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Schleswig-Holstein

Pflegefachtagung in Flensburg
Radikaler Kurswechsel erforderlich
Dirk Schnack

oben: Volkswirtin Jasmin Häcker
mitte: Geschäftsführer der Martin-Luther-Stiftung in Hanau Friedrich Trapp
unten: Devap-Vorsitzender Dr. Karl Heinz Bierlein (Fotos: di)

Um die kommenden Herausforderungen in der Pflege und Betreuung älterer Menschen meistern zu können, halten viele einen radikalen Kurswechsel in der deutschen Pflegeversicherung für notwendig. Auf einer Fachtagung des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein und des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit (Devap) am 28. und 29. September in Flensburg wurde deutlich: Der Politik trauen nur wenige diesen Kurswechsel zu.

„Politiker werden eher versuchen, den Beitragssatz konstant zu halten und am Leistungskatalog zu basteln“, sagte zum Beispiel Volkswirtin Jasmin Häcker in Flensburg. Die Mitarbeiterin des Freiburger Professors Bernd Raffelhüschen machte den über 100 Teilnehmern deutlich, dass kommende Generationen zunehmend mit den heute verursachten Pflegekosten belastet werden, wenn nicht schnell gegengesteuert wird. Für Raffelhüschen und Häcker bedeutet das: weg vom Umlageverfahren, Aufbau eines Kapitalstocks, deutlich höhere Kosten für die Beitragszahler. Die Wortmeldungen der Teilnehmer nach Häckers Vortrag zeigten jedoch, dass kaum jemand an die Umsetzung so harter Einschnitte glaubt. Begründung: Die meisten Politiker hätten Angst, dafür bei der nächsten Wahl abgestraft zu werden.

Schleswig-Holsteins Landespastorin Petra Thobaben stellte klar, dass bei allen notwendigen Kurskorrekturen die Beitragszahler nicht zu stark belastet werden dürfen. „Es kommt darauf an, dass die Übergänge für die Betroffenen ertragbar bleiben“, sagte Thobaben. Nach ihrer Beobachtung wird im Pflegebereich auffällig viel über die Finanzierung gesprochen. Sie gab aber zu bedenken: „Solidarität muss sich auch beim bürgerschaftlichen Engagement zeigen.“

Der Devap-Vorsitzende Dr. Karl Heinz Bierlein wünschte sich in Flensburg mehr Aufgeschlossenheit der Deutschen für technische Hilfsmittel in der Pflege. Viele in den USA selbstverständliche Hilfsmittel könnten nach seiner Beobachtung auch bei uns den Betroffenen und den Pflegekräften den Alltag erleichtern. „In Deutschland wird immer gleich das Schreckgespenst von Pflegerobotern bemüht“, kritisierte Bierlein. Zugleich regte er Pflegeanbieter zum Umdenken bei der Kundenorientierung an. Bierlein rechnet künftig mit einem steigenden Qualitätsbewusstsein der Betroffenen. Anbieter sollten sich darauf mit stärkerer Kundenorientierung und Differenzierung einstellen, mahnte der Devap-Vorsitzende.

Einzelne Anbieter bestätigten Bierleins Beobachtungen und haben längst Konsequenzen daraus gezogen. Friedrich Trapp, Geschäftsführer der Martin-Luther-Stiftung in Hanau, berichtete in Flensburg von einer steigenden Nachfrage nach differenzierten Betreuungsangeboten. Zum Beispiel nach Hausgemeinschaften, in denen Demenzkranke gemeinsam leben. Außer von Pflegekräften werden sie in diesen Gemeinschaften auch von einer Präsenzkraft unterstützt, die Funktionen wie früher eine Hausdame übernimmt. „Die Präsenzkraft hilft den Bewohnern, Normalität und Kontinuität im Alltag herzustellen und schenkt ihnen Vertrauen und Sicherheit“, sagte Trapp. Ein weiteres Modell aus Hessen, das Trapp kurz vorstellte: Pflegebedürftige können wählen, ob sie nur bestimmte Grundleistungen in einer Wohnanlage wie etwa Pflege und Betreuung bei Erkrankung nutzen oder gegen einen Aufpreis auch etwa die Kurzzeitpflege. Unabhängig von der Wahl steht für alle Bewohner rund um die Uhr ein Notruf zur Verfügung.

Einen Königsweg in der Betreuung pflegebedürftiger Menschen gebe es nicht, gab Trapp zu bedenken. Die Träger seien aufgefordert, sich laufend zu fragen, ob und wie sie ihre Angebote anpassen und neue Bausteine hinzufügen könnten. Anregungen dazu erhielten die Teilnehmer am zweiten Veranstaltungstag auf den Exkursionen in die Pflegeeinrichtung Vesterdalen im dänischen Broager sowie im Senior Residens, einer dänischen Einrichtung im deutschen Tarp.

Dirk Schnack, Postfach 12 04, 24589 Nortorf


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2004

S. 18 / 19