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Ein
Fallbericht
Malaria tropica aus Zentralafrika
Therapieversagen von Atovaquon/Progunanil
Die
Ausbreitung der Malariagebiete, die Häufigkeit importierter Malaria
sowie der potenziell tödliche Verlauf einer Malaria tropica verdeutlichen
die Notwendigkeit einer wirksamen Prophylaxe. Die Kombination von Atovaquon/
Proguanil (Malarone®) wird seit der Markteinführung in zahlreichen
Ländern Europas gern zur Prophylaxe bei Reisen in Gebiete mit multiresistenter
Malaria tropica eingesetzt. Die gute Wirksamkeit dieser Kombination und
das günstige Nebenwirkungsprofil sind durch viele Studien belegt.
Ebenso hat sich diese Wirkstoffkombination bei der Therapie der unkomplizierten
Malaria bewährt. Im Simpid-Netzwerk wurde Anfang September über
den Fall eines Atovaquon/Proguanil-Therapieversagens bei einer aus Zentralafrika
importierten Malaria tropica berichtet, dadurch werden bisherige Beobachtungen
im Zusammenhang mit Reisen nach West- bzw. Ostafrika ergänzt.
Fallbericht:
Eine 38-jährige, seit 12 Jahren in Deutschland lebende, Kongolesin
kehrte nach 4-wöchigem Aufenthalt in Kinshasa mit Fieber, Schüttelfrost
und starken Kopfschmerzen zurück. Für sie war es der erste Aufenthalt
in Afrika seit der Immigration, als Malaria-Prophylaxe hatte sie Resochin
unregelmäßig eingenommen. Wegen der geschilderten Beschwerden
stellte sie sich sofort nach der Rückkehr in der Notfall-Aufnahme
eines Krankenhauses bei Köln vor. Dort wurde sie wegen der Kopfschmerzen
zum Ausschluss einer Subarachnoidalblutung stationär in die neurologische
Abteilung aufgenommen. Ein angefertigtes CT des Schädels war unauffällig,
eine Lumbalpunktion lehnte die Patientin ab. Laborchemisch waren eine
Thrombozytopenie und eine Anämie nachweisbar. Nach drei Tagen bestand
die Patienten auf eine Entlassung gegen ärztlichen Rat, ohne dass
die Ursache für die Beschwerden und Laborbefunde ausgemacht worden
war.
Drei Tage nach der Entlassung stellte sich die Patientin am Tropeninstitut
in Berlin vor. Sie berichtete über weiterhin bestehende Kopfschmerzen
und Schüttelfrost. Fieber hatte sie zum Zeitpunkt der Vorstellung
nach der Einnahme von Paracetamol nicht. Im angefertigten Blutausstrich
konnten Ringformen von Plasmodium falciparum (Parasitendichte 1 )
nachgewiesen werden, ein Malaria-Schnelltest (MalaQuick®) war ebenfalls
positiv. Die Patientin wurde daraufhin am Virchow-Klinikum mit einem Standard-Schema
der Kombination Atovaquon/Proguanil (Malarone®) über drei Tage
behandelt. Diese Therapie wurde gut vertragen, Erbrechen und Durchfall
traten nicht auf, der Zustand der Patientin besserte sich. Insbesondere
die Kopfschmerzen ließen an Intensität nach. Am 3. Tag der
Therapie konnten keine Malaria-Erreger mehr im Blut nachgewiesen werden.
Die beschwerdefreie Patientin stellte sich am Tag 18 nochmals zu einer
Kontroll-Untersuchung im Tropeninstitut vor. Im dicken Tropfen konnten
erneut asexuelle Formen (Ringformen) von Plasmodium falciparum nachgewiesen
werden, auch der Malaria-Schnelltest war wieder positiv. Auf ausdrücklichen
Wunsch der Patientin und gegen ärztlichen Rat wurde die Therapie
ambulant durchgeführt. Diesmal wurde Artemether/Lumefantrin (Riamet®)
rezeptiert. Malaria-Erreger waren bei anschließenden Kontroll-Untersuchungen
nicht mehr nachweisbar.
Sowohl vor als auch nach Malrone-Behandlung wurden die Malaria-Erreger
durch PCR- und Enzymrestriktionsmethoden auf eine Mutation (Codon 268)
im Cytochrom-b-Gen untersucht. Diese Mutation ist die bislang einzige
in vivo beschriebene, die klinisch mit Atovaquon/Proguanil-Therapieversagern
assoziiert ist. In beiden Proben konnte diese Mutation jedoch nicht nachgewiesen
werden, bei beiden Isolaten handelte es sich um Wildtypen. Das Ergebnis
der Seqenzierung des Cytochrom-b-Gens beider Proben steht noch aus.
Diskussion:
Die Prophylaxe
und Therapie der Malaria wird durch die Selektion resistenter Erreger
erschwert. In Gebieten mit multiresistenter Malaria tropica hat sich daher
in den letzten Jahren die Verabreichung einer fixen Kombination von Atovaquon/Proguanil
(bis 28 Tage) bewährt. Doch schon früh nach der Einführung
des Medikaments gab es Vermutungen, dass mit einer Wahrscheinlichkeit
von etwa einem auf 500 behandelte Patienten eine totale Atovaquon/Proguanil-resistente
Mutation selektiert werden könne (White NJ: Drug Resist Updat 1998;
I: 3-9). Daher empfahlen Experten, im Hinblick auf die Möglichkeit
einer raschen Verbreitung derartiger Plasmodienstämme, ein so gut
wirksames Medikament wie Atovaquon/Proguanil als Reservemittel zurückzuhalten
(Nosten F: Lancet 2000; 356: 1864-1865) bzw. eine Therapie durch die Kombination
mit schnellwirkenden Artemisinin-Derivaten (van Vugt M et al: CID 2002;
35:1498-504) anzustreben. Nichtimmune Reisende, die eine Malaria-Infektion
in nichtendemische Gebiete importieren, sind ein sensitiver Indikator,
um die Verbreitung von Malariaresistenzen in einem frühen Stadium
zu erkennen. So wurde im Jahr 2002 bei einem Reisenden erstmals ein klinisches
Atovaquin/Proguanil-Therapieversagen bei einer westafrikanischen Malaria
tropica publiziert, die meist einer einfachen Mutation im Cytochrom-b-Gen
des Malaria-Parasiten, dem Angriffspunkt von Atovaquon, assoziiert war
(Fivelman QL et al: Malar J 2002, I: I). Drei weitere Berichte folgten.
Ein Jahr später folgte auch der erste Bericht eines Therapieversagens
bei einem nichtimmunen Reisenden aus Ostafrika, der ebenfalls mit einer
Mutation im Codon 268 assoziiert war (Schwartz E et al: CID 2003; 37:
450-451).
Wenn man davon ausgeht, dass bei einem normalen Einnahmeschema und guter
Verträglichkeit ein ausreichender Medikamenten-Spiegel erreicht worden
ist, so wäre der hier beschriebene der erste dokumentierte Fall aus
Zentralafrika. Dies würde das Vorkommen von Atovaquon/Proguanil-resistenten
Stämmen in mehreren Regionen Afrikas belegen. Bisher steht jedoch
die Frage offen, ob eine andere Mutation als die im Codon 268 des Cytochrom-b-Genes
für diese klinische Resistenz verantwortlich gemacht werden kann.
Schlussfolgerungen:
Angesichts der hohen Zahl bisher eingesetzter Dosen dieser Wirkstoffkombination
ist das Risiko eines Therapie- oder Prophylaxeversagens gegenwärtig
als sehr gering einzustufen. Daher hat dieser wie auch die anderen bereits
publizierten Fälle keine direkte Konsequenz für die Strategie
der Malaria-Behandlung und -Prophylaxe. Atovaquon/Proguanil wird daher
in Deutschland derzeit neben Mefloquin und Doxycyclin zu Recht weiterhin
für die Chemoprophylaxe der Malaria tropica empfohlen (s. a. Homepage
der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit
www.dtg.mwn.de). Nach den bisherigen Erfahrungen liegt die prophylaktische
Wirksamkeit zwischen 95 und 100 %. Ähnliche Werte gelten für
die Therapie. Hier ist zu beachten, dass das Mittel aufgrund seiner pharmakologischen
Eigenschaft als slow acting einzustufen ist. Bis zur völligen Parasiten-Clearance
können durchaus einige Tage vergehen, ohne dass es sich um ein Resistenzphänomen
handelt. Atovaquon/Proguanil ist daher nur für die Behandlung der
unkomplizierten Malaria tropica geeignet und zugelassen. Kontrollen nach
durchgeführter Therapie sollten - wie auch bei anderen Malariamitteln
- engmaschig durchgeführt werden.
Epid. Bulletin, Robert Koch-Institut Nr. 40/2003
Für diesen Fallbericht danken wir Dr. Ole Wichmann (E-Mail ole.wichmann@charite.de),
Institut für Tropenmedizin, Berlin. - Dr. K.-J. Volkmer, Buchholz/
Nordheide, gilt Dank für fachlichen Rat.
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
01/2004
S. 66 / 67
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