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Medizin und Wissenschaft
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Kleine
Fistel - große Folgen Ein damals
50-jähriger Patient stellte sich im Oktober 1990 mit Hämorrhoiden:
Brennen, Juckreiz, Nässen, Hautlappen am After, Blut am Papier, vor.
Diagnosen: Vorpostenfalte, chronische, vernarbte, posteriore Analfissur
mit reaktiver Analsphinkterhypertonie sowie hypertropher Papille an der
Basis der Fissur, Hämorrhoiden 2°. Es wurde zunächst eine
Dilatationstherapie mit Analdehner begonnen. Im Brief an den Hausarzt
wurde die Indikation zur Operation (Exzision der Fissur samt Vorpostenfalte
sowie Papille, Internussphinkterotomie) für den Fall gestellt, dass
die Dehnungstherapie nicht den erwünschten Erfolg hätte. Die
Androhung einer Operation motivierte den Patienten die vorgeschlagene
Dilatationstherapie regelmäßig durchzuführen. Bei der
Kontrolluntersuchung berichtete er, dass es ihm wesentlich
besser ginge. Daraufhin wurde eine Ligaturbehandlung der Hämorrhoiden
begonnen. Zehn Monate nach der Erstvorstellung (August 1991) entleerte
sich bei der Proktoskopie Pus aus der Fissur. Es wurde unter der Diagnose
inkomplette Fistel bei posteriorer Analfissur die Operationsindikation
gestellt und der Patient entsprechend aufgeklärt. Im November 1991
sowie Januar 1992 wurde die Indikation erneut besprochen (13 und 15 Monate
nach Erstvorstellung). Der Patient wurde ausdrücklich über die
Folgen einer nicht-behandelten Fistel aufgeklärt: Abszess, Fieber,
Sepsis, usw. (der Abszess ist die akute, die Fistel die chronische Form
des gleichen Leidens!). Der Patient (Lehrer) verabschiedete sich mit den
Worten: Ich will mir noch mal alles durch den Kopf gehen lassen!.
Zu einem vereinbarten Termin zur Untersuchung im Februar 1992 erschien
der Patient nicht.
Im März
1993 (2 ½ Jahre nach der Erstvorstellung) stellte sich der Patient
wieder in der Sprechstunde vor. Zwischenzeitlich war es im August 1992
akut zu einem Abszess gekommen. Dieser wurde notfallmäßig in
einem großen Lehrkrankenhaus eröffnet. Postoperativ entwickelte
der Patient eine tiefe Beinvenenthrombose rechts, die zur Marcumar®-Medikation
führte. Bei Entlassung wurde dem Patienten vom Chefarzt mitgeteilt,
dass bei der Rektoskopie intraoperativ als auch bei Entlassung keine Fistel
zum Analkanal festgestellt werden konnte. Im Dezember 1992 wurde dem Patienten
(noch immer unter Marcumar®-Medikation!) eine intramuskuläre
Injektion rechts gluteal verabreicht. Als Folge entstand ein massives
Hämatom im Bereich der rechten Gesäßhälfte, das zur
erneuten stationären Behandlung führte. Zusätzlich brach
die Narbe nach der Abszesseröffnung wieder auf. Der Patient kam jetzt
in unsere Sprechstunde, weil der Operateur/Chefarzt bei der Rektoskopie
erneut keine Fistelverbindung zum Analkanal feststellen konnte. Der Patient
hatte jedoch noch immer unsere eindringlichen Aufklärungsversuche
in Erinnerung (Der Abszess ist die akute, die Fistel die chronische
Form des gleichen Leidens!). Da ist wahrscheinlich die Fistel
noch vorhanden!?. Bei der anschließenden proktologischen Untersuchung
konnten wir den gleichen Befund wie im August 1991 feststellen. Wir bestätigten
den Verdacht des Patienten und besprachen erneut die Operationsindikation.
Die von uns 1991 vorgeschlagene Operation (Spaltung/Exzision der Fistel
samt Fissur, Vorpostenfalte und Papille) konnte dann endlich im April
1993 erfolgreich durchgeführt, der Patient am dritten postoperativen
Tag entlassen werden. Die (übliche) sekundäre Wundheilung war
komplikationsfrei. Die Wunde war nach zwei Monaten verheilt. Seit dieser
Operation stellt sich der Patient regelmäßig treu
in unserer Sprechstunde vor, zuletzt Februar 2001. Seit April 1993 ist
der Patient beschwerdefrei und kontinent für Flatus, flüssigen
und geformten Stuhl.
1. Es
gibt keine konservative Behandlung einer Analfistel. 3. Fisteln
im Analkanal kann man am besten digital-rektal und/oder über ein
vorne offenes Proktoskop/Anoskop diagnostizieren, nicht über ein
womöglich 30 cm oder längeres Rekto- oder Coloskop!20
5. Die
Behandlung einer Analfistel ist und bleibt chirurgisch. Alles andere (Antibiotika,
Zugsalbe, die gute Hämorrhoidalsalbe, Ay-
6. 90
% aller Analfisteln sind so genannte low anal fistulas (subkutane,
submuköse, intersphinktere und die meisten transsphinkteren Fisteln)10,18,21.
Das heißt: Diese lassen sich ohne Gefahr für die Kontinenz
spalten oder exzidieren, auch wenn bei der Spaltung/Exzision Schließmuskel
geopfert werden muss.14,15,20 Nur 10 % sind high anal
fistula (hoch transsphinktere bzw. suprasphinktere Fisteln). Spaltung
dieser Fisteln würde eine Inkontinenz zurücklassen. Für
solche Fisteln gibt es die sphinkterschonenden plastischen Verfahren:
sparsame Exzision des Fistelkanals bis in den Sphinkteraparat, Quernaht
des verbleibenden Sphinkterdefektes (nach Exzision der inneren Fistelöffnung)
und Deckung dieser Sphinkternaht durch eine Lappenplastik (meistens proximal
gestielter Mukosa/Submukosa/Muskularis-Lappen).1,2,3,13,17
7. Sowohl
der Patient mit einer Analfistel als auch sein Hausarzt brauchen somit
keine Angst vor der Inkontinenz zu haben.15 Dagegen können chronische
Fisteln mit rezidivierender Abszedierung auch ohne Skalpell zur Inkontinenz
führen, da die Abszedierung auch Sphinktergewebe verbraucht20
(es gibt ja auch inkontinente Patienten, die nie anorektal operiert worden
sind!9,12). Ein- oder mehrfach voroperierte Patienten zeigen auch ein
schlechteres Kontinenzverhalten im Vergleich zu Patienten, bei denen die
Fistel in einer Sitzung saniert wird20 (lieber einmal richtig
als ehrfach nur ein bisschen). Der Chirurg, der den Fistelpatienten
als erster behandelt, ist derjenige, der die Fistel am ehesten heilen
sowie Morbidität und Invalidität auf ein Minimum begrenzen kann
(nach Corman5). Johannes Jongen, Abteilung Chirurgische Proktologie, Park-Klinik, Goethestr. 16, 24116 Kiel, E-Mail jjongen@proktologie-kiel.de |
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 11/2003 S. 56-58 |
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