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Entwicklung
der HIV-Epidemie in Deutschland
Zum Welt-Aids-Tag
fokussiert sich die Aufmerksamkeit wieder auf das besondere Problem der
HIV-Infektionen. Aktuelle Schätzungen aus dem RKI (Robert Koch-Institut)
sollen die Situation verdeutlichen und - als Schlussfolgerung - präventive
Maßnahmen fördern. In Deutschland leben derzeit 40 000 bis
45 000 Menschen mit einer HIV-Infektion. Die Zahl der mit einer HIV-Infektion
Lebenden ist bei etwa gleichbleibenden Neuinfektionen aufgrund der therapiebedingten
Verminderung der Sterberate jährlich um etwa 1 000 bis 1 300 Personen
gestiegen. Die Zahl der Aids-Todesfälle ist auf etwa 600 bis 700
pro Jahr gesunken, in der ersten Hälfte der 90er Jahre starben noch
jährlich etwa 2 000 Patienten an Aids.
Entwicklung
der HIV-Neuinfektionsrate in verschiedenen Gruppen
HIV-Neuinfektionsraten sind methodisch nur mit hohem Aufwand zu bestimmen.
Die Bestimmung der Zahl der HIV-Erstdiagnosen ist demgegenüber einfacher
und stellt gegenwärtig den wichtigsten Baustein zur Beurteilung der
aktuellen Entwicklung der HIV-Epidemie dar. Neben der Entwicklung der
HIV-Neuinfektionen beeinflussen aber auch das Testangebot und -verhalten
die Zahl der HIV-Erstdiagnosen, was bei der Interpretation der Zahlen
zu berücksichtigen ist.
HIV-Infektionen
bei Heterosexuellen
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Etwa
18 % der HIV-Infektionen werden derzeit in Deutschland bei Personen diagnostiziert,
die sich auf heterosexuellem Wege infiziert haben (ausgenommen Personen
mit Herkunft aus Hochprävalenzregionen). Die absolute Zahl der Infektionen,
die auf diesem Wege übertragen werden, hat sich in den letzten Jahren
kaum verändert. Die größte Bedeutung haben Infektionen,
die in binationalen Partnerschaften mit Partnern aus Hochprävalenzgebieten
bzw. bei Sexualkontakten in solchen Regionen erworben werden.
Als Hochprävalenzregionen werden Regionen bezeichnet, in denen mehr
als 1 % der erwachsenen Bevölkerung (14 - 49 Jahre) mit HIV infiziert
ist. Derzeit sind dies alle Länder in Subsahara-Afrika, einige Länder
in Südostasien und einige Länder in der Karibik.
Weiterhin spielen Infektionen in Partnerschaften mit aktuell oder früher
Drogen gebrauchenden Partnern und Partnerschaften mit bisexuellen Männern
eine Rolle. Infektionen über rein heterosexuelle Infektionsketten
ohne Bezug zu den primären Betroffenengruppen haben nach wie vor
für die heterosexuelle Übertragung eine eher geringe Bedeutung.
Die zunehmende heterosexuelle Übertragung von HIV in Osteuropa kann
im Zuge der durch die EU-Osterweiterung sich verstärkenden Ost-West-Migration
Auswirkungen auch auf die Entwicklung in Deutschland haben. Eine grundlegende
Verbesserung der epidemiologischen Situation in Osteuropa ist in den meisten
osteuropäischen Staaten nicht absehbar.
Die Globalisierung der Prostitution hat in den letzten Jahren dazu beigetragen,
dass vermehrt Frauen und Männer aus Regionen mit höherer HIV-Prävalenz
in Deutschland im Sexgewerbe arbeiten. Eine erfolgreiche Präventionsarbeit
für diese Personengruppe hängt von einer ausreichenden personellen
und finanziellen Ausstattung von Gesundheitsämtern und Betreuungsangeboten
der in diesem Bereich tätigen freien Träger ab. Die gegenwärtig
angespannte Finanzlage in Kommunen, Ländern und im Bund erschwert
den erforderlichen Ausbau solcher Präventionsarbeit.
HIV-Infektionen
bei Personen mit i. v. Drogenkonsum
Die Zahl und der Anteil der bei i. v. Drogen konsumierenden Personen diagnostizierten
HIV-Infektionen war in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre rückläufig.
Aktuell ist aber kein weiterer Rückgang zu verzeichnen. Die eher
durch eine verminderte Finanzierungsbereitschaft als durch mangelnde Erfolge
bedingte Einstellung von Spritzen-Bereitstellungsprojekten für Drogengebraucher
in Einrichtungen wie z. B. Haftanstalten trägt aktuell zu einer Verschlechterung
der Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche HIV- und HCV-Prävention
bei Drogengebrauchern bei.
Zunehmende Bedeutung gewinnen HIV-Infektionen bei Drogengebrauchern aus
anderen Ländern Europas, insbesondere aus Osteuropa. Die epidemische
Ausbreitung von HIV unter Drogengebrauchern in Osteuropa kann zu Auswirkungen
auf die HIV-Epidemie in Deutschland führen. Einer der Gründe
für die starke Ausbreitung in Osteuropa sind veränderte Routen
des Drogenhandels.
HIV-Infektionen
bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualpartnern
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| Abb.
1: Syphilis- und HIV-Trends bei Männern mit gleichgeschlechtlichen
Sexualpartnern in Deutschland |
Bei Männern
mit gleichgeschlechtlichen Sexualpartnern werden etwa die Hälfte
der HIV-Infektionen in Deutschland diagnostiziert. Nach einem leichten
Rückgang der HIV-Erstdiagnosen am Ende der 90er Jahre wird aktuell
wieder ein leichter Anstieg registriert. Etwa zeitgleich ist seit 1999
die Zahl der Syphilisinfektionen bei Männern mit gleichgeschlechtlichen
Sexualkontakten deutlich gestiegen. Untersuchungen zum sexuellen Risikoverhalten
homosexueller Männer in Deutschland belegen seit Mitte der 90er Jahre
einen allmählichen Rückgang des Kondomgebrauchs und eine Zunahme
von sexuellen Risikokontakten.
Es ist derzeit nicht klar zu differenzieren, in welchem Umfang zurückgehender
Kondomgebrauch, eine Steigerung der HIV-Übertragungswahrscheinlichkeit
bei Koinfektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern oder
eine im Rahmen steigender STD-Zahlen früher erfolgende Diagnose von
HIV-Infektionen bei Männern mit sexuellem Risikoverhalten zu den
steigenden HIV-Erstdiagnosezahlen beitragen. Symptomatische STDs könnten
zu häufigen Arztkontakten und dadurch zur früheren Einleitung
einer HIV-Diagnostik führen.
Im Vergleich zur deutlichen Zunahme der Syphilisinfektionen nimmt sich
die Zunahme von HIV-Erstdiagnosen bislang aber eher bescheiden aus (s.
Abb. 1). Dies ist am ehesten zu erklären durch eine unterschiedliche
epidemiologische Dynamik der beiden Infektionen, die sich u. a. aus den
nur teilweise überlappenden Übertragungswegen ergibt. Es ist
auch ein Indiz dafür, dass individuelle Risikominimierungsstrategien
eingesetzt werden, die in erster Linie auf eine Reduktion des HIV-Übertragungsrisikos
abzielen. Dies spricht dafür, dass die auf Stärkung der Eigenverantwortlichkeit
zielende HIV-Präventionsstrategie für homosexuelle Männer
eine nachhaltige Wirksamkeit hat, aber durch Botschaften und Strategien
zur Prävention anderer sexuell übertragbarer Infektionen ergänzt
werden muss.
Die Präventionsmaßnahmen für homosexuelle Männer
müssen daher der rückgehenden Bereitschaft zum Kondomgebrauch
entgegenwirken, die Infektionsrisiken innerhalb von festen Partnerschaften
durch verstärkte Abklärung des HIV-Serostatus vor dem Verzicht
auf Kondomgebrauch und durch Propagierung von Kondomgebrauch bei außerpartnerschaftlichen
Sexualkontakten vermindern und zu einer frühzeitigen Diagnose und
effektiven Behandlungen anderer sexuell übertragbarer Infektionen
beitragen.
HIV-Infektionen
bei Personen aus Hochprävalenzregionen
Die meisten HIV-Infektionen bei Personen aus Hochprävalenzregionen
sind zweifellos in den Herkunftsländern erworben und daher durch
primärpräventive Maßnahmen in Deutschland nicht zu verhindern.
Trotzdem muss damit gerechnet werden, dass sowohl in den Migrantengemeinden
in Deutschland als auch in binationalen Partnerschaften in Deutschland
HIV-Übertragungsrisiken existieren, die durch Primärprävention
vermindert werden können. Um dies zu erreichen, muss vor allem die
außerordentlich hohe Stigmatisierung von HIV und HIV-Infizierten
in den Migrantengemeinden vermindert werden. Dies kann am ehesten dadurch
erreicht werden, dass HIV-Präventionsarbeit in ein breiteres Konzept
von Gesundheitsförderung und sozialer Integration von Migranten eingebettet
wird. Einer ausschließlich auf die HIV-Problematik fokussierten
Präventionsarbeit kann angesichts der vielfältigen, oft existenziellen
ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Probleme von Migranten
kein Erfolg beschieden sein. Des Weiteren sollten bestehende Zugangsbarrieren
zu einer adäquaten medizinischen Versorgung für diese Bevölkerungsgruppe
identifiziert und beseitigt werden. Dazu gehört auch die Entwicklung
von Konzepten für eine medizinische Versorgung der illegal in Deutschland
lebenden Migranten.
Eine Verbesserung der epidemiologischen Situation in den Herkunftsländern
ist zumindest für einige Regionen in absehbarer Zukunft möglich,
da inzwischen die internationale Einsicht und Bereitschaft zu einer effektiveren
finanziellen Unterstützung der Aids-Bekämpfung in den Entwicklungsländern
gestiegen ist. Es wäre wünschenswert, wenn Deutschland trotz
der Zwänge der Konsolidierung der öffentlichen Haushalte einen
angemessenen Beitrag zu diesen Bemühungen leisten könnte.
HIV-Infektionen
bei Kindern und Neugeborenen
Auf der Basis von anonym durchgeführten Untersuchungen an Restblutproben
(Anonymes Unverknüpftes Testen, AUT) von Neugeborenen in Berlin,
Niedersachsen und Bayern in den Jahren 1993 - 1998 kann angenommen werden,
dass in Deutschland damals pro Jahr etwa 80 - 100 Kinder von HIV-infizierten
Müttern zur Welt gebracht wurden. Ab etwa 1993/94 konnte die Übertragungsrate
von der Mutter auf das Kind schrittweise durch eine Kombination verschiedener
Maßnahmen (antiretrovirale Therapie in der Schwangerschaft, Kaiserschnittentbindung,
antiretrovirale Prophylaxe beim Neugeborenen, Verzicht auf Stillen) auf
unter 2 % gesenkt werden. Bei gleichbleibender Zahl von Schwangerschaften
HIV-infizierter Frauen und optimaler medizinischer Betreuung wäre
daher aktuell pro Jahr mit nicht mehr als zwei HIV-infizierten Neugeborenen
zu rechnen. Die tatsächliche Zahl von HIV-Diagnosen bei Neugeborenen
und Kindern in Deutschland liegt aber in den letzten Jahren zwischen 10
und 20 pro Jahr. Dies hat mehrere Ursachen:
Unbekannte Zahl von Schwangerschaften bei HIV-infizierten Frauen
nach Einstellung der AUT-Untersuchungen;
Unkenntnis über HIV-Status bei Schwangeren, z. B. durch fehlende
Testung und dadurch Unterbleiben aller oder eines Teils der transmissionsverhindernden
Maßnahmen;
Diagnose einer HIV-Infektion erst nach der Einreise in Deutschland
bei im Ausland geborenen Kindern.
Der Anteil der deutschen Kinder (Geburtsland des Kindes und Herkunftsland
der Mutter Deutschland) an den HIV-Infektionen bei Kindern liegt (unter
Hinzunahme des Anteils unbekannter Herkunft der Mutter) bei
maximal 20 %.
Recherchen haben gezeigt, dass auch offenbar peripartal erworbene HIV-Infektionen
bei Kindern nicht selten erst im Rahmen der Differenzialdiagnose bei klinisch
auffälligen Kindern bei Pädiater diagnostiziert werden. Selbst
Frauen, die in Deutschland Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen wahrnehmen,
wird offenbar nicht immer ein HIV-Test angeboten, der eine Infektion der
Mutter aufdecken und eine Übertragung auf das Kind verhindern könnte.
An dieser Stelle wird daher nochmals auf die Notwendigkeit eines solchen
Test-Angebots in der Schwangerschaft hingewiesen.
Hinweis: Die Deutsch-Österreichischen Empfehlungen zur HIV-Therapie
in der Schwangerschaft wurden anlässlich einer Konsensuskonferenz
am 14. Mai 2003 in Hamburg aktualisiert. Sie können auf der Hompage
des RKI eingesehen werden unter www.rki.de/infekt/ aids_std/br_linie/pdf/repg.pdf.
Bericht
aus der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI (Fachgebiet
HIV/Aids u. a. sexuell oder durch Blut übertragbare Infektionen).
Ansprechpartner:
Dr. O. Hamouda (E-Mail hamoudao@rki.de) und Dr. U. Marcus (E-Mail marcusu@rki.de).
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
02/2004
S.57 - 59
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