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Medizin und Wissenschaft
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Von der Bibel
bis zum Bioterrorismus Wer hätte noch
nie die befreiende Wirkung des Niesens verspürt? Aber warum rufen
wir dem Nachbarn Gesundheit zu, wenn es so befreiend ist?
Das hängt mit der Pest zusammen, denn in Pestzeiten galt das Niesen
als mögliches Symptom der beginnenden Seuche 1.
Epidemien der gefürchteten Krankheit erstreckten sich von der biblischen
Zeit über das Mittelalter bis zur Moderne 2.
Im Mittelalter soll die Pest, der Schwarze Tod, ein Viertel
der europäischen Bevölkerung dahingerafft haben. Ein jüngerer
Ausbruch begann in den 1860er Jahren in China und griff in den 1890er
Jahren auf Hongkong über, wo 1894 A. Yersin, ein Schüler Pasteurs,
Pestbazillen in den Lymphknoten menschlicher Leichen identifizierte. In
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Indien von Pestepidemien
betroffen. Die Pest wird durch den gramnegativen Erreger Yersinia pestis
nach dem Biss des Flohs von Ratten oder anderen wilden Nagern verursacht.
Es kommt zu Fieber, schmerzhaften Lymphknoten (Bubonen), Kopf-, Bauchschmerzen
und anderen Symptomen. 10 bis 20 Prozent der Kranken mit Bubonenpest entwickeln
eine sekundäre Pneumonie. Unbehandelt sterben mehr als die Hälfte
der Patienten. Im Gegensatz zur Bubonenpest wird die fulminant verlaufende
primäre Lungenpest durch Tröpfcheninfektion zwischen Menschen
übertragen. Unbehandelt ist sie fast stets tödlich 3.
Neben dem üblichen Bakteriennachweis gibt es seit kurzem einen zuverlässigen
Schnelltest 4. 1948 wurde als erstes Antibiotikum
Streptomycin verwendet, daraufhin sank die Sterblichkeit der Patienten
mit Bubonenpest von über 50 Prozent auf unter fünf Prozent.
Krankheiten sind nach Ansicht des Alten Testaments die Folge einer Strafe Gottes wegen der Sünde, der seinem Zorn freien Lauf ließ und ihre Seele vor dem Tod nicht bewahrte und ihr Leben preisgab der Pest (Psalm 78, 70). In Albert Camus Pest 5 predigt ein Priester in der pestgeplagten algerischen Stadt Oran noch in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Das erste Mal erscheint diese Geißel in der Geschichte, um die Feinde Gottes zu strafen. Pharao widersetzt sich den Absichten des Ewigen, und die Pest zwingt ihn in die Knie. Die beste Schilderung
der Pest, meint Elias Canetti 6, hat
Thukydides gegeben, der sie am eigenen Leib erlebte und von ihr genas.
Der griechische Geschichtsschreiber Thukydides sagt in seiner Geschichte
des Peloponnesischen Krieges 7 über die
Athener Pest 430 vor Christus: Nirgends wurde eine solche Pest,
ein solches Hinsterben der Menschen berichtet. Die Ärzte waren
machtlos und da sie am meisten damit zu tun hatten, starben sie
auch am ehesten selbst, aber auch jede andere menschliche Kunst versagte:
alle Bittgänge zu den Tempeln, Weissagungen und was sie dergleichen
anwandten, half alles nichts. Die Peloponnesier wurden von den Athenern
verdächtigt, die Pest verursacht zu haben, indem sie Gift in die
Brunnen geworfen hätten. Im Verlauf der Epidemie breitete sich sexuelle
Freizügigkeit aus: Überhaupt kam in dieser Stadt die Sittenlosigkeit
erst mit dieser Seuche richtig auf. Denn mancher wagte jetzt leichter,
seinem Gelüst zu folgen, das er bisher unterdrückte. Die
Menschen glaubten sich berechtigt, rasch jedem Genuss zu frönen
und zu schwelgen, da Leib und Geld ja gleicherweise nur für den einen
Tag seien. Mittelalter bis
Neuzeit
Die Pest im Spiegel
der Literatur Der 1924 in Warschau
geborene Schriftsteller Andrzej Szczypiorski 13 schildert
die Heimsuchung der Stadt Arras von der Pest im Jahre 1458. Ein Priester
verdächtigt die Juden: Und wer anders könnte in Arras
Bundesgenosse und Söldling des Satans sein, wenn nicht die, die ...
nicht den Lehren der heiligen Kirche gehorchen ... Woher die Gewissheit,
dass sie nicht die Sendboten der Seuche waren? So lässt sich
das Volk von einem fanatischen Dogmatiker gegen die Juden aufhetzen. Albert Camus
(1913-1960) berühmtes Buch Die Pest 5
spielt in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Oran an der algerischen
Küste, als eine wirksame Therapie noch nicht zur Verfügung stand.
Das Buch beginnt mit dem Rattensterben: Am Morgen des 16. April
trat der Arzt Bernard Rieux aus seiner Wohnung und stolperte mitten auf
dem Flur über eine tote Ratte. Einen Tag später zählte
er ein Dutzend Ratten, die auf die Gemüseabfälle und die schmutzigen
Lumpen geworfen worden waren. Nach der Diagnose der Epidemie wird
Oran geschlossen. In diesem Augenblick war der Zusammenbruch ihres
Mutes, ihres Willens und ihrer Geduld so jäh, dass es ihnen schien,
sie könnten nie mehr aus diesem tiefen Brunnen herauskommen.
Canetti (1905-1994) ergänzt die Beschreibung des Verhaltens während
früherer Pestepidemien 6: Einer vermeidet
den anderen. Das Einhalten von Distanz wird zur letzten Hoffnung ... Es
ist merkwürdig, wie die Hoffnung, zu überleben, den Menschen
hier zu einem einzelnen macht, ihm gegenüber steht die Masse aller
Opfer. Vom Krankheitsschrecken
zum Bioterrorismus Literatur beim Verfasser Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel |
Schleswig-Holsteinisches
S. 71 - 73 |