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Kammer-Info aktuell

DMP - cui bono?
Vorrang für Krankheiten oder für kranke Menschen?

Der leidende Mensch als notwendiger Lieferant von Krankheitsdaten
Wally Hagen, Horst Hagen

Dr. Wally und Dr. Horst Hagen (Fotos: Privat)

Unser seit Generationen bewährtes Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Im Windschatten derzeitiger stümperhafter Gesundheitspolitik bahnen sich unumkehrbare Wandlungen in der Beziehung zwischen Patient und Arzt an. Das ist wohl nicht Absicht der Politik, kommt ihr aber sehr gelegen.

Von Patient und Arzt frei gewählte Behandlung kranker Menschen soll künftig zunehmend durch Management normierter Programme von Krankheiten ersetzt werden. Schritt für Schritt werden kranken Menschen und Ärzten so genannte Disease-Management-Programme (DMP) übergestülpt.

Gewiss muss sich jede Behandlung an der Realität der Krankheit ausrichten, aber genau so auch an den persönlichen Bedürfnissen des Kranken. Mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein sind wir - gerade im Hinblick auf ärztliche Tätigkeit - einer Meinung: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Wie kann diese ärztliche Weisheit von den Urhebern der bisherigen und kommenden DMP Planung berücksichtigt werden? Ist die Erfahrung mit leidenden Menschen aus dem Reich wissenschaftlicher Forschung ausgestoßen worden?

Diagnostik orientiert sich an Krankheitszeichen und Symptomen. Die Krankheitszeichen sind objektivierbar. Sie können datenbankartig katalogisiert werden. Um reproduzierbare Befunde rankt sich die Lehre in der Medizinerausbildung. Der teilnehmende Arzt, der fügsam den Direktiven eines DMP folgt, braucht keine eigene medizinische Auseinandersetzung mit Ätiologie, Pathogenese und Verlauf einer Krankheit. Die Schrittfolgen der diagnostischen wie therapeutischen Maßnahmen bei der Reparatur eines gestörten biologischen Systems sind schriftlich festgelegt, soweit sie praktische Konsequenzen haben. Auch die Therapie ist reglementiert. Nicht einmal eine multiple Choice wird dem Manager zugebilligt. Checklisten für alle notwendigen Maßnahmen sind verbindlich vorgegeben.
Die Symptome kann definitionsgemäß nur der Kranke selbst zur Diagnostik beitragen. Seine Beschwerden markieren Schnittstellen zwischen Patient und Arzt. Der kranke Mensch steht jetzt ratlos zwischen dogmatischem medizinischem Management und einfühlsamer ihm angemessener ärztlicher Behandlung. Management kann sich bis zu computerisierter Technik entwickeln.

Behandlung gründet sich auf menschliche Zuwendung. Krankheiten lassen sich nicht von kranken Menschen separieren. Zur Linderung des individuell nicht programmierbaren Ausmaßes seines Leidens, seiner undefinierbaren Angst und zum Gespräch über persönliches health belief braucht der Kranke seinen Arzt, dem er vertraut. Die Interpretation programmierter Medizin auf der Ebene der Seelen kranker Menschen kann manch ein Arzt nicht authentisch leisten. So lässt das DMP menschliche Hilfe suchende Patienten im Stich.

Ärzte müssen bei der Umsetzung der DMP mitmachen, um wirtschaftliche Sanktionen zu vermeiden. Meine Frau und ich als langjährige Kassenärzte können ein Abspulen von normierten Management-Programmen nicht mit unserer traditionellen Grundeinstellung zum Arztberuf vereinbaren. Wir halten es für unerträglich, persönliche ärztliche Entscheidungen und eigene Erfahrung einem befohlenen DMP unterordnen zu müssen. Viele Ärzte in unserem riesigen Bekanntenkreis beteiligen sich nolens volens an DMPs. Resignation ist heutzutage ein bewährtes Mittel den Zeitgeist zu ertragen.

1. Kranke stehen nicht im Mittelpunkt, sondern Krankheiten.

2. Behandlung wird geändert in dogmatisches Management.

3. Ärztliche Kunst wird ersetzt durch ein normiertes Programm.

Viele von uns befragte potenzielle und aktuell betroffene Kranke missbilligen solch ein Gefüge, in dem Kranker und Arzt in eine Spur von Programmen gesetzt werden, aus der sie nicht ausbrechen dürfen. Der Patient wird um sein Vertrauen zu ‘seinem’ selbst frei gewählten Arzt seines Vertrauens betrogen, wenn er dem approbierten Erfüllungsgehilfen eines programmati- schen Manifestes ausgesetzt wird. Das ihm unbekannte Komitee kollektiver medizin-wissenschaftlicher Kompetenz bleibt für ihn absolut anonym. Der Kranke missbilligt, dass er selbst als Betroffener nicht mit einbezogen werden kann und dass er die Entscheider weder kennt noch auswählen kann. Er merkt, sein Arzt ist weiter nichts mehr als Vollstrecker eines pauschalierenden Programmes.

Kranke, Ärzte, ja unsere gesamte Bevölkerung werden Opfer besessener Gleichmacherei. Traditionelle Vielfalt wird eingeebnet. Achtung vor dem Menschen verkümmert zur inhaltlosen Vokabel.

Das hippokratisch geprägte ärztliche Ethos des Abendlandes wird nun von einem gesundheitspolitischen Paradigma abgelöst. Dem Versicherten, wie der kranke Mensch gern neutral genannt wird, soll der letzte Stand medizinischer Erkenntnisse nutzbar gemacht werden. Generös kümmert man sich nicht um die daraus entste-henden materiellen Kosten. Die Krankenkassen sind finanzielle Nutznießer des Systems: je mehr Versicherte in Programme gelockt werden, um so lohnender ist die Werbung für die Teilnahme an den Programmen. Das ist Staatsmedizin zugunsten der Lobby der Versicherer.

Der noch unabsehbare immaterielle Preis ist das anwachsende Dahinschwinden traditioneller zwischenmenschlicher Bindungen zwischen Patient und Arzt. Diese menschlichen Beziehungen sind nicht in Maß und Zahl fassbar, lassen sich daher weder statistisch bearbeiten noch für Hochrechnungen und Prognosen verwenden. Sie gelten daher als nicht existent und werden ignoriert.
Kranke wollten immer und wollen auch heute noch als Menschen von einem selbst erwählten Arzt behandelt werden. Sie möchten nicht als Träger oder Medien von zu Diseases mutierten Krankheiten nun Management-Programmen preisgegeben werden. „Der Patient ist kein ‘Werkstück’ und will nicht medizinisch bearbeitet, sondern ärztlich behandelt werden.“

Dr. Wally Hagen, Dr. Horst Hagen, Nordmeerstr. 13, 23570 Travemünde


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2004

S. 25 / 26