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Nachrichten in Kürze

Leserbrief von Jochen Meißner zum Artikel „Leitlinien oder Leidlinien“, SHÄ 12/2003, S. 33 ff.

 
J. Meißner (Foto: Privat)  

Der Glaube der Verfechter einer Leitlinienmedizin ist erstaunlich, ja befremdlich. Die Befürworter sollten sich mit unvoreingenommenem wachen Verstand z. B. die Leitlinien „Tinnitus“ der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie, durchlesen. Hier spannt man den Bogen von einer hypothetischen Pathophysiologie über die willkürliche Klassifikation, unterlegt ein wenig ganz sinnvolle Diagnostik und landet bei einer vollkommenen unwissenschaftlichen Therapieempfehlung (in der Schweiz oder in Norwegen macht man gar nix!). Gibt man diesen Quatsch den Juristen in die Hand, wird aus dem Gemisch eine justitiable, gerichtsrelevante Empfehlung, der man sich als Arzt kaum entziehen kann.

All das erinnert an die Art wissenschaftlicher Arbeit im sowjetischen Kommunismus. Wenn Ergebnisse nicht dem kommunistischen Manifest kompatibel waren, wurden sie passend gemacht. Auch in kirchlich religiösem Kontext findet sich ähnlich Dogmatisches, wo die Handlungsanweisung allein auf dem Glauben beruht.

Wie will man bei solch einer „Glaubensmedizin“, die die Weihen der Leitlinien erfahren hat, einem Heiler mit Pendel und Schröpfkopf Paroli bieten!

Gute Nacht, wissenschaftliche Medizin!

Jochen Meißner, Arzt, Kastanienweg 2, 23813 Nehms

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 02/2004

S.12