wirksam betrachteten therapeutischen Maßnahmen wird tabellarisch dargestellt. Die soziale Unterstützung durch Therapeuten während der Behandlung sowie die soziale Unterstützung außerhalb des therapeutischen Rahmens (Freunde, Familie, Kollegen) und Anleitungen zum Problemlöse-Training führen zur signifikanten Verbesserung der Behandlungsergebnisse (Ia). Körperliches Training, parallel zur Tabakentwöhnung, zwecks Verbesserung der Abstinenzergebnisse, wird bedingt empfohlen (IIb). Die Datenlage hierzu ist nicht eindeutig. Bemühungen zur Verhinderung einer Körpergewichtszunahme während der Tabakentwöhnung verbessern die Abstinenzrate nicht (Ia). Das gilt auch für Kontingenzkontrakte, Entspannungs- und Atemtechniken (Ib). Für Hypnosetherapien fehlt in der Tabakentwöhnung der Wirkungsnachweis! Für eine optimale Tabakentwöhnung sind mindestens acht Sitzungen von mindestens zehn Minuten Dauer notwendig (Ia). Eine Erhöhung der Gesamtkontaktzeit über 300 Minuten führt zu keiner Ergebnisverbesserung (Ia). Individuelle und Gruppentherapien mit strukturiertem Tabakentwöhnungsprogramm sind Minimalinterventionen überlegen (Ia). Stark abhängige Raucher profitieren von solchen strukturierten Programmen wahrscheinlich mehr (IV). Ob eine individuelle oder eine Gruppentherapie für stark abhängige Raucher effektiver ist, lässt sich aufgrund der gegenwärtigen Datenlage nicht entscheiden. Durch zusätzliche Telefonberatungen verbessern sich bei ausreichender Kontaktzahl die Therapieergebnisse (Ib). Der Rezensent steht in keinen geschäftlichen Beziehungen zu pharmazeutischen Firmen, die NRT oder/und Bupropion produzieren oder vertreiben. Dr. Karl-Heinz Bauer, Köhnholz 17 C, 25336 Elmshorn, E-Mail kaba.elmshorn@t-online.de |
Schleswig-Holsteinisches
S. 66-68 |
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