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Kammer-Info aktuell

Gesundheitsmarkt
Friedrich Walter

Wir leben in einer wunderbaren Zeit der progressiven Gesundheitspolitik. Man spricht nicht mehr von Medizin und kranken Menschen, nein, das ist super-mega-out. Es geht inzwischen um einen Gesundheits- und Wellnessmarkt, den es zu erschließen gilt. Nichts ist in den Zeiten des Zusammenbruchs eines Staates wichtiger, als Kunst, Kultur (oder das, was man dafür hält) und Wellness. Die Gesundheitsdefinition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) ist ein 100-prozentiges Rundum-Wohlbefinden über 24 Stunden. Darauf habe ich schließlich einen Anspruch, so sagt man mir. Natürlich sind wir nicht selbst dafür verantwortlich, sondern der Staat und die Medizin- und Pharmaindustrie haben dafür zu sorgen. Wehe, es nimmt jemand Anstoß an meiner ungesunden Lebensführung. Ich sorge mit meinem Konsum ja schließlich für Staatseinnahmen über die Alkohol- und Tabaksteuer. Nein, nein, so darf man mir nicht kommen. Wozu gibt es die vielen Gesundheitsexperten und Dienstleister, die von mir bezahlt werden. Ich bin Kunde und damit König. Apropos Experte: Ein bisschen komisch kommt es mir schon manchmal vor, wie viele Experten es heutzutage auf allen Gebieten gibt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass etliche Diletanten darunter sind. Früher gab es auch Experten, aber nicht so viele. Dafür konnten sie mehr. Da die heutigen Experten nicht mehr so viel können, rotten sie sich zusammen und treten immer in Rudeln auf, um ihr Wissen zu vereinigen. Diese Rudel nennt man dann Kommissionen. Zusammen wissen sie dann so viel, wie ein Experte vor dreißig Jahren.

Neulich hat sich doch mein Hausarzt tatsächlich über diese Entwicklung zum Experten gesteuerten Dienstleister beschwert. Der ist wohl nicht bei Trost. Schließlich bezahle ich mit meinen Beiträgen seine Praxis, seinen Mercedes, sein Privathaus und seine Urlaube. Dafür habe ich das Recht, ihn Tag und Nacht bei jedem Missempfinden in Anspruch zu nehmen. Manchmal denke ich, mein Hausarzt ist ein Zyniker. Man weiß bei ihm oft nicht, ob er es ernst meint oder ob er einen veralbert. Neulich verbeugte er sich devot vor mir und fragte: „Wie hätten wir es denn heute gerne, Herr Kunde. Gerade heute kann ich Ihnen als Auslaufmodell ein kompaktes allinclusive Gesundheits- und Wellness Paket mit Familienrabatt zum Last-Minute Preis im Rahmen des Med-Sommer-Schluss-Verkaufs anbieten. Die neuen Produkte der Herbst-Kollektion werden nächste Woche auf der Inter-Medica vorgestellt, sodass wir unsere Lager räumen müssen. Man muss mit der Zeit gehen, denn man weiß ja, jeder der nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Eigentlich war ich früher nie ein Mensch, der immer am Puls der Zeit sein musste, denn als Arzt hasse ich Herzrhythmusstörungen. Meiner Ansicht nach befindet sich unsere Gesellschaft in der Spätphase des Kammerflatterns, danach kommt erfahrungsgemäß das Kammerflimmern und dann der Exitus. Aber was soll man machen, das sind halt die Sachzwänge. Man will ja schließlich überleben. Das wichtigste ist heute nicht mehr die Medizin, sondern zeitgemäße Praxis-Management- und Marketingkonzepte und Verkaufsstrategien auf der Basis der Analyse des Kundenverhaltens. Ach so, haben sie den Fragebogen der letzten Woche schon ausgefüllt? Nein? Sie Böser, Sie. Wie soll ich denn dann mein Dienstleistungskonzept für die Saison 2004 erstellen und ausarbeiten?“

Hat der das nun alles ernst gemeint oder hat er mich verarscht? Ich weiß es wirklich nicht. Aber was soll’s. Hauptsache ist, er macht was ich will. Das einzige, was mich dann noch irritierte, war sein Abschiedsgruß. Er sagte: „Leben Sie well!“

Dr. Friedrich Walter, Bahnhofstr. 44, 24601 Wankendorf


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2004

S. 34