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Rezensionen

Anamnese und klinische Untersuchung
Thieme Verlagsgruppe, Stuttgart 2002, 2. Auflage, 543 Seiten, 44,95 EUR, ISBN 3-13-126882-4

Anamnese und unmittelbare (klinische) Untersuchung dienen erstens der Diagnose. Sie führen zu einem überlegten und sparsamen Einsatz von Labor und bildgebenden Verfahren, der den Patienten nicht unnötig belastet und kostengünstig für die Solidargemeinschaft ist. Zweitens geben Anamnese und Gespräch die Chance, Werte, Motive und Sorgen des Kranken zu erfahren. Wie jemand z. B. mit seiner chronischen Krankheit umgeht, bestimmt Befinden, Beschwerdebild und Funktionszustand entscheidend mit. Drittens stärken sorgfältige Anamnese und Untersuchung während der ersten Arzt-Patient-Begegnung das Vertrauen des Kranken, das bessere Compliance und positive unspezifische Effekte der Medikamente bewirkt.
Das Buch von Füeßl und Middeke über „Anamnese und klinische Untersuchung“ stellt die Bedeutung dieser drei Aspekte klar und überzeugend heraus. „Sei es subjektiv durch vorhandene Ängste, sei es objektiv durch eine bedrohliche Krankheit - der Patient befindet sich gegenüber dem Arzt immer in einer unterlegenen Position“, schreiben die Autoren. Durch die Art der Begegnung und durch Einfühlung (Empathie) ist dieser Machtgraben zwischen dem Arzt und seinem Patienten teilweise zu überbrücken.
„Konzentriertes Zuhören und Fragen zur früheren Anamnese, Berufs- und Familienanamnese liefern nicht nur wichtige Informationen, sondern vermitteln auch dem Patienten den Eindruck von Gründlichkeit, Sorgfalt und Mitgefühl. Ähnliches gilt für die körperliche Untersuchung.“ Ein Mehrbettenzimmer einer Klinik ist für eine gute und umfassende Anamnese ungeeignet, da „die Mitpatienten evtl. gierig jedes gesprochene Wort aufsaugen.“ Deshalb gehört es zu den Pflichten leitender Krankenhausärzte, in ihren Kliniken die Voraussetzungen für eine ungestörte Anamnese zu schaffen.
Mit Recht betonen Füeßl und Middeke, dass Medikamentenanamnese und pharmakologisches Wissen wesentlich zur Differenzialdiagnose beitragen. So kann z. B. ein Thiaziddiuretikum eine Hyperurikämie und einen Gichtanfall auslösen. Sehr zu begrüßen ist die Botschaft der Autoren, dass die Therapie mit der Anamnese beginnt, denn ein Kranker fühlt sich bereits ein ganzes Stück besser, wenn er beim Erstkontakt spürt, dass er verstanden wird. Anhand von Leitsymptomen, von Husten, Gewichtsabnahme, Schlafstörungen und Fieber etc. wird veranschaulicht, wie Anamnese und klinische Untersuchung helfen, vom Symptom zur Diagnose zu gelangen.
Hinter einem Husten kann sich z. B. eine chronische Bronchitis (Zigarettenraucher), eine Linksherzinsuffizienz, eine Pneumocystis-carinii-Pneumonie eines AIDS-Kranken, ein Asthma bronchiale, aber auch eine häufige Nebenwirkung von ACE-Hemmern verbergen. Die klinische Untersuchung beginnt mit der genauen Beobachtung. Die Inspektion lässt Krankheiten wie die Akromegalie oder ein Marfan-Syndrom erkennen. Körperhaltung und Gang sind charakteristisch für M. Bechterew, bzw. M. Parkinson. Die Voraussetzung für die Diagnose ist allerdings die Kenntnis von Krankheitsbildern.
Die Autoren erinnern daran, dass nicht nur der Arzt den Patienten beobachtet, auch dieser schätzt den Arzt während der Begegnung ein und beurteilt ihn. Sehr gute Bilder zeigen Beispiele für Blickdiagnosen: Spider-Nävi bei Zirrhose, Exophthalmus bei Basedow oder Haarleukoplakie der Zunge bei AIDS. Die Ansicht Füeßls und Middekes ist voll zu unterstützen, die den Mindestumfang der körperlichen Untersuchung in der Allgemeinmedizin und Inneren Medizin betrifft. Sie umgreift die Bestimmung von Größe und Gewicht, die Inspektion der Mundhöhle, die Palpation der Schilddrüse und der Lymphknotenstationen, die Untersuchung von Herz (einschließlich Blutdruckmessung), Lungen, Abdomen und Extremitäten.
Wegen seines umfassenden Inhalts kann das Buch ebenfalls als Nachschlagewerk für besondere physikalische Methoden, z. B. für die Prüfung der Sensibilität, Motorik und Koordination mit Nutzen verwendet werden. Heute werden nicht selten apparative Verfahren und Prozeduren überschätzt und ihre Ergebnisse bei Nichtbeachtung ihrer Sensibilität und Spezifität unkritisch interpretiert. Kaskaden von unnötigen Folgeuntersuchungen wegen falsch positiver Resultate sind nicht ungewöhnlich. Wie Füeßl und Middeke beweisen, sind Anamnese, klinische Untersuchung und die genaue Kenntnis von Krankheitsbildern die Voraussetzung für einen sinnvollen und ökonomischen Einsatz bildgebender Verfahren und des Labors. Nichts ist in der Ära medizinischer Kostenexplosion Geld sparender und rationeller als Anamnese und unmittelbare Untersuchung in Verbindung mit einem guten klinischen Wissen. Gerade in der heutigen Zeit ist deshalb das Buch Studenten und Ärzten sehr zu empfehlen.

Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jägerallee 7, 24159 Kiel


Praktische Tropen- und Reisemedizin
Bibliographische Angaben: H. J. Diesfeld, G. Krause, D. Teichmann, 2. vollständig überarbeitete Auflage 2003, 257 Seiten, 25 Abbildungen, davon 12 Karten, 68 Tabellen, Thieme Verlag, Stuttgart, ISBN 3-13-108342-5, EUR 24,95

Kurze Inhaltsangabe: Reisevorbereitungen und Sicherungsmaßnahmen nach Reiserückkehr. Profunde, ganzheitliche orientierte Darbietung der praktisch relevanten Tropenkrankheiten. Einbezug unterschiedlicher Lebenssituationen der Reisenden und denkbarer vorhandener Erkrankungen. Den Schluss bilden reisemedizinische Adressen.
Kritische Bewertung: Übersichtliche Textgestaltung. Die häufige Verwendung von Tabellen erlaubt ein schnelles Auffinden des Gesuchten.
Sonstiges: Praktisch ist ein beigefügtes Informationsblatt für Tropenreisende, das zur Vervielfältigung freigegeben ist.
Empfehlung: Sehr empfehlenswert für jeden hausärztlich tätigen Arzt, da es klare und konkrete Antworten auf alle anfallenden Fragen der Reisemedizin gibt.
Rezensent: Prof. Dr. Diedrich Dieckhoff, Lindenstr. 56 a, 23558 Lübeck


Moby Dicks Spaß-Diät für Kinder
Bibliographische Angaben: Dr. Christiane Petersen, Prof. Dr. Michael Hamm, Ullstein Verlag,
253 Seiten, 7,95 EUR, 1. Auflage, 2003, ISBN 3-548-71066-2

Kurze Inhaltsangabe: Auf den ersten neunzig Seiten dieses handlichen Taschenbuches sind in vier Kapiteln kurz die theoretischen Hintergründe zu Ursachen, Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas bei Kindern umrissen. Als Instrumentarium für die Einschätzung des Körpergewichtes werden Body Mass Index und Wachstumskurven für Jungen und Mädchen vorgestellt. Kapitel fünf und sechs enthalten einen Rezeptteil aus der Spaß-Diät mit Frühstücksideen, warmen und kalten Hauptgerichten, Snacks für zwischendurch, Muffins, Pudding und Co, Getränken für Kinder und Lieblingsrezepten der Moby Dick-Kinder sowie je eine Wochenplanübersicht für 7 - 9-Jährige, 10 - 12-Jährige und 13 - 14-Jährige. Im letzten Kapitel findet sich ein Ernährungsquiz, das den Eltern eine Einschätzung der Entscheidungskompetenz ihrer Kinder in alltäglichen Ernährungsfragen ermöglichen soll. Im Anhang sind Adressen bereits bestehender Moby Dick Gruppen erfasst sowie Hinweise für die Gründung eigener Gruppen.
Kritische Bewertung: „Spaß-Diät“ für die Spaß-Gesellschaft? Der Buchtitel erweckt den Anschein von Mühelosigkeit und steht im Gegensatz zum gleichzeitig verwendeten Bild der Ampel, mit deren Hilfe die Lebensmittel in Gruppen (selten essen - mäßig essen - viel und häufig essen) eingeteilt werden. Hier ist er wieder, der erhobene Zeigefinger und die unterschwelligen Verbotslisten, welche ja eigentlich nicht gewollt sind aber doch an vielen Stellen durchschimmern. Auch die Essensplanung durch Wochenpläne hat mehr den reinen Diät - als den versprochenen „Spaß -Diät“- Charakter. Der einführende theoretische Teil ist recht allgemein gehalten, durch plakative Formulierungen („Fitmilch statt Fettmilch“) leicht lesbar, doch an vielen Stellen leider recht oberflächlich.
Sonstiges: Die beiden Autoren geben wichtige Hinweise für die Entwicklung eines gesunden Essverhaltens in der Familie - angefangen bei der gemeinsamen Zubereitung des Essens, der Vorbildwirkung der Familienmitglieder, den Spielregeln fürs Familienessen bis zur Körperwahrnehmung und dem Zusatznutzen den z. B. Fast Food für Kinder haben kann.
Empfehlung: Zielgruppe für dieses Buch sind Eltern oder andere Bezugspersonen von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 - 14 Jahren, wie aus der Altersangabe der Wochenpläne hervorgeht. Diese können durch den multifaktoriellen Ansatz (angesprochen werden neben dem „Abenteuer Mischkost“ auch das Bewegungs-, Fernseh- und Computerverhalten sowie die Bedeutung von Selbstvertrauen und Esskultur in der Familie) wertvolle Hinweise für eine Veränderung ihres Lebensstils bekommen und damit den ersten Schritt für ein gesundes Gewichtsmanagement der ganzen Familie tun. Als alleiniger Handlungsleitfaden zur Gewichtsabnahme ist das Buch nur bedingt geeignet.
Rezensentin: Dipl. oec. troph. Sabine Hoffmann-Steuernagel, Dorfstr. 26, 24229 Dänischenhagen


Kompendium Kardiologie: Leitlinienbasierte Algorithmen
Bibliographische Angaben: Rainer Dietz, Dankward Hänlein, Bernhard Pilz (Hrsg.), Akademos Wissenschaftsverlag Hamburg, 1. Auflage 2002, 239 Seiten, ISBN 3-934410-33-2

Kurze Inhaltangabe: 24 relevante Themen der klinischen Kardiologie werden anhand leitlinienbasierter Algorithmen übersichtlich dargelegt. Kurze Einführungen, Anmerkungen und Erläuterungen zu dem jeweiligen Thema sorgen für Transparenz des Algorithmus. Quellenangaben und Erklärungen zu den Abkürzungen beschließen jedes Kapitel.
Kritische Bewertung: Basis des „Kompendium Kardiologie“ sind die national und international publizierten Leitlinien sowie ausgesuchte „Schlüsselliteratur“. Diese können die klinische Realität nicht lückenlos abbilden. Hier springt zuweilen das Konzept/Vorgehen der Charité-Arbeitsgruppe ein.
Sonstiges: Die komplexe, kardiologische Thematik des klinischen Alltags (Diagnostik, Differenzialdiagnostik, Therapie und Differenzialtherapie) wird anhand verfügbarer Evidenz auch dem Nichtspezialisten präzise, zugleich übersichtlich nahe gebracht. Vertiefender Anschluss ist über die Literaturempfehlungen bestens möglich.
Empfehlung: Zunehmend sind Kliniker/Praktiker gefordert, ihr Handeln an Leitlinien auszurichten. Deren Anzahl, Publikationsstreuung und zum Teil unlesbare Länge (> 100 Seiten/Thema) verunmöglichen dies. Deshalb gehört dieses vorzügliche „Kompendium Kardiologie“ auf jeden Schreibtisch bzw. in jede Kitteltasche (Format passt). Nachfolgende aktualisiere Auflagen sind wünschenswert.
Rezensent: Prof. Dr. Klaus-Peter Bethge, Friedrich-Ebert-Krankenhaus, Friesenstr. 11, 24534 Neumünster

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 10/2003

S. 2, 21, 24, 88