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Medizin und Wissenschaft
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Zehn
Jahre Radionuklidtherapie am Lübecker Uni-Zentralklinikum In Lübeck werden
bereits seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Therapieverfahren
mit radioaktiven Stoffen durchgeführt. Im Herbst 1994 wurde im Zentralklinikum
der Universität eine neue, modern ausgestattete nuklearmedizinische
Therapiestation von der Klinik für Strahlentherapie und Nuklearmedizin
übernommen. Aufgrund der neuen baulichen Gegebenheiten konnte die
Patientenversorgung erheblich verbessert werden. Zugleich lassen sich
seither die nuklearmedizinischen Behandlungsverfahren in Krankenversorgung,
Forschung und Lehre angemessen interdisziplinär integrieren.
Bauliches Konzept Leistungsspektrum
Das Leistungsspektrum
der nuklearmedizinischen Therapiestation des heutigen UK S-H, Campus Lübeck,
umfasst jedoch nicht nur die RIT, sondern auch alle neu eingeführten
Methoden der Radionuklidtherapie (Tab. 1). Verwendet werden vor allem
131I, das zugleich unter Emission von Beta-Teilchen (therapeutisch wirksamer
Anteil) und Gammaquanten (szintigraphisch nutzbarer Anteil) zerfällt,
sowie reine Betastrahler (90Y, 186Re, 169Er). Von der Erstvorstellung bis zur stationären Aufnahme sind bei außerhalb vorbereiteten Patienten in der Regel weniger als sieben Tage erforderlich. Die Aufenthaltsdauer wird bei allen Methoden von der Art und Menge des verwendeten Radionuklids sowie dessen Umsatz im Körper der Patienten bestimmt. Bei einer Radioiodtherapie
der Schilddrüse hängt die Dauer des stationären Aufenthaltes
sowohl von der Menge der applizierten Aktivität als auch vom Speichervermögen
der Schilddrüse und der Ausscheidung nicht thyreoidal gespeicherten
Iodes ab. So erklärt sich, dass die Aufenthaltsdauer zur postoperativen
Ablation von Schilddrüsenresten bei differenzierten Schilddrüsenkarzinomen
trotz der erforderlichen hohen Aktivitäten durchschnittlich nur vier
bis fünf Tage beträgt, während bei (benignen) Schilddrüsenautonomien
wegen der längeren thyreoidalen Speicherung längere stationäre
Aufenthalte erforderlich sein können. Die Radioiodtherapien
werden - nicht zuletzt aus Gründen der Qualitätssicherung -
nach den interdisziplinär abgestimmten Richtlinien der Deutschen
Gesellschaft für Endokrinologie und der Deutschen Gesellschaft für
Nuklearmedizin durchgeführt. Behandlungsablauf Sofern bei einer benignen
Schilddrüsenerkrankung die Indikation zur RIT bestätigt wird,
erhält der Patient einen Termin für den dreitägigen therapievorbereitenden
Radioiodtest, der in der Regel ambulant durchgeführt werden kann.
In Lübeck erfolgt die stationäre Aufnahme auf der Therapiestation
meist unmittelbar im Anschluss an den Radioiodtest, damit die im Test
gemessene Kinetik möglichst exakt derjenigen unter der Therapie entspricht.
Bereits am Aufnahmetag wird das Radioiod appliziert. Bei anderen Erkrankungen
(z. B. Schilddrüsenkarzinomen) erfolgt die Abstimmung des weiteren
Procedere nach der Erstvorstellung individuell in Absprache mit dem zuweisenden
Arzt und seinem Patienten. Die Radiosynoviorthese
(RSO) wird heute zumeist vom niedergelassenen Nuklearmediziner ambulant
durchgeführt. Am Universitätsklinikum in Lübeck beschränkt
sich der Einsatz der RSO daher auf Patienten mit komplizierten Begleiterkrankungen,
bei denen eine stationäre Nachbeobachtung auf der Therapiestation
für maximal zwei Tage sinnvoll ist.
Nachsorge Nebenwirkungen Das Hypothyreoserisiko
liegt nach der RIT einer fokalen Schilddrüsenautonomie bei 7 %. Bei
multifokaler oder disseminierter Autonomie kann es besonders bei kleinen
Schilddrüsen höher ausfallen. Wird bei der Immunhyperthyreose
vom Typ Morbus Basedow das Therapieziel einer vollständigen Beseitigung
der Hyperthyreose erreicht, so ist dies - wie allgemein akzeptiert wird
- mit einer Hypothyreoserate von über 80 % verbunden, eine Größenordnung,
die auch bei operativer Therapie erreicht wird (> 95 %). Das zuweilen auch
in medizinischen Fachkreisen diskutierte mutagene und karzinogene Risiko
ist bei Radionuklidtherapien wegen benigner Erkrankungen zu vernachlässigen.
So wurde bei der Behandlung gutartiger Schilddrüsenerkrankungen in
umfangreichen Studien kein mutage- nes oder karzinogenes Risiko nachgewiesen.
Die Kommission für Hormontoxikologie und die Sektion Schilddrüse
der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie haben daher in Übereinstimmung
mit der nuklearmedizinischen Fachgesellschaft bereits vor vielen Jahren
die frühere Altersbegrenzung für eine RIT aufgehoben. Die RIT
ist daher auch bei Patienten mit benignen Schilddrüsenerkrankungen
ab dem 20. Lebensjahr problemlos möglich. Lediglich die hochdosierte
RIT bei Schilddrüsenkarzinomen und die Radioimmuntherapie bei Non-Hodgkin-Lymphomen
können ein erhöhtes Risiko für Sekundärtumore bedeuten.
Strahlenexposition Zum Vergleich: Der
natürliche Strahlenpegel durch körpereigene, terrestrische und
kosmische Strahlung liegt in Deutschland im Mittel bei 2,4 mSv jährlich.
Dies entspricht 0,27 µSv/h. In Flughöhe beträgt die Strahlenexposition
infolge der natürlichen Strahlung rund 5 µSv/h. Bereits bei
einem Transatlantikflug von Frankfurt nach Los Angeles und zurück
(ca. 20 h, 10 km Höhe) ergibt dies eine Strahlenexposition von insgesamt
0,1 mSv. Beschäftigte in der Nuklearmedizin erreichen im Normalfall
eine Dosis von bis zu 3 mSv/a. Ergebnisse Der Erfolg einer RSO,
d. h. die Schmerzlinderung und Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit, hängt
von verschiedenen Faktoren ab wie der Art des Gelenks, Genese der Gelenkdestruktion
und Stadium der Erkrankung. Ein signifikanter Erfolg ist nach einmaliger
Behandlung noch nach zwei Jahren in 40 - 96 % der Fälle zu erwarten.
Wiederholte Behandlungen sind möglich. Eine einmal eingetretene Gelenkdeformität
lässt sich nicht mehr beheben. Auch die RSO sollte daher möglichst
frühzeitig in Betracht gezogen werden. Bei der Radioimmuntherapie
von Lymphomen handelt es sich um ein neuartiges Therapieverfahren mit
radioaktiv markierten CD 20-Antikörpern. Die Methode wird derzeit
wissenschaftlich evaluiert, zählt also noch nicht zu den Routinemethoden
und wird in Lübeck in enger Abstimmung mit dem Bereich Hämatologie/Onkologie
der Medizinischen Klinik I durchgeführt. Dr. Wolfgang Bergter, Dr. Susanne Eckerle, Dr. Isabel Lauer, Prof. Dr. Manfred Bähre, UK S-H, Campus Lübeck, Zentralklinikum, Ebene 01, Leitstelle Nuklearmedizin L 5 a, 23538 Lübeck, Tel. 0451/500-6669 |
Schleswig-Holsteinisches
S. 58 - 61 |
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