|
Update
Pankreaskarzinom - Aktuelle Standards in Diagnostik und Therapie
Anja Zumschilde, Jürgen Belz
Das
Pankreaskarzinom zeichnet sich durch seine äußerst schlechte
Prognose aus. Es stellt zur Zeit die fünfthäufigste krebsbedingte
Todesursache in den westlichen Ländern dar. Das aggressive Tumorwachstum
sowie die frühzeitige Metastasierung kombiniert mit meist später
Diagnosestellung führt zu niedrigen 5-Jahres Überlebensraten
(< fünf Prozent) 2, 4, 11, 12, 15, 16. Kurative
Ansätze durch operative Resektionen sind aufgrund des fortgeschrittenen
Tumorleidens zum Zeitpunkt der Diagnosestellung nur noch in 10 -25 Prozent
durchführbar, in diesen Fällen lassen sich die 5-Jahres Überlebensraten
jedoch auf 15 - 30 Prozent steigern 7, 8, 16. Neben
der frühzeitigeren Diagnostik sind als zusätzliche Strategien
zur Verbesserung der Prognose neue adjuvante und neoadjuvante Chemotherapie-
und Bestrahlungskonzepte nötig.
Neues zur Onkogenese
Durch molekularbiologische Untersuchungen konnten in den letzten Jahren
neue Erkenntnisse bezüglich der Karzinogenese beim Pankreaskarzinom
gewonnen werden. Ähnlich wie beim Kolonkarzinom entwickelt es sich
schrittweise über eine Epithelhyperplasie, papilläre Hyperplasie
ohne oder mit Zellatypien bis zu einem Carcinoma in situ, welches in ein
invasives Karzinom übergeht. Ursachen dafür finden sich in verschiedenen
Gendefekten mit Mutationen im Onkogen K-ras und in einigen Tumorsuppressorgenen
4. Darüber hinaus wurden Überexpressionen des epidermal
growth factor - (EGF-)Rezeptor-System gefunden. Diese Ergebnisse
können zukünftig möglicherweise die Diagnostik erleichtern
- insbesondere im Screening von Risikogruppen -, aber auch neue Therapieansätze
bieten 15, 16. In klinischer Erprobung sind z. B.
bereits Blockaden des EGF-Rezeptors durch monoklonale Antikörper
15.
Diagnostik
Vorrangiges Problem in der Behandlung des Pankreaskarzinoms ist immer
noch die meist zu späte Diagnosestellung. Ziel der aktuell angewandten
bildgebenden Verfahren ist es, Tumore < 2 cm verlässlich darzustellen,
um die Überlebensraten wesentlich zu steigern 16.
Als erstes bildgebendes
Untersuchungsverfahren bietet sich die transabdominelle Sonographie an,
die in der Hand des geübten Untersuchers gute Ergebnisse erzielt.
Überlegen in der Detektion kleinerer Tumore (< 2 - 3 cm) sowie
metastasenverdächtiger Lymphknoten ist die Endosonographie. Darüber
hinaus können endosonographisch gesteuert auch Feinnadelpunktionen
zur histologischen Differenzierung durchgeführt werden. Es muss jedoch
mit etwa 20 Prozent falsch negativer Biopsieergebnissen gerechnet werden.
Das Verfahren ist daher eher speziellen Fragestellungen vorbehalten, da
auch die Komplikationsmöglichkeiten nicht ganz unerheblich sind (Tumorzellaussaat,
Blutungen, Infektionen, Pankreatitis). Die Endosonographie hat insgesamt
jedoch in letzter Zeit erheblich an Bedeutung verloren und wird mehr und
mehr durch die weiter im Text genannten Untersuchungstechniken ersetzt
4, 16.
Das zurzeit modernste
und wichtigste Verfahren ist die Multislice-Spiral-CT (MSCT). Mithilfe
multiplanarer Rekonstruktionen und dreidimensionaler Visualisierungen
können auch kleinere Tumore diagnostiziert und regionäre LK-Stationen
abgebildet werden. Darüber hinaus werden spezielle Fragestellungen
bezüglich der Gefäßinfiltration durch Angiographie ähnliche
Darstellungen beantwortet. Lebermetastasierungen sind in der Computertomographie
mit hoher Sicherheit nachweisbar.
Konkurrierend zur
neuesten CT-Generation steht die MRT. In der Detektion von Leberfiliae
scheint dieses Verfahren Vorteile zu zeigen. Die Magnet-Resonanz-Tomographie
(MRT) kann außerdem im Rahmen der MRCP (Magnetresonanz-Cholangiopankreatikographie)
und der MR-Angiographie eine sinnvolle diagnostische Ergänzung sein.
Bislang waren vor allem kleinere Tumoren noch die Domäne der MRT,
hier ist jedoch eine Ablösung durch die MSCT zu erwarten
4, 16.
Die endoskopische
retrograde Cholangiopankreatikografie (ERCP) schließlich bietet
eine genaue Darstellung des Gallenwegs- und Pankreasgangsystems. Allerdings
ist eine definitive Differenzierung zwischen entzündlichen und malignen
Veränderungen am Gangsystem (Stenose, Abbruch) schwierig. Vorteilhaft
ist die Möglichkeit der Intervention in gleicher Sitzung (z. B. Stenteinlage,
Histologiegewinnung) 4, 16. Zukünftig dürfte
die MRCP die rein diagnostische ERCP ersetzen, da bei gleichwertiger Qualität
die Komplikationsraten geringer sind.
Operative Therapie
und perioperative Maßnahmen
Die chirurgische Therapie des Pankreaskarzinoms ist weitgehend standardisiert.
Eine Resektion wird in der Regel durchgeführt, wenn keine Fernmetastasierung
vorliegt und keine ausgedehnte Gefäßinfiltration (Pfortader,
A. und V. mesenterica sup., Truncus coeliacus, V. cava) besteht, wobei
eine isolierte Infiltration der Pfortader keine Kontraindikation zur Resektion
darstellt. Bei Pankreaskopftumoren wird die partielle Duodenopancreatektomie
mit oder ohne Erhalt des Pylorus durchgeführt, bei Pankreaskorpus-
und -kaudatumoren die Pankreaslinksresektion mit Splenektomie.
Die klassische Kausch-Whipple-Operation sieht eine vollständige Entfernung
des Pankreaskopfes mit Duodenum, Gallenblase und dem distalen Choledochus
vor. Im Weiteren werden die peripankreatischen Lymphknoten, die Lymphknoten
im Bereich des Lig. hepatoduodenale, sowie den distalen 2/3 des Magens
und dem rechtsseitigen Omentum majus entfernt. Die Rekonstruktion impliziert
die Pankreatikojejunostomie mit biliodigestiver und gastrojejunaler Anastomose
8. Andere Autoren bevorzugen die Pancreaticogastrostomie
zur Ableitung des Restpankreas mit der Möglichkeit der endoskopischen
Anastomosenkontrolle 1, 13, 14.
Nach heutiger Datenlage stellt die pyloruserhaltene partielle Duodenopancreatektomie
eine gute Alternative zum klassischen Whipple dar. Bei gleicher Radikalität
ist eine verkürzte OP-Dauer und geringerer Blutverlust erreichbar.
Trotz einer erhöhten Rate an postoperativen Magenentleerungsstörungen
scheinen langfristig funktionelle Vorteile mit zügigerer Gewichtszunahme
zu bestehen 7, 8.
Eine Ausweitung des Eingriffs durch partielle Resektion der Pfortader
bei entsprechender Infiltration scheint bei fehlender Erhöhung der
Mortalität gerechtfertigt. Zwar lässt sich bisher keine wirkliche
Verbesserung der Prognose beweisen, prinzipiell aber lässt sich hiermit
eine R0-Situation (Residualtumorklassifikation) erreichen. Eine erweiterte
Lymphknotendissektion scheint dagegen keinen Überlebensvorteil zu
bieten 8.
Die gefürchtetste postoperative Komplikation ist eine Insuffizienz
der Pancreatico-Jejunostomie bzw. Pancreatico-Gastrostomie. Möglicherweise
kann durch die perioperative Gabe von Somatostatin und seines synthetischen
Analogon Octreotid mit Hemmung der exokrinen Pankreassekretion (3 x 100
- 150 Mikrogramm sc./d für fünf - sieben Tage) dieses Problem
verringert werden 3. Standard ist die perioperative
Antibiotikaprophylaxe mit einem Cephalosporin der zweiten oder dritten
Generation in Kombination mit Metronidazol.
Adjuvante und neoadjuvante
Therapieformen
Trotz zunehmender Resektionsraten mit verminderter postoperativer
Morbidität und Mortalität haben sich die Überlebensraten
beim Pankreaskarzinom in den letzten Jahren nicht entscheidend verbessert.
Laufende Studien überprüfen die Effektivität multimodaler
Therapiekonzepte:
Die ESPAC-I-Studie (European Study Group for Pancreatic Cancer) z. B.
konnte bei etwa 600 Patienten erstmals einen Überlebensvorteil durch
systemische adjuvante Chemotherapie mittels 5-FU (Fluorouracil) und Folinsäure
bei Patienten mit vorausgegangener R0- oder R1- Resektion des Pankreaskarzinoms,
zumindest im Vergleich mit der kombinierten Radiochemotherapie in adjuvanter
Indikationsstellung, nachweisen11.. Die im Rahmen der ESPAC-III-Studie
angewandte Therapie mit Gemcitabine wird dieses Regime möglicherweise
ablösen. Die Bestrahlung erzielt zwar eine gute lokale Tumorkontrolle,
der Einfluss auf das Gesamtüberleben ist aber durch Entwicklung von
Metastasen außerhalb des Bestrahlungsfeldes limitiert 7,
11, 12.
Ein Beweis für
Vorteile eines neoadjuvanten Therapieregimes konnte bislang nicht erbracht
werden. Zwar besteht Unabhängigkeit von postoperativen Komplikationen
und ist ein Downstaging zur Operabilität möglich, jedoch zeigen
aktuelle Studien keine sichere Prognoseverbesserung 2,
5, 7, 11. Die
regionale Chemotherapie der Leber als Hauptmetastasierungsort, die intraoperative
Strahlentherapie (IORT) sowie die (teure) Behandlung mit Interleukinen
und Interferon werden in weiteren Studien auf Wirksamkeit überprüft
12. Bei unsicherer Datenlage können für diese Therapien zurzeit
noch keine Empfehlungen gegeben werden.
Zur Palliation bietet
sich eine systemische Therapie mit Gemcitabine an, die eine Erhöhung
der Lebensqualität durch Kontrolle der Symptome (Schmerzreduzierung,
Verbesserung Allgemeinzustand, verbesserte Körpergewichtszunahme)
erreichen kann 17. Als weitere palliative Maßnahme
bei Patienten mit obstruktiver Cholestase bei inoperablem Pankreaskarzinom
und einer Lebenserwartung von unter einem halben Jahr ist die endoskopische
Stenteinlage in den DHC indiziert. Bei einer Lebenserwartung von über
einem halben Jahr sollte die biliodigestive Anastomose in Kombination
mit einer retrocolischen Gastroenterostomie (GE) bevorzugt werden.
Zusammenfassend ist
die Therapie des Pankreaskarcinoms sowohl in palliativer wie in kurativer
Intention komplex. Durch die Vorgabe von Mindestmengen wird die Behandlung
zukünftig auf entsprechend onkologisch erfahrene Zentren konzentriert
werden.
Literatur bei den
Verfassern
Dr. Jürgen
Belz, Dr. Anja Zumschilde, Kreiskrankenhaus Husum, Erichsenweg 16, 25813
Husum
|