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Die Interheart-Studie:
Herzinfarkte durch Lebensstil-Veränderungen vermeiden
Klaus-Dieter Kolenda
Die im August 2004 im Lancet veröffentlichte Interheart-Studie1,2
ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Obwohl mehr als 80 Prozent der weltweiten
Krankheitslast auf dem Gebiet der Herz-Kreislaufkrankheiten in weniger
entwickelten Ländern auftritt, stützt sich die Kenntnis über
die Bedeutung von Risikofaktoren (RF) im Rahmen der Primärprävention
weitgehend auf Untersuchungen in Nordamerika und Europa. Die Bedeutung
von RF für das Auftreten der koronaren Herzkrankheit ist in den meisten
Regionen der Welt unbekannt. Das gilt auch für psychosoziale RF.
Methodik
Vor diesem Hintergrund wurden in der ersten global angelegten Fall-Kontroll-Studie
primäre Daten an 15 152 Fällen und 14 820 Kontrollen über
den Zusammenhang zwischen akutem Herzinfarkt und modifizierbaren RF in
262 über die ganze Welt verteilten medizinischen Zentren erhoben
und am kanadischen Population Health Research Institut ausgewertet. Als
RF für einen Myokardinfarkt wurden Rauchgewohnheiten, arterielle
Hypertonie, Diabetes, Taille-Hüft-Quotient, Ernährungsgewohnheiten,
körperliche Aktivität und Alkoholkonsum untersucht. Zur Beurteilung
der Blutlipide wurde das Verhältnis der Apolipoprotein-Spiegel ApoB/ApoA1
bestimmt, da diese Größe von der Zeit der Nahrungsaufnahme
unabhängig ist. In einer Subgruppe (11 119 Fälle, 13 648 Kontrollen)
wurde mit einem Fragebogen der Einfluss psychosozialer Faktoren auf das
Infarktrisiko festgestellt.
Ergebnisse
Neun RF waren unabhängig von Alter, Geschlecht und ethnischer Gruppe
signifikant mit einem Myokardinfarkt assoziiert: aktueller Nikotinabusus
(Odds ratio 2,87), erhöhter ApoB/ ApoA1-Quotient (3,25), arterielle
Hypertonie (1,19), Diabetes mellitus (2,37), abdominell betonte Adipositas
(1,12), täglicher Obst- und Gemüsekonsum (0,07), regelmäßiger
Alkoholkonsum (0,91; p = 0,03). Für psychosoziale RF fand sich eine
Odds ratio von 2,67. Für alle RF (außer Alkohol) wurde eine
Korrelation auf ein signifikantes Niveau von p < 0,0001 festgestellt.
Weiterhin fanden sich bei Patienten nach Myokardinfarkt aus allen ethnischen
Gruppen und allen Regionen der Welt signifikant häufiger Depressionen,
belastende Lebensereignisse in den letzten zwölf Monaten und beruflicher,
privater oder finanzieller Stress.
Kommentar
Die Interheart-Studie zeigt, dass die neun oben genannten RF verantwortlich
sind für 90 Prozent des Risikos für einen akuten Herzinfarkt.
Während von manchen Autoren in früheren Arbeiten angeführt
wird, dass die bekannten RF (Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette)
für nur 50 Prozent des Risikos verantwortlich sind, bestätigen
neuere Untersuchungen dieses Ergebnis der Interheart-Studie3.
Weltweit sind die zwei wichtigsten RF Rauchen und erhöhte Lipide,
zusammen sind sie für 2/3 des Risikos für den akuten Herzinfarkt
verantwortlich. Psychosoziale RF, abdominelle Adipositas, Diabetes mellitus
und Hypertonie sind die nächsten bedeutsamen RF, aber ihre relative
Bedeutung ist in verschiedenen Ländern unterschiedlich.
Rauchen und erhöhte Lipide zeigen eine proportionale stufenweise
Erhöhung des Risikos. Das Rauchen von schon fünf Zigaretten
erhöht das Risiko. Daraus lässt sich ableiten, dass es für
die Zahl der Zigaretten, die geraucht werden, keine sichere untere Grenze
gibt, aber auch, dass das Risiko für einen Herzinfarkt, das mit dem
Rauchen verbunden ist, signifikant vermindert werden kann, durch die Verminderung
der Zahl der gerauchten Zigaretten.
Die proportionale Beziehung zwischen erhöhten Blutlipiden und dem
Auftreten des Herzinfarktes zeigt sich bei den meisten Bevölkerungen
auf der Welt. Da die erhöhten Blutlipide der wichtigste RF in allen
geographischen Regionen der Studie gewesen ist, ist eine substanzielle
populationsbezogene Veränderung dieses Faktors wichtig für die
Reduzierung der Zahl der Myokardinfarkte. Dazu ist eine konzertierte Aktion
notwendig, die populationsbezogene Strategien berücksichtigt, aber
auch solche erfordert, die auf besondere Risikofaktorenträger zentriert
sind.
Das Vorkommen verschiedener RF variiert insbesondere in Abhängigkeit
vom Geschlecht. So rauchten weltweit nur 9,25 Prozent der weiblichen,
aber 33 Prozent der männlichen Kontrollen. Somit ist die Beendigung
des Rauchens sehr wichtig in den meisten männlichen Populationen
weltweit, aber auch bei den Frauen Nordamerikas, Südafrikas, Westeuropas,
Australiens und Neuseelands. Bei anderen Populationen ist die Beendigung
des Rauchens weniger wichtig. Wenn jedoch auch die Frauen in diesen Ländern
mit dem Rauchen beginnen, ist zu erwarten, dass das Risiko für den
akuten Herzinfarkt, das auf das Rauchen zurückzuführen ist,
ansteigen wird.
Rauchen ist allein für 36 Prozent des bevölkerungsbezogenen
attributiven Risikos weltweit verantwortlich und bei Männern sogar
für 44 Prozent. Der regelmäßige Konsum von Früchten
und Gemüse, regelmäßige körperliche Aktivität
und das Vermeiden des Rauchens kann das Risiko für den akuten Infarkt
um 80 Prozent senken. Ein ähnliches Ergebnis fand sich für Frauen
in der US-amerikanischen Nurse-Health-Study4. Diese große Kohorten-Studie
an 84 129 gesunden Frauen im mittleren Alter, die über vierzehn Jahre
lang beobachtet wurden, hat ebenfalls gezeigt, dass durch die genannten
Lebensstil-Veränderungen das Risiko der koronaren Herzkrankheit und
des Schlaganfalls bei Frauen um 3/4 vermindert werden kann.
Schließlich ergab die Interheart-Studie, dass Bluthochdruck und
Diabetes Risikofaktoren sind, die bei Frauen mit einer größeren
Odds ratio und einem größeren populationsbezogenen attributiven
Risiko verbunden sind als bei Männern. Dabei ist allerdings zu bedenken,
dass die Frauen mit diesen Risikofaktoren zehn Jahre älter waren
als die Männer. Auch scheinen Schutzfaktoren wie regelmäßige
körperliche Aktivität und ein moderater Alkoholkonsum einen
größeren Effekt bei Frauen als bei Männern zu haben.
In einer Subgruppe der Interheart-Studie wurde der Einfluss von psychosozialen
Risikofaktoren auf das Herzinfarktrisiko untersucht. Durch einfache Fragen
wurde nach Stressbelastungen bei der Arbeit und im häuslichen Bereich,
nach finanziellem Stress und Lebenskrisen im vergangenen Jahr gefragt.
Zusätzliche Fragen bezogen sich auf das Kontrollbedürfnis und
das Vorhandensein einer Depression. Die Studie zeigt, dass verschiedene
Elemente, die psychosozialen Stress anzeigen, in Beziehung stehen zu einem
erhöhten Risiko für den akuten Herzinfarkt.
Im Gegensatz zu anderen biologischen und lebensstilbedingten Risikofaktoren
ist Stress ein schwieriges Konstrukt, wobei jedoch keine Übereinstimmung
existiert hinsichtlich Definition und Messung. Bis heute beschäftigen
sich die meisten Studien mit dem Stress bei der Arbeit, während der
Stress außerhalb des Arbeitsplatzes bisher wenig Aufmerksamkeit
erfahren hat. Eine Reihe von arbeitsbedingten Stressoren wurde im Multiple
Risk Intervention Trial5 untersucht. Dabei ergab sich eine Risikoerhöhung
für den kardiovaskulären Tod. Ebenso erhöht eine durchgemachte
Scheidung das relative Risiko. Weiterhin wurde gezeigt, dass Depressionen
mit einem erhöhten Risiko für einen Herzinfarkt bei Männern
und Frauen verbunden sind. Dabei ist klinische Depression ein stärkerer
Prädiktor als depressive Verstimmung. Wenige Studien haben den Effekt
von äußeren Einflüssen wie finanziellem Stress oder Lebenskrisen
auf die koronare Herzkrankheit untersucht. In der vorliegenden Studie
zeigte sich auch für diese Faktoren bei Männern und Frauen eine
gute Übereinstimmung, wobei berufliches Scheitern, ein wesentlicher
intrafamiliärer Konflikt, Verlust des Arbeitsplatzes, Tod des Lebenspartners
und Gewalterfahrungen mit einem erhöhten Risiko verbunden waren.
Der Grad an Stressbelastungen, Depressionen und das Ausmaß des Kontrollbedürfnisses
variieren jedoch erheblich in den verschiedenen Regionen.
Die Mechanismen, über die psychosoziale Faktoren das Risiko des Herzinfarktes
erhöhen, sind komplex. In experimentellen Studien konnte gezeigt
werden, dass eine Verschlechterung der koronaren Herzkrankheit und der
endothelialen Dysfunktion in Abhängigkeit von sozialen Belastungen
auftreten kann. Verschiedene Studien haben einen Zusammenhang zwischen
psychosozialen Variablen und vaskulärer Funktion, Entzündung,
Blutgerinnung und verminderter Fibrinolyse gezeigt. Der exakte pathophysiologische
Mechanismus des Einflusses von psychosozialen RF auf die koronare Herzkrankheit
muss jedoch noch untersucht werden.
Zusammenfassend zeigt die Interheart-Studie, dass Lebensstil-Veränderungen
wie das Vermeiden des Rauchens, der erhöhte Konsum von Früchten
und Gemüse und eine moderate körperliche Aktivität (in
Verbindung mit einer Verringerung der Blutfette) Eckpunkte für die
Prävention der koronaren Herzkrankheit bei allen Populationen weltweit
sind. Psychosoziale RF erhöhen ebenfalls das Risiko. Für ausgeprägte
Stresserfahrungen war die Größe des Effektes geringer als für
das Rauchen, aber vergleichbar mit Bluthochdruck und abdominaler Adipositas.
Somit sind psychosoziale RF von sehr viel größerer Bedeutung
als bisher angenommen und wichtige ursächliche Faktoren bei einer
wesentlichen Zahl von Patienten mit akutem Herzinfarkt.
Literatur:
- Yusuf S et al.
Effect of potentially modifiable risk factors associated with myocardial
infarction in 52 countries (the Interheart-Study): case-controll study.
Lancet 2004; 364: 937-952
- Rosengreen A et
al. Association of psychological risk factors with risk of acute myocardial
infarction in 11 119 cases an 13 648 controls from 52 countries (the
Interheart Study): a case-controll study. Lancet 2004; 364: 953-962
- Willett WC. Balancing
life-style and genomics research for disease prevention. Science 2002;
296: 695 - 698
- Stampfer MJ et
al. Primary prevention of coronary heart disease in woman through diet
and lifestyle. N Engl J Med 2000; 343: 16 - 22
- Matthews K, Gump
BB. Chronic workstress on marital dissolution increase rísk of
posttrial mortality in men from the Multiple Risk Factor Intervention
Trial. Arch Intern Med 2002; 162: 309 - 315
Prof. Dr. Klaus-Dieter
Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm, Fachklinik für Rehabilitation
und Prävention, An den Salzwiesen 1, 24217 Schönberg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 03/2005
S. 62-64
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