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Medizin und Wissenschaft

Patientenschulungen bei Neurodermitis
Regina Fölster-Holst, Inga Kreiselmaier, Sibylle Scheewe, Dirk Eichmann, Norbert Buhles

Hintergrund
Die Neurodermitis ist mit 5-15 Prozent die häufigste chronische Hauterkrankung im Kindesalter und betrifft 2-3 Prozent der Erwachsenen. Die Entzündung der Haut mit Rötungen, Papeln, Papulovesikeln, Nässen und Krusten prägt die akute Phase, während Schuppung und Lichenifikation zu den morphologischen Kriterien des chronischen Stadiums gehören. Die Stigmatisierung und das Kardinalsymptom, der quälende Juckreiz, sind mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität für Patienten und deren Familien verbunden. Diese und eine stetige Zunahme der Erkrankung, die für die letzten Jahrzehnte dokumentiert ist, haben zur Entwicklung von Schulungsprogrammen geführt. Die Schulungsinhalte müssen den unterschiedlichen Einflussfaktoren des Krankheitsbildes Rechnung tragen.

Ein solches Konzept ist nur mit einem interdisziplinären Team möglich, das sich aus Ärzten (Haut- und Kinderärzten) möglichst mit der Zusatzbezeichnung Allergologie, Psychologen und Ernährungsfachkräften (Diätassistenten oder Ökotrophologen) zusammensetzt.

Welche Patienten bzw. Eltern betroffener Kinder sollten geschult werden?
Hauptpfeiler der Neurodermitisbehandlung sind Basistherapie und fachärztliche Behandlungen. Erst wenn diese nicht zum nötigen Erfolg führen, sind Schulungen indiziert. In der Regel trifft dieses für Patienten mit schweren Verlaufsformen zu. Patienten mit leichten Formen, die ihre Erkrankung mit Pflegemaßnahmen und dem kurzfristigen Einsatz kortikoidhaltiger Externa beherrschen, bedürfen normalerweise keiner Schulung. Eine ständige Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung (kognitive Beschäftigung mit den Symptomen) könnte sich sogar negativ auswirken.

Schulungskonzepte und -inhalte
Strukturierte Schulungsprogramme für Neurodermitiker liegen in Deutschland vor und haben sich sowohl für das Kindes- als auch das Erwachsenenalter als effektiv erwiesen.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziales (in Kooperation mit den Krankenkassen) führten vier Haut- und vier Kinderkliniken im Rahmen der Arbeitsgemein-schaft Neurodermitis-Schulung (AGNES) eine prospektive Studie durch, in der die Wirksam-keit von Schulungen mit den Routinebehandlungen ohne Schulungen verglichen wurde. Für alle Altersgruppen (Eltern betroffener Kinder im Alter von 0-7 Jahren, 8-12 jährige Kinder, Jugendliche im Alter von 13-17 Jahren) ließen sich signifikant bessere Ergebnisse hinsichtlich der Effektivitätsparameter (u. a. Schweregrad, Juckreiz, Schlaflosigkeit, Lebensqualität) für die Schulungs- im Vergleich zur nichtgeschulten Gruppe erzielen.

Analog sind die Evaluierungsergebnisse bei betroffenen Erwachsenen, für die wir Schulungskonzepte im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP) erarbeitet haben.

Ziel der Schulungen ist die Vorbeugung neuer Neurodermitisschübe bzw. die bessere Bewältigung und Abkürzung bestehender Schübe. Dieses lässt sich durch folgende Schulungsinhalte erreichen:
1. Medizinische Grundlagen der Neurodermitis
2. Kratzreduktion, Stressbewältigung
3. Hautbild, Kleidung, Hygiene, Diagnostik
4. Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeit
5. Therapie, alternative Behandlungsmöglichkeiten
6. Auswertung, verbliebene Fragen, Ausblick

Haut- oder Kinderärzte vermitteln in der 1. Sitzung Kenntnisse über die Erkrankung, sodass Eltern betroffener Kinder und Betroffene die Krankheitszusammenhänge besser verstehen.

Juckreiz- und Stressbewältigungsstrategien gehören zu den Aufgaben der Psychologen (2. Sitzung). Ärzte gehen auf die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Erkrankung ein, ebenso werden weitere Einflüsse auf das Krankheitsbild besprochen (3. Sitzung). Ernährungsfachkräfte informieren in der 4. Sitzung über die richtige Ernährung. Hierzu gehört v. a. das Aufzeigen vieler sinnloser Diäten, die mehr Schaden als Nutzen bringen. Die stadiengerechte Anpassung der Externatherapie beinhaltet die nächste Sitzung (5. Sitzung). Zusätzlich werden Therapiemöglichkeiten besprochen und gemeinsam wird das Für und Wider alternativer Behandlungsmethoden erarbeitet. In der letzten Sitzung (6. Sitzung) mit Ärzten und Psychologen wird das Erarbeitete und Gelernte gefestigt und auf Alltagssituationen übertragen, um das Selbstmanagement der Patienten und deren Eltern zu fördern.
Das AGNES-Schulungsprogramm beinhaltet sechs Sitzungen mit jeweils zwei Stunden, das Curriculum der Neurodermitis-Schulung für Erwachsene sieht fünf Doppelstunden vor. Bisher wurden die Schulungskosten im Rahmen von Pilotstudien oder in Einzelfällen nach entsprechender Antragstellung von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Qualifikation zum Neurodermitis-Trainer
Die Qualifikation zur Berechtigung, eigene Schulungen durchzuführen, erfordert eine spezielle Ausbildung an Neurodermitisakademien (in Schleswig-Holstein die „Inselakademie“ in der Dermatologie der Asklepsios-Nordseeklinik und die Fachklinik für Kinder und Jugendliche auf Sylt). Diese beinhaltet medizinische und psychologische Grundlagen (30 Stunden à 45 Minuten), eine Hospitation (10 Stunden à 45 Minuten) bei einer Neurodermitis-Schulung und eine Supervision (2 Stunden à 45 Minuten) einer Kinder- und Elternschulung bzw. Erwachsenenschulung.

Neben der Qualifikation sind ein interdisziplinäres Team qualifizierter Trainer für alle o. g. Bereiche sowie entsprechende Schulungsräume, Unterrichtsmaterialien und Schulungsmanual Voraussetzung für die Durchführung von Schulungen.

Neurodermitisschulungen in Schleswig-Holstein
Im Vergleich zu Asthma- und Diabetesschulungen werden in Schleswig-Holstein bisher nur vereinzelt Schulungen für Neurodermitispatienten bzw. Eltern betroffener Kinder durchge-führt. Im Sinne der tertiären Prävention wäre ein interdisziplinäres Schulungsnetz wünschenswert, das aufgrund der hohen Assoziation zu den atopischen Respirationserkrankungen eine Verzahnung mit den Asthmaschulungen einschließt. Voraussetzung für evidenzbasierte Schulungen sind die o. g. standardisierten Konzepte, die eine notwendige biometrische Aus-wertung erlauben und eine umfassende Versorgung der Patienten sichern.

Bei Fragen stehen Ihnen Kollegen, die nach den o. g. Konzepten Neurodermitisschulungen durchführen, gern zur Verfügung:

PD Dr. Regina Fölster-Holst, Inga Kreiselmaier, Viola Harde, Anne Lukas, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Tel. 0431/ 597-1579, -1512, Dr. Sibylle Scheewe, Fachklinik für Kinder-und Jugendliche der LVA, Sylt, Tel. 04651/8520, E-Mail fks.aerzte@t-online.de, Dr. Norbert Buhles, Dermatologie, Asklepios Nordseeklinik, Westerland/Sylt, Tel. 04651/841501

Für die Verfasser: PD Dr. Regina Fölster-Holst, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, UK S-H, Campus Kiel, Schittenhelmstr. 7, 24105 Kiel, Tel. 0431/597-1596, -1579, -1512, Fax 0431/597-5349, E-Mail rfoelsterholst@dermatology.uni-kiel.de


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2004

S. 68 - 70