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Tollwut
Manfred
Peters
Die Tollwut ist eine weit verbreitete Zoonose, die in Europa sowie in
den Ländern der Tropen vorkommt. Gefährlich ist die Tollwut
dadurch, dass durch den Biss eines erkrankten Tieres die Erkrankung auf
den Menschen übertragen werden kann und letztlich zum Tod des Menschen
führt. Ohne eine vorausgegangene oder sofort eingeleitete Impfung
endet die Erkrankung tödlich. Die Inkubaktionszeit kann von 20 bis
90 Tagen reichen. In vielen Fällen wird der Biss des tollwütigen
Tieres nicht als gefährlich erinnert. Je näher die Eintrittsstelle
des Virus zum Kopf hin reicht, umso eher bricht die Erkrankung aus und
umso eher zeigen sich die ersten Krankheitssymptome.
Pasteur war der erste, der die Erkrankung Tollwut einem unsichtbaren Erreger
zuordnete zu einer Zeit, in der Viren als Krankheitserreger noch unbekannt
waren. Man konnte sie nicht sehen und nicht wie Bakterien auf künstlichen
Nährböden anzüchten. In Tierversuchen gelang es Pasteur
bei Kaninchen durch Infektion des Rückenmarkes das unsichtbare infektiöse
Agens über Tierpassagen zu züchten und damit Hunde zu infizieren.
Die Schutzwirkung seiner so entwickelten Vaccine konnte er bei Hunden
nachweisen.
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1985 wurde dann zum
ersten Mal diese Tiervaccine bei einem Menschen mit Erfolg eingesetzt.
Ein Problem blieb die Züchtung der Viren in der Tierpassage. Nach
Versuchen mit Kaninchen, Mäusen und anderen Tieren gelang erst bei
den Zellkulturimpfstoffen die Produktion von nebenwirkungsarmen Tollwutimpfstoffen.
In vielen armen Ländern der Tropen sind diese modernen Impfstoffe
aber nicht erhältlich oder nur zu Preisen zu kaufen, die sich kaum
einer in diesen Ländern leisten kann. Hier gibt es weiterhin Hirngewebsimpfstoff
mit hohen Nebenwirkungen. Die Wirksamkeit eines gekauften modernen Impfstoffes
ist wegen Lagerungsfehlern in den Ländern der Tropen nicht immer
gewährleistet.
Tollwutimmunglobulin ist in vielen Ländern ebenfalls nicht erhältlich.
Aus diesen Gründen sollten alle Reisenden in Länder mit gehäuftem
Auftreten von Tollwut vor Antritt der Reise präexpositionell mit
einem modernen Tollwutimpfstoff auf Zellkulturbasis geimpft werden. Je
nach dem verwendeten Impfstoff sind vor der Reise zwei oder drei Injektionen
dieses Impfstoffes notwendig. In Deutschland sind zwei verschiedene Impfstoffe
im Handel, purified chick embryo cell vaccine, ein PCECV Zellkulturimpfstoff
RabiburTM und der human diploid cell strain vaccine RabivacTM sowie Tollwutimpfstoff
HDCTM von Aventis Pasteur Merieux MSD. Die in Indien und Südamerika
hergestellten (suckling mouse brain) Impfstoffe können
wegen der erhöhten Rate von Nebenwirkungen nicht empfohlen werden.
Es sind bis zu 15 Injektionen dieser Hirngewebsimpfstoffe postexpositionell
erforderlich um eine Schutzwirkung zu erzielen, die aber maximal bei 60
- 80 % liegt.
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Neben diesen Zellkulturimpfstoffen
gibt es noch verschiedene andere Zellkulturimpfstoffe, die nicht so schwierig
bei der Produktion sind wie die in Europa gebräuchlichen Zellkulturimpfstoffe.
Diese billigen Zellkulturimpfstoffe werden in großer Zahl in China
und Russland hergestellt. Nur die HDC-, PECEC- und PVR-Zellkulturimpfstoffe
entsprechen dem hohen Standard mit ca. 100 % Wirksamkeit. Bei diesen modernen
Zellkulturimpfstoffen werden weniger Injektionen benötigt um eine
Schutzwirkung bis ca. 100 % zu erreichen.
Gehäufte Todesfälle an Tollwut sind berichtet worden in den
letzten Jahren aus dem Orient, Indien, Pakistan und Nepal.
Neben der Impfung gibt es aber noch weitere Schutzmaßnahmen nach
dem Biss oder bei Speichelkontakt durch ein auffälliges Tier. Die
Wunde muss gründlich gereinigt werden mit Seife oder einem Desinfektionsmittel
wie ein jodhaltiges Detergens. Wenn vorhanden sollte gleichzeitig zu der
postexpositionellen Impfung auch die Gabe von Tollwutimmunglobulin gegeben
werden. Dieses darf nicht später als sieben Tage nach der Infektion
erfolgen. Bei schon vorher mit drei Dosen eines Zellkulturimpfstoffes
geimpften Personen kann postexpositionell die Zahl der weiteren Dosen
auf zwei bis drei verringert werden. Nicht vorher geimpfte Personen erhalten
insgesamt fünf Dosen eines Zellkulturimpfstoffes.
Selbst in einem Land wie Thailand mit einem gut ausgebauten Gesundheitssystem
sind nicht überall Tollwutimmunglobulin und Zellkulturimpfstoffe
erhältlich. Impfstoffe aus Hirn-Nervengewebe können zu einer
hohen Rate von neuroparalytischen Nebenwirkungen führen, die in bis
zu 14 % der Fälle zu einem tödlichen Ausgang allein durch die
Impfung führen können. In den Großstädten der Länder
in den Tropen sind Zellkulturimpfstoffe wie: Rabies Vaccine (HDCV), Rabipur
(PCECV) und Verorab (PVRV) erhältlich zu erhöhten Preisen. Hier
muss bei dem gekauften Impfstoff immer auf das Verfallsdatum und die Lagerung
geachtet werden. Weltweit werden 33 000 Todesfälle durch Tollwut
der WHO gemeldet, die Dunkelziffer ist wegen fehlender Meldesysteme aber
bedeutend höher.
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Besondere Risiken
geht der Reisende ein bei Reisen nach Osteuropa, in die Staaten der ehemaligen
Sowjetunion, Asien, Afrika und Südamerika. Zu den verdächtigen
Tieren zählen nicht nur Hunde und Katzen, auch Großtiere und
Fledermäuse. Über die letzteren ist in den letzten Jahren vermehrt
berichtet worden als Verursacher von Tollwut.
Die modernen Zellkulturimpfstoffe gegen Tollwut sind sehr gut verträglich.
Aus diesem Grund kann dem Reisenden guten Gewissens eine präexpositionelle
Tollwutimpfung vor Reiseantritt empfohlen werden. Sollte dann der Reisende
in dem Besuchsland von einem verdächtigen Tier gebissen worden sein,
reicht eine postexpositionelle Nachimpfung mit zwei bis drei Dosen eines
Zellkulturimpfstoffes aus. Die vorausgegangene Tollwutimpfung schützt
auch vor einer unbemerkten Exposition mit Tollwut. Jährlich reisen
bis zu sechs Millionen Deutsche in Länder mit einem hohen Tollwutrisiko.
Bei großen Untersuchungen an Reisenden zeigte sich, dass nur 3 %
eine präexpositionelle Tollwutimpfung bekommen hatten. Nach Schätzungen
erleidet etwa jeder 500. Fernreisende einen Biss von einem verdächtigen
Tier. Dieses wird häufig nicht mehr erinnert nach der Rückkehr.
Nach den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts muss die Tollwutimpfung
als Reiseimpfung vermehrt in das Interesse der Fernreisenden gerückt
werden. Hierzu zählen aber auch Reisen in die Türkei und in
die angrenzenden Länder Osteuropas.
Ratschläge an alle
Reisenden, die in Länder mit einer hohen Tollwut bei Tieren reisen:
- Der beste Schutz
vor dem Aufenthalt in einem Tollwutendemiegebiet ist die rechtzeitige
präexpositionelle Impfung mit einem Zellkulturimpfstoff.
- Ein enger Kontakt
zu fremden Hunden sollte vermieden werden.
- Sofern kein Impfschutz
besteht, muss bei einer Verletzung durch ein verdächtiges Tier
sofort eine Impfung mit einem Zellkulturimpfstoff eingeleitet werden.
Diese Impfstoffe sind in der Regel erhältlich in den Großstädten
in den Tropen. Die Botschaft des Reisenden in dem Land wird sicher hierbei
helfen. Auf keinen Fall sollte eine Impfung mit einem Hirngewebsimpfstoff
durchgeführt werden.
Dr. Manfred Peters,
Wandsbeker Marktstraße 73, 22041 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
04/2004
S. 64 / 65
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