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Kammer-Info aktuell
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DMP
- cui bono?
Unser seit Generationen
bewährtes Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Im
Windschatten derzeitiger stümperhafter Gesundheitspolitik bahnen
sich unumkehrbare Wandlungen in der Beziehung zwischen Patient und Arzt
an. Das ist wohl nicht Absicht der Politik, kommt ihr aber sehr gelegen. Von Patient und Arzt frei gewählte Behandlung kranker Menschen soll künftig zunehmend durch Management normierter Programme von Krankheiten ersetzt werden. Schritt für Schritt werden kranken Menschen und Ärzten so genannte Disease-Management-Programme (DMP) übergestülpt. Gewiss muss sich jede
Behandlung an der Realität der Krankheit ausrichten, aber genau so
auch an den persönlichen Bedürfnissen des Kranken. Mit dem Philosophen
Ludwig Wittgenstein sind wir - gerade im Hinblick auf ärztliche Tätigkeit
- einer Meinung: Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen
wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch
gar nicht berührt sind. Wie kann diese ärztliche Weisheit
von den Urhebern der bisherigen und kommenden DMP Planung berücksichtigt
werden? Ist die Erfahrung mit leidenden Menschen aus dem Reich wissenschaftlicher
Forschung ausgestoßen worden? Diagnostik orientiert
sich an Krankheitszeichen und Symptomen. Die Krankheitszeichen sind objektivierbar.
Sie können datenbankartig katalogisiert werden. Um reproduzierbare
Befunde rankt sich die Lehre in der Medizinerausbildung. Der teilnehmende
Arzt, der fügsam den Direktiven eines DMP folgt, braucht keine eigene
medizinische Auseinandersetzung mit Ätiologie, Pathogenese und Verlauf
einer Krankheit. Die Schrittfolgen der diagnostischen wie therapeutischen
Maßnahmen bei der Reparatur eines gestörten biologischen Systems
sind schriftlich festgelegt, soweit sie praktische Konsequenzen haben.
Auch die Therapie ist reglementiert. Nicht einmal eine multiple Choice
wird dem Manager zugebilligt. Checklisten für alle notwendigen Maßnahmen
sind verbindlich vorgegeben. Behandlung gründet
sich auf menschliche Zuwendung. Krankheiten lassen sich nicht von kranken
Menschen separieren. Zur Linderung des individuell nicht programmierbaren
Ausmaßes seines Leidens, seiner undefinierbaren Angst und zum Gespräch
über persönliches health belief braucht der Kranke seinen Arzt,
dem er vertraut. Die Interpretation programmierter Medizin auf der Ebene
der Seelen kranker Menschen kann manch ein Arzt nicht authentisch leisten.
So lässt das DMP menschliche Hilfe suchende Patienten im Stich. Ärzte müssen bei der Umsetzung der DMP mitmachen, um wirtschaftliche Sanktionen zu vermeiden. Meine Frau und ich als langjährige Kassenärzte können ein Abspulen von normierten Management-Programmen nicht mit unserer traditionellen Grundeinstellung zum Arztberuf vereinbaren. Wir halten es für unerträglich, persönliche ärztliche Entscheidungen und eigene Erfahrung einem befohlenen DMP unterordnen zu müssen. Viele Ärzte in unserem riesigen Bekanntenkreis beteiligen sich nolens volens an DMPs. Resignation ist heutzutage ein bewährtes Mittel den Zeitgeist zu ertragen.
Viele von uns befragte
potenzielle und aktuell betroffene Kranke missbilligen solch ein Gefüge,
in dem Kranker und Arzt in eine Spur von Programmen gesetzt werden, aus
der sie nicht ausbrechen dürfen. Der Patient wird um sein Vertrauen
zu seinem selbst frei gewählten Arzt seines Vertrauens
betrogen, wenn er dem approbierten Erfüllungsgehilfen eines programmati-
schen Manifestes ausgesetzt wird. Das ihm unbekannte Komitee kollektiver
medizin-wissenschaftlicher Kompetenz bleibt für ihn absolut anonym.
Der Kranke missbilligt, dass er selbst als Betroffener nicht mit einbezogen
werden kann und dass er die Entscheider weder kennt noch auswählen
kann. Er merkt, sein Arzt ist weiter nichts mehr als Vollstrecker eines
pauschalierenden Programmes. Kranke, Ärzte,
ja unsere gesamte Bevölkerung werden Opfer besessener Gleichmacherei.
Traditionelle Vielfalt wird eingeebnet. Achtung vor dem Menschen verkümmert
zur inhaltlosen Vokabel. Das hippokratisch
geprägte ärztliche Ethos des Abendlandes wird nun von einem
gesundheitspolitischen Paradigma abgelöst. Dem Versicherten, wie
der kranke Mensch gern neutral genannt wird, soll der letzte Stand medizinischer
Erkenntnisse nutzbar gemacht werden. Generös kümmert man sich
nicht um die daraus entste-henden materiellen Kosten. Die Krankenkassen
sind finanzielle Nutznießer des Systems: je mehr Versicherte in
Programme gelockt werden, um so lohnender ist die Werbung für die
Teilnahme an den Programmen. Das ist Staatsmedizin zugunsten der Lobby
der Versicherer. Der noch unabsehbare
immaterielle Preis ist das anwachsende Dahinschwinden traditioneller zwischenmenschlicher
Bindungen zwischen Patient und Arzt. Diese menschlichen Beziehungen sind
nicht in Maß und Zahl fassbar, lassen sich daher weder statistisch
bearbeiten noch für Hochrechnungen und Prognosen verwenden. Sie gelten
daher als nicht existent und werden ignoriert. Dr. Wally Hagen, Dr. Horst Hagen, Nordmeerstr. 13, 23570 Travemünde |
Schleswig-Holsteinisches
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