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Medizin und Wissenschaft
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Ximelagatran:
Ein neues oral wirksames Antikoagulanz Bisherige Formen
der Antikoagulation Seit 50 Jahren sind
unfraktioniertes Heparin und Cumarinderivate die wichtigen Antikoagulantien,
deren Einsatz zahlreiche entscheidende Fortschritte in der kardiovaskulären
Medizin ermöglichte. Nicht nur die Behandlung akuter Beckenbeinvenenthrombosen
und Lungenarterienembolien mit Heparininfusionen, sondern auch der Einsatz
des Heparins in der Herzchirurgie, speziell beim operativen Herzklappenersatz
oder in der Chirurgie des coronaren Bypass, stellten entscheidende Voraussetzungen
dafür dar, dass die geschilderten therapeutischen Maßnahmen
in hohen Prozentsätzen zu wesentlichen Erfolgen in der Krankenversorgung
führen konnten. Unter medizingeschichtlichen Gesichtspunkten stellten
in den letzten 50 Jahren die angeführten Antikoagulantien die Basis
dafür dar, dass in entscheidenden Indikationsbereichen effiziente
antithrombotische Maßnahmen zur Verfügung standen.
Ungeachtet der großen Erfolge der angeführten Heparin- und Cumarin-Therapie schränkten mit zunehmender Erfahrung Anwendungsprobleme den unbestrittenen Nutzen zum Teil signifikant ein. Beim Heparin ist die Notwendigkeit der konstanten parenteralen Verabreichung, der konstanten Infusion zur Gewährleistung des optimalen Wirkspiegels und die potenzielle Auslösung einer immunallergischen Thrombozytopenie ein Hinderungsgrund im Hinblick auf einen problemlosen Einsatz, zumal die Heparin induzierte Thrombozytopenie II (HIT II) bedauerlicherweise von thromboembolischen Komplikationen begleitet ist (in bis zu fünf bis sechs Prozent der Fälle). Außerdem hängt
die Heparin-Wirkung von einem optimalen Antithrombin-Blutspiegel ab, der
bei Schwerkranken nicht immer gewährleistet ist. Andererseits erschweren
zahlreiche Wechselwirkungen zwischen Cumarinderivaten und parallel eingesetzten
Medikamenten (Tab. 1 und Tab. 2) den Einsatz der oralen Antikoagulantien
vom Typ der Cumarinderivate. So zeigt Tab. 1 eine Zusammenfassung derjenigen
Substanzen, die bei paralleler Verabreichung mit Cumarinderivaten zu unerwünschten
und verstärkten Absenkungen der Quickwerte führen, d. h. Überdosierungseffekte
induzieren, Tab. 2 zeigt dagegen Substanzen, die zu Unterdosierungen im
Sinne thrombosegefährdeter erhöhter Quickwerte führen können.
Darüber hinaus wird der orale Einsatz der Cumarinderivate durch verschiedene
Diätprobleme begleitet: Besonders Vitamin K-reiche Kostformen (vergl.
Tab. 3) induzieren unerwünschte Quickwerterhöhungen und damit
Gefährdungen durch thromboembolische Rezidive.
Einführung
eines neuen Thrombininhibitors
Abb. 1 zeigt den Wirkmechanismus
des intravenös wirksamen Thrombininhibitors Hirudin. Hirudine und
ihre rekombinanten Präparate sind in der Bundesrepublik Deutschland
vor allem für die Therapie der Heparin induzierten Thrombozytopenie
(HIT II) bzw. zur Thromboseprophylaxe nach knie- oder hüftendoprothetischem
Eingriff im Einsatz. Eine Besonderheit der Hirudin-Behandlung liegt in
der stark von der Nierenfunktion abhängigen Pharmakokinetik, auch
werden nach neueren Erkenntnissen gegen Hirudin gerichtete Antikörper
in manchen Fällen in großer Menge gebildet. Ein enges Monitoring
der Dosis kann über die Partielle Thromboplastinzeit (PTT) und über
die Ecarin-Zeit als Kontrollmethoden erfolgen. Abb. 2 zeigt die Hemmwirkung
des oralen direkten Thrombininhibitors Ximelagatran (und seines bioaktiven
Metaboliten Melagatran). Entsprechende Studien zeigten, dass Ximelagatran
die gastrointestinale Barriere 80 mal schneller überwindet als Melagatran,
sodass die gastrointestinale Absorption von Ximelagatran diese Substanz
zum oralen Einsatz optimal geeignet macht. Die bisherigen präklinischen
Studien belegen, dass oral verabreichtes Ximelagatran nach Passage durch
die Darmwand rasch zum Melagatran metabolisiert wird, wodurch ein exzellenter
antithrombotischer Effekt gewährleistet wird. Damit ist vor allem
die Langzeitprophylaxe mit diesem oral resorbierbaren Thrombininhibitor
angesprochen. Der therapeutische Bereich ist relativ groß, sodass
eine orale Langzeitprophylaxe mit einer Standarddosis ohne Monitoring
möglich sein kann! Natürlich ist in entsprechenden Studien ein
sorgfältiges Monitoring durchgeführt worden, jedoch zeigen die
bisherigen Hinweise, dass ein solches ständiges Monitoring (wie es
bei den Cumarinderivaten erforderlich ist) mit Ximelagatran im allgemeinen
nicht erforderlich ist! Mit einer oralen Gabe von zwei Teildosen pro Tag
kann eine gute Compliance erwartet werden. Wie schon vorangehend dargelegt
wurde, kann oral verabreichtes Ximelagatran nach Passage durch die Darmwand
rasch zum Melagatran metabolisiert werden und dadurch antithrombotisch
wirksam sein. Dabei entstehen - im Gegensatz zu Warfarin und Cumarinderivaten
- keine Interferenzen mit Nahrungsinhaltsstoffen, auch keine Interferenzen
mit anderen Medikamenten, wie dies vorangehend für die Cumarinderivate
gezeigt werden konnte.
Neuere klinische
Studienergebnisse mit dem oralen direkten Thrombininhibitor Ximelagatran
2. Auch in der Sekundärprophylaxe
nach Myokardinfarkt konnte eine orale Ximelagatran-Medikation positive
Ergebnisse erzielen (ESTEM-Studie, 2003). In dieser Studie wurden die
Wirkungen von Ximelagatran und Acetylsalicylsäure im Hinblick auf
die Verhinderung von Tod, nicht lebensbedrohlichem Myokardinfarkt und
schwerer wiederholter Myokardischämie nach vorangegangenem Myokardinfarkt
untersucht. 1 883 Patienten nach Myokardinfarkt wurden einbezogen. 14
Tage nach dem Ereignis wurden die Teilnehmer randomisiert einbezogen in
eine Gruppe mit oraler Ximelagatran-Medikation (Dosierungen von 24 mg,
36 mg, 48 mg oder 60 mg zweimal täglich) oder in eine Placebo-Gruppe
(die täglich 160 mg Acetylsalicylsäure erhielt). Alle Patienten
- sowohl in der Ximelagatran-Gruppe als auch die Placebo-Gruppe - erhielten
Acetylsalicylsäure 160 mg einmal täglich. Die Ergebnisse zeigten
(Abb. 4), dass die orale Ximelagatran-Applikation signifikant das Risiko
von Tod und Myokardinfarktrezidiv von 16,3 Prozent in der Placebo-Gruppe
(mit Acetylsalicylsäure) auf 12,7 Prozent in der Ximelagatran-Gruppe
senkte. Die verschiedenen Dosierungen in der Ximelagatran-Gruppe waren
dabei ohne praktische Auswirkungen auf den positiven und günstigen
Endeffekt der Substanz. Größere Blutungsereignisse waren statistisch
nicht signifikant unterschiedlich in beiden Gruppen zu registrieren (1,8
Prozent gegenüber 0,9 Prozent). Zusammenfassend ergab diese im Jahr
2003 publizierte Studie, dass die kombinierte Applikation von Ximelagatran
und Aspirin effektiver war als Aspirin allein in der Verhinderung signifikanter
kardiovaskulärer Ereignisse im Zeitraum von sechs Monaten nach durchgemachtem
Myokardinfarkt (Abb. 4 zeigt das kumulative Risiko von Tod, Myokardinfarkt
und schwerer erneuter Myokardischämie in der Placebo-Gruppe einerseits,
die nur Acetylsalicylsäure erhielt, im Vergleich zur Ximelagatran-Gruppe,
wobei dort unterschiedliche Dosierungen zu keinen klinischen Unterschieden
führten).
3. In einer weiteren
Doppelblindstudie (METHRO III-Studie, 2003) mit 2 788 Patienten, die einen
Hüftgelenks- oder Kniegelenks-Ersatz erhielten, wurden in der entsprechenden
Venenthrombosenprophylaxe Melagatran/Ximelagatran oder Enoxaparin miteinander
verglichen. Untersucht wurde, ob ein postoperatives Regime mit Melagatran
gefolgt von oralem Ximelagatran zur Thromboembolieprophylaxe bei Patienten
mit elektiven Hüft- oder Kniegelenksersatzoperationen geeignet sei
(Eriksson et al, 2003). In einer doppelblinden Studie wurden 2 788 Patienten,
die sich einer totalen Hüft- oder Kniegelenksersatzoperation unterzogen,
randomisiert, um über einen Zeitraum von acht bis elf Tagen entweder
drei mg Melagatran subcutan gefolgt von oralem Ximelagatran (zwei x täglich)
oder dagegen im Vergleich 40 mg Enoxaparin (ein x täglich subcutan)
beginnend am Vorabend der Operation zu erhalten. Die Behandlung mit Ximelagatran
wurde dabei innerhalb der ersten beiden Tage begonnen. Der primäre
Endpunkt waren venöse Thromboembolien (tiefe Beinvenenthrombosen,
nachgewiesen durch Phlebographien, Lungenembolien oder Tod). Der wichtigste
Sicherheitsendpunkt waren Blutungen. Venöse Thromboembolien wurden
bei 355/1 146 Patienten in der Ximelagatran-Gruppe (= 31,0 Prozent) bzw.
bei 306/1 122 Patienten in der Enoxaparin-Gruppe (= 27,3 Prozent) nachgewiesen.
Dieser Unterschied war nicht signifikant. Die Raten an schweren thromboem-bolischen
Ereignissen (definiert als proximale tiefe Venenthrombose, fatale und
nicht fatale Lungenembolien oder Tod) waren 5,7 Prozent bzw. 6,2 Prozent
zugunsten von Melagatran/ Ximelagatran. Auch dieser Unterschied war nicht
signifikant. Die Rate an Blutungen war in beiden Gruppen vergleichbar,
der Bedarf an homologen Bluttransfusionen war in der Ximelagatran-Gruppe
geringer. Die Ergebnisse zeigen, dass das postoperative Regime mit Melagatran/Ximelagatran
dem bisherigen Standardregime aus Enoxaparin gleichwertig ist, allerdings
durch seine orale Applikationsform in fixer Dosierung Patient und Arzt
mehr Komfort und Sicherheit bietet (Eriksson et al., 2003).
Zusammenfassung Prof. Dr. Hans Dietrich Bruhn, I Medizinische Klinik, UK S-H, Campus Kiel, Schittenhelmstr. 12, 24105 Kiel, Prof. Dr. Joachim Cremer, Klinik für Kardiovaskuläre Chirurgie, UK S-H, Campus Kiel, Arnold-Heller-Str. 7, 24105 Kiel, Prof. Dr. Martin Heller, Klinik für Diagnostische Radiologie, UK S-H, Campus Kiel, Arnold-Heller-Str. 9, 24105 Kiel, Prof. Dr. Jens Scholz, Klinik für Anästhesiologie, UK S-H, Campus Kiel, Schwanenweg 21, 24105 Kiel, Prof. Dr. Rüdiger Simon, Klinik für Kardiologie, I Medizinische Klinik, UK S-H, Campus Kiel, Schittenhelmstr. 12, 24105 Kiel |
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 10/2004 S. 67 - 71 |
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