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108. Deutscher Ärztetag

Eindrücke vom 108. Deutschen Ärztetag


Henrik Herrmann

Nicht nur ein Gesundheitspolitiker: Dr. Hermann Schulte-Sasse

Die letzten drei Eröffnungsveranstaltungen fanden in einer Werft, in einer Philharmonie und in einem Konzertsaal statt. Dieses Jahr wurde eine ganz andere Symbolik gewählt: Dort, wo im „Estrel“ ansonsten Imitatoren auftreten und uns „Stars in Concert“ bieten, traten nun zur Eröffnungsveranstaltung die Imitatoren und die Stars im Gesundheitswesen auf. Eine nüchterne Bühne, eine hallenartige Umgebung, eine schwüle Atmosphäre, eine halbstündige Verzögerung des Anfanges - es war diesmal eine etwas andere Eröffnungsveranstaltung, ob gewollt oder ungewollt. Doch zuerst kam die Ministerin nicht durch den Berliner Verkehr, dann kam sie nicht durch die protestierenden Ärzte vor dem Hoteleingang. Aber dann ging die medizinische Auseinandersetzung doch los, eingerahmt von hervorragenden Darbietungen des Berliner Saxophon-Ensembles.

Zur Diagnostik sprach Dr. Günter Jonitz, Präsident der einladenden Berliner Ärztekammer, und beschrieb das Phänomen der Fortschrittsfalle, der Bürokratisierung und Ökonomisierung. Vor diesem Hintergrund sind auch die Proteste der Kolleginnen und Kollegen vor und in dem Hotel zu sehen. Jeder möchte selbstverständlich zu jeder Zeit jede erdenkliche medizinische Leistung erhalten und das von ausgeruhten und erfahrenen Ärzten. Hier gelte es zu optimieren, zu systematisieren und zu humanisieren. Doch anstatt diese Wege zu gehen, wird das Schwarze-Peter-Spiel in der Gesundheitspolitik zum Schwarzen-Peter-Prinzip in der Versorgung. Die Begrüßung vom Kollegen Jonitz endete mit einem Zitat von Eugen Roth: „Behandle drum den Doktor gut, damit er euch desgleichen tut“. Die Aufforderung an die Ministerin lautete demnach auch: Seien Sie nett zu Ihren Ärztinnen und Ärzten, sonst werden sie Sie eines Tages sehr vermissen.

Gastgeber: Dr. Günter Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer (Fotos: rat)

Diese Diagnostik und der therapeutische Ausblick wurden im Grußwort von Dr. Hermann Schulte-Sasse, dem Staatssekretär für Gesundheit und Verbraucherschutz des Senats Berlin unterstrichen. Er hob insbesondere hervor, dass die Auswirkung der zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen vor allem sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen träfe und konnte dies auch anhand von Zahlen aus Berlin belegen: In den Sozialräumen in Berlin mit den ungünstigsten Bevölkerungsstrukturen und den größten gesundheitlichen Problemen sind die stärksten Rückgänge der Fallzahlen und der Arztkontakte zu verzeichnen gewesen. Hier merkte man, dass nicht nur ein Gesundheitspolitiker, sondern auch ein ärztlicher Kollege zu uns sprach.

Nachdem nun so die Diagnostik abgeschlossen war, erwarteten wir nun den therapeutischen Befreiungsschlag. Auch was uns unsere Gesundheits-ministerin Ulla Schmidt darbot, ähnelte eher einem Siechenhaus denn einer modernen therapeutischen Einrichtung. Die Ressourcen auch für die medizinische Versorgung seien ja nun einmal endlich - als ob irgendetwas auf dieser Welt von substanziellem Wert unendlich sei. Der medizinische Fortschritt soll sinnvoll eingesetzt werden - als wenn a priori der Unsinn im Vordergrund stehen würde. Das Machbare und das Sinnvolle müsse sorgfältig gegeneinander abgewogen werden, und dies sei keine Ökonomisierung, sondern eine ethische

Entscheidung im Gesundheitswesen - als wenn durch DRG und DMP uns keine ökonomischen
Redete Probleme schön: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
Zwänge aufgelegt wären. Der Staat würde ja nur die Rahmenbedingungen für die Versorgung festlegen und deshalb stamme das wenigste an bürokratischen Auswüchsen direkt aus den Gesetzen - aber indirekt führen genau diese Rahmenbedingungen zu einer immer stärker werdenden Bürokratisierung unseres Berufes. Doch zum Höhepunkt kam Ulla Schmidt erst, als sie auf den Ärztemangel zu sprechen kam. In diesem Punkt zeigte sich die ganze Ratlosigkeit der Gesundheitspolitik, denn eine Lösung dieses Problems liegt für sie in weiter Ferne. Leicht ist es, das Problem vielleicht einigermaßen zu erkennen und schönzureden oder es im Sinne des Schwarzen-Peter-Spieles wieder den Ärzten selber und ihrer Organisation in die Schuhe zu schieben. Die Hilflosigkeit zu dieser Thematik kam am besten in dem Originalausspruch der Ministerin zum Ausdruck: „Geh doch ...“ und nach einer sehr langen Pause folgten dann die Worte: „... nach Thüringen“. Dieses war neben dem Angebot, intensiv darüber zu sprechen, der einzige therapeutische Vorschlag der Ministerin. Das Aufmunterndste dieser Rede war für mich das einleitende Allegro von Antonio Vivaldi, dargeboten von dem Saxophon-Ensemble.
Hob die Stimmung: Saxophon-Ensemble bot Antonio Vivaldi

Das abschließende und auch letztendliche Wort hat natürlich immer der Pathologe. Wie gut, dass der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Jörg Dietrich Hoppe, sich auf diesem Gebiete bestens versteht und sicher das Skalpell zu ziehen weiß. Unverblümt schilderte er das Realbild des Arztes der Jetztzeit, ausgebeutet von Klinikträgern, fremdbestimmt durch staatliche Programm-Medizin und allein gelassen in seiner Verantwortung für den Patienten. Der immer wieder beschworene Paradigmenwechsel in der Medizin zeigt einen Staat, der sich seinerPflicht zur Daseinsvorsorge entzieht auf

Hatte das abschließende und letzte Wort: Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe

Kosten sozial Schwacher und der Medizin administriert und entpersönlicht, um damit der Ökonomisierung und der Profitorientierung Vorschub zu leisten. Nicht mehr der Patient, sondern der Erlös aus der Behandlung des Patienten steht im Mittelpunkt. Er schilderte sein Gefühl, das es nicht mehr um die erfolgreiche Behandlung des einzelnen Patienten geht und dass wir Ärzte da gar nicht mehr wirklich gefragt sind, sondern nur noch um die effizienzsteigernde gesundheits- ökonomische Steuerung - natürlich in abstrakter Verantwortung. Dabei erinnerte er ausdrücklich daran, was eine erfolgreiche ärztliche Behandlung ausmacht: Vertrauen, Individualität und Professionalität. Hierin liege die Zukunft unseres Gesundheitswesens und nicht in einer weiter ausufernden Verbürokratisierung der Medizin, wo das Soziale in unserem Gesundheitswesen vollkommen verloren gehe.

Ich kann mich diesem Gedanken des Bundesärztekammerpräsidenten voll und ganz anschließen und erlebe dies in meinem ärztlichen Alltag mit meinen Kolleginnen und Kollegen
Vor dem Plenum: Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe
jeden Tag aufs Neue. Erst wenn hier ein echter Kulturwandel eintritt, wird das Thema Ärztemangel vom Tisch sein. Diese Diskussion um die Arbeitsbedingungen der Ärztinnen und Ärzte durchzog wie ein roter Faden den gesamten 108. Deutschen Ärztetag dieses Jahr. Was mir dabei auffiel, war die leichte, aber merkliche Wandlung der Wahrnehmung unserer Probleme in der Öffentlichkeit. Standen die Medien unseren Belangen bislang eher kritisch gegenüber, so wurde jetzt ein vermehrtes Verständnis für unsere schlechter werdenden Arbeitsbedingungen deutlich. Es wurde wahrgenommen, dass sich im ärztlichen Alltag die Rationierung nicht mehr verbergen lässt und dass ein weiterer Ärztemangel zu einer deutlich sich verschlechternden Versorgung unserer Bevölkerung entwickeln wird. Wenn dies die Botschaft dieses Ärztetages ist, dass auch in der Öffentlichkeit gesehen wird, dass ärztliche Belange und die uneingeschränkte Arzt-/Patientenbeziehung jenseits der Ökonomie wieder im Vordergrund treten muss, dann ist dies das wichtigste Ergebnis dieses Ärztetages und sollte doch Mut machen, nicht zu gehen, auch nicht nach Thüringen.
Dr. Henrik Herrmann, Ol Dörp 17, 25791 Linden

 


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 06/2005

S. 45-51