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Krebs
und Psyche
Mechthild Neises
Ein Beitrag über psychosoziale Beratung und psychotherapeutische
Intervention für Brustkrebspatientinnen
Jede schwere Erkrankung, besonders die an einem Karzinom, stellt einen
Einbruch in die Lebenskontinuität dar. Bei Patientinnen mit Brustkrebs
ist der Schock durch die Diagnose besonders ausgeprägt, trifft das
Mammakarzinom doch die Frau an der verwundbarsten Stelle ihrer weiblichen
Persönlichkeit. Die Brust kann als Symbol der Weiblichkeit schlechthin
gelten: der sexuellen Anziehungskraft und Genussfähigkeit, des Spendens
von Wärme, Geborgenheit, mütterlicher Nahrung und Zuwendung,
schließlich auch des eigenen Erlebens von Attraktivität und
der Zuschreibungen von außen. An der Brust zu erkranken führt
zwangsläufig zu einer Erschütterung im Selbstverständnis
und der psychosozialen Rollensicherheit. Der Verlust einer oder beider
Brüste stellt für viele Frauen einen schwerwiegenden Eingriff
in ihr körperliches Selbsterleben dar.
Diese
tiefgreifende Verunsicherung beruht auch auf der Bedrohung durch eine
potenziell tödliche Krankheit, denn es bleibt eine anhaltende Ungewissheit
auch bei günstigem, wenngleich kaum vorhersagbarem Krankheitsverlauf.
Man nennt dies das Damoklessyndrom, gemeint ist damit die ständige
latente Belastung, die die Angst vor einem Rezidiv bedeutet und die die
Patientin unter Umständen für den Rest ihres Lebens begleitet.
Selbst Frauen, die über viele Jahre rezedivfrei bleiben, berichten
über wiederkehrende Albträume, die das lebensbedrohliche Ereignis
zum Inhalt haben.
Der Diagnosephase schließt sich in der Regel eine Phase der Beeinträchtigung
durch eingreifende Tumorbehandlungen an, die körperliche und funktionelle
Beschwerden nach sich ziehen. Dies geschieht auf zwei Ebenen: in der äußeren
Realität aufgrund der Erkrankung und ihrer Behandlung und in der
inneren Realität über die individuelle Gewichtung der Bedeutung
der Erkrankung. Dieses Erleben ist immer auch bezogen auf das soziale
Umfeld, es kann zu Beziehungsverlusten und unter Umständen zur Isolation
kommen. Rollenveränderungen und Verlust sozialer Rollen können
die Folge sein (Ditz et al 1999, Neises 2001).
Die häufigsten
psychischen Belastungen nach einer Mammakarzinomerkrankung sind Angststörungen
und Depressionen, die in bis zu 50 % der Fälle nachgewiesen wurden
(Love et al. 2002, Faller et al. 2003).
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Zum Bedarf
und zur Akzeptanz einer psychosozialen Betreuung bei Krebserkrankungen
liegen nur wenige Studien vor. Obwohl das Interesse daran wie auch an
Selbsthilfegruppen und Information allgemein sehr hoch ist, werden sie
doch eher wenig in Anspruch genommen, nach Angaben der meisten Untersuchungen
von etwa 30 % der Betroffenen (Brusis et al. 1993). Fragt man die Patientinnen,
zu welchem Zeitpunkt der Erkrankung ihrer Meinung nach die Unterstützung
am notwendigsten sei, nennen sie vorrangig die Diagnose und das Auftreten
eines Tumorrezidivs (Kaufmann u. Ernst 2000). In der Betreuung haben sich
niederschwellige Hilfen bewährt, die in der Regel zeitlich limitiert
sind und in drei bis zwölf Sitzungen als Einzel- oder Gruppenberatung
angeboten werden. Die Einzelberatungen sind supportiv und orientieren
sich an den individuellen Bedürfnissen. Die Gruppenangebote, zum
Beispiel Gesprächskreise, sind thematisch strukturiert mit psychoedukativen
und verhaltensmodifizierenden Komponenten. Beide Ansätze zielen auf
häufige Probleme und Belastungen zu Beginn der Erkrankung. Damit
wird das Bedürfnis vieler Patientinnen nach konkreten Orientierungshilfen
und Handlungsanweisungen berücksichtigt. Das Angebot wird mit der
Diagnosestellung beziehungsweise im Laufe der adjuvanten Therapie vorgehalten
und hat erfreulicherweise Eingang gefunden in die derzeitige Umsetzung
strukturierter Behandlungsprogramme (DMP) zur Verbesserung der Versorgungssituation
von Brustkrebspatientinnen.
Dabei
werden Gespräche vor der stationären Aufnahme, nach der histologischen
Sicherung der Diagnose und vor dem therapeutischen Eingriff sowie nach
der stationären Behandlung und im Rahmen der Nachsorge festgelegt.
So zum Beispiel im Vertrag zwischen der AOK Rheinland und weiteren Krankenkassen
mit der Kassenärztlichen Vereinigung in NordrheinWestfalen von Oktober
2002. Die Rahmenbedingungen sind wie folgt festgelegt: Die psychosoziale
Beratung im Rahmen der DMP soll
- eingehen auf die
individuelle psychosoziale Situation der Patientin und ihren jeweiligen
Informationsstand,
- die Notwendigkeit
einer psychotherapeutischen Diagnostik/Behandlung prüfen,
- bei unklarem Befund
in der Mammographie die Patientin darauf hinweisen, dass die Möglichkeit
besteht, eine Zweitmeinung einzuholen,
- die Notwendigkeit
einer Schmerztherapie prüfen,
- möglichst
auch Partner/Angehörige/Person des Vertrauens in die Gespräche
mit einbeziehen,
- der Patientin
die Möglichkeit verschaffen, wichtige Gesprächsinhalte mitzuschreiben
und ihr auf Wunsch
jederzeit Einblick in die eigenen Unterlagen gewähren,
- Hinweise auf spezifische
Angebote der einzelnen Krankenkassen geben.
Ein
besonders erfolgreiches Gesprächskreismodell wurde an der Universitätsfrauenklinik
Essen entwickelt (Kuhlmann et al. 1998). Es zielt darauf ab, die betroffenen
Frauen aus einer eher passiven Haltung in eine aktive Rolle zu führen
und langfristig die Hemmschwelle gegenüber psychosozialen Angeboten
zu reduzieren. Der Erfolg dieses Modells beruht auf der interdisziplinären
Gruppenleitung, in der Ärzte/Ärztinnen, Krankenschwestern und
Krankengymnastinnen zusammengearbeitet haben. In dem Projekt ist es gelungen,
einen gleichberechtigten Informationsaustausch zwischen professioneller
Medizin und Therapie einerseits und Patientinnenrealität andererseits
entstehen zu lassen. An den zwölf Gruppenabenden wurde vor allem
über Themen informiert, die sich an den Wünschen der Frauen
orientierten, etwa zu Ernährungsfragen, zum Umgang mit einem Lymphödem
oder zu medizinischen Begriffen und Therapien. Zwei Abende waren dem Austausch
über Sorgen und Probleme mit der Brustkrebserkrankung vorbehalten
und auf Wunsch der Frauen wurden Angehörigentreffen durchgeführt.
Die psychotherapeutischen Interventionen sind Risikogruppen vorbehalten.
Dies betrifft etwa 10 bis 30 % aller Tumorpatientinnen, besonders im Sinne
von Belastungsreaktionen und Angststörungen mit dem klinischen Bild
von Angst und Depressivität. Bei der Evaluation von psychotherapeutischen
Verfahren - sowohl Einzel- als auch Gruppentherapien - zeigt sich, dass
die Patientinnen in vielfacher Hinsicht profitieren. Dies ist unabhängig
von der Tumorlokalisation, dem Alter oder dem Verfahren (expressiv-supportiv
oder kognitiv-behavioral). Es zeigt sich eine verringerte Angst und Depressivität,
eine verbesserte Krankheitsbewältigung, ein verbessertes psychisches
Befinden und verbesserte soziale Beziehungen (Keller 2001).
Mehr
Lebensqualität, weniger Belastung
Meine eigenen Erfahrungen mit einem gruppenpsychotherapeutischen Angebot
über ein halbes Jahr zeigten eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität
bei abnehmender emotionaler Belastung sowie eine Stärkung der eigenen
Ressourcen der Teilnehmerinnen (Neises et al 2001, Ditz et al 1998). In
der Psychotherapie mit onkologisch Krebserkrankten geht es um wichtige
Dimensionen in Bezug auf die Lebensgeschichte und die darin gewonnenen
Grundeinstellungen und Wertbindungen vor Ausbruch der Erkrankung: die
aktuelle soziale Situation in beruflicher, familiärer und partnerschaftlicher
Hinsicht und die Lebenszielsetzung. Außerdem geht es um die Frage,
wie weit die eigene Lebensgestaltung diesen Zielen nahe gekommen ist,
und um die Bedeutung, die die Patientin selbst ihrer Erkrankung im Hinblick
auf deren Entstehung und Verlauf vor dem Hintergrund der eigenen Lebensgeschichte
gibt. Und schließlich geht es um die Perspektiven, die die Patientin
angesichts ihres gegenwärtigen Krankheitszustandes für die Zukunft
sieht und inwieweit sie dieser mit Hoffnung oder Resignation entgegensieht.
Es zeigt sich, dass - psychodynamisch betrachtet - die Therapie bei Belastung
durch eine organische Erkrankung vor allem das durch die Erkrankung massiv
beeinträchtigte Selbstgefühl stabilisieren muss. Es geht also
weniger um die Wahrnehmung unbewusster Konflikte oder unbewusster Motive,
sondern um etwas viel früher in der kindlichen Entwicklung Angesiedeltes:
die Festigung der Gewissheit, in dem wie auch immer begrenzten Leben ein
für das eigene Selbst erfülltes und für die Bezugspersonen
bedeutsames Leben zu gestalten. Die Therapie soll nicht in erster Linie
Trost spenden und den möglicherweise bevorstehenden Tod akzeptieren
lernen helfen, dies wäre eher Aufgabe einer religiösen Seelsorge.
Es geht vielmehr darum, in dem noch bevorstehenden Lebensabschnitt die
eingangs erwähnte Sinnkrise zu überwinden und dem Leben wieder
Sinn und Wert zu geben.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Niedersächsischen Ärzteblattes
10/2003
Literatur bei der Verfasserin
Prof. Dr. Dr. Mechthild Neises, Psychosomatische Frauenheilkunde der
Medizinischen Hochschule Hannover, Pasteurallee 5, 30655 Hannover
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
03/2004
S. 57 - 59
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