|
Kammer-Info
|
||||
|
Abhängigkeitserkrankungen
bei Frauen Vorwort In Deutschland sind
ca. 800 000 Frauen alkoholkrank, 125 000 missbrauchen illegale Drogen
und 1 Mio. haben Medikamentenprobleme. Ca. 1,5 % - 2 % der Frauen im gebärfähigen
Alter sind abhängig von Alkohol, 0,3 % von illegalen Drogen. Jährlich
werden ca. 2 200 Kinder mit einer Alkoholembryopathie geboren. Unterschiedliche Gruppen
von Alkoholikern wurden seit dem 19. Jahrhundert beschrieben, die Unterschiede
zwischen männlichen und weiblichen Süchtigen seit den 80er Jahren
des 20. Jahrhunderts. Es waren vor allem körperlicher und sexueller
Missbrauch in der Kindheit, die von einer Reihe internationaler Autoren
als ursächliche oder Risikofaktoren für weibliche Sucht gewertet
wurden. Um optimale Präventions-
und Behandlungsstrategien für suchtmittelabhängige Frauen entwickeln
zu können, muss weibliche Sucht differenziert beschrieben werden.
Diesem Ziel diente die hier vorgestellte Studie.1 Im Jahr 2001 konnten
dafür 908 Frauen in stationärer Behandlung befragt werden, das
waren 36 % aller sich zu dieser Zeit in medizinischer Rehabilitation befindenden
Frauen. Die Teilnehmerinnen an der Studie waren repräsentativ für
suchtkranke Patientinnen in stationärer Therapie, wie die Übereinstimmung
der soziodemographischen Studiendaten mit denen der bundesdeutschen EBIS-Erhebung
zeigte.
Gruppenbildung Die vier Suchtmittel-Gruppen
wurden aus den Diagnosen jetziger und früherer ambulanter und stationärer
Suchtbehandlungen gebildet, nämlich die (reine) Alkoholikerinnengruppe
(n = 607), die Alkohol plus-Gruppe (Alkohol plus Medikamente und/oder
Essstörungen) (n = 77), die Gruppe der Frauen mit illegalem (polytoxikomanem)
Konsum (n = 169) und die Polysucht-Frauen (n = 55), mit Behandlungen
sowohl wegen Abhängigkeit von legalen als auch illegalen Drogen und/oder
Essstörungen. Die vier alternativen
Gruppen Alter bei Suchtbeginn umfassen die Altersgruppen zwischen
Der Vorteil der Typologisierung
nach Alter bei Suchtbeginn gegenüber der nach Suchtmitteln
liegt in der ähnlichen Gruppengröße, ferner entsprechen
die Suchtbeginn-Gruppen auch den Lebensaltersphasen von Frauen.
Ergebnisse Als erstes Suchtmittel
wird Alkohol von allen Frauen eingesetzt, und zwar von 92 % der bei Suchteinstieg
ältesten bis zu 57 % der bei Suchtbeginn jüngsten. Letztere
geben häufiger als die anderen Gruppen Cannabis (16 %) als erstes
Mittel sowie anorektisches (18 %), bulimisches (9 %), ess- (6 %) und kaufsüchtiges
(6 %) als Einstiegsverhalten an. Die bei Suchtbeginn 15 - 18-Jährigen
geben häufiger als die anderen Frauen illegale Drogen (7 %), außer
Cannabis, und die bei Suchtbeginn 19 - 30-Jährigen häufiger
als die anderen Frauen Medikamente (10 %) als Einstiegsmittel an. Mit
Ausnahme von Alkohol werden, statistisch signifikant, illegale Drogen,
Essstörungen und Kaufsucht als aktuelles Suchtverhalten am häufigsten
von den bei Suchtbeginn Jüngsten genannt. Die Unterschiede im
Suchtverhalten bleiben als Muster auch für die weiteren Ergebnisse
relevant: Je jünger die Frauen beim Beginn ihrer Sucht sind, desto
stärker haben sie negative Lebenserfahrungen gemacht, dies trifft
insbesondere für die Erfahrungen in der Kindheit zu. 62 % aller Frauen
gaben seelische Gewalterfahrungen an, die indirekt, aus anderen Fragen,
ermittelt wurden. 57 % der Frauen wurden in ihrer Kindheit gedemütigt,
vernachlässigt, unterdrückt, allein gelassen und abgelehnt.
Nur 17 % der Frauen in der jüngsten Einstiegsaltersgruppe, im Gegensatz
zu 57 % in der ältesten, haben keine seelische Gewalt erlitten. Körperliche Gewalterfahrungen,
jemals in ihrem Leben, haben 56 % aller Frauen bejaht, 40 % ausschließlich
bis zu ihrem 16. Lebensjahr, 5 % als Erwachsene und 9 % in beiden Lebensabschnitten.
25 % der Frauen mit körperlichen Gewalterfahrungen in der Kindheit
wurden mit Fäusten geschlagen und/oder mit Füßen getreten,
48 % wurden öfter geschlagen, davon 90 % über mehrere Jahre.
51 % der geschlagenen Frauen nennen zwei bis sieben Täter; Väter
und Mütter (auch Adoptiv- und Stiefväter bzw. -mütter)
werden von 65 % resp. 63 % der Frauen am häufigsten genannt. 34 % aller Frauen
bejahten die Frage nach sexuellen Gewalterfahrungen, 27 % haben sie ausschließlich
bis zu ihrem 16. Lebensjahr, 5 % als Erwachsene und 9 % in beiden Lebensabschnitten
erlitten. 49 % der Frauen nennen einen oder mehrere Täter ausschließlich
in der Familie. Von der jüngsten Einstiegsaltersgruppe werden sexuelle
Gewalterfahrungen in der Kindheit statistisch signifikant am häufigsten
genannt (44 %, im Gegensatz zu 17 % in der ältesten Gruppe). Sie
geben häufiger als die anderen Frauen drei oder mehr Täter an. Im Erwachsenenleben
haben sich die jeweiligen Erfahrungen verfestigt. Während durchschnittlich
90 % der Frauen angaben, fünf Jahre vor der Rehabilitation ausschließlich
in einer privaten Wohnung gelebt zu haben (nicht privat: Therapeutische
WG, Notunterkunft, ohne festen Wohnsitz), sind es bei denjenigen, die
bis zum 14. Lebensjahr mit der Sucht begannen, 71 % und 99 % bei
den Frauen mit spätem Suchtbeginn. 89 % der Frauen haben in den letzten
fünf Jahren auf eigene Einkünfte (auch des Ehemanns) zurückgreifen
können, die bei Suchtbeginn jüngsten zu 74 %. Einkünfte
aus illegalen Aktivitäten gaben durchschnittlich 11 % aller Frauen
an, aber 30 % in der jüngsten Einstiegsaltersgruppe. Bei denjenigen,
die nach dem 30. Lebensjahr mit der Sucht begannen, hat eine Frau auf
illegale Einkünfte zurückgegriffen, aber keine Frau hat sich
prostituiert. 33 % aller Frauen
haben bisher Suizidversuche unternommen. Die Unterschiede zwischen den
jüngeren und älteren Einstiegsaltersgruppen bzw. zwischen den
beiden Gruppen mit illegalem Konsum oder legalem Konsum sind zu Ungunsten
der ersten statistisch signifikant. 35 % der bei Suchtbeginn 1 - 14-Jährigen
haben bis zum 16. Lebensjahr versucht sich zu suizidieren. 60 % aller Frauen
haben jemals in ihrem Leben unter seelischen Störungen gelitten,
50 % gaben affektive Störungen, 48 % Angststörungen/Panikattacken,
11 % psychotische und 8 % Persönlichkeitsstörungen an. Alle
psychischen Störungen werden am häufigsten von den bei Suchtbeginnn
jüngsten Frauen genannt, besonders häufig Persönlichkeitsstörungen,
nämlich von 19 %, verglichen mit 1,5 % bei der ältesten Einstiegsgruppe.
Erstaunlich ist, dass
nur ein Teil der befragten Frauen bei der Bilanzierung ihres Erwachsenenlebens,
gern ein anderes Leben führen möchten (durchschnittlich
59 %, 34 % der ältesten, 75 % der jüngsten Einstiegsalters-Gruppe).
Ebenso erstaunlich, dass von einigen Frauen ihre Sucht unabhängig
von den Lebenserfahrungen gesehen wird: Zwischen 25 % (jüngste Suchtbeginn-Gruppe)
und 52 % (älteste) der Frauen meinen, dass bis auf die Sucht
alles in Ordnung sei. Die Reflexionsfähigkeit scheint bei den
belasteteren Frauen (sehr früher Suchtbeginn, Polysucht) größer
zu sein als bei den weniger belasteten (später Suchteinstieg, Alkoholikerinnen). Die Lebenserfahrungen
der Frauen vermitteln, dass suchtpräventive Anstrengungen sehr früh
und gefährdungsspezifisch zu erfolgen haben. Kindergarten wie Grundschule
müssen sozialisatorische Aufgaben übernehmen. Besondere Aufmerksamkeit
verdienen Kinder aus Suchtfamilien. Ärztinnen und Ärzten kommt
bei der Erkennung von problematischem (Sucht-)Verhalten eine wichtige
Rolle zu. Die genaue Suchtanamnese, über die Unterscheidung legal
- illegal hinausgehend und die Eruierung des Suchtbeginns sowie einfühlende
Gespräche, die die frühen und späteren Lebenserfahrungen
zum Inhalt haben, tragen zur Vertrauensbildung bei und ebnen den Weg in
die professionelle Suchtberatung. Literatur bei der
Verfasserin |
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 05/2004 S. 52 - 54 |
|||