zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis

Unsere Nachbarn

Komplettpauschale
Effizientere Patientenversorgung?

Allgemeinärzte (v. l. n. r.): Dr. Eckhard von Bock und Klaus Schäfer (Fotos: di)

Die Hamburger Medi Convent GmbH bietet Krankenversicherungen an, gegen eine Komplettpauschale die gesamte medizinische Versorgung ihrer Versicherten zu steuern. Ärzte aus der Hansestadt glauben, bei diesem Modell die Patientenversorgung effektiver gestalten zu können.

Vom verhaltenen Andrang bei der Präsentation des Medi Convent Modells am 22. September in Hamburg ließen sich die Verantwortlichen nicht schrecken. Rund 1 000 Ärzte aus Schleswig-Holstein, so hofft Medi Convent-Geschäftsführerin Bärbel Kraus, werden sich in den kommenden Jahren von der Idee überzeugen lassen. Mit dabei sind etwa Allgemeinarzt Klaus Schäfer und sein Kollege Dr. Eckhard von Bock, die zusammen mit dem Vorstandschef der BKK Gruner & Jahr, Rainer Tietz, bei der Vorstellung für das Modell warben.

Sie sehen die Komplettpauschale als Alternative zum derzeitigen System, weil es in ihren Augen eine deutlich wirtschaftlichere Patientenversorgung ohne Qualitätsabstriche ermöglicht. So soll das Modell funktionieren: Versicherte von Krankenkassen, die einen entsprechenden Vertrag mit Medi Convent unterzeichnet haben (derzeit ist dies nur die BKK Gruner & Jahr) können sich per Formular für das Modell einschreiben. Diese Formulare erhalten sie zum Beispiel in den Praxen der Ärzte, die von der Idee überzeugt sind. Für jeden eingeschriebenen Patienten erhält Medi Convent von der Krankenkasse eine Jahrespauschale von rund 1 500 EUR. Mit dieser Summe sind bis auf wenige Ausnahmen wie etwa Auslandsbehandlungen, Dialyse oder Flugrettung alle anfallenden GKV-Leistungen für diese Patienten abgegolten. Das heißt: Für ärztliche Behandlungen, stationäre Aufenthalte oder Arzneimittel übernimmt nicht die Krankenkasse, sondern Medi Convent die Kosten.

Die Leistungserbringer rechnen also nicht mehr mit KV oder Krankenkasse, sondern mit Medi Convent ab. Niedergelassene Ärzte erhalten bei Medi Convent den einfachen GOÄ-Satz, Preise der Kliniken sind Verhandlungssache. Ob Leistungen bei diesem Modell besser und schlechter als im herkömmlichen System bezahlt werden, ist also unklar - dies hängt zum Beispiel bei den niedergelassenen Ärzten von den jeweiligen Punktwerten im GKV-System ab. Die Krankenkasse, die eine Komplettpauschale an Medi Convent überweist, bereinigt im Gegenzug ihre an die Kassenärztliche Vereinigung gezahlte Gesamtvergütung - sie zahlt für die eingeschriebenen Versicherten also keine Kopfpauschale mehr.

Schäfer und von Bock erwarten, dass die beteiligten Ärzte bei diesem Modell ihre Patienten stärker als bislang steuern werden und damit zum Beispiel Doppeluntersuchungen vermeiden. Auch die sektorale Trennung wird nach ihrer Überzeugung durch die Komplettpauschale überwunden. Trotz der Steuerungsmöglichkeiten der Ärzte bleibt das Morbiditätsrisiko: Wenn sich zu viele Versicherte einschreiben, die hohe Kosten verursachen, wird Medi Convent nicht mit der Pauschale auskommen. Für die Versicherten wird keine Gesundheitsuntersuchung fällig, auch die freie Arztwahl soll nicht eingeschränkt werden. Um eine ausgewogene Risikostreuung unter den eingeschriebenen Versicherten zu erreichen, ist nach Erfahrungen etwa in der Schweiz mindestens eine vierstellige Versichertenzahl notwendig. Das vergleichsweise hohe Risiko in der Startphase hat deshalb Gruner & Jahr übernommen. Medi Convent steht nach eigener Aussage auch mit anderen Kassen in Verhandlungen. (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2004

S. 60