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Forum Gesundheit
Von Rationierung und Verarmung keine Rede
Werner Loosen
Wer hofft angesichts mangelnder Ressourcen noch auf Qualität in der
Medizin? Werden die Konflikte im Gesundheitswesen zunehmen, und: Wie sollen
die Patienten mit der ständigen Mehrbelastung fertig werden? - Darum
ging es beim Forum Gesundheit 2005, zu dem BSN medical in Hamburg eingeladen
hatte.
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| (v.l.n.r.)
Dr. Hartwig von Schubert, Dr. Johannes Bruns, Dr. Frank Ulrich Montgomery |
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Wir können
immer mehr in der Medizin, aber wir können immer weniger bezahlen,
sagte Dr. Erika Ober, stellvertretende gesundheitspolitische Sprecherin
der SPD-Bundestagsfraktion. Andererseits seien allein im Topf der GKV
rund 140 Milliarden Euro: Das reicht, das muss nur anders und gerecht
verteilt werden! Dr. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger
Bundes, stellte fest, von Rationierung und Verarmung könne in unserem
System keine Rede sein, nach wie vor hätten die Ärzte ein überdurchschnittlich
hohes Einkommen, und sie litten so gut wie gar nicht unter Arbeitslosigkeit:
Ich sage ihnen seit Jahren, sie sollten endlich anfangen, andere
Versicherungsmodelle zu diskutieren. Auch Dr. Johannes Bruns, Leiter
der Abteilung Grundsatzfragen der Medizin beim VdAK, erklärte, grundsätzlich
sei genug Geld im System, nötig sei eine intelligente Weiterentwicklung
dieses Systems. Es müsse Schluss sein damit, dass hier jeder
in eine Rolle gedrängt wird, die Ärzte ebenso wie die Kassen.
Nötig sei, dass alle aufeinander zu- und gemeinsam an die Öffentlichkeit
gingen: Das System können wir erst dann in Frage stellen, wenn
wir in unserem solidarischen System keine Novitäten mehr bezahlen
können. Dr. Hartwig von Schubert, Ethiker und Militärdekan
an der Führungsakademie der Bundeswehr, erinnerte daran, dass es
derzeit kein System gebe, das nicht unter knappen Ressourcen leide: Uns
hier mit unserem Gesundheitssystem als arm darzustellen, ist mit Blick
auf die Welt zynisch! Er bemängelte, dass marktliche Elemente
in ein System gepresst werden, wo sie eigentlich nicht hingehörten:
Der Arzt sollte den Rücken frei haben, um aus seinem ärztlichen
Ethos heraus handeln zu können.
Vollkaskomentalität
Prof. Dr. Stefan Willich vom Institut für Sozialmedizin an der Charité
in Berlin stellte fest, es müsse heute darum gehen den maximalen
Nutzen aus diesem riesigen Topf zu ziehen! Andreas Hogrefe, General
Manager Deutschland bei BSN medical, meinte, als Hersteller sei man praktisch
ein Getriebener, von Krankenkassen ebenso wie von Partikularinteressen.
Wer Kosten anprangere, müsse auch bedenken, dass niemand in die Zeit
zurück wolle, in der eine Fraktur mit Ästen aus dem Wald
versorgt wird, will sagen, auch die Hersteller haben mit hohen Materialkosten
zu tun. Erika Ober gab zu bedenken, dass die Politik nicht entscheiden
dürfe, was in der Medizin bezahlt werde, sie könne allenfalls
für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen. Stets müsse dabei
bedacht werden, was tatsächlich medizinisch notwendig sei. Mithilfe
von Kosten-Nutzen-Überlegungen solle dann entschieden werden, was
bezahlt werden müsse. Frank Ulrich Montgomery ergänzte: Die
Kriterien, nach denen bezahlt wird, was notwendig ist, ließen sich
am ehesten durch wissenschaftliche Studien schaffen. Stefan Willich rügte,
dass drei Viertel aller Hochdruckpatienten nicht optimal versorgt seien,
so etwas ist der eigentliche Skandal, hier stimmt unser System nicht.
Bemängelt werden müsse aber auch die Vollkaskomentalität
der Patienten, die keine Eigenverantwortung zeigten; gemeinsam müsse
entschieden werden, was wir uns leisten wollen. Versorgungsengpässe
wie den genannten dürfe es nicht geben, immer noch aber fehle in
der Medizin die Rationalität: Wir müssen das rationieren,
was nicht nötig ist, das ist ethisch; unethisch wäre es, alles
auf Kosten des Notwendigen bezahlen zu wollen! Erika Ober forderte,
der Wettbewerb in der Medizin müsse in einer bestimmten Qualität
stattfinden, also müsse diese vorgegeben werden. Wenn rational und
zugleich ethisch entschieden werde, bekämen auch die Hersteller mehr
Planungssicherheit. Nach Ansicht von Montgomery haben die an sich richtigen
DMPs so lange nichts mit Qualität zu tun, wie deren Fragebögen
so beschaffen seien, dass nur die Hälfte aller Fragen beantwortet
werden könnten. Erika Ober meinte dazu, zwar gebe es bei den DMPs
viel Bürokratie, sie hätten aber immerhin die Qualitätsdiskussion
beschleunigt. Stefan Willich erklärte, es gebe genügend Instrumente,
um Qualität festzustellen: Jeder sollte wissen, wie viel in
welchem Krankenhaus gemacht wird und wie viele Patienten das überleben
- etwas anderes interessiert doch gar nicht. Das muss allgemein transparent
gemacht werden. Zudem müssen wir lernen, wo welcher Patient abgeholt
werden möchte - der eine braucht das Gespräch, der andere die
technische Betreuung. Dazu gehört nach den Worten von Montgomery
auch, dass wir nicht Chimären nachlaufen wie der vom mündigen
Patienten. 80 Prozent von ihnen seien nicht in der Lage, selbstbestimmt
zu entscheiden. Qualitätsvergleiche seien dann geeignet, wenn sie
für den Patienten einsichtig seien.
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(v.l.n.r.)
Dr. Hartwig von Schubert, Dr. Johannes Bruns, Dr. Frank Ulrich Montgomery,
Andreas Hogrefe, Dr. Erika Ober, Prof. Dr. Stefan Willich |
Patientenalltag
der Zukunft
Nach Ansicht von Erika
Ober lassen sich Eigenverantwortung und -leistung nicht mehr zurückdrehen;
verbunden sein müsse dies mit freiwilliger Prävention, weg
von der Reparaturmedizin. Auch Andreas Hogrefe meinte, mehr Eigenverantwortung
sei unverzichtbar, nur dadurch lasse sich in der Medizin mehr Qualität
sichern. Je mehr der Patient in die monetäre Verantwortung gezogen
werde, desto mehr frage er nach Qualität. Stefan Willich nannte es
grotesk, dass es nicht längst Risikozuschläge etwa für
Raucher oder Übergewichtige gebe, damit komme man zu einer mentalen
und physischen Eigenleistung. Zudem: Ein Drittel aller Leistungen im Gesundheitssystem
seien sinnvoll, ein weiteres Drittel sei vielleicht relevant; das letzte
Drittel sei wissenschaftlich nie belegt worden, dazu gehörten Kuren
aller Art. Also müsse man das erste Drittel solidarisch absichern,
für das zweite Drittel könne es Zusatzpakete von einzelnen Versicherungen
geben, das letzte Drittel könne man ersatzlos streichen.
Auf die Frage, ob es künftig Gewinner und Verlierer im System geben
werde, sagte Erika Ober, bei ausreichender Transparenz und Qualität
gewinne der Patient. Stefan Willich stimmte zu, nannte aber auch die Ärzte
als Gewinner, wenn die Patienten zufrieden seien. Verlieren würden
sowohl die Kassenärztlichen Vereinigungen als auch die Kassen, beide
braucht es in der derzeitigen Zahl und Form nicht zu geben. Hartwig
von Schubert regte an, den Verlauf einer jeglichen Krankheit in den Mittelpunkt
zu rücken: Dann ist vieles überflüssig, und wir gewinnen
alle.
Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 04/2004
S. 74-76
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