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Medizin und Wissenschaft

Das Post-Polio-Syndrom
Eine Kurzübersicht
Peter Brauer

Viele Ärzte wissen heute nur noch wenig über die Poliomyelitis und ihre Folgen. Eine erfolgreiche Impfprophylaxe hat aus ihr hierzulande eine vergessene Krankheit werden lassen.


Dr. Peter Brauer
(Foto: Privat)

Lange Zeit galt das Erreichen maximal möglicher Wiederherstellung des funktionellen Niveaus nach einer Polioinfektion als zeitlich unbegrenzte Phase eines stabilen Zustandes. Doch durchschnittlich 35 Jahre nach der Erkrankung treten bei etwa 65 - 85 % der Betroffenen unerwartet, häufig schleichend neue Symptome auf, die zu dem Post-Polio-Syndrom (PPS), einer abgegrenzten klinischen Erkrankung zusammengefasst werden und streng von den Polio-Primärfolgen zu trennen sind. Zu diesem Kreis gehören mindestens 70 % der Polio-Überlebenden mit und 40 % ohne Lähmungsfolgen. Das bedeutet für Deutschland gegenwärtig noch eine Zahl von bis zu 100 000 Betroffenen. Die häufigsten Symptome dieses Syndroms, die denen der ursprünglichen Poliomyelitis wie auch einer Vielzahl anderer Erkrankungen teilweise ähneln, sind nach Leboeuf:

1. Allgemeiner Mangel an Kraft und Ausdauer,
2. Beeinträchtigungen im Bereich des Muskel-Skelett-Systems,
3. Respirationsstörungen,
4. Schluck- und Sprechstörungen,
5. Kreislaufregulationsstörungen,
6. Kälteempfindlichkeit.11

Frei bewegliches Sprunggelenk, knochennahe, ggf. einseitige Seitabstützung

Über solche Poliomyelitisspätfolgen wurde bereits 1875 in Frankreich berichtet. Bis heute fehlt es allerdings an einer umfassenden exakten und allgemein anerkannten Erklärung ihrer Ursachen. Unbestritten ist der Teilaspekt, dass PPS als Verschleiß des mangelhaften neuromuskulären Komplexes durch absolute wie relative Überlastung zu werten ist. Er kann alle Muskeln im facialen, oralen, pharyngealen, laryngealen, Rumpf- und Extremitätenbereich betreffen. Dabei ist nach den kausalen Lokalisationspunkten zwischen peripher- wie zentral-neuropathischen und sekundär-myopathischen Symptomen zu unterscheiden.11 Ausgangspunkt ist die Schädigung oder Zerstörung einer relativ großen Zahl spinaler Motoneurone durch die Polioviren. Geschädigte oder noch intakte Neurone reinnervieren verwaiste Muskeln. Nicht erfasste Muskulatur atrophiert. Die kompensierenden Muskeln hypertrophieren. Das so rekonditionierte neuromuskuläre System erbringt teilweise das bis zu Zehnfache der physiologischen Leistung. Die Reinnervation ist nicht stabil und unterliegt einem ständigen Auf- und Abbau. Funktion und Struktur befinden sich auf Dauer kurz unterhalb oder direkt an ihrer Leistungsgrenze. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass alle Polioinfektionen encephalitisch sind, sowohl die paralytischen als auch die nicht paralytischen. Entsprechende Läsionen finden sich neurohistopathologisch und bei entsprechender Größenordnung auch radiographisch (MRT) im Di-, Mes-, Met-, Myel-, sowie den motorischen und prämotorischen Arealen des Tel-Encephalons.2,6 Nur unter Einbeziehung dieser Tatsache lässt sich der Gesamtkomplex PPS ausreichend erklären. Dabei spielt das Stresssystem eine bedeutende Rolle.3,6

Die sensorischen, emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten unterliegen keiner poliobedingten Einschränkung.

Um aus neuerlichen Symptomen zur Diagnose PPS zu gelangen, werden allgemein folgende, aus heutiger Sicht teilweise korrekturbedürftige (s. ? des Autors) Kriterien nach Dalakas zugrunde gelegt:

  • Gesicherte (?) Anamnese einer paralytischen (?) Poliomyelitis.
  • Stabile Periode nach der Rekonvaleszenz.
  • Restparalysen (?) nach überstandener Poliomyelitis.
  • Neuerliche Muskelschwäche und Muskelatrophie.
  • Fehlende Hinweise auf andere Erkrankungen als Ursache.7,12,14

In der Aussage von Halstead und Grimby stellt sich PPS als interdisziplinär-diagnostisches Problem mit hohem differenzialdiagnostischen Aufwand dar:

1. Ein pathognomonischer Test existiert nicht.
2. Die Symptome sind überwiegend subjektiv und sehr allgemein.
3. Es gibt kein eindeutig spezifisches Symptommuster.
4. Die Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose.10

Fußheber- und inkomplette Quadrizepsparese und evtl. Beinverkürzung

Praktisch konfrontiert sind damit in erster Linie Allgemeinmediziner, Internisten, Orthopäden, Neurologen, Pulmonologen und der Bereich der physikalischen Medizin.
PPS ist zugleich ein therapeutisches Problem, denn es gibt keine hinreichend befriedigende physiotherapeutische und medikamentöse Einflussmöglichkeit.

Die wesentliche Therapie besteht in einer dosierten Be- und Entlastung des neuromuskulären Systems einschließlich der respiratorischen Komponente. Das gilt gleichfalls für die kontrollierte Physiotherapie.9 Bei seiner Gratwanderung zwischen Minder- und Überbeanspruchung befindet sich der Patient in einem Circulus vitiosus mit zunehmender Behinderung. Damit erfüllt das PPS alle Bedingungen einer chronischen Erkrankung.4 Mobilität, funktionelle Unabhängigkeit und Entlastung sind nicht zuletzt auch durch technische Hilfsmittel zu befördern oder zu erhalten.11 Beim Einsatz von Medikamenten wurde bisher kein signifikant positiver Effekt auf das PPS nachgewiesen.14 Dagegen können PPS-Patienten durch eine unkritische Arzneiverordnung gefährdet werden.

Restaktivität der Kniestrecker mit Knieachsinstabilität

Das kann unter anderem bei Betablockern, Cholesterinsenkern, Myorelaxantien, Narkotika/Anästhetika, Opiaten und Psychopharmaka der Fall sein.1,11,13 Narkosen und Operationen stellen für diese Patienten ein besonderes Risiko dar.8,11
Die oben genannten Probleme allein schränken häufig ihres Folgeaufwandes wegen den notwendigen Behandlungsumfang ein. Erschwerend kommt hinzu, dass bis heute ein mangelhafter spezifischer Kenntnisstand bei der überwiegenden Zahl der Ärzte und Patienten sowie leider auch eine nicht selten anzutreffende Ignoranz bei der medizinischen einschließlich der sozialmedizinischen, der sozialen und sozialpolitischen Betreuung eine adäquate Versorgung der Betroffenen verhindert, ja darüber hinaus sehr häufig zu Fehldiagnosen, Fehlbehandlungen und Fehlentscheidungen mit teilweise fatalen Folgen für die Lebensqualität der PPS-Patienten führt. Die Probleme des PPS liegen grundsätzlich in der Sache, werden jedoch leider viel zu häufig zum Nachteil bzw. Schaden für den Patienten durch interpersonelle Probleme aus dem Arzt-Patient-Verhältnis überdeckt.5 Das Post-Polio-Syndrom lehrt uns, dass die Poliomyelitiserkrankung mehr Schäden setzt, als sich aus ihrem klinischen Erscheinungsbild und dem der Primärfolgen ableiten lässt. Es ist nicht heilbar, sein Verlauf ist weitgehend schicksalhaft und individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Zur Vertiefung dieser abrisshaften Darstellung muss auf die zahlreichen einschlägigen Literaturstellen verwiesen werden.

(Info-Adressen: www.polio.sh und www.poliokiel.de)

Literatur beim Verfasser oder im Internet (s. o.)

Dr. Peter Brauer, Polio-Landesverband Schleswig-Holstein e. V.

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 06/2004

S. 72 - 74