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Medizin und Wissenschaft
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Ein neues Konzept
zur knochengeführten, prothetischen Versorgung von Oberschenkel amputierten
Patienten
Einführung
Mit der hier vorgestellten,
knochengeführten und am distalen Oberschenkelstumpf aus den Weichteilen
ausgeleiteten Femurprothese ist eine dramatische Verbesserung sowohl des
objektivierbaren Gangbildes als auch des subjektiven Patientenkomforts
möglich. Es wurde hierzu von der Fa. ESKA in Lübeck eine unzementiert
zu implantierende Stielprothese mit spongiös konfigurierter Relief-oberfläche
entwickelt, welche eine sichere Osseointegration im Femurschaft gewährleistet
(Abb. 2). Die erwarteten Probleme an der Grenzzone zwischen Weichteilmantel
und Stielprothese an deren Austrittspunkt am distalen Oberschenkelstumpf
können dabei aufgrund der bisher gemachten Erfahrungen als beherrschbar
angesehen werden. Es wird über fünf Patienten, welche bis dato
mit dieser neuartigen Prothese versorgt wurden, berichtet, Implantatdesign,
Operationsverfahren und die postoperativen Ergebnisse werden vorgestellt.
Implantatdesign Nunmehr 25 Jahre umfassender
Erfahrung der Fa. ESKA Implants hinsichtlich der Osseointegration zementfrei
zu implantierender Hüft- und Knieendoprothesen haben dabei angesichts
der zu erwartenden, extrem hohen Wechsellasten am Prothesenstiel einer
von distal einzubringenden Femurprothese ausschließlich an die Entwicklung
eines Implantates mit spongiös konfigurierter Reliefoberfläche
denken lassen. Das histologisch nachweisbare Einwachsen der Osteophyten
in die spongiosaforme Oberfläche des Implantates kann bei ausreichender
Kontaktfläche eine dauerhafte Verankerung desselben garantieren (Abb.
3).
Mit Hinblick auf die
umfassenden Erfahrungen aus der Zahnwurzelimplantologie und auch der Anwendung
des Fixateur externe bestand von Beginn an begründete Hoffnung auf
die Möglichkeit der Beherrschung der Grenzzonenproblematik. Der anfänglich
befürchteten, gewissermaßen gesetzmäßig eintretenden,
aufsteigenden Infektion, ausgehend vom Durchtritt des Implantates durch
den Weichteilmantel entlang des Prothesenschaftes in Richtung des Knochens
konnte bis dato mittels einer aus drei Komponenten gefertigten Prothese
wirkungsvoll begegnet werden. Die drei Komponenten bestehen aus dem eigentlichen
Femurimplantat, dem andockbaren Mittelteil, ebenfalls mit spongiös
konfigurierter Reliefoberfläche versehen, sowie dem die Weichteile
penetrierenden Exomodul mit glatter Oberfläche, an welches dann schließlich
die Knie-Unterschenkelprothese angeschlossen werden kann (Abb. 4).
Operationsverfahren Dadurch werden die
Ränder des Weichteilstomas eng über den glatten Schaft der Exokomponente
geführt, Relativbewegungen des Haut-Unterhautmantels gegenüber
der Schaftachse des Implantates bleiben möglich, der Blutverlust
dieses Eingriffs ist minimal (Abb. 6). Nach klinisch, laborchemisch
und röntgenologisch kontrollierter Konsolidierung der Weichteile
bzw. des Knochens, kann nach etwa vier Wochen mit einer Teilbelastung
der Prothese begonnen werden, Vollbelastung und sicherer Gang wurden bei
absolut komplikationsfreiem Verlauf der beiden zuletzt operierten Patienten
jeweils sechs Wochen post operationem erreicht (Abb. 7).
Ergebnisse Vier der fünf
implantierten Prothesen befinden sich in situ, die anfängliche Weichteilproblematik
konnte durch Änderung des Implantatdesigns bei den beiden zuletzt
implantierten Patienten vollständig vermieden werden. Die zweitimplantierte
Prothese wurde bei chronifizierender Weichteilinfektion im Stumpfbereich
andernorts ca. sechs Monate nach Erstoperation entfernt, eine nachgewiesene
Lockerung bzw. Infektion der Endoprothese selbst lag zu diesem Zeitpunkt
nicht vor. Patient eins und drei wiesen bei anfänglich verwendeten
Silicon- und Titanmeshbauteilen ebenfalls chronifizierende Weichteilprobleme
im Stumpfbereich auf. Nach Korrektur dieser Bauteile im austauschbaren
Mittelteil der Implantate einschließlich aufwändiger, mikrochirurgischer
Weichteilrekonstruktion bei Patient eins ist es gelungen, diese Situation
zu beherrschen, beide Patienten sind mittlerweile mit einer Mikroprozessor
gestützten Unterschenkelprothese versorgt, Patientin drei allerdings
bedarf wg. einer neuerlichen Weichteilproblematik im Bereich des Stomas
derzeit einer stationären, chirurgischen Behandlung, Hinweise für
eine Mitbeteiligung des Knochens fanden sich dabei aber erfreulicherweise
nicht.
Patient vier und fünf
wurden im Herbst 2003 in der eben genannten Weise versorgt, nennenswerte,
implantat-immanente Komplikationen sind bisher nicht eingetreten, Patient
vier erlitt allerdings bei einem Sturz während seiner Arbeit als
Azubi ca. vier Monate nach Beginn mit der Vollbelastung eine pertrochantäre
Femurfraktur, die, mittels dynamischer Hüftschraube versorgt, folgenlos
ausheilte (Abb. 8). Filmdokumentierte
Gangbilder dieser Patienten auf dem Laufband zeigen den flüssigen,
sicheren Bewegungsablauf der Probanden, sowohl bei Steigung als auch Neigung
der Lauffläche, auf Hilfsmittel wie Unterarmstützen o. Ä.
können alle vier Patienten verzichten (Abb. 9). Die tägliche
Hygiene wird von allen Probanden als unkompliziert angesehen, die Verwendung
von Wasser und Seife sowie Duschbäder auch des prothesenversorgten
Stumpfes sind ausdrücklich erwünscht.
Ausblick Weltweit sind in vergleichbarer
Weise bisher knapp 100 Patienten versorgt worden. Basierend auf der Pionierarbeit
von Branemark/Göteborg wurden im dortigen Zentrum für orthopädische
Osseointegration am Sahlgrenska Universitätshospital in Göteborg
seit 1999 ca. 80 Patienten operiert, 14 weitere Patienten im Queen Marys
Hospital in London sowie zwei Patienten im Alfred Hospital in Melbourne.
Der Autor konnte sich von den eindrucksvollen Ergebnissen anlässlich
des 11. Weltkongresses der Internationalen Gesellschaft für Prothetik
und Orthotik (ISPO) in Hongkong in der Zeit vom 1.-6. August dieses Jahres
selbst überzeugen, wie auch die Präsentation der hier in Lübeck
behandelten Fälle die ungeteilte Aufmerksamkeit der mit dieser Thematik
befassten Kongressteilnehmer auf sich zog. Weitere osseointegrierte Implantate
für Tibia, Humerus sowie die Fingerknochen sind bereits in der klinischen
Erprobung. Der Autor sieht das
geschilderte Verfahren als richtungsweisende Alternative zur Stumpf umfassenden
Hülsenprothese nach Oberschenkelamputation an, weitere Ergebnisse
werden mitgeteilt. Literatur bei den
Verfassern Für die Verfasser: Dr. Horst Aschoff, Klinik f. Plastische und Handchirurgie, Sana Kliniken Lübeck, Kronsforder Allee 71-73, 23560 Lübeck |
Schleswig-Holsteinisches
S. 56 - 59 |
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