Adipositas
Werner Loosen
(Fotos: BilderBox)
Jeder zweite Erwachsene
in Deutschland ist übergewichtig, auch viele Kinder und Jugendliche
schleppen sich mit massiven Essstörungen herum, jedes fünfte
Kind gilt als zu dick. Gründe für diese missliche Situation
zu finden, ist sowohl einfach als auch ganz schwierig - je nach Standpunkt
und wissenschaftlicher Ausbildung. Jetzt scheint für solche Überlegungen
Unterstützung aus Kiel zu kommen.
Zunächst aber
Grundsätzliches vorweg: Übergewicht definiert sich nach dem
so genannten Body Mass Index (BMI), also: Körpergewicht in Kilogramm
geteilt durch Körpergröße im Meter zum Quadrat. Demnach
hat ein 1,70 Meter großer Mensch mit einem Gewicht von 70 Kilo einen
BMI von 25. Ein BMI unter 20 tendiert zum Untergewicht, 18 bis 25 heißt
normal, bis 30 heißt übergewichtig, mehr als 30 bedeutet: muss
medizinisch behandelt werden. Von Fettsucht spricht der Fachmann bei mehr
als 40. Statistiken zufolge hat sich die Anzahl der fettsüchtigen
Menschen in den Industrieländern in den letzten 20 Jahren verdoppelt.
Adipositas ist zu einer Volkskrankheit geworden - kein Wunder, dass die
Weltgesundheitsorganisation Übergewicht in diesem Jahr als größtes
vernachlässigtes Gesundheitsproblem genannt hat. Es habe Unterernährung
und Infektion als Hauptursache von Krankheiten überholt.
Wenig absolute
Klarheit
Was ist unter Adipositas zu verstehen? Im Pschyrembel heißt
es lapidar: übermäßige Vermehrung oder Bildung von
Fettgewebe. Die Ätiologie wird als multifaktoriell
bezeichnet. Fest steht: Für das massive Übergewicht muss es
zunächst einmal eine genetische Voraussetzung geben, herrührend
von uralten Hungerzeiten, in denen der Mensch gezwungen war, Nahrung zu
speichern. Zudem leben wir in einer Gesellschaft, in der die Menschen
sich kaum bewegen und zu wenig Energie verbrauchen. Zudem hat Essen heute
wenig zu tun mit einer Nahrungsaufnahme wegen des Hungers; stattdessen:
Werbung, Geruch, Verfügbarkeit.
Irgendwann werden
dicke Menschen krank: Skelettsystem, Herz-Kreislauf-System, Diabetes,
Hypertonie. Allerdings haben die meisten dieser Menschen durchaus ein
Bewusstsein dafür, dass sie zu dick sind. Die Ursachen sind häufig
Missbrauch, Stress und Ablehnung während der Kindheit, also ein negatives
Selbstbild, dass durchs Essen korrigiert werden soll.
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Prof. Dr. Jürgen
Schrezenmeir
(Foto: Privat) |
Lässt sich therapierend
eingreifen? - Kaum ein Ansatz scheint langfristig Erfolg versprechend
zu sein. Häufig werden Essstörungen gar nicht als solche erkannt,
entsprechend falsch ist die Behandlung. Publikumszeitschriften stoßen
in das Vakuum und versprechen Kochen ohne Kalorien. Aus ihrer
Beratungspraxis weiß die Ernährungswissenschaftlerin Katharina
Titzck, seit 15 Jahren bei der AOK Hamburg Koordinatorin für den
Bereich Ernährung mit dem Schwerpunkt Adipositas: Wir brauchten
jeweils vor Ort ein Netz, wie es das für Alkholkranke gibt - wir
haben es hier mit einer chronischen Erkrankung zu tun, die über Jahre
behandelt und betreut werden muss! Es entstehe sonst eine Kostenlawine,
die finanziell schon heute nicht mehr zu bewältigen sei. Die Behandlung
der zahlreichen eben genannten Leiden, die durch Übergewicht entstehen
oder stark begünstigt werden, koste Milliarden. Und noch eine Zahl:
Jedes zweite Mädchen macht in der Pubertät eine Diät mit,
weil es zu dick ist!
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Aus den Leitlinien
der Deutschen Gesellschaft für Adipositas:
Genetische Faktoren
spielen für die Entstehung von Adipositas eine bedeutende Rolle.
Mithilfe von Zwillings-, Adoptions- und Familienstudien konnte nachgewiesen
werden, dass ein Großteil der interindividuellen Unterschiede
des BMI erblich bedingt ist. (Bouchard et al., 1988; Stunkard et
al., 1986) Studien an gemeinsam oder getrennt aufgewachsenen Zwillingen
ergaben, dass 60-80 Prozent der BMI-Varianz genetisch bedingt sind.
Jedoch nicht nur Körpergewicht und Fettmasse, sondern auch
die individuelle Gewichtszunahme bei Überernährung bzw.
die Gewichtsabnahme unter Reduktionsdiät werden durch genetische
Faktoren wesentlich beeinflusst. Fast immer kann der adipöse
Phänotyp als das Resultat einer Interaktion prädisponierender
Erbanlagen mit Umweltfaktoren wie hyperkalorischer, fettreicher
Ernährung und Bewegungsmangel interpretiert werden. Solche
Erbanlagen können beispielsweise mit einer vermehrten Nahrungsaufnahme,
einem verminderten Energieumsatz oder einer bevorzugten Energiespeicherung
in Form von Fett assoziiert sein. Diese Eigenschaften stellten in
Zeiten limitierter Nahrungsressourcen und somit während des
größten Teiles der menschlichen Evolution einen Selektionsvorteil
dar und konnten so genetisch fixiert werden. Erst in der heutigen
Zeit mit einer fast unlimitierten Nahrungsversorgung in einigen
Regionen der Erde erweisen sich die gleichen Erbanlagen als ungünstig
für Gesundheit und Überleben.
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Ändern ließe
sich an dieser Situation etwas, wenn es - beispielsweise - in den Schulen
das Thema Gesundheit gäbe. Und die Erwachsenen? Es scheint vielfach
zu spät für sie zu sein. Nötig wäre eine therapeutische
Vernetzung, etwa in Form von Schwerpunktpraxen für Adipositaspatienten;
zwar gibt es inzwischen die Zusatzausbildung Ernährungsmedizin, dennoch
fühlen sich viele Ärzte nicht zuständig, sie haben auch
in ihren Praxen meist zu wenig Zeit für diese Klientel. Und der Wunsch
nach einer medikamentösen Beeinflussung dieser Patienten führt
immer wieder in die Sackgasse. Vielleicht sollten wir alle die Verführungssituation
mehr beachten, die heute in Sachen Essen existiert.
Unterstützung
aus Kiel
Prof. Dr. Siegfried Wolfram von der Universität Kiel sagt, es
sei unter Fachleuten unumstritten, dass die Therapie von erwachsenen Adipösen
erheblich teurer und aufwändiger sei als eine vernünftige Prävention.
Woran dies liege? Dazu erklärt Wolframs Kollege Prof. Dr. Manfred
James Müller, ebenfalls Universität Kiel: Dies lasse sich nicht
mal eben erklären, schließlich dächten Wissenschaftler
über diese Frage seit Jahrzehnten nach. Mit ein Grund für das
Dilemma: Wir denken zu einfach - wenn wir wissen, dass wir zuviel
essen und uns zu wenig bewegen, fällt uns nichts weiter ein als der
an sich richtige Umkehrschluss. In einer Überflussgesellschaft
wie der unseren bestehe nun einmal ein hohes Risiko, dick zu sein. Hinzu
komme, dass bei uns die Gesundheit nicht als gesellschaftliche Aufgabe
betrachtet werde.
Fest
steht nach Aussage von Prof. Müller, dass die Adipositas in den weitaus
meisten Fällen nichts mit einer wie immer gearteten Suchtproblematik
zu tun habe - jeder zweite Erwachsene sei inzwischen schließlich
übergewichtig. Das Wort Fettsucht rubrizierte Müller unter Sprachschlamperei;
auch wenn es seit vielen Jahren in Gebrauch sei, werde es dadurch nicht
richtiger. Der überwiegende Teil aller Übergewichtigen - Müller
sprach von rund 70 Prozent - sei verhaltensgeprägt.
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Aus den Leitlinien
der Deutschen Gesellschaft für Adipositas:
Ziele der Adipositastherapie
sollten sein:
1. Ein langfristiger
Gewichtsverlust
2. Die Reduktion von Begleiterkrankungen
3. Die Verbesserung des Gesundheitsverhaltens
4. Die weitestgehende Vermeidung von Nebenwirkungen
Vor Beginn einer
langfristig angelegten Adipositastherapie sollte eine realistische
Zielvereinbarung erfolgen. Überhöhte Therapieerwartungen,
wie z. B. Erreichen des Normalgewichtes, führen zu erhöhten
Rückfallquoten. Deshalb hat sich eine stufenweise Reduktion
des Körpergewichtes bewährt. Das Ziel sollte dann jeweils
bei entsprechendem Erfolg erneut definiert werden. Das National
Institute of Health (NIH) definiert den Therapieerfolg als eine
Reduktion des Körpergewichtes um wenigstens fünf Prozent
unter dem Ausgangsgewicht ein Jahr nach erfolgter Gewichtsreduktionstherapie
(Thomas, 1995).
Diese Grenze
erscheint bescheiden, allerdings belegen zahlreiche Untersuchungen,
dass bereits wenige Kilogramm Fettgewebsverlust zu deutlichen Besserungen
im Stoffwechsel führen können.
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Die Rolle der Gene
Prof. Dr. Jürgen Schrezenmeir vom Institut für Physiologie
und Biochemie der Ernährung in der Bundesanstalt für Ernährung
und Lebensmittel, Standort Kiel, ist der Sprecher des vom Bundesforschungsministerium
geförderten Projekts Nahrungsfette und Stoffwechsel,
das Projekt läuft über insgesamt sieben Jahre mit einer Gesamtfördersumme
von elf Millionen EUR. Bei dieser Untersuchung wird der Bogen gespannt
von der genetischen Prädisposition zum metabolischen Syndrom, also
Adipositas, Hypertonie, Diabetes und anderes. Alle diese Erkrankungen
sind abhängig vom zunehmenden Gewicht und der Art, sich zu ernähren.
Genetik und Art der Ernährung sind demnach ein wichtiger Teil des
Projekts, ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Fettstoffwechsel. Der
Hintergrund: Schon bei gesunden Personen im Alter von 25 Jahren kann es
bei bestimmter Ernährung zu einer schnellen Fettanflutung kommen
(Anstieg der Triglyzeride). Wie die Wissenschaftler in Kiel festgestellt
haben, spielen bei der Adipositas zahlreiche Gene - rund 200 - eine große
Rolle. Schrezenmeir: Wir untersuchen auch die Funktionen der Genvarianten
- warum etwa eine Person anders auf eine bestimmte Art sich zu ernähren
reagiert, als eine andere.
Untersucht wird zudem
die Intervention mit bestimmten Substanzen, etwa Vitamin A, das geeignet
ist, den Fettstoffwechsel zu regeln. Gesucht wird schließlich nach
bestimmten Funktionen der Fettverdauung, die ebenfalls von Mensch zu Mensch
unterschiedlich ist. Schrezenmeir: Schon heute wissen wir - nimm
Calcium: Wer viele Milchprodukte isst, nimmt weniger stark an Gewicht
zu. Bei Kindern bestehe die größte Chance, etwas zu erreichen,
denn: Erlernte Mechanismen spielen ein große Rolle. Dass vor allem
Menschen aus sozial niedrigen Schichten adipös seien, habe nicht
so sehr mit mangelnder Information zu tun, sondern sei vielmehr eine Frage
der Eigenkontrolle.
Also brauchen wir
nur Verstand und Wissenschaft einzuschalten und zudem das Geschmacks-
empfinden zu ändern? Das wäre nach den Worten Schrezenmeirs
eine ideale Kombination. Hinzukommen kann der Einsatz bestimmter Substanzen,
mit denen ein besseres Sättigungsgefühl erreicht werden kann,
etwa Opiate und Cannabinoide. Wie bitte? Keine Panik - die Rede ist hier
von den körpereigenen Endorphinen, Cannabinoide stecken u. a. in
Vanille und Pfefferschoten, da gibt es kein Suchtpotenzial. Insgesamt
kommt es, so Prof. Schrezenmeir, darauf an, vor allem die Fettaufnahme
zu verzögern und zu verlangsamen.
Mehr Problembewusstsein
nötig
Therapeutische Hilfestellung findet sich auch in einer kürzlich
erschienenen Broschüre der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen
(DHS) - Essstörungen - Suchtmedizinische Reihe, Band
3; darin heißt es unter anderem, in der Gruppe der adipösen
Patientinnen und Patienten ohne Leidensdruck hielten viele ihr Gewicht
für erblich bedingt, unabänderbar, unproblematisch: Auf
schwere körperliche Begleit- oder Folgeerscheinungen reagieren sie
oft ratlos, sehen sich zu Veränderungen gezwungen, die sie oft nicht
wirklich wollen und deshalb auch nicht lange durchhalten. Nicht selten
spielen positive und damit das Fehlverhalten aufrechterhaltende Aspekte
wie stattlich, kräftig, stark, lebensfroh, genießerisch eine
Rolle. Bei diesen Menschen müsse zunächst ein Problembewusstsein
geweckt werden: Sie sollten erkennen, welche Folgen ein Beibehalten
des aktuellen Gewichts mit sich bringen kann und welche positiven Aspekte
eine Gewichtsabnahme hätte. Es komme darauf an, die Betroffenen
zu ermutigen, das eigene Essverhalten, das oft verdrängt oder aus
langer Gewohnheit heraus als normal betrachtet werde, konkret anzuschauen
(dazu gibt es in der Broschüre - sie ist unter Federführung
von Prof. Dr. Alexa Franke von der Universität Dortmund entstanden
- einen Ess-Protokollbogen) und unter Überprüfung ernährungsphysiologischer
wie auch psychologischer Aspekte einer Veränderung zugänglich
zu machen. Nötig seien Informationsquellen, und es komme darauf
an, die Vorteile der angestrebten Veränderung nicht aus den Augen
zu verlieren.
Werner Loosen,
Faassweg 8, 20249 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2004
S. 27 - 30
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