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Konsensuspapier
Das Fibromyalgie Syndrom: Befunde, Symptome und Therapie
Pontus Harten, Matthias Apelt, Joachim Georgi, Martin Gleim, Konrad
Heinrichs, Kerstin Jepsen-Schiemann, Volker Lindner, Joerg Schneidereit,
Johann O. Schroeder
Einleitung
Die Prävalenz des Fibromyalgie-Syndroms (FMS) beträgt zwei
bis acht Prozent der erwachsenen Bevölkerung, betroffen sind zu 90
Prozent Frauen 33. Das Prädilektionsalter liegt
zwischen 30 bis 60 Lebensjahren, es wird jedoch zunehmend auch bei Kindern
diagnostiziert
6,10,61. Eine
familiäre Häufung (meist: Mutter-Tochter) ist belegt 41.
Die Inzidenz ist erhöht (6 bis 30 Prozent) bei Patienten mit Polyarthrose,
chronischem Rückenschmerz, Diabetes mellitus, Multipler Sklerose,
Rheumatoider Arthritis, Sjögren Syndrom, SLE (Systemischer Lupus
erythematodes), M. Crohn, Colitis ulcerosa, Endometriose, Hepatitis C-
und HIV-Infektion 10,18,23. Die Ursachen sind unklar.
Die FMS Symptome können hier zu Fehleinschätzungen mit konsekutiver
Übertherapie der Grunderkrankung führen.
Psychosoziale Faktoren können Entstehung und Verlauf des FMS beeinflussen,
bis zu 70 Prozent der Patienten geben anamnestische oder aktuelle psychische
oder physische Traumata an. Psychische Traumatisierungen (körperliche
Ge-walt, sexueller Missbrauch) gelten als Prädilektionsfaktoren,
der Zusammenhang von physischen Traumata (z. B. Unfällen) mit der
Entwicklung eines FMS ist nicht eindeutig belegt 2,12,23.
Volkswirtschaft
Die volkswirtschaftliche Belastung durch das FMS ist enorm: Nach neueren
US-amerikanischen Untersuchungen betragen die direkten Kosten (vor allem
Medikamente und Arztbesuche) pro Patient und Jahr 5 945 US Dollar 11,48.
Nicht darin enthalten sind Positionen wie Arbeitsausfall, Ausgleichszahlungen,
Operationen, Krankengymnastik und Psychotherapie. Ohne Berücksichtigung
der eingeschränkten Übertragbarkeit dieser Daten wären
das für Deutschland umgerechnete Jahres-Gesamtkosten (inkl. der indirekten
Kosten = zwei-drei mal direkte Kosten) von ca. 7,8-31,2 Milliarden EUR.
Eine neuere deutsche Multicenter-Studie zeigte, dass 81 Prozent der FMS-Patienten
fortlaufend physikalische Anwendungen und 41 Prozent Psychotherapien durchführen
36.
Pathogenese
Die Pathogenese des FMS ist unklar. Bei den Patienten wird reproduzierbar
eine pathologische zentralnervöse Schmerzverarbeitung unter Einbeziehung
neuroendokrinologischer Regulationsmechanismen und eine verminderte periphere
Schmerzschwelle nachgewiesen 14,18,61.
Eine zentrale Rolle scheint ein gestörter Serotonin-Metabolismus
zu spielen. Durch Blockade der Serotonin-Synthese mittels p-Chlorphenylalanin
können FMS-Symptome induziert werden 52. Serum-
und Liquoranalysen von FMS-Patienten zeigen pathologisch niedrige Konzentrationen
von Parametern des Serotonin-Metabolismus (Melatonin, Tryptophan, 24 h
5-Hydroxyindolessigsäure-Ausscheidung) 18,25,51.
Letztlich ist jedoch noch nicht klar, ob diese Veränderungen Ursache
oder Folge des FMS darstellen.
Die Konzentration
des Schmerzmediators Substanz P ist im Liquor bis zu 3-fach gegenüber
Gesunden erhöht 50. Substanz P stimuliert die
Synthese von IL-8 (fördert Schmerz) und IL-6 (vermittelt Hyperalgesie,
Abgeschlagenheit und Depression). Im Überstand von mononukleären
Zellen wurde eine mit der Zeitdauer der FMS korrelierende Überproduktion
von IL-1 Rezeptorantikörpern, IL-8 und IL-6, nachgewiesen 62.
In Muskelbiopsien
nachgewiesene Veränderungen wie rubber- (oder taut-)band-Struktur,
moth-eaten- und ragged red-Muskelfibrillen, mitochondriale
Proliferationen, verdickte Kapillarendothelien, verminderte Perfusion
und reduzierter ATP-Gehalt (Adenosin-Triphosphat) stellen am ehesten die
Folge einer lokalen Hypoxie (schmerzbedingte Immobilität?) dar 5.
Symptome
und Diagnostik
Symptome
Leitsymptom sind multilokuläre Schmerzen. Die Schmerzgeneralisierung
beginnt häufig in der paravertebralen Muskulatur 10.
FMS-Patienten werden drei bis fünf mal häufiger als die Normalbevölkerung
operiert (meist: Wirbelsäule, Knie, Unterleib) 10,58.
Kopf- und Gesichtsschmerzen werden von bis zu 85 Prozent der Patienten
angegeben, nicht selten liegt ein zahnärztlich behandelbarer Bruxismus
vor. Zu Verwechslungen mit inflammatorisch rheumatolo-gischen Erkrankungen
kann das Schwellungsgefühl von Fingern und Füßen führen.
Die meisten Patienten leiden unter vegetativen/funktionellen Symptomen
wie Hypotonie, Schweißneigung, nicht erholsamer Schlaf, Abgeschlagenheit,
Morgensteife, Kälteintoleranz, Trockenheit der Schleimhäute,
Raynaud-Phänomen, Reizdarm und -blase, Herzpalpitationen, Par- und
Dysästhesien und Restless Legs Syndrom 10,18,61,65.
Die vegetativen Symptome können stärker beeinträchtigen
als die Schmerzen selbst. Depressionen und Angsterkrankungen finden sich
je nach Autor und Diagnosekriterien bei bis zu 60 Prozent der Patienten.
Andere psychiatrische Diagnosen werden nicht gehäuft nachgewiesen
15.
Diagnostik
Rheumatologische Erkrankungen wie Kollagenosen, Rheumatoide Arthritis,
Morbus Bechterew, Polymyalgia Rheumatica und Vaskulitiden, Sarkoidose,
Myopathien sowie metabolische und endokrinologische Störungen sollten
ausgeschlossen werden.
Die Diagnose erfolgt
anhand der 1990 publizierten Kriterien des American College of Rheumatology
65 (s. Tab. 1). Die Tender Punkte sollen mit vier
kp/cm2 gedrückt werden. Das entspricht etwa einem Druck bis zur Weißfärbung
des Fingernagels. Die Tender Punkte befinden sich meist an Sehnen/Muskelübergängen,
Blutperfusion und Hauttemperatur sind dort vermindert 28,30.
Außer der Ganzkörperuntersuchung ist eine detaillierte psychosoziale
Anamnese notwendig. Bei Auffälligkeiten sollte durch eine psychiatrische
Abklärung ergänzt werden.
Spezifische Laborauffälligkeiten
fehlen. Labortechnisch genügt zunächst die Kontrolle von BSG
(Blutsenkungsgeschwindigkeit), CRP (C-reaktives Protein), Elektrolyten,
Differenzial-Blutbild, TSH (Thyroid stimulierendes Hormon), Rheumafaktoren,
ANA (antinukleäre Antikörper) und CK (Creatinkinase). Niedrige
ANA ohne Subtypen treten bei bis zu 30 Prozent der FMS-Patienten auf und
sollten zunächst zur weiteren Diagnostik führen 3.
Die kostenintensiven
Liquor- oder Serum-Analysen auf Serotonin, Substanz P oder anti-Serotonin-Antikörper
besitzen weder diagnostische noch therapeutische Relevanz. Sie sind daher
wissenschaftlichen Fragestellungen vorbehalten 31.
Prognose,
Begutachtung und Verlaufsparameter
Prognose
In der Regel muss von einem jahre- oder jahrzehntelangen Verlauf ausgegangen
werden. Jugendliche Patienten besitzen nach ersten Studien eine günstigere
Prognose 35. Langzeitbeobachtungen mit adulten Patienten
im ambulanten Bereich zeigen günstige Einflüsse von Frühdiagnose
und -therapie (nach zwei Jahren erfüllten nur noch 50 Prozent die
FMS-Kriterien) 17,21. Patienten mit später
Diagnose und psychischen/physischen Traumata in der Vorgeschichte weisen
ungünstigere Verläufe auf und werden gehäuft in spezialisierten
Zentren vorgestellt 18,64. Eine große Langzeitstudie
zeigte ein Nachlassen der Beschwerden nach dem 65. Lebensjahr 29.
Begutachtung und
Verlaufsparameter
Hier sei auf entsprechende Fachartikel verwiesen 45,54.
Wie bei anderen Schmerzerkrankungen ist bei der Einschätzung des
Grades der Behinderung die Objektivierung von Schmerzen das Hauptproblem.
Als Messinstrumente können visuelle Analogskalen, Dolorimeter und
Tender Point-Score, für die Einschränkung der funktionellen
Aktivität und vegetativer Symptome der für Deutschland validierte
Fibromyalgia Impact Questionnaire (FIQ) herangezogen werden 40.
Bei FMS ist in der Regel von halb- bis vollschichtiger Arbeitsfähigkeit
für leichte und mittelschwere Arbeiten auszugehen. Erwerbsunfähigkeit
kann bei schwerer psychiatrischer Komorbidität eintreten 6,46.
Therapie:
Allgemeines Vorgehen, medikamentös und nicht medikamentös
Allgemeines
Vorgehen
Patienten mit FMS weisen vor Diagnosestellung häufig eine Vielzahl
von Arztbesuchen, Abklärungs- und Therapieversuchen auf. Dieses nimmt
nach Diagnosestellung ab 63. Der Patient gibt häufig
Erleichterung an, er kann sich auf die Besserung der FMS-Symptome konzentrieren
und nicht auf die Suche nach einer Diagnose 18,63.
In der Regel erfolgt
die FMS-Therapie ambulant. Die kontinuierliche, vertrauensvolle und akzeptierende
Arztbetreuung ist dabei die Voraussetzung für eine effektive und
Kosten sparende Therapie 10,62. Das einfühlsame,
schulende und steuernde Arztgespräch trägt entscheidend zur
Vermeidung von überflüssigen Untersuchungen und Maßnahmen
bei. Es trägt zur Abwehr des überhöhten Leistungsanspruchs
und der Überlastungsneigung der Patienten bei und stützt das
individuelle psychosoziale System. Aufgrund der Vielfalt der Beschwerden
und der damit verbundenen Patientenängste ist der ärztliche
Zeitaufwand erheblich, eine adäquate Vergütung ist zu fordern.
Die Zunahme von ärztlichen Spezialisierungen auf die Betreuung von
FMS-Patienten ist wünschenswert. Stationäre Behandlungsmaßnahmen
sind bei psychosozialer Dekompensation mit aktuellem oder sich abzeichnendem
Verlust der Alltagsfunktionalität indiziert. Sie können in Einzelfallen
als akute Krisenintervention eingesetzt werden und sollten ausschließlich
in auf FMS spezialisierte Zentren durchgeführt werden (s. Abb. 1).
Medikamentöse
Therapie
Antidepressiva
Basis der
medikamentösen Therapie sind niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva.
Hier liegen für Amitriptylin (10-50 mg) und dem verwandten Cyclobenzaprin
(nur über internationale Apotheke) vor. Die eingesetzten Dosierungen
wirken nicht antidepressiv. Je nach Autor werden Ansprechraten zwischen
20 und 70 Prozent erzielt. Besonders Schlaf und Schmerzen werden positiv
beeinflusst 32,49. Diese Resultate werden durch
Meta-Analysen gestützt 4,38,49. Selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer
wie Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin und Cipramil wirkten in kleinen Studien
mit kurzer Nachbeobachtung dosisabhängig eher auf vegetative Begleitsymptome
und Abgeschlagenheit als auf die Schmerzintensität 4.
Gleiches gilt für das serotoninerge/noradrenerge Venlafaxin 66.
Kombinationen von Fluoxetin mit Amitryptilin steigern den Effekt, erhöhen
aber die Nebenwirkungsrate. Andere Antidepressiva wie Mirtazapin, Trimipramin,
Opipramol oder Trazodon können im Einzelfall empfehlenswert sein.
Für diese Substanzen liegen jedoch keine Studien mit FMS Patienten
vor.
Analgetika
Für die feste Kombination von Paracetamol mit Tramadol (325 mg/37,5
mg, 4 + 1,8 Tabletten/d) wurde kürzlich in einer randomisierten,
placebokontrollierten Studie (n = 313) ein moderater, jedoch statistisch
signifikanter analgetischer Effekt gezeigt 8. Zwei
randomisierte und kontrollierte Studien mit Tramadol als Monotherapie
aus 1997/1998 wurden bisher nicht offiziell publiziert 33.
Morphin war in kleinen Untersuchungen nicht bzw. nur unsicher effektiv
53. Für Naproxen und Ibuprofen konnte keine
signifikante analgetische Wirkung belegt werden 32,33.
Für die häufig eingesetzten Flupirtin und Tolperison existieren
keine FMS-Studien. Lidocain wirkt zeitlich begrenzt bei lokaler Injektion
in die Tender Punkt Region, bei systemischer Applikation lagen die kardiovaskulären
Nebenwirkungen in einer Beobachtungstudie mit 101 Patienten bei über
20 Prozent 44. Erste kleinere, teilweise randomisierte
Studien mit dem N-Methyl-d-Aspartat-Antagonisten Ketamin erbrachten viel
versprechende Ergebnisse 22,53. Die Substanz ist
ausschließlich parenteral zu applizieren, das Nebenwirkungsprofil
risikoreich.
Insgesamt ist die
analgetische medikamentöse Therapie oft frustran. Opiate/Opioide
sollten wegen des bekannten Nebenwirkungsprofils bei unsicherer Wirkung
und der nicht selten beobachteten Tendenz zur zügigen Dosissteigerung
bei FMS mit Zurückhaltung eingesetzt werden.
Schlafmittel
Kurze Beobachtungsstudien (meist nur Tage) zeigen für Alprazolam,
Bromazepam, Zopiclon und Zolpidem eine subjektive Linderung der Schlafstörungen.
Abhängigkeitspotenzial und potenzielle Störung der Schlafarchitektur
sollten den Einsatz auf akute Interventionen limitieren 33,49.
Serotonin-Rezeptorantagonisten
Serotonin-Rezeptor-3-Antagonisten besitzen antiemetische, analgetische
und anxiolytische Wirkungen. In einer multizentrischen, randomisierten
und kontrollierten Studie (n = 418) konnte für 39 Prozent der FMS-Patienten
eine milde Schmerzlinderung von -13,9 Prozent (visuelle Analogskala) durch
perorales Tropisetron (5 mg, 10 Tage) nachgewiesen werden 16.
Eine verbesserte Wirkung durch parenterale Applikation ist nicht belegt,
FMS-Patienten mit Depressionen sprechen offensichtlich weniger an. Der
Serotonin-Rezeptor-3-Antagonist Alosetron wurde kürzlich in den USA
wegen letaler Nebenwirkungen strikt reglementiert. Tropisetron sollte
derzeit nur innerhalb von kontrollierten Studien eingesetzt werden, der
Hersteller hat seine Bemühungen um eine FMS-Zulassung eingestellt.
Glukocorticoide
Prednisolon wirkt nicht bzw. nur kurzzeitig 32,33.
Es besitzt euphorisierende und schmerzmodulatorische Eigenschaften und
kann die Fixierung des Patienten auf eine vermeintliche inflammatorische
Erkrankung unterstützen.
Nicht
medikamentöse Therapie
Physiotherapie
Muskelkraft, aerobe Fitness und Spitzen-Sauerstoff Aufnahme sind bei FMS-Patienten
gegenüber gesunden Kontrollpersonen deutlich erniedrigt 26.
Eine Reihe von Untersuchungen zeigte signifikante Verbesserungen von Schmerz,
Schlafqualität, Tender Point-Anzahl und physischer Belastbarkeit
durch die regelmäßige Durchführung leichter Sportarten
bzw. Gymnastik 42,49. Auch Arbeitsunfähigkeitstage
wurden reduziert.
Diese Resultate wurden
durch ein Cochrane-Review bestätigt 9. In skandinavischen
Studien waren noch zwei Jahre nach Wassergymnastik günstige Effekte
auf Schmerzen und vegetative Beschwerden nachweisbar 1,27,34.
Entscheidend ist ein individuell angepasstes Übungsprogramm, das
der Balance zwischen Über- und Unterforderung gerecht wird.
Verhaltenstherapie
Verhaltenstherapeutische Maßnahmen spielen im Gesamtbehandlungskonzept
eine große Rolle. Bedeutsam sind Stressabbau, Bearbeitung psychosozialer
Belastungen und Traumata, Stärkung des Abgrenzungsvermögens,
Abkehr von einem perfektionistisch überhöhten Leistungsanspruch,
Sensibilisierung der Körperwahrnehmung, Steigerung des Entspannungsvermögens
und Motivation zu körperlicher und sozialer Aktivität. Empfohlen
wird das Erlernen eines Entspannungsverfahrens, z. B. der Progressiven
Muskelrelaxation nach Jakobson. Günstige Effekte auf Schmerzen, vegetative
Symptome, Schlafqualität, Schmerzmittelbedarf und Häufigkeit
von Arztbesuchen wurden in multiplen Studien nachgewiesen 18,19,20,59,60.
Meta-Analysen bestätigen dieses 49. Untersuchungen
mit psychoanalytischen Therapieverfahren sind bisher nicht publiziert.
Wärme- und
Kältetherapie
Ganzkörper-Tiefenwärme (40-60 Grad) wird von FMS-Patienten
als schmerzlindernd und entspannend für Muskel- und Sehnengewebe
empfunden. Gleiches gilt für die Therapie in Kältekammern (-60
bis -110 Grad) 39.
Akupunktur
Für Akupunktur liegen multiple Observationsstudien mit überwiegend
positivem Resultat vor. Placebokontrollierte Akupunkturstudien sind kaum
valide durchführbar. In neueren Untersuchungen wurde parallel zur
Abnahme von Schmerzlevel und Tender-Punkt-Score ein Anstieg der Serotinin-Konzentation
im Serum von FMS-Patienten gezeigt, die Mikrozirkulation im Bereich der
Tender Punkte stieg an 55,56. Auf Basis der verfügbaren
Literatur wurde Akupunktur von den National Health Institutes (USA) als
flankierende Maßnahme bei FMS empfohlen 37.
Operative Therapie
Operative Maßnahmen zur Therapie des FMS entbehren sowohl wissenschaftlicher
Grundlagen als auch entsprechenden Publikationen. Es sollte abgeraten
werden.
Multimodale interdisziplinäre
Therapiekonzepte
Hierbei werden individualisiert Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren,
Verhaltenstherapie und Patentenschulung eingesetzt. Ein hohes Maß
an ärztlichem Engagement und Patientenmotivation ist erforderlich.
Multimodale Therapieprogramme zeigen derzeit die höchsten Erfolgsraten.
Laut Literatur profitieren bis zu 70 Prozent der untersuchten Patienten,
gemessen an Erfolgskriterien wie Schmerzreduktion, Zahl der Tender Punkte,
vegetative Symptome und Abnahme der Inanspruchnahme des Gesundheitssystems
7,47. In einer neueren US-amerikanischen Studie
mit über 100 FMS-Patienten waren therapeutische Effekte noch nach
zwei Jahren gegenüber der unbehandelten Kontrollgruppe nachweisbar7.
Eine Meta-Analyse von 49 FMS-Therapiestudien belegt multimodale Therapiekonzepte
als die FMS-Therapie der Wahl 49.
Ausblick
Kürzlich wurden analgetische Effekte durch den für M. Parkinson
zugelassenen Dopamin-3-Rezeptoragonist Pramipexol und für Milnacipran,
einem anxiolytischer Noradrenalin-/Serotonin-Reuptakehemmer mit NMDA-Antagonismus
(N-Methyl-D-Aspartat), gezeigt 43. In der bisher
größten (n = 529) placebokontrollierten FMS-Therapiestudie
wurde für das Gabapentin-ähnliche Pregabalin bei 29 Prozent
der Patienten eine 50-prozentige Schmerzlinderung gezeigt13. Die Zulassung
wird in den USA noch für 2004 erwartet.
Zusammenfassung
Das Fibromyalgie Syndrom ist eine häufige Schmerzerkrankung,
sie geht mit multiplen vegetativen und funktionellen Symptomen einher.
Die volkswirtschaftlichen Kosten sind erheblich. Die Pathogenese ist unklar,
das Serotoninsystem erscheint in wesentlichen Komponenten gestört.
Frühdiagnose und -therapie beeinflussen die Prognose günstig,
psychische/physische Traumata und psychiatrische Komorbidität ungünstig.
Evidenzbasierte Therapiekomponenten sind trizyklische Antidepressiva,
konsequentes physikalisches Training/Gymnastik und Verhaltenstherapie.
Moderne multidisziplinäre Therapiekonzepte kombinieren diese Komponenten
individualisiert und zeigen die bisher höchsten Ansprech- und Erfolgsraten.
Sie sollten daher angestrebt und unterstützt werden. Ein FMS-Modellprojekt
für Schleswig-Holstein befindet sich derzeit in Planung, eine Publikation
folgt in Kürze.
Literatur und Anhang
(Thema: Schmerzbewältigung) bei Dr. Pontus Harten
Dr. Pontus Harten,
Sophienblatt l, 24103 Kiel, Dr. Matthias Apelt, Brüggerer Chaussee
23, 24582 Wattenbek, Dr. Joachim Georgi, Ostseeklinik Damp, Postfach 20
00, 24349 Damp, PD Dr. Martin Gleim, Klinik f. Anästhesiologie u.
operative Intensivmedizin, UK S-H, Campus Kiel, Schwanenweg 21, 24106
Kiel, Dr. Konrad Heinrichs, Rheumaklinik Bad Bramstedt, Oskar-Alexander-Str.
26, 24576 Bad Bramstedt, Dr. Kerstin Jepsen-Schiemann, Am Hang l, 24955
Harrislee, Dr. Volker Lindner, Klinik f. Neurologie im Zentrum f. Nervenheilkunde,
UK S-H, Campus Kiel, Niemannsweg 147, 24105 Kiel, Dr. Joerg Schneidereit,
Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Schleswig-Holstein, Jägersberg
23, 24105 Kiel, Prof. Dr. Johann Oltmann Schröder, Rheuma-Ambulanz,
II Medizinische Klinik und Poliklinik, UK S-H, Campus Kiel, Chemnitzstr.
33, 24116 Kiel
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2004
S. 61 - 66
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