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Arterielle
Hypertonie und Diabetes mellitus in der allgemeinärztlichen Versorgung
in Schleswig-Holstein
Markus Müller, Hans-Ulrich Wittchen
Einleitung
Die Hypertension and Diabetes Risk Screening and Awareness-Studie
HYDRA beschreibt und quantifiziert erstmals umfassend und bundesweit die
hausärztliche Versorgungssituation von Patienten mit arterieller
Hypertonie und Diabetes mellitus. Neue Erkenntnisse zur Häufigkeit
und Schwere der beiden Erkrankungen sowie zu häufigen Komorbiditäten
konnten mithilfe dieser Studie gewonnen werden. Zudem informiert HYDRA
über die aktuellen Herausforderungen in der hausärztlichen Versorgung,
wie z. B. den ansteigenden Versorgungsaufwand sowie dem erheblichen Zeitdruck.
Dies gilt insbesondere für die Therapie der überaus häufig
älteren sowie multimorbiden Patienten. Im September 2001 wurden insgesamt
1 912 Arztpraxen gewonnen, die 45 125 Patienten dokumentierten. In Hinblick
auf die Studiengröße und den Differenzierungsgrad ist HYDRA
die umfassendste Erhebung zur Versorgungssituation von Diabetes mellitus
und arterieller Hypertonie in der allgemeinärztlichen Versorgung.
In Schleswig-Holstein nahmen an dieser Studie 62 Ärzte teil, die
an zwei aufeinander folgenden Studientagen zusammen die Versorgung von
1 138 Patienten dokumentierten. Die in der vorliegenden Arbeit präsentierten
Daten stützen sich im Wesentlichen auf das ärztliche Urteil,
das heißt die Diagnosen Hypertonie, Diabetes und zusätzliche
Erkrankungen wurden vom behandelnden Arzt für jeden einzelnen Patienten
angegeben, in diese wurden auch die Grenzfälle (Borderline)
einbezogen. Das Vorliegen einer Mikroalbuminurie wurde hingegen anhand
einer Einmaltestung mit einem Teststreifen (Micraltest, Roche) diagnostiziert.
Weitere methodische Details finden sich im Sonderheft HYDRA der MMW (Fortschritte
der Medizin Originalien 121. Jg., Sonderheft I/2003, S. 1 - 44).
Praxischarakteristika
Die Studienärzte können aufgrund der Stichprobenplanung
als repräsentativ für die 56 000 bundesweit in der hausärztlichen
Versorgung tätigen Ärzte gelten. Dies gilt hinsichtlich ihrer
Ausbildung, der Verteilung zwischen Stadt- und Landgebiet und der Zahl
der durchschnittlich pro Tag gesehenen Patienten. Auffällig war die
im internationalen Vergleich extrem hohe Patientenzahl, die mittlerweile
kennzeichnend für das deutsche Gesundheitswesen ist (siehe Abb. 1).
Die an der Studie teilnehmenden Ärzte aus Schleswig-Holstein betreuten
im Schnitt 69,9 Patienten am Tag, im Bund 73,2. Der Anteil der Ärzte,
die über 80 Patienten am Tag sahen, betrug 43,5 Prozent (Bund 39,1
Prozent). Die Angaben zur Häufigkeit von Hypertonie und Diabetes
richten sich nach der ärztlichen Einschätzung, in diese wurden
auch die Grenzfälle (Borderline) nach Arzturteil einbezogen.

Häufigkeit
von Hypertonie
In der HYDRA-Studie wurde eine Prävalenz für die arterielle
Hypertonie in den Allgemeinarztpraxen aus Schleswig-Holstein von insgesamt
36,4 Prozent (Bund 40,2 Prozent), bei Männern von 40,0 Prozent (Bund
42,7 Prozent) und bei Frauen von 33,9 Prozent (Bund 38,4 Prozent) ermittelt.
Der Altersgipfel der Hypertonie lag jenseits des 60. Lebensjahres und
betrug insgesamt 58,5 Prozent (Bund 65,4 Prozent), bei Männern 60,4
Prozent (Bund 64,7 Prozent) und bei Frauen 57,1 Prozent (Bund 65,9 Prozent).
Die Hypertonie tritt bei Männern früher auf als bei Frauen und
geht auch früher in eine schwere Ausprägung über (Abb.
2).

Häufigkeit
von Diabetes mellitus
Die Prävalenz eines Diabetes mellitus lag bei Hausarztpatienten
aus Schleswig-Holstein mit insgesamt 13,4 Prozent (Bund 15,6 Prozent),
14,2 Prozent (Bund 18,5 Prozent) bei Männern und 12,8 Prozent (Bund
13,7 Prozent) bei Frauen, unter dem Bundesdurchschnitt. Der Altersgipfel
für Diabetes fand sich jenseits von 60 Jahren und betrug insgesamt
23,7 Prozent (Bund 27,6 Prozent), bei Männern 25,9 Prozent (Bund
30,3 Prozent) und bei Frauen 22,1 Prozent (Bund 25,7 Prozent). Während
die Zahl der Patienten in jüngeren Jahren noch relativ niedrig war,
waren in den Altersgruppen ab 45 Jahren gravierende Anstiege zu verzeichnen,
dabei erkrankten Männer im Vergleich zu Frauen früher und schwerer
(Abb. 3).

Komorbidität
Hypertonie und Diabetes mellitus
Komorbide Patienten im Sinne einer Kombination von Diabetes mellitus
und arterieller Hypertonie lagen in Schleswig-Holstein mit insgesamt 9,3
Prozent (Bund 12,0 Prozent), mit 10,3 Prozent (Bund 13,8 Prozent) bei
den Männern und 8,7 Prozent (Bund 10,7 Prozent) bei den Frauen unter
Bundesdurchschnitt. In der Altersgruppe über 60 Jahre war Folgendes
zu verzeichnen: Insgesamt: 17,0 Prozent (Bund 22,3 Prozent) Männer:
18,3 Prozent (Bund 23,8 Prozent), Frauen: 16,1 Prozent (Bund 21,3 Prozent).
Die Männer liegen damit fast sechs Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt,
die Frauen fünf Prozentpunkte. Die Ergebnisse sind in Abb. 4 dargestellt.
Folgeerkrankungen
Die HYDRA-Studie hat eindrucksvoll belegt, dass die Hauptaufgabe des
niedergelassenen Arztes in der Betreuung von multimorbiden Patienten besteht.
Dabei waren arterielle Hypertonie und Diabetes mellitus Fälle mit
nahezu allen untersuchten Erkrankungen überzufällig häufig
assoziiert. 88,7 Prozent der Patienten in Schleswig-Holstein (Bund 90,8
Prozent) mit Hypertonie und Diabetes wiesen mindestens eine weitere Erkrankung
auf, was damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt. Wenn ein
Patient an beiden Erkrankungen litt, war seine Chance, weitere Erkrankungen
zu haben, deutlich erhöht (Tab. 1).
So lag die Prävalenz
einer Linksherzhypertrophie bei Patienten mit beiden Erkrankungen in Schleswig-Holstein
bei 29,3 Prozent (Bund 20,8 Prozent), einer Adipositas bei 49,1 Prozent
(Bund 50,2 Prozent), einer koronaren Herzerkrankung bei 39,6 Prozent (Bund
34,3 Prozent) und einer Neuropathie bei 21,7 Prozent (Bund 18,9 Prozent).
Damit bestanden besonders hohe und vielfältige Komorbiditätsassoziationen
bei Vorliegen der Hochrisikokonstellation arterielle Hypertonie und Diabetes
mellitus (HYP & DIA). Hier war der Regelfall die Multimorbidität.
Weit über die Hälfte dieser Patienten hatten zwei oder mehr
Zusatzdiagnosen, der Anteil der Patienten mit arterieller Hypertonie und
Diabetes mellitus mit sechs und mehr zusätzlichen Erkrankungen lag
bei 16,0 Prozent (Bund 17,0 Prozent) (Abb. 5). Dies verdeutlicht, dass
der Hausarzt in Schleswig-Holstein wie auch bundesweit, nicht in Ausnahmefällen,
sondern viel mehr in der Regel bei diesen Patienten äußerst
komplexe diagnostische und therapeutische Situationen vorfindet.
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Erschwerte Therapie
von arterieller Hypertonie und Diabetes mellitus bei Begleiterkrankungen
Das Vorliegen mehrerer Erkrankungen erschwert offensichtlich eine gute
Einstellung von Diabetes mellitus und arterieller Hypertonie. Lagen beispielsweise
zwei bis drei zusätzliche Diagnosen zur Basisdiagnose
Diabetes mellitus vor, war der Anteil von schlecht eingestellten Diabetikern
im Vergleich zu den Patienten ohne Zusatzdiagnosen um fast das Achtfache
erhöht. Aus diesen Daten lassen sich möglicherweise effektivere
patienten- und krankheitsgerechtere Behandlungsstrategien ableiten. Priorität
im Hinblick auf kosteneffizientere Strategien ist dabei neben der Früherkennung
und -intervention von arterieller Hypertonie und Diabetes mellitus vor
allem die Verhinderung der Progression zu besonders kostenintensiven Folgeerkrankungen.

Stellenwert einer
Mikroalbuminurie als kardiovaskulärer Risikomarker
Die Bestimmung einer Albuminurie als Marker für eine endotheliale
Dysfunktion erfolgt häufig erst spät, wie die Ergebnisse der
HYDRA-Vorstudie zeigen. Nahezu 50 Prozent aller Ärzte gaben an, nie
oder nur gelegentlich auf eine Mikroalbuminurie zu testen, obwohl
die Mikroalbuminurie als sicherer Hinweis auf eine Nierenschädigung
gilt. Zugleich kann sie als Marker für makrovaskuläre Erkrankungen
und Risikofaktor für den vorzeitigen kardiovaskulären Tod gesehen
werden. Die Vereinigung amerikanischer Diabetologen (ADA) als auch die
Deutsche Diabetes Gesellschaft hat diese Testung explizit empfohlen. Dabei
werden Typ-1-Diabetiker ab dem fünften Jahr der Erkrankung, Typ-2-Diabetiker
mit Erkrankungsbeginn einmal im Jahr auf das Vorliegen einer Mikroalbuminurie
getestet. Sollten zwei von drei wiederholten Testungen im Abstand von
einigen Wochen positiv sein, kann die Diagnose gestellt werden, beim Patienten
wird ab dem Zeitpunkt einmal im Quartal eine Verlaufskontrolle durchgeführt.
Am Studientag erfolgte die einmalige Testung der Patienten auf das Vorliegen
einer Mikroalbuminurie. Ein positiver Befund wurde bei ca. 15 Prozent
der 16- bis 50-jährigen Patienten, mit einem Anstieg auf ca. 30 Prozent
bei den über 80-Jährigen gefunden. Schlüsselt man die Tests
nach Vorliegen von arterieller Hypertonie und/oder Diabetes mellitus auf,
sieht man, dass die Prävalenz deutlich ansteigt. Dabei fiel in der
Gruppe der hypertensiven Diabetiker der Micraltest in etwa 35,6 Prozent
der Fälle positiv aus, eine Zahl, die die Bedeutung einer regelmäßigen
Testung auf Mikroalbumine unterstreicht. In Schleswig-Holstein lag die
Zahl positiver Mikroalbuminurietests bei Patienten mit Diabetes und Hypertonie
mit 35,1 Prozent im Bundesdurchschnitt. Die Nierenschädigung wird
offensichtlich in ihrem frühesten Stadium zu selten erkannt.

Behandlungsschemata
bei Patienten mit arterieller Hypertonie
Trotz der Häufigkeit der Erkrankung (etwa jeder 2. Patient in
der Hausarztpraxis), ist die Güte der Einstellung nicht zufrieden
stellend. Etwa die Hälfte der Patienten in der hausärztlichen
Versorgung ist schlecht eingestellt. Zusammenfassend macht die HYDRA-Studie
durch den Abgleich der ärztlichen Diagnose mit den Blutdruckwerten
vor allem auf vier Problemkreise aufmerksam:
(1) Besonders bei
jüngeren Patienten sowie Patienten ohne akute Beschwerden wurden
hypertensive Patienten
nicht als solche erkannt (10 - 27 Prozent) und somit nicht behandelt.
(2) Auch von den diagnostizierten
und medikamentös behandelten Hypertonikern waren über die Hälfte
nach wie vor hypertensiv (> 140/90).
(3) Patienten, die
ausschließlich nicht-medikamentös behandelt werden, wiesen
viel häufiger eine schlechte Einstellung auf, als die mit Antihypertensiva
behandelten.
(4) Lag eine Komorbidität
von arterieller Hypertonie und Diabetes mellitus vor, wurden die meisten
Patienten mit einer dreier oder sogar vierer Kombination aus antidiabetischen
und antihypertensiven Medikamenten behandelt (Abb. 7).

In der HYDRA-Studie
wurden die Patienten mit reiner arterieller Hypertonie zur
Einstellung des Bluthochdrucks am häufigsten mit ACE-Hemmern behandelt.
Dann folgten Betablocker, Diuretika, Kalziumantagonisten, AT1-Blocker
und Alphablocker. Bei komorbiden Patienten mit arterieller Hypertonie
und Diabetes mellitus tauschten Betablocker und Diuretika die Plätze,
hier wurden die Betablocker leicht zurückgedrängt (Abb. 8).

Zusammenfassung
Diese Analysen aus HYDRA unterstreichen, dass arterielle Hypertonie
und Diabetes mellitus in der hausärztlichen Versorgung in der gesamten
Bundesrepublik eine Problematik mit herausragender Bedeutung darstellen:
Fast jeder zweite Patient in der Allgemeinarztpraxis leidet an arterieller
Hypertonie und jeder fünfte Patient hat Diabetes mellitus. Sowohl
die Zahl der Patienten mit einer vom Arzt diagnostizierten Hypertonie
und eines Diabetes als auch die Zahl der Patienten, bei denen beide Erkrankungen
vorliegen, sind in Schleswig-Holstein unter dem Bundesdurchschnitt. Aber
auch das Land Schleswig-Holstein zeigt einige spezifische Herausforderungen.
So liegt die Prävalenz einer Mikroalbuminurie bei Patienten mit Hypertonie
bzw. Diabetes um 5 bzw. 13 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die
Größenordnung insbesondere der Folge- und Begleiterkrankungen,
das Ausmaß des damit verbundenen persönlichen Leidens sowie
die immensen diagnostischen und therapeutischen Herausforderungen für
die behandelnden Ärzte wurden bislang massiv unterschätzt.
Dr. Markus Müller,
Sanofi-Synthelabo Berlin, Dr. Peter Bramlage, Klinische Pharmakologie
der TU Dresden, Prof. Dr. Dr. Wilhelm Kirch, Klinische Pharmakologie der
TU Dresden, Prof. Dr. Hendrik
Lehnert, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen
der Uni Magdeburg, Dr. David Pittrow, Klinische Pharmakologie der TU Dresden,
Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, Inst. für Klinische Psychologie und
Psychotherapie der TU Dresden;
für die HYDRA
Studiengruppe:
Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen (Studienleiter; Inst. für Klinische
Psychologie und Psychotherapie, TU Dresden), Dipl.-Psych. Dr. Petra Krause
(Dresden), Dipl.-Psych. Beate Küpper (Dresden), Dipl.-Stat. Michael
Höfler (München), Dipl. Inf. Hildegard Pfister (München),
Prof. Dr. B. Göke (München), Prof. Dr. Dr. W. Kirch (Dresden),
Prof. Dr. H. Lehnert (Magdeburg), Prof. Dr. E. Ritz (Heidelberg), Prof.
Dr. A. M. Sharma (Hamilton, Kanada), Prof. Dr. D. Tschöpe (Bad Oeynhausen),
Prof. Dr. T. Unger (Berlin), Dr. P. Bramlage (Dresden), Dr. D. Pittrow
(München/Dresden)
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
08/2004
S. 67 - 73
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