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Medizin und Wissenschaft

Was machen Sie denn da?
Neue Ergebnisse, neue Fragen zur
Therapie der Gonarthrose

Jens Lucka

Das Missverhältnis zwischen Last und Belastbarkeit des Gelenkes und seines Knorpels steht regelmäßig am Anfang der durch ihr langsames, aber unaufhaltsames Fortschreiten gekennzeichneten Gonarthrose: Eine Bänderdehnung führt zu einer Instabilität, eine Quetschung zu einer Inkongruenz. Schon eine kleine Abweichung vom Idealzustand belastet den Knorpel durch vermehrte Scherkräfte, bildet erst leichte oberflächliche, später langsam tiefer werdende Defekte. Der Knorpeldefekt führt zu mehr Instabilität und damit wieder zu größerer Belastung: Eine Spirale wird in Gang gesetzt. Meniskusschäden kommen als Ergebnis und Symptom regelmäßig hinzu, meist ohne eine eigene Relevanz für die Funktion zu besitzen, wie kürzlich Bhattacharyya1 in einer radiologischen Studie zeigen konnte.
Ziel alltäglicher Bemühungen einer Vielzahl von Arthroskopeuren ist das Anhalten oder die Umkehr dieses Verschleiß-Prozesses und eine Besserung der Symptome.
Auf der Suche nach einer Therapie wurde der Focus eingeengt auf die am Ende sichtbare Läsion, den Knorpeldefekt. Es wurden Löcher in Kaninchenknie gebohrt in unterschiedlicher Größe und Tiefe. Und es wurde dem Kaninchen dabei zugesehen, welche Löcher es am schnellsten wieder schloss. Die beste Defektauffüllung schaffte das Kaninchen, wenn der Bohrer auch noch den Markraum eröffnete. Reine Abrasionen heilten schlecht.9
Von diesem wissenschaftlich korrekten Nucleus der Stimulierung der Knorpelregeneration durch Markraumeröffnung bei umschriebenem Knorpeldefekt am jungen, sonst ungeschädigten Kaninchen-Gelenk hat sich die Technik durch Extrapolation zu einer alltäglichen Fehl- und Überversorgung entwickelt (Wai: „may be overutilisied“).11 Denn weder Abrasion noch Markraum eröffnende Techniken wie z. B. Mikrofrakturierung oder Pridie-Bohrung haben Einfluss auf die Ursache der Knorpeldefekte bei Arthrose, da das Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit des Knorpels nicht verändert wird. Genau diese Indikationen machen aber heute ca. 60 % der Arthroskopien aus.4,7 Die Ergebnisse sind, wie gerade im Deutschen Ärzteblatt beschrieben,12 unsicher. Nur unsicher? Bruns und Steinhagen2 hatten vor drei Jahren in ihrem Übersichtsartikel die Antwort noch offen gelassen; Chen3 hatte schon 1999 klar konstatiert: „Non of these therapies, however, has resulted in the successful regeneration of a hyaline-like tissue that withstands normal joint loading and activity over prolonged periods.“ Das Ergebnis des Procedere ist, so Linschoten,8 direkt abhängig vom Ausgangsbefund - und nicht von dem Vorgehen selbst. Die kontrollierten Studien von RW Chang5 und JB Moseley10 bestätigen diese Feststellung: „The outcomes after arthroscopic lavage or arthroscopic debridement were no better than those after a placebo procedure“. Und wenn nun auch noch dargelegt wird, dass die degenerativen Meniskusschäden, die überall saniert werden, funktionell irrelevant sind,1 dann drängt sich schon die Frage auf an jeden Arthroskopeur: „Was machen Sie denn da (eigentlich)? (Die Frage drängt sich auch allen anderen auf, die behaupten, bei Arthrose den Knorpel mit was auch immer gegen die weiter wirkenden Knorpel zerstörenden Kräfte wiederherstellen zu können).
Und diese Frage kann nicht einfach mit dem Hinweis auf die eigene gute Serie oder irgendwelche unkontrollierten Studien beantwortet werden, wie Dyson6 anhand der Analyse seiner waiting list darlegte: Ein beträchtlicher Teil Patienten arrangiert sich mit den Beschwerden auch ohne Arthroskopie.

Literatur beim Verfasser

Dr. Jens Lucka, Eielkampsweg 23 e, 25469 Halstenbek

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 11/2003

S. 65