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Rezensionen
Die Krankheitserfinder - Wie wir zu Patienten gemacht werden
Bibliographische Angaben: Jörg Blech, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt 2003, 256 Seiten, 17,90 EUR, ISBN 3-10-004410-X

Ein älterer gesunder Mann geht zur Vorsorgeuntersuchung und lässt seinen Testosteronserumspiegel bestimmen, der unterhalb der Normgrenze liegt. Er erhält auf seinen Wunsch Testosteron als Anti-Aging Maßnahme und muss nun regelmäßig wegen der Prostatakontrolle in die urologische Sprechstunde. Ein Beispiel für Medikalisierung, die Jörg Blech, Biologe und Wissenschaftsredakteur beim „Spiegel“, kritisiert. Medikalisierung, die Ivan Illich bereits 1975 beklagte, bedeutet das Vordringen einer stetig mächtiger werdenden Medizin in immer weitere Bereiche des Lebens. Viele Alltagsereignisse, Geburt, Altern, Sexualität, Unglück, Sterben sind in den Griff der Medizin geraten.

Der Autor versteht unter Medikalisierung vor allem die Behandlung von Gesunden, die „die Krankheitserfinder“ zu Kranken machen. Welche Beispiele führt er an? Wenn Störungen breit genug definiert werden, indem z. B. die oberen Normgrenzen von Blutdruck und Cholesterin gesenkt werden, entstehen Millionen neuer Behandlungsbedürftiger. Das ist, so die These von Jörg Blech, nicht zuletzt im Interesse der Pharmaindustrie, die einen hohen Umsatz von Statinen und Antihypertensiva, von Antidepressiva, Viagra und anderen Pharmaka erstrebt. „Lebenslänglich zum Frauenarzt“ heißt eine Kapitelüberschrift, unter der die jahrzehntelange Hormonersatzbehandlung von der Menopause bis ins Alter und die möglichen Nebenwirkungen einschließlich eines Mammakarzinoms unter die Lupe genommen werden. Zur Medikalisierung wird die zunehmende Zahl der Kaiserschnitte gezählt. Die Geburt sei „in den vergangenen Jahren vom normalen physiologischen Vorgang zum medizinischen Ereignis unter Leitung eines Gynäkologen geworden“. Wenn man das normale männliche Altern zur Krankheit erkläre, könne die pharmazeutische Industrie ihr Testosterongel an Millionen Männer verkaufen.

Das Buch vertritt die Auffassung, dass die Medikalisierung vor allem von der Industrie vorangetrieben wird. Firmen, die Mammographiegeräte und diagnostische Tests wie PSA herstellen, sind an der Verbreitung ihrer Methoden vital interessiert. Prädiktive genetische Untersuchungen behaften Individuen Jahrzehnte mit einem Stigma, bevor die ersten Symptome auftreten. Nicht indizierte prädiktive Gentests Gesunder auf M. Alzheimer, Osteoporose, Herzinfarkt und Hypertonie, für die Herstellerfirmen werben, führen zu Angst, Verunsicherung und Diskriminierung. Eine abwägende Darstellung der Medikalisierung würde allerdings auch positive Seiten nennen: Dazu gehört, dass z. B. als Ursache einer Schizophrenie nicht mehr die böse „schizophrenogene“ Mutter beschuldigt wird, dass Depression, Adipositas und Alkoholabhängigkeit nicht mehr Folge einer „moralischen Schwäche“ sondern Krankheiten mit einer pathophysiologischen Grundlage sind. Trägt nicht die westliche Kultur wesentlich zu der von Jörg Blech beklagten Medikalisierung bei? Unsere von den Medien belehrte Gesellschaft erwartet oft zu viel von der modernen Medizin, nicht selten sogar ewige Jugend mit Haartransplantaten, Faltenbeseitigung und Fettabsaugung.

Gehört nicht zu einer am Wohl der Patienten orientierten Medizin, dass der Arzt einer unkritischen Medikalisierung entgegenwirken kann? Das geschieht z. B. dann, wenn er einen Ratsuchenden nicht an sich fesselt, sondern ihm Macht zurückgibt, indem er ihn zu Selbsthilfe und Selbstvertrauen anhält. Nicht jedes Symptom und Missbefinden benötigt ein Medikament. Schon weil viele potenzielle Patienten das Buch von Jörg Blech lesen werden, empfiehlt es sich, mit seinen Argumenten vertraut zu sein.

Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 08/2004

S. 96