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Medizin und Wissenschaft
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Das Post-Polio-Syndrom Viele Ärzte wissen
heute nur noch wenig über die Poliomyelitis und ihre Folgen. Eine
erfolgreiche Impfprophylaxe hat aus ihr hierzulande eine vergessene Krankheit
werden lassen.
Lange Zeit galt das
Erreichen maximal möglicher Wiederherstellung des funktionellen Niveaus
nach einer Polioinfektion als zeitlich unbegrenzte Phase eines stabilen
Zustandes. Doch durchschnittlich 35 Jahre nach der Erkrankung treten bei
etwa 65 - 85 % der Betroffenen unerwartet, häufig schleichend neue
Symptome auf, die zu dem Post-Polio-Syndrom (PPS), einer abgegrenzten
klinischen Erkrankung zusammengefasst werden und streng von den Polio-Primärfolgen
zu trennen sind. Zu diesem Kreis gehören mindestens 70 % der Polio-Überlebenden
mit und 40 % ohne Lähmungsfolgen. Das bedeutet für Deutschland
gegenwärtig noch eine Zahl von bis zu 100 000 Betroffenen. Die häufigsten
Symptome dieses Syndroms, die denen der ursprünglichen Poliomyelitis
wie auch einer Vielzahl anderer Erkrankungen teilweise ähneln, sind
nach Leboeuf: 1. Allgemeiner Mangel
an Kraft und Ausdauer,
Über solche Poliomyelitisspätfolgen
wurde bereits 1875 in Frankreich berichtet. Bis heute fehlt es allerdings
an einer umfassenden exakten und allgemein anerkannten Erklärung
ihrer Ursachen. Unbestritten ist der Teilaspekt, dass PPS als Verschleiß
des mangelhaften neuromuskulären Komplexes durch absolute wie relative
Überlastung zu werten ist. Er kann alle Muskeln im facialen, oralen,
pharyngealen, laryngealen, Rumpf- und Extremitätenbereich betreffen.
Dabei ist nach den kausalen Lokalisationspunkten zwischen peripher- wie
zentral-neuropathischen und sekundär-myopathischen Symptomen zu unterscheiden.11
Ausgangspunkt ist die Schädigung oder Zerstörung einer relativ
großen Zahl spinaler Motoneurone durch die Polioviren. Geschädigte
oder noch intakte Neurone reinnervieren verwaiste Muskeln. Nicht erfasste
Muskulatur atrophiert. Die kompensierenden Muskeln hypertrophieren. Das
so rekonditionierte neuromuskuläre System erbringt teilweise das
bis zu Zehnfache der physiologischen Leistung. Die Reinnervation ist nicht
stabil und unterliegt einem ständigen Auf- und Abbau. Funktion und
Struktur befinden sich auf Dauer kurz unterhalb oder direkt an ihrer Leistungsgrenze.
Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass alle Polioinfektionen
encephalitisch sind, sowohl die paralytischen als auch die nicht paralytischen.
Entsprechende Läsionen finden sich neurohistopathologisch und bei
entsprechender Größenordnung auch radiographisch (MRT) im Di-,
Mes-, Met-, Myel-, sowie den motorischen und prämotorischen Arealen
des Tel-Encephalons.2,6 Nur unter Einbeziehung dieser
Tatsache lässt sich der Gesamtkomplex PPS ausreichend erklären.
Dabei spielt das Stresssystem eine bedeutende Rolle.3,6 Die sensorischen,
emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten unterliegen keiner poliobedingten
Einschränkung. Um aus neuerlichen
Symptomen zur Diagnose PPS zu gelangen, werden allgemein folgende, aus
heutiger Sicht teilweise korrekturbedürftige (s. ? des Autors) Kriterien
nach Dalakas zugrunde gelegt:
In der Aussage von
Halstead und Grimby stellt sich PPS als interdisziplinär-diagnostisches
Problem mit hohem differenzialdiagnostischen Aufwand dar: 1. Ein pathognomonischer
Test existiert nicht.
Praktisch konfrontiert
sind damit in erster Linie Allgemeinmediziner, Internisten, Orthopäden,
Neurologen, Pulmonologen und der Bereich der physikalischen Medizin. Die wesentliche Therapie besteht in einer dosierten Be- und Entlastung des neuromuskulären Systems einschließlich der respiratorischen Komponente. Das gilt gleichfalls für die kontrollierte Physiotherapie.9 Bei seiner Gratwanderung zwischen Minder- und Überbeanspruchung befindet sich der Patient in einem Circulus vitiosus mit zunehmender Behinderung. Damit erfüllt das PPS alle Bedingungen einer chronischen Erkrankung.4 Mobilität, funktionelle Unabhängigkeit und Entlastung sind nicht zuletzt auch durch technische Hilfsmittel zu befördern oder zu erhalten.11 Beim Einsatz von Medikamenten wurde bisher kein signifikant positiver Effekt auf das PPS nachgewiesen.14 Dagegen können PPS-Patienten durch eine unkritische Arzneiverordnung gefährdet werden.
Das kann unter anderem
bei Betablockern, Cholesterinsenkern, Myorelaxantien, Narkotika/Anästhetika,
Opiaten und Psychopharmaka der Fall sein.1,11,13
Narkosen und Operationen stellen für diese Patienten ein besonderes
Risiko dar.8,11 Dr. Peter Brauer, Polio-Landesverband Schleswig-Holstein e. V. |
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 06/2004 S. 72 - 74 |
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