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Rezensionen
Ambulant erworbene polymikrobielle Infektionen
Bibliographische Angaben: Volker Schäfer, Klaus-Peter Hunfeld, Thieme Verlag, 2004, 115 Seiten, 72 Abbildungen, 24,95 EUR, ISBN 3131328614

Eine kurzgefasste, teils stichwortartige Darstellung einer Auswahl von infektiologischen Krankheitsbildern in einem Text-Bild-Konzept mit zahlreichen Tabellen, Algorhythmen und Zeichnungen.

Kurze Inhaltsangabe: Das Buch stellt eine Reihe respiratorischer, gynäkologischer, urologischer, intraabdomineller sowie Haut- und Weichteilinfektionen dar und gibt eine Übersicht über die „kalkulierte Soforttherapie“, die sich am erwarteten Erregerspektrum orientiert. Es schließt die Studienlage und Pharmakologie zum neuen Carbapenem „Ertapenem“ (Invanz®) an, das als einmal täglich intravenös zu applizierendes ambulant anwendbares Antibiotikum zur Verfügung steht.

Kritische Bewertung: Die Präsentation ist kanpp, übersichtlich und optisch ansprechend und hat den Wert eines klinisch orientierten Repetitoriums, ist jedoch in manchen Bereichen unvollständig. Die Bilder und Schemata erschließen sich leider nicht immer in gewünschter Klarheit und sind so von begrenztem didaktischen Wert. Der Abgleich der Empfehlungen mit vorliegenden Leitlinien wäre wünschenswert.

Sonstiges: Interessant ist die Vorstellung des neuen Antibiotikums Ertapenem, das auch in der ambulanten Medizin als parenteral applizierbare Substanz einen Stellenwert erhält. Über diesen Aspekt hinaus fehlt jedoch der Nachweis eines Vorteils gegenüber herkömmlichen Einzel- oder Kombinationstherapien. Ökonomische Daten werden nicht diskutiert.

Empfehlung: Um das Augenmerk auf die Differenzialtherapie mit Ertapenem zu lenken, ist das Büchlein ein anregendes und übersichtliches Repetitorium einiger ambulant erworbener polymikrobieller Infektionen. Für den klinischen Alltag in der ambulanten Medizin ist es darüber hinaus nur von begrenzter Hilfestellung.

Rezensent: Dr. Tilman Schlegelberger, Blücherplatz 11, 24105 Kiel


Medizinische Ethik
Hartmut Kreß, Kulturelle Grundlagen und ethische Wertkonflikte heutiger Medizin, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003, 208 Seiten, 20 EUR, ISBN 3170171763

Das Buch umfasst zwei Hauptteile, erstens kulturelle Grundlagen der Medizin (ärztliche Alltagsethik) und zweitens zentrale, oft kontrovers diskutierte Themen am Anfang und Ende des Lebens. Die naturwissenschaftlich-technische Medizin erfordert eine ergänzende Patienten zentrierte Medizin. Zur Arzt-Patient-Interaktion betont der Autor: „Es gilt, dass ich den anderen, den begegnenden Mitmenschen, in dessen eigenem Denk- sowie Wertehorizont und zugleich meine eigene Wirkung auf ihn aus seiner Sicht vergegenwärtige.“ Weil die Asymmetrie des Arzt-Patient-Verhältnisses durch Wissensvorsprung des Arztes und existenzielle Verunsicherung des Kranken besteht, gilt es, „den Patienten in seiner Individualität, in seiner persönlichen Lebenssituation und seinen eigenen Wertüberzeugungen in den Vordergrund zu stellen.“ Hartmut Kreß fährt mit Recht fort: „Eine weitere Konsequenz einer personenorientierten Medizin müsste darin bestehen, im Umgang mit Kranken dem Faktor Zeit mehr Gewicht zu geben.“ Wenn bildgebende Verfahren höher als schwierige und wiederholte Beratungsgespräche honoriert werden, reflektiere die Gebührenordnung nicht den Zeitaufwand für eine patientenzentrierte Medizin. Mitmenschliche Kommunikation hilft, dass Patienten ihre chronischen Krankheiten besser verarbeiten. Mit Unterstützung eines wirklichen Arztes lernen sie unabhängiger zu werden und trotz gesundheitlicher Einschränkungen aktiv zu leben. Ausführlich setzt sich das Buch mit der prädiktiven genetischen Diagnostik auseinander. Einerseits kann bei Personen mit einer Anamnese von familiärem Mammakarzinom die Feststellung eines BRCA 1-, bzw. BRCA 2-Gens die Krankheitsfrüherkennung fördern, andererseits sind viele Krankheiten wie Diabetes, Hypertonie oder koronare Herzkrankheit nicht monogenetisch bedingt. Individuen wird ein positiver prädiktiver, genetischer Test leicht zu einer Unheilsprophetie, obwohl für die Manifestation polygenetischer Krankheiten auch soziale und Lebensstilfaktoren wichtig sind.

Der zweite Teil des Buches behandelt ethische Wertkonflikte am Anfang und Ende des Lebens. Die embryonale Stammzellforschung könne langfristig dazu beitragen, für Patienten mit schweren Krankheiten, z. B. mit multipler Sklerose, Demenz, Parkinson, Diabetes und Herzinfarkt, neue Therapiechancen zu eröffnen. Um embryonale Stammzellen zu gewinnen, müssen allerdings Embryonen getötet werden. So stehen Wissenschaftsfreiheit und therapeutische Möglichkeiten einerseits, der Lebensschutz der Embryonen andererseits in einem Konflikt. Es wird für vertretbar gehalten, kryokonservierten, „verwaisten“, d. h. überzähligen Embryonen, die auf jeden Fall absterben werden, Stammzellen zu entnehmen.

Ohne Vorurteile werden die in Deutschland bei schweren Erbkrankheiten verbotene, in anderen Ländern erlaubte Präimplantationsdiagnostik und ethische Fragen der Transplantationsmedizin und des Hirntodkriteriums diskutiert. Passive, indirekte und die in den Niederlanden und in Belgien praktizierte aktive Sterbehilfe auf Wunsch werden umfassend besprochen. Dabei betont der Autor den Wert der somatische, psychische, soziale und spirituelle Aspekte einschließenden palliativen Betreuung. Schon angehende Ärzte sollten unterrichtet werden, angemessen mit Sterbenden umzugehen, sodass nicht die Furcht vor juristischen Prozessen zu einer qualvollen Verlängerung des Sterbens gegen den Patientenwillen führt. Hartmut Kreß verabsolutiert nicht Standpunkte, sondern wägt sorgfältig zwischen verschiedenen Gütern ab. Der Autor sieht die Vorteile der naturwissenschaftlich-technischen Medizin und würdigt sie. Gleichzeitig plädiert er für einen dialogischen, personenrientierten Umgang mit Patienten, der ihre Freiheit und Selbstbestimmung respektiert. Allen an medizinischer Ethik interessierten Ärzten und Nichtärzten ist dieses in einer klaren und allgemein verständlichen Sprache geschriebene Buch sehr zu empfehlen.

Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2004

S. 45, 96