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BilderBox)
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Behandlung
der Tabakabhängigkeit
Karl-Heinz Bauer
Bei
Nikotin und Alkohol fühlt sich der Mensch
besonders wohl. Und doch macht nichts so hin, wie Alkohol und Nikotin.
Eugen Roth |
Kranke
mit Diabetes mellitus, chronischen obstruktiven Atemwegserkrankungen und
koronarer Herzkrankheit, die in Disease Management Programmen (DMP) versorgt
werden, sollen prioritär professionelle Unterstützung
zur Tabakentwöhnung erhalten1. Diese Forderung verlangt von
allen Ärzten, insbesondere aber von Zahn-, Haus-, Betriebs-, Frauen-
und Kinderärzten, sich mit Behandlungsmaßnahmen der Tabakentwöhnung
(TE) vertraut zu machen und Strukturen für die Beratung und Behandlung
von Rauchern zu schaffen, die sich am Schweregrad der Abhängigkeit
orientieren.
Rationale
der Tabakentwöhnung
Die verhaltenstherapeutische Intervention bei der TE basiert auf der These,
dass die meisten Verhaltensweisen erlernt wurden und durch Einsatz geeigneter
Maßnahmen auch wieder verlernbar sind2. Nichtrauchen wird als Normal-,
Rauchen als Fehlverhalten definiert. Ein Abstinenzerfolg ist umso wahrscheinlicher,
je klarer der Raucher die persönlichen Motive zur Abstinenz definiert
und sich regelmäßig vor Augen führt und je konsequenter
Methoden der kognitiven Umstrukturierung trainiert und erlernt werden.
| Sokratischer
Dialog und motivierende Gesprächsführung3. Definition
individueller Entwöhnungsmotive. Analyse des persönlichen
Rauchverhaltens (Selbstbeobachtung). Umgang mit versuchungs- und rückfallkritischen
Situationen. Festlegung eines Rauchstopptages (Schluss-Punkt-Methode).
Operante Verstärker bei Zielerreichung, abstinenzfördernde
Vereinbarungen (Wetten). Alternative Bedürfnisbefriedigung
(Belohnungsliste). Steigerung der Selbstwirksamkeit. Entkatastrophisierungen,
Überwindung von Mussturbationen. Kognitives Training.
Konfliktbewältigung. Entspannungstechniken. Analyse von Ausrutschern
(Lapse), Verhinderung von Relapse (Rückfallprophylaxe). |
Aufrechterhaltende
Bedingungen des Rauchens wie automatischer Griff zur Zigarette bei Einwirkung
bestimmter (Schlüssel-)Reize, Genussbefriedigung durch
Tabakkonsum, positive Erwartung an die nächste Zigarette und Befürchtungen,
ohne Zigarette nicht auskommen zu können, sollen durch Beobachtung
des eigenen Rauchverhaltens bewusst gemacht und durch kognitive Umstrukturierung
verändert und überwunden werden. Wesentlicher Bestandteil der
Überführung von Rauchern in den Nichtraucherstatus ist das kognitiv
verhaltenstherapeutische Training. Dabei werden dysfunktionale (unangemessene)
Kognitionen (Vor- und Einstellungen) identifiziert und durch regelmäßiges
Üben durch funktionale Kognitionen ersetzt: Verhaltenstherapeutische
Maßnahmen der TE sind:
Angaben in der Literatur zu Quoten der Tabakabhängigkeit von Rauchern
sind uneinheitlich und schwanken zwischen 24 %4 und mehr als 70 %5, 6.
Entzugssymptome bei Drosselung oder Stopp des Zigarettenkonsums können
die Raucher mental so beeinträchtigen, dass - allein aus diesem Grunde
- kein anhaltender Rauchstopp erreicht wird. Hieraus leitet sich die Empfehlung
zur medikamentösen Begleitbehandlung abhängiger Raucher ab.
Dass sie positive Auswirkungen auf die Langzeitabstinenz hat, wurde durch
Placebo-kontrollierte prospektive Studien belegt7, 8, 9.
Leitlinien
zum Rauchstopp
Die Krankheit Tabakabhängigkeit wird in ihrer Bedeutung
ebenso unterschätzt wie die Wirksamkeit von Tabakentwöhnungsmaßnahmen.
Vordringliche Aufgabe ist es deshalb, Ärzte und andere Dienstleister
im Gesundheitswesen zur Raucherberatung und Tabakentwöhnung zu motivieren
und ihnen praktikable und wirksame Handlungsanleitungen10, 11 zu vermitteln,
die nach der Gebührenordnung abrechenbar sind. Geeignet dafür
sind die praxisorientierten US-amerikanischen12, 13 und UK-14, 15Leitlinien
zum Rauchstopp. Nachteilig ist darin, dass zwischen nicht abhängigen
Nikotinkonsumenten und abhängigen Rauchern (Nikotiniker)
nicht unterschieden wird. Folgt man den Leitlinien sollte jeder Patient
in der Arztpraxis nach seinem Rauchverhalten befragt (ask)
und seine Bereitschaft zum Rauchstopp beurteilt (assess) werden.
Für nicht entwöhnungswillige Raucher kommen regelmäßige
motivierende Interventionen nach dem 4-R-Modell, für
Raucher mit Bereitschaft zum Rauchstopp Kurzinterventionen nach dem 4-A-Modell
in Betracht. 4-R - und 4-A-Modell wurde anderswo
erläutert16.
Vorschläge für verbale Kurzinterventionen zur TE für Erst-
und Wiedervorstellung von Rauchern (abrechenbar unter ICD-10 F 17.1, F
17.2 und F 17.3 über Beratungsziffern):
Hilfe
beim unmittelbarem Rauchstopp (assist)
Legen Sie Ihren Rauchstopptag auf das nächstmögliche
Datum.
Beseitigen Sie alle Rauchutensilien in Ihrer privaten und beruflichen
Umgebung.
Notieren Sie vorbeugend die Situationen, die Sie zum Rauchen veranlassen
und überlegen Sie sich alternative Verhaltensweisen, um das Rauchverlangen
zu überwinden.
Machen Sie Ihren Rauchstopp publik!
Trinken Sie reichlich Saft und Mineralwasser und verzichten Sie
möglichst in den ersten sechs Wochen der Tabakentwöhnung auf
alkoholische Getränke.
Keine Ausreden! Negative oder positive Situationen sind keine Entschuldigung,
nur die eine Zigarette zu rauchen.
Arrangements
von Folgeterminen kurz nach dem Rauchstopptag und anschließend in
Abständen mit zunehmenden Zeitintervallen (arrange):
Gratulation zum erfolgreichen Entzug. Zur Entwöhnung sind
weitere Maßnahmen notwendig.
Protokollieren Sie vorbeugend die Situationen, die bei Ihnen Rauchverlangen
auslösen und überlegen Sie sich Alternativen zum Rauchen.
Treffen Sie mit anderen Personen Vereinbarungen (Wetten),
die Sie in Ihrer Abstinenz festigen.
Anstelle des Zigarettenrauchens sollten Sie sich gemäß
Ihrer Bedürfnisse befriedigen.
Achten Sie auf Ihr Körpergewicht und essen Sie genussvoll!
Achten Sie auf regelmäßige körperliche Bewegung!
(z. B. Sportverein, Tanzkurs usw.).
Führen Sie zur Stressbewältigung Entspannungsübungen
durch.
Ausrutscher sind bei der Tabakentwöhnung eine Realität,
halten Sie regelmäßigen Kontakt zur Praxis und wenden Sie sich
zusätzlich an ein Rauchertelefon.
Halten Sie Ihre Motivation zur Einstellung des Rauchens aufrecht:
Leben Sie frei (von Nikotin), fit (nach Einstellung des Rauchens) und
flüssig (durch Geldeinsparung).
Sollte es zu einem Rückfall in das alte Rauchverhalten kommen,
steht Ihnen die Nichtraucher-Initiative unserer Stadt (oder eine ähnliche
Institution) zur Verfügung. Dort erfolgt eine professionelle programmgemäße
Tabakentwöhnung, meistens als Gruppentherapie.
Kurzinterventionen können mit der Abgabe eines Informationsblattes
zur Selbsthilfe (z. B. Raucherentwöhnung, leichter gemacht
des DKFZ) und der Empfehlung zur zusätzlichen telefonischen Beratung
durch qualifizierte Dienste (01805/313131, 06221/424200, 0800/141414)
kombiniert werden.
Versuche von Rauchern, ohne fremde Hilfe von der Zigarette wegzukommen,
führten häufig bereits nach Tagen zu Rückfällen, so
dass nach sechs Monaten die Abstinenzrate < 5 % betrug. Eine verbale
Kurzintervention durch den behandelnden Arzt führte bereits zu einer
Erhöhung der Abstinenzrate um 1 bis 3 %. Häufigere Kontakte,
auch mit nichtärztlichem Personal und Verlängerung der Beratungsdauer
auf drei bis zehn Minuten steigerten die Abstinenzerfolge weiter12,13.
Entwöhnungsquoten mit Punktprävalenz-Abstinenz zwischen 30 bis
40 % nach zwölf Monaten wurden erreicht mit intensiver verhaltenstherapeutischer
Beratung in Kombination mit Medikamenten, die zur Tabakentwöhnung
zugelassen sind8, allerdings nur in Studien.
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Intensivierte
Tabakentwöhnung
Institutionen, vergleichbar Smoking Cessation Services in
Großbritannien, fehlen in Deutschland vollständig. Insgesamt
sind hierzulande die Angebote intensiver TE im Vergleich zur hohen Zahl
der Raucher gering17.
Verhaltenstherapeutische Grundlagen, maßgeschneiderte
pharmakologische Begleitbehandlung, Einzel- oder Gruppensetting, sechs
bis zehn Kontakte von 60 bis 120 Minuten Dauer mit Anleitung der Raucher
zur aktiven Mitarbeit und follow up-Kontakte nach Entzug sind die Anforderungen
an ein wissenschaftlich begründetes Tabakentwöhnungsprogramm.
Kandidaten für eine intensivierte TE sind alle stark abhängigen
Raucher und solche mit psychiatrischen Komorbidität und anderen ungünstigen
Prognosefaktoren, wie Rauchen anderer Familienmitglieder oder Arbeitskollegen,
fehlende soziale Unterstützung und niedrige Selbstwirksamkeit. Voraussetzung
für eine intensivierte TE ist, dass vorher die Diagnose Tabakabhängigkeit
nach ICD-10 oder nach DMS-IV18 gestellt wurde. Intensivere Entwöhnungsprogramme
sind effektiver und sollten zum Einsatz kommen, wenn immer es möglich
ist19. Diese Forderung kann aktuell in der Bundesrepublik nicht
realisiert werden und gilt als langfristige Zielvorstellung. Trotz Verfügbarkeit
guter Tabakentwöhnungsprogramme ist eine entsprechende Nachfrage
der Raucher aus Unwissenheit darüber eher gering. Würden alle
Raucher in Deutschland ihren Anspruch auf Raucherberatung und TE einfordern,
und korrekterweise müssten es diejenigen tun, die in ein DMP aufgenommen
werden möchten, würden die erheblichen Defizite auch bei der
intensivierten Tabakentwöhnung rasch offenbar. Die geringe Bedeutung,
die die Tabakkontrolle in Deutschland hat, spiegelt sich auch in einer
Expertenbefragung zur Tabakkontrolle in den EU-Mitgliedsstaaten wider:
Deutschland rangiert hinter Portugal und Griechenland auf dem letzten
Platz!20 Eine intensivierte TE durch Psychologen oder ärztliche Aktivisten
ist eine Ergänzung zu den leitlinienbezogenen Kurzinterventionen.
Beide Maßnahmen zu vernetzen, ist eine Herausforderung, nicht nur
für Ärzte!
Ausblick
Rauchen führt zur Volkskrankheit Tabakabhängigkeit
(F 17.2 nach ICD-10) mit einer geschätzten Prävalenz von 7 %
(best case scenario: 17 Mio. Raucher, 33 % Abhängige), zur Fremdgefährdung
durch Passivrauchen, zum jährlichen Verlust von > 1,5 Mio. Lebensjahren
und zu einem volkswirtschaftlichen Schaden von 16,6 Mrd. EUR in Deutschland21.
Um hier korrigierend einzugreifen, bedarf es der Aufnahme von Maßnahmen
zur Raucherberatung und TE in das Medizinstudium und in die Weiterbildungskataloge
aller Ärzte. Bis daraus eine verbesserte Versorgung der Raucher resultiert,
sollte die gegenwärtige Misere durch Fortbildung der Ärzte und
des nichtärztlichen Krankenhaus- und Praxispersonals überbrückt
werden. In Frage käme der verstärkte Einsatz bereits existierender
Curricula zur Tabakabhängigkeit und
-entwöhnung, z. B. des Arbeitskreises Raucherentwöhnung in Tübingen
oder des DKFZ. Das langfristige Ziel muss lauten: Nicht erst Patienten
mit Tabakfolgeschäden behandeln, sondern Raucher in der Frühphase
ihrer Tabakabhängigkeit!
Literatur
beim Verfasser
Dr.
Karl-Heinz Bauer, Köhnholz 17 c, 25336 Elmshorn, E-Mail kaba.elmshorn@t-online.de
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
02/2004
S.60 - 62
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