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Schleswig-Holstein
Lauterbach in Husum
Nicht für Einheitskasse

Unter Ärzten gilt er als einer der umstrittensten Berater im Gesundheitswesen: Professor Karl Lauterbach. Auf Einladung von Gesundheitsministerin Dr. phil. Gitta Trauernicht kam
Lauterbach am 17. Februar nach Husum - und überraschte so manchen Mediziner mit seinen Aussagen.

 
Prof. Dr. Dr. sc. Karl-W. Lauterbach (Foto: di)  
„Viele Integrationsverträge sind schlecht.“ „Es ist nicht glaubwürdig, wenn Krankenkassen die Wirtschaftlichkeit ärztlicher Tätigkeit bewerten.“ Das sagt nicht etwa ein Vertreter der niedergelassenen Ärzte, sondern ausgerechnet der Mann, den viele von ihnen als einen ihrer größten Kritiker ansehen: Professor Karl Lauterbach. Der Kölner Gesundheitsökonom und Berater von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hat nicht etwa den Auftraggeber gewechselt, sonst nutzt seinen Abstecher zum SPD-Kreisverband Nordfriesland, um im kleinen Kreis mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. So sei seine Kritik wegen angeblicher Qualitätsmängel im deutschen Gesundheitswesen keineswegs als Vorwurf an die Ärzte gedacht, stellt Lauterbach klar, sondern lediglich an das aus seiner Sicht qualitätsfeindliche Honorarsystem.

Oder der Vorwurf, er strebe eine Einheitskasse an: „Das ist Quatsch“, so Lauterbach, „die optimale Kassengröße liegt zwischen ein und zwei Millionen Versicherten.“ Also seien zwischen 50 und 80 Krankenkassen, die miteinander um die beste Versorgung konkurrierten, am sinnvollsten. Sein Modell der Bürgerversicherung steht dazu nicht im Widerspruch. Wenn sie nach seinen Vorstellungen ausgestaltet wird, glaubt Lauterbach an die Lösung der nach seiner Darstellung vier größten Probleme im deutschen Gesundheitswesen: die Lohnabhängigkeit der Sozialversicherung, die zunehmende Entsolidarisierung, die Zwei-Klassen-Medizin und die Qualitätsdefizite.
Voraussetzung für die Lösung sei aber die Umsetzung folgender Forderungen:

Beiträge sollen nicht länger nur auf Lohn und Gehalt erhoben werden, sondern auch auf Zins- und Mieteinnahmen. Damit will Lauterbach verhindern, dass die Einnahmen der Krankenversicherung weiterhin unterproportional wachsen. Die einseitige Lohnabhängigkeit der Kasseneinnahmen wäre beendet.

Die Abgrenzung zwischen gesetzlicher und privater Versicherung (PKV) soll aufgehoben werden, die PKV müsste sich im Wettbewerb mit den anderen Kassen behaupten. Damit will
Lauterbach erreichen, dass gute und schlechte Risiken sowie Gut- und Geringverdiener gemischt werden. Die Solidarität wäre wieder gestärkt.

Einheitlicher Bewertungsmaßstab (EBM) und Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) sollen der Vergangenheit angehören, stattdessen kommt eine einheitliche Liste mit fixen Preisen für ärztliche Leistungen. Damit will Lauterbach erreichen, dass die Behandlung für betuchtere Patienten nicht lukrativer ist als die Behandlung von Patienten mit niedrigem Einkommen. Auch die regionalen Versorgungsunterschiede will er über diesen Weg in den Griff bekommen. Die Zwei-Klassen-Medizin wäre beendet.

Die Preisliste wird mit Zuschlägen für besonders schwierige Eingriffe und hohe Qualitätsanforderungen versehen. Damit sollen Anreize für eine bessere Qualität geschaffen werden, die Defizite würden abgebaut werden.

Dass Lauterbach wie in Husum auch vor Ärzten durchaus überzeugend sein Konzept vertreten kann, ihm zugleich in der ärztlichen Öffentlichkeit aber Ablehnung entgegenschlägt, führt er auf Lobbypolitik zurück. Die Widerstände kommen nach seiner Beobachtung von den Profiteuren des jetzigen Systems - PKV, Kassenärztlichen Vereinigungen und einer kleinen Schar Privilegierter, die ihren Sonderstatus nicht aufgeben wollten. Keinen Zweifel ließ Lauterbach an seiner Einschätzung, dass das Modell der Bürgerversicherung dem Kopfpauschalen-Modell der Union überlegen ist - und dass die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, die sich früh auf die Kopfpauschale festgelegt hatte, damit die falsche Taktik gewählt hat: „Das war ihr bisher größter Fehler. Man sollte sich nie zu früh und zu unkritisch auf Expertenrat verlassen.“ (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 03/2005

S. 41/42