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108. Deutscher Ärztetag

Necesse est -
Versorgungsforschung tut Not

Cordelia Andreßen


Sollten wir in jedem Fall tatsächlich die Musik bezahlen, nur weil wir sie bestellt haben? Und tanzen die anderen dann auch danach? Oder erreichen wir sie gar nicht, weil sie es vorziehen, eine aus unserer Sicht zwar längst überholte, aber dennoch immer wieder gern hervorgeholte Schallplatte aufzulegen?

Konzentrierte Aufmerksamkeit der Delegierten bei den Vorträgen der wissenschaftlichen Referenten zu den jeweiligen Schwerpunktthemen

Nein, wir sprechen nicht über die Musik zum Film „Der Kongress tanzt“, sondern über die Plenarsitzung des Deutschen Ärztetages, auf der hart gearbeitet wurde. Doch die Debatte zu einem der drei wichtigen Leitthemen ließ die eingangs zitierte Assoziation durchaus aufkommen.

Necesse est - Versorgungsforschung tut Not, darüber waren sich alle Vortragenden und Diskutanten einig. Dr. Stefan Windau, Vizepräsident der Ärztekammer Sachsen, warb vehement und überzeugend dafür, das Feld nicht den derzeitigen Politikberatern zu überlassen, sondern die strategisch wichtigen
Stellungen mit eigenem Fachverstand zu besetzen.

Schleswig-holsteinische Delegierte: (v. l. n. r.) Dr. Holger Andresen, Dr. Jürgen Schultze, Rosemarie Müller-Mette, Dr. Volker von Kügelgen

Es gibt beredte Beispiele für die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens:

In einer Studie zur Qualität in der ambulanten bildgebenden Diagnostik der Universität Köln vom November 2002 wurde behauptet, jede zweite Röntgenaufnahme sei fehlerhaft. Ein Gutachten von Prof. Selbmann legte offen, dass für die nachträgliche Bewertung der Notwendigkeit bildgebender Verfahren vorher keine objektiven Kriterien definiert worden waren. So kamen erhebliche Differenzen in der Beurteilung durch die Gutachter zustande.

Ebenso beispielhaft ist auch das WHO Ranking 2000 der Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen einzuordnen, das Deutschland auf Platz 25, hinter Ländern wie z. B. Malta oder Kolumbien sah. Die fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung der WHO Vorgehensweise durch das Institut von Prof. Beske konnte eindrücklich nachweisen, dass die gemessenen Parameter völlig ungeeignet waren - inzwischen ist selbst die WHO von ihren Aussagen abgerückt.

Der Aufruf des Vorstandes der Bundesärztekammer lautete deshalb: Wir selbst müssen dafür bürgen, dass Daten möglichst fehlerfrei erhoben werden! Zurzeit reagieren wir auf Vorgaben, z. B. des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Institutes für das Entgeltsystem im Krankenhaus. Wir müssen aus der Passivrolle heraus zum Agieren kommen.

Nachdem bereits 2003 und 2004 auf den Ärztetagen die Weichen gestellt wurden, sollte der 108. Deutsche Ärztetag nunmehr die eigene Versorgungsforschung beschließen - so der Antrag des Bundesvorstandes mit folgenden Zielen:

  • Stärkung ärztlicher Positionen in der gemeinsamen Selbstverwaltung
  • Darstellung der Kompetenz der Ärzteschaft durch belastbare Daten
  • Offenlegen der bereits stattfindenden Rationierung medizinischer Leistung
  • Nachweis gesundheitspolitischer Fehlentwicklungen.

Das Rahmenkonzept des Arbeitskreises beim Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer sieht dafür drei Schwerpunktthemen vor:

  • Einfluss der Ökonomisierung der stationären und ambulanten ärztlichen Leistung auf die Patientenversorgung und die Freiheit der ärztlichen Tätigkeit
  • Implementierung von Leitlinien in den ärztlichen Alltag
  • Arztseitige Faktoren, z. B. Berufszufriedenheit, als Einflussfaktoren in der Versorgung.
  • Dass der Vorschlag des Bundesärztekammer-Vorstandes nicht unwidersprochen blieb, insbesondere auch wegen des finanziellen Umfanges von 4,5 Millionen Euro in sechs Jahren, lag auf der Hand.
    Die Kritik aus der Delegiertenschaft richtete sich im Wesentlichen auf die drei Punkte:

  • Zu viel Universität, zu wenig Basis.
  • Warum aus dem Einkommen der Ärzte und nicht aus Steuermitteln?
  • Genug vorhandene Studien, sie müssen nur wirksam publiziert werden.
Die hauptamtliche Spitze der Ärztekammer Schleswig-Holstein: Hauptgeschäftsführerin Dr. Cordelia Andreßen (li.) und stellvertretende Hauptgeschäftsführerin Dr. Elisabeth Breindl

Die Konzepte seien zu universitär und realitätsfern.

So der Delegierte Rainer Kötzle, Nordrhein: „Die Zusammensetzung des Arbeitskreises spiegelt den hohen Anteil des niedergelassenen Sektors nicht wider. Es sind hier mehr Schiedsrichter auf dem Platz als Spieler.“

Das konnte durch Dr. Windau sehr klar entkräftet werden: Natürlich werden Fachleute von „der Front“, also in der unmittelbaren Patientenversorgung Tätige einbezogen, wenn es darum gehen wird, in einem zukünftigen Auswahlgremium über förderungswürdige Studien zu entscheiden. Natürlich findet die Umsetzung in enger Abstimmung mit der Vertragsärzteschaft statt - die Kassenärztliche Bundesvereinigung begrüßt das Projekt.

Dr. Franz-Joseph Bartmann:
„Wir wollen unsere Patienten gut versorgen und dabei die Freude am Beruf behalten.“

Bester Beleg dafür waren die offenen und klaren Ausführungen von Prof. Dr. Bärbel-Maria Kurth vom Robert Koch-Institut. Sie beschrieb den Kreislauf der Aufgaben der Versorgungsforschung zur Kranken- und Gesundheitsversorgung aus „beschreiben - erklären - gestalten - begleiten - bewerten“ und konnte aufzeigen, dass schon heute eine gute Zahl verwertbarer Datenquellen für diese Aufgaben zur Verfügung stehen. Dazu gehören beispielsweise die Krebsregister der Länder, mit denen die Wirksamkeit von Früherkennungsmaßnahmen geprüft werden kann oder die Daten über meldepflichtige Erkrankungen nach dem Infektionsschutzgesetz, die eine Prognose für Versorgungsbedarf z. B. bei Tuberkulose ermöglichen.“


Die Frage, warum diese Forschung über die Kammerbeiträge der Ärzteschaft finanziert werden solle und nicht aus Steuermitteln, warf der Delegierte Dr. Clever, Freiburg, auf. Insofern ging er auf den dritten Kritikpunkt ein: „Wieso eigentlich soll nun schon wieder die Ärzteschaft aus ihrem Einkommen für ein gesamtgesellschaftliches Problem einstehen?“ Allenfalls könne man den Titel Öffentlichkeitsarbeit bei der Bundesärztekammer aufstocken, weit über die derzeit veranschlagten nur 86 000 Euro hinaus, um bestehende Gegengutachten besser zugänglich zu machen. Das hieße, sich auf eine bessere Koordination des Bestehenden zu verständigen. Ein Vergleich mit der Pisa-Studie untermalte seine Ausführungen: „Die Veröffentlichung der Ergebnisse war eine Katastrophe für das bestehende Schulsystem - aber haben die Lehrer deswegen die Renovierung der Schule aus ihrem Gehalt bezahlt?“

Dr. Hannelore Machnik (li.), Dr. Henrik Hermann

Dr. Munte, Bayern, berichtet, dass die Kassenärztliche Vereinigung Bayern eine Basisversorgungsforschung mit vier Millionen Euro pro Jahr aufgebaut habe. Er bot deren Ergebnisse als Sachbeitrag anstelle des geplanten finanziellen Aufwandes an. Auch zweifelte er an, dass zukünftige Forschungsergebnisse aus dem Bundesärztekammerprojekt mehr gehört würden als die bisherigen Einlassungen. In seinem Plädoyer für verstärkte Öffentlichkeitsarbeit forderte er: „Unsere Anliegen müssen an die Bevölkerung herangebracht werden.“

Dies war eine Steilvorlage für den Kammerpräsidenten der Ärztekammer Schleswig-Holstein, der auf diesem Ärztetag mit großer Mehrheit zum Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie der Gebietsärzte gewählt worden war: Dr. Bartmann fasste aus seinem eigenen Erleben im klinischen Alltag ärztliches Selbstverständnis so zusammen: „Was wollen wir denn? Wir wollen unsere Patienten gut versorgen und dabei die Freude an unserem Beruf behalten. Unser Einkommen muss so gerecht sein, dass wir davon unsere Familien ernähren können. Wir müssen angesichts der gesamtwirtschaftlichen Situation in den westlichen Industriestaaten akzeptieren, dass die Ressourcen begrenzt sind. Deshalb findet Rationierung statt. Ärzteschaft ist also aufgefordert, die medizinischen Notwendigkeiten aus dem Stand des jeweils aktuellen Fachwissens zu definieren. Und dann kann an Politiker, die Bevölkerung und auch an die Ärzteschaft die Frage gestellt werden, was uns das wert ist.“

Deshalb hielt er zum Abschluss seines Diskussionbeitrages den Bedenkenträgern vor: „Und darum ist das Konzept der Versorgungsforschungsförderung durch die Bundesärztekammer richtig, denn wir brauchen für die eben skizzierten Anliegen Fakten, Fakten, Fakten.“

Ein Delegierter und drei „Fachfrauen“: (v. l. n. r.) Dr. Wilken Boie, Dr. Uta Kunze, Cornelia Ubert, Helga Pecnik

Prof. Scriba, neben Prof. Schwartz und Dr. Kurth einer der drei Referenten zum Thema Versorgungsforschung, fasste zusammen: „Wir werden Netzwerke mit anderen unabhängigen Forschern bilden. Wir sind uns im Klaren, dass es sich bei der Versorgungsforschung um ein Riesengebiet handelt. Aber haben Sie Vertrauen auf ein sauberes wissenschaftliches Vorgehen. Wir haben ganz bewusst kein fertiges Konzept geliefert, sondern ein an dem Bedarf der Ärzteschaft ausgerichtetes flexibles Vorgehen geplant. Die große Chance dieses Projektes besteht in der Allianz wissenschaftlicher Kompetenz und Unabhängigkeit mit der berufspolitischen Zielsetzung der Bundesärztekammer. Das Motto lautet: Offensive statt Verfolgungsforschung.“

Spannend wurde es noch einmal, als der Antrag abgestimmt wurde, die letzten drei Absätze des Vorstandsbeschlusses zu streichen, in denen die zukünftige Finanzierung beschrieben ist - mit der Begründung, dass damit die Haushaltsdebatte präjudiziert werde.

Schließlich siegte aber das „ceterum censeo“ der Befürworter mit der Mehrheit der 250 Delegierten dieses 108. Deutschen Ärztetages, der damit sicherlich viel beachtete Zukunftsmusik gespielt hat.

Dr. Cordelia Andreßen, Hauptgeschäftsführerin, Ärztekammer Schleswig-Holstein, Bismarckallee
8-12, 23795 Bad Segeberg


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 06/2005

S. 52-55