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Schleswig-Holstein
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den Spuren von Gottfried Benn in Malente 1936 und 2004 H. Sigurd Brieler Berlin, Sommer 1936: Eine Stadt in Erwartung der Olympischen Spiele.
Am Samstag, dem ersten August, ist es endlich soweit. Welch ein Tag! Ich rufe die Jugend der Welt, läutet die Olympiaglocke. So etwas hatte es noch nie gegeben: Bläser schmettern die Olympiafanfare von Richard Strauss. Friedenstauben flattern in alle Himmelsrichtungen. Der Führer Adolf Hitler wird erwartet. Das Luftschiff Hindenburg über dem Reichssportfeld und Händels Hallelujah. Welch ein Tag! Deutschland, Deutschland über alles! Sieg Heil! Einer lässt sich nicht mehr blenden: Oberstabsarzt Dr. Gottfried Benn. Hat sich zurückgezogen in die Emigration der Armee. Bleibt an seinem Standort Hannover. Wird sich hüten, jetzt nach Berlin zu fahren. Der Boden ist ihm zu heiß. Nach seinem kurzen Flirt mit den neuen Machthabern haben sie ihn selbst aufs Korn genommen. Pöbeln ihn an als Ku-Damm Journaille. Als dekadenten Judenmischling! Als Schwein, geilen Mistfink und Ferkel! Haben seinen neuen Gedichtband verrissen, ihn öffentlich stigmatisiert. Scher dich dahin, wo deine Genossen Kerr, Tucholsky und Kästner sitzen! Vor drei Jahren hat er die Bücherverbrennung schweigend geduldet, nicht protestiert! Geht es ihm jetzt selbst an den Kragen? Die politische Clique und den Kulturbetrieb von selbsternannten Nichtskönnern hatte er längst durchschaut: Wie groß fing das an und wie dreckig sieht das heute aus.1 Cäsarenvisagen, das Hirn voller Lügen. Und die Gesellschaft? Eine so undurchdringliche unvorstellbare Feigheit. Redaktionen, Intendanten, Ärzte, Industrielle - überall das gleiche: angepasst und scheinheilig.
Später dann (1948) formuliert er seinen Kardinalsatz: Das hündische Kriechen der Intelligenz vor den politischen Begriffen2 - das ist das signum malum omnis! Nein, der Kenner der griechischen Antike lässt sich nicht blenden von der Olympiade, kein Vermerk in seinem Taschenkalender.3 Diese breitschultrigen Diskuswerfer, eingerieben mit Nivea-Sportöl als Aushängeschild, mit ihrer Berufung auf Marathon und Salamis. Klamauk! Zum Kotzen!4 Er fährt nicht nach Berlin. Dabei hätten sich drei Menschen, die ihm sehr nahe stehen, liebend gern mit ihm getroffen: sein wichtigster Briefpartner, der Herr Oelze aus Bremen, der gerade geschäftlich in der Hauptstadt zu tun hatte, und seine Tochter Nele. Die war zwei Wochen vorher zu Besuch bei ihm in Hannover und wohnt jetzt bei Mor, bei Ellinor Büller, seiner einen Berliner Geliebten.
Er tritt Tilly sein Bett ab und schläft in seinem Arbeitszimmer auf der Chaiselongue, die vorher schließlich auch für Nele gut genug gewesen ist. Am Sonntagabend hat sich Benn von Tilly verabschiedet. Am Montag schreibt er ihr zweimal. Isst den Rest vom Reis, den sie mitgebracht hat, und kauft sich eine Fahrkarte nach Scharbeutz an der Ostsee. Bekommt aber von dort lauter Absagen und bucht um nach Malente. Sommerfrische am großen See. Habe viel davon gehört, soll sehr hübsch sein. Dahin also morgen früh.6 Am Dienstag, dem vierten August 1936, ist es soweit. Hertha Wedemeyer, die Gute, hat vielleicht noch schnell nach dem Rechten gesehen, Manuskripte gesichtet, die getippt werden müssen, Hemden gestärkt, Manschettenknöpfe poliert, den Urlauber an die Bahn gebracht, die Bitte an die DVA um einen Reisekostenzuschuss ist unterwegs (100 Mark für fünf neue Gedichte), die Post wird nachgeschickt, ja, ja - und dann geht es los: D-Zug Hannover-Hamburg, erster Klasse, Oberstabsarzt des Heeres, Uniformzwang, versteht sich, Umsteiger in den Eilzug Lübeck - Eutin und schließlich Malente am Diek- und Kellersee, Endstation: Hotel Luisenhöhe. Urlaub! Endlich Urlaub! Vier Wochen! Und es regnet in Strömen. Doch schon bald klart es auf, herrliches Sommerwetter, blauer Himmel, und so steigt der Doktor für Haut- und Harnleiden drei Tage später frohgemut in den gelben Postomnibus. Ein Tagesausflug an die Ostsee ist geplant: Station Scharbeutz, das ursprüngliche Urlaubsziel. Der Bus schaukelt gemächlich über die hügelige Chaussee und der Blick nach draußen ist schön: Die Hitze flimmert über den reinen Äckern, der weiche Himmel glänzt in den hellen Seen - liebliche Landschaft im Sommerwind. Diese Bilder möchte ich festhalten, mich zu Hause daran erinnern. Ein paar Notizen vielleicht, Worte, Substantive. Und Tilly6 bekommt Post:
Das Wetter ist ganz anständig. Gestern war ich nachmittags mit Postautobus an der Ostsee, da, wo ich eigentlich hinwollte: Scharbeutz. Nun -: schauerlich. Gott sei Dank, dass ich nicht hin bin. Kümmerlicher Strand, schlechte Hotels, sehr primitiv, zahllose Kinder, eine fürchterliche Chaussee dicht am Strand, wo hunderte von Autos sich jagen. Ganz gräulich! Und das Meer fett und faul ... Gottfried Benn ist selber faul, müde vom Herumlaufen, denn die Tage sind heiß. Die Pension recht nett, etwas bürgerlich zwar und spießig. Aber keine Absteige, kein Beisel, wie er nach Bremen meldet. Der Gentleman aus der Hansestadt bräuchte sich nicht zu schämen, käme er hier auf einem Kurzbesuch vorbei. Ein vornehmes Hotel, der Hausprospekt weist es aus7. Oelze4 und Tilly6 bekommen weiter Post von ihm: der Kaufmann eine Ansichtskarte nebst neustem Gedicht (das mit den Blicken in jedem Vers. Das ist etwas morsch...)4, 8 und Tilly eine Wanderkarte der holsteinischen Schweiz. Flanieren am Ufer des Kellersees, Fünf-Seen-Fahrt und abends ein Bierchen. Gemütliche Tage! Es gefällt ihm, vielleicht bleibt er länger. Ein Abstecher nach Travemünde, Casinoatmosphäre? Wenn nur die vielen Menschen nicht wären: alle doof, die meisten kommen aus Hamburg und Bremen, sind wohlhabend. Und dann erst die Ehepaare! Kein Grund zum Flirten!
Tilly kann beruhigt sein! Das Wetter bleibt schön, erst am Donnerstag der zweiten Ferienwoche trübt es ein, schlägt um in Dauerregen. Ich sitze am Fenster in meiner Stube, sehe in das Land und höre den Regen rauschen. Wird es einsamer um ihn? Wohin führen die Jahre? fragt er nach Bremen. Die gedrückte Stimmung kommt nicht von ungefähr. Neben ihm liegt ein verhängnisvoller Brief aus Berlin. Die Ratten aus dem Schwarzen Korps haben offenbar weiter gewühlt und intrigiert und ihr angestrebtes Ziel vorläufig erreicht: Der neue Gedichtband, im April erschienen, ist wieder Anlass und Grund genug für Häme und Denunziation.9 Der Stellvertreter des Führers, Überwachung des Schrifttums und der Prüfungskommision für nationalsozialistische Weltanschauung hat dem Verlag gedroht: So darf der Band auf keinen Fall weiter vertrieben werden! Der Text auf dem Schutzumschlag ist geradezu staatsgefährdend. Und erst der Verfasser! Leistet der wirklich einen Beitrag zur deutschen Kultur? Das wollen wir doch mal sehen! Dr. Benn grübelt. Warum lassen die mich nicht in Ruhe? Gerade erst den Hades durchschritten und nun schon wieder diese Rempeleien. Wollen die mich mundtot machen, den Gedichtband gar verbieten? Was soll ich tun? Resignieren? Richtigstellen? Den Fragebogen beantworten? Noch einmal Herrn Johst anbetteln? Auf gar keinen Fall! Aber irgendetwas muss geschehen, das ist klar für ihn. Am besten ich breche meinen Urlaub ab, fahre nach Berlin und spreche mit Herrn Pagel vom Verlag. Und vorher schreib ich ihm, dass ausgerechnet eine Kulturredakteurin vom Völkischen Beobachter mir neulich einen begeisterten Brief zu meinen Gedichten geschrieben hat! Ich werde ihn Pagel zeigen und dann alles klarstellen. Er wird bestimmt verstehen! Hoffentlich! Der schöne neue Gedichtband! Ausgewählte Gedichte! Mein bestes bislang. Können die das so einfach verbieten? Nun, wenn schon? Ich sehe allem sehr ruhig entgegen. Gegebenenfalls wandere ich aus. Und Herr Oelze weiß Bescheid. Nach einigen schlaflosen Nächten steht fest: Am Montag, 17. August 1936, bricht Gottfried Benn seinen Urlaub vorzeitig ab, macht auf der Rückfahrt noch kurz einen Abstecher nach Lübeck in die Mengstraße, bleibt nicht ohne Rührung vor dem Patrizierhaus der berühmten Familie stehen und ist abends wieder zu Haus in Hannover. Die schönen Tage von Malente sind nun zu Ende. Malente fast 70 Jahre später, Aschermittwoch 2004. Ich wandere durch den winterlichen Ort. Touristenbüro: Nein, hier hat sich nicht viel verändert. Die Uferbefestigung ist durchgehend bepflastert worden, ein paar neue Hotels, aber sonst? Hotel Luisenhöhe? Gottfried Benn? Oh, das ist lange her. Vielleicht kann Ihnen ja unser Kulturarchivar weiterhelfen. Viel Glück! Ich bummele über die Promenade am See. Hier ist er also entlanggegangen, Diekseeschlößchen und Bootsanlieger. Wenn erst alles wieder grün ist, gartenreich! Nun im Winterschlaf. Da drüben der alte Bahnhof, die Bushaltestelle für die Ostseebäder, damals gelbe Postbusse, heute grüne der Autokraft. Ich schlendere weiter: Ja, da ist es, das ehemalige Hotel, seine Pension. Ich schaue auf die vergilbte Postkarte mit seinen handschriftlichen Erläuterungen.10 Fast unverändert. Heute anderweitig genutzt.11 Ein bisschen mehr Betrieb vielleicht, eine Durchgangsstraße. Ich steige die Treppen hinauf in den zweiten Stock und betrete das alte Pensionszimmer mit Blick auf den See. Östliches Hügelland, Wald. Wie damals?11 Ich muss weiter, die Zeit drängt, denn ich werde erwartet: Eine der wenigen letzten Zeitzeugen hat mich zum Tee eingeladen.
Anmerkungen
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Schleswig-Holsteinisches
S. 41-45 |
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