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Banda Aceh
Fritz Wigger
Nur wenig Zeit blieb
mir bis zum Abflug. Am 30. Dezember 2004 abends um 18:00 Uhr erreichte mich
der Anruf vom SAN KDO (Sanitätskommando) in Kiel, ich wurde gefragt,
ob ich an dem Einsatz für die Katastrophenhilfe in Sumatra interessiert
wäre. Ich brauchte eigentlich gar nicht zu überlegen und sagte
sofort, nach Rücksprache mit meiner Frau, ja. Natürlich
war ich etwas aufgeregt, und meine Frau musste mir beichten, dass sie eigentlich
für die nächste Woche einen Kurzurlaub auf Zypern gebucht hatte.
Doch sie unterstützte mich. An einem der nächsten Tage Fahrt nach
Kiel, Besprechung, Einkleidung für die Berlin, mit der
für mich fremden Bordbekleidung. Auch eine Grippeschutzimpfung gehörte
dazu. Dann wurde ich am 4. Januar 2005 morgens um 3:30 Uhr von zu Hause
abgeholt. Die Fahrt ging nach Köln-Wahn, sie erschien mir trotz der
Entfernung gar nicht so lang, denn etwas angespannt waren wir alle. Dann
das übliche Bild an den Abflugschaltern, ich kannte es von vorherigen
Einsätzen, auch diesmal keine Hektik, doch dann wurde mir gesagt, dass
ich nicht auf die Berlin komme, sondern den Auftrag auf dem
Festland unterstützen sollte. Nun ja, Veränderungen sind Soldaten
gewohnt.
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Schlamm durch die Tsunami-Welle |
Verwüstungen im General Hospital
(Fotos: Fritz Wigger)
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Nach einer Zwischenlandung
in Abu Dhabi und Cochin in Indien kam endlich Sumatra in Sicht. Ich saß
am Fenster und konnte bereits von oben den braunen Streifen an der Nordküste
der Insel erkennen, den die Welle erzeugt hatte. Landung in Medan, Indonesien.
Es empfingen uns Temperaturen von über 30° C mit einer hohen
Luftfeuchtigkeit. Zwei Tage lang wurden wir (ca. 60 Soldaten) in zwei
Hotels untergebracht. Schon jetzt sahen wir für uns exotische Tiere
wie Geckos und mussten uns an die Klimaanlagen in den Zimmern gewöhnen.
Eine Vorhut von ca. 20 Soldaten fuhr gleich weiter auf der Küstenstraße
an der östlichen Seite der Insel nach Banda Aceh: 480 km in 23 Stunden!
Der Rest der Truppe folgte später auf dem harten Fußboden einer
Hercules. Abends kamen wir auf dem Flughafen in Banda Aceh an, nach kurzer
Einweisung ging die Fahrt weiter in das General Hospital nach Banda Aceh.
Dieses Krankenhaus war das größte zivile Krankenhaus der Stadt,
es war Lehrkrankenhaus der Universität, es hatte eine Kapazität
von 300 Betten. Uns wurde gesagt, dass das Wasser sehr schnell in dieses
Krankenhaus hinein strömte, kein Patient soll überlebt haben,
ca. 60 Prozent des Personals sei ebenfalls umgekommen. Es war bereits
Nacht, als wir vom Flughafen losfuhren, so konnten wir von den vielen
Zerstörungen nicht viel sehen. Bei der Ankunft im Krankenhaus sahen
wir Berge von Trümmern, es roch nicht sehr gut (gelinde ausgedrückt),
wir übernachteten im ersten Stock auf Fliesenboden unter Mückenzelten,
elektrischer Strom war nicht vorhanden, Wasser gab es nur aus Plastikflaschen,
in Form von deutschem Mineralwasser. Am nächsten Morgen, eine Überraschung:
Ein Stoß durch das ganze Gebäude, die Erde bebte, wie wir später
erfuhren Stärke 6,4 auf der Richterskala. Es war kein Einzelfall,
fast täglich erschütterten Nachbeben diese Region. Verpflegung
aus Epa-Packungen. In den nächsten Tagen bauten wir das Rettungszentrum
auf, jeder fasste mit an, bald stand das erste Zelt.
Zeitweilig wurde die Arbeit durch Monsunregen unterbrochen, zentimeterhoch
stand das Wasser auf dem Hof, und überall dazu der Schlamm. Die Ankunft
der Transportmaschinen verzögerte sich, so konnte das Rettungszentrum
erst ca. acht Tage später die Arbeit aufnehmen. Parallel dazu musste
das Krankenhaus, in dem wir waren, gesäubert werden. Die indonesischen
Streitkräfte räumten es zunächst leer, fast alles musste
auf den Müll, vor allem die vielen medizinischen, elektrischen Geräte,
auch OP-Tische, Narkosegeräte. Ein Computertomographiegerät
war vor einiger Zeit angeschafft worden, es war noch nicht in Betrieb
gegangen, jetzt war auch dieses vollkommen unbrauchbar.
Zunächst wurde der Fußboden im Krankenhaus vom Schlamm befreit,
von Wasser und kleinen Tieren wie Ratten und Mäusen. Katzen und Hunde
waren schon sehr viele da, oft schienen die Hunde sich nachts durch Bellen
und Jaulen zu unterhalten. Bei uns ging es relativ rasch voran. Es wurden
Unterkunftszelte gebaut, es gab die erste Dusche, zunächst aus einem
C-Rohr. Die Verpflegung aus den Epas mussten wir in Espitkocher erwärmen,
am besten hat mir Nudeln mit Hackfleischsoße geschmeckt.
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Erste
Unterkunft auf Fliesenboden im Schlafsack im 1. Stock
des General Hospitals, die Waschbecken sind funktionslos |
In den ersten fünf
Wochen bin ich viel in der Umgebung der Stadt gewesen und sah die Zerstörungen,
die der Tsunami angerichtet hatte: Alles, was sich ihr in den Weg stellte,
hatte die meterhohe Welle zerstört. Etwa ein Drittel der Stadt Banda
Aceh ist dem Erdboden gleich, ganze Brücken hatte die Flutwelle weggespült,
Schiffe wurden wie Spielzeug aufgetürmt, vor festeren Gebäuden
lagen meterhohe Trümmerberge. Immer wieder habe ich einzelne Menschen
in den Trümmerfeldern gesehen, die etwas apathisch und teilnahmslos
auf den Grundmauern ihrer Häuser standen. Sie hatten alles verloren,
auch ihre Familien waren plötzlich nicht mehr da. Immer noch wurden
Leichen gefunden, auch in unserem allgemeinen Krankenhaus. Trotzdem fiel
mir die große Freundlichkeit dieser Menschen auf, sie lachten, wenn
wir sie ansprachen, sprachen zwar nur wenig Englisch, denn eine Fremdsprache
ist in der Provinz Aceh nicht weit verbreitet. 30 Jahre lang durften keine
Ausländer in diese Provinz einreisen. Es war Sperrgebiet, es ist
die Provinz der separatistischen Bewegung Freies Aceh (GAM). Nach der
Naturkatastrophe hatte sie zu einem Waffenstillstand aufgerufen. So wurde
unsere persönliche Sicherheit auch durch die indonesische Regierung
bis Ende März 2005 garantiert. Trotzdem gab es mit der GAM immer
wieder Gefechte, wiederholt mussten wir angeschossene Menschen in unserem
Hospital behandeln, einige starben.
Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung führten wir durch:
Zusammen mit indonesischen Ärzten und Krankenschwestern impften wir
Kinder im Bereich der Stadt Banda Aceh, die in verschiedenen Flüchtlingslagern
untergebracht waren. Wir impften vor allem gegen Masern, da die Mortalität
bei einer Masernepidemie in diesen Gebieten ca. 30 Prozent beträgt.
Oft musste ich auch Kinder untersuchen, die häufigsten Erkrankungen
waren Skabies und Lungenentzündungen. Auch Säuglinge habe ich
gesehen, die über und über mit Skabies befallen waren. Die vielen
Lungenentzündungen waren zum großen Teil durch die Tsunami
hervorgerufen worden, die Patienten waren mit der Welle fortgerissen worden,
hatten dabei das sehr schmutzige Wasser auch aspiriert, und jetzt nach
ca. vier bis fünf Wochen hatte sich dann eine äußerst
starke Entzündung der gesamten Lunge entwickelt, auch mit den modernsten
Antibiotika konnte diese Erkrankung nicht beherrscht werden. Die Keime,
die nachgewiesen wurden, waren häufig multiresistente Staphylokokken.
Viele Menschen, von Säuglingen bis zu Erwachsenen, starben daran.
Diese Erkrankung wurde von den Amerikanern als eigenständiges Krankheitsbild
Tsunami-Pneumonie beschrieben.
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In Aktion: Dr.
Fritz Wigger (oben) beim Impfen
Unbehandelt: Kindlicher Hydrocephalus (re.)
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Da unsere Behandlungskapazitäten
beschränkt waren, mussten wir häufig schwersterkrankte Patienten
verlegen, z. B. auf das amerikanische Hospitalschiff Mercy
oder auf das deutsche Versorgungsschiff Berlin. Manchmal brachten
wir auch schwerstkranke Kinder mit dem Flugzeug in die nächsten Universitätsstädte
wie Djakarta.
Die Impfaktionen waren nach ca. fünf Wochen abgeschlossen, wir Deutsche
hatten ca. 2 500 Kinder geimpft. Wir waren natürlich nicht die Einzigen:
mehrere Nationen waren da und halfen: Australier, Amerikaner, Japaner,
Russen, Dänen, Singapurianer, Slowaken, Spanier, Holländer,
Franzosen, Norweger. Auch viele nicht staatliche Organisationen, so genannte
NGOs halfen auf ihre Weise. Die Kommunikation unter all diesen Helfenden
war leider nicht immer die beste. Einmal flogen wir mit drei Impfteams
und zwei Hubschraubern ca. 40 km Richtung Süden. Es seien dort ca.
1 000 Kinder aufgetaucht, die noch nicht durch Impfung versorgt gewesen
sein sollten. Als war aber ankamen, mussten wir feststellen, dass auch
in der Umgebung dieses Ortes der allergrößte Teil der Kinder
bereits geimpft worden war. Auch in den nächstliegenden Dörfern
war diese Aktion schon durch andere abgeschlossen worden. Immerhin konnten
wir noch ca. 200 Kinder impfen und einen frischen Verkehrsunfall versorgen.
Die meisten Soldaten wurden nach ca. fünf Wochen nach Hause geschickt,
es kamen neue. Ich war einer der wenigen, die die ganze Zeit über
dort blieben. In diesem zweiten Kontingent war ich der Klinikdirektor,
hatte etwas andere Aufgaben als zuvor. Ich war froh, dass jetzt auch ein
zweiter Kinderarzt mich eine zeitlang unterstützte. Jeden Tag gingen
wir in die so genannte Kinderklinik des Krankenhauses, schauten uns schwer
kranke Kinder an, regten verschiedene Untersuchungen an wie Blutuntersuchungen,
Röntgen-Aufnahmen. Auch Behandlungsprinzipien wurden mit den Ärzten
abgesprochen. Die Ärzte in dieser Kinderklinik wechselten häufig,
zunächst kamen in wöchentlichen Abständen Belgier, dann
eine Woche lang Amerikaner, schließlich zweiwöchentlich Franzosen.
Häufig mussten wir mit ansehen, dass bei schwer kranken Kindern oder
kleinen Frühgeborenen keine Therapie möglich war. Eine Medizin
nach einem so genannten westlichen Standard bestand also in der Kinderklinik
nicht. Unsere Chirurgen hingegen konnten in schließlich wieder gesäuberten
OP-Sälen viele und hervorragende Operationen durchführen. Sie
versorgten vor allem Verkehrsunfälle, aber auch Tumore in verschiedensten
Größen, viele Leistenbrüche, viele schlecht geheilte Frakturen.
Andere Krankheitsbilder, die wir in Mitteleuropa nur aus Lehrbüchern
kennen, waren z. B. ein ausgeprägter Hydrocephalus bei einem 4-jährigen
Kind, viele Malariafälle, auch bei Kindern, ein Fall von hämorrhagischem
Dengue-Fieber, viele Filariosen mit ausgeprägter Elephantiasis, Tetanusfälle,
Tuberkulose, eine Familie mit nachgewiesener Melioidose. Bei den meisten
Patienten bestand ein starker Wurmbefall, so auch bei einem neun Monate
alten Säugling, der wegen einer schweren Pneumonie ca. zwei Wochen
beatmet werden musste. Bei ihm war die Ursache einer teilweisen Tubusobstruktion
ein Ascaris (!). Im gynäkologischen Bereich sahen wir z. B. Mammakarzinome
bis fußballgroß, Unterbauchtumore, die sich als mehrknolliger
Uterus myomatosus, z. T. mit Ovarialzysten herausstellten, dann ein 15
Jahre altes Mädchen mit einer Molimina menstrualia sine menstruationem
seit Juli 2004. In der Narkoseuntersuchung zeigte sich dann eine Hymenalatresie
mit einem bis zum Nabel reichenden Unterbauchtumor. Auch unser Gynäkologe
war immer wieder erstaunt, wie vertrauenswürdig sich die muslimischen
Frauen in die Hände eines männlichen Gynäkologen begaben.
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Verwüstungen:
die Stadt Banda Aceh |
Indonesische Ärzte
tauchten nach vier bis fünf Wochen immer häufiger auf, halfen
bei Operationen mit. Am Ende des Einsatzes hatten indonesische Ärzte
unsere Chirurgen fast vollständig abgelöst. Eine 24-stündige
Versorgung, wie bei uns üblich, bestand aufgrund des dortigen medizinischen
Systems jedoch nicht. Wiederholt fanden wir schwerstkranke Patienten in
den späten Abendstunden, die unversorgt irgendwo lagen.
- Eine Mentalität, an die wir uns nicht gewöhnen konnten. -
Auf der anderen Seite haben wir die Indonesier kennen gelernt als sehr
freundliche Menschen, die auch in auswegslosen Situationen noch la-chen
können, die uns gegenüber sehr dankbar waren. Zu einigen hatten
sich fast freundschaftliche Kontakte entwickelt, die ich natürlich
aufrechterhalten möchte. Ein indonesischer Student, der bei uns als
Dolmetscher eingesetzt war, war uns allen besonders ans Herz gewachsen.
Andy hieß er, und zum Schluss wollte er mit jedem von uns fotografiert
werden.
Wir haben viele Menschen kennen gelernt, die dort alle Angehörigen
verloren hatten, deren Wohnung mit allem Hab und Gut zerstört worden
war, sehr viele Waisenkinder darunter. Eine Hilfe für diese Menschen
ist weiterhin dringend nötig. Wir Ärzte haben jetzt hier in
Deutschland einen Verein gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht
hat, vor allem ein Waisenhaus mit ca. 4 000 Kindern finanziell zu unterstützen.
Die Betreiber dieses Waisenhauses wurden von der Deutschen Botschaft geprüft,
auch weiterhin wird dieses Projekt von der Deutschen Botschaft überwacht.
Der Betreiber dieser Institution ist die moslemische Kirche.
Als zweites versuche ich noch über einen mir sehr integer erscheinenden
dortigen Lehrer einigen Familien direkt finanziell zu helfen. Die Familie
dieses Lehrers durfte ich einige Male kennen lernen, ich glaube, von beiden
Seiten ist diese Bekanntschaft sehr positiv zu bewerten. Für diesen
Zweck habe ich ein Spendenkonto eingerichtet und werde versuchen, etwas
Geld nach Banda Aceh auf sein Konto zu überweisen, welches er wiederum
an bedürftige Familien verteilt.
Die Bilanz der Bundeswehrfluthilfe erschien uns allen sehr positiv. Sicher
hatten wir häufig so genannte Altschäden behandelt,
auf der anderen Seite wurden ca. 1 600 ambulante Behandlungen durchgeführt,
ca. 380 Patienten stationär aufgenommen, ca. 120 Operationen durchgeführt
und ungefähr 3 200 Impfungen (nicht nur Masern). Für die gynäkologischen
Daten danke ich Oberstarzt der Reserve Dr. H. Mosler aus Heidekamp.
Dr. Fritz Wigger, Am Nußgang 27, 25746 Heide
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 06/2005
S. 60-63
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