Behandlung
des Rückenschmerzes
Konservative Therapie nicht belegt
Jens Lucka
Was ist sinnvoll
und notwendig in der konservativen Behandlung des Rückenschmerzes?
Wenn die Krankenkassen dereinst tatsächlich nur noch Leistungen
bezahlen sollten, deren Effekt wissenschaftlich nachgewiesen ist, dann
gute Nacht physikalische Medizin! - so kommentierte die München
Medizinische Wochenschrift (MMW) 1997 eine im BMJ (P. D. Aker et al.
Nov. 96) erschienene Metaanalyse zur Behandlung von Nackenschmerzen
in Vorahnung der nun anlaufenden Debatte über evidenzbasierte Behandlungskonzepte.
Diese so kritisierte physikalische Medizin bildet heute noch eine wesentliche
Säule in der konservativen Behandlung von Nacken- und Rückenschmerz.
Fragestellung: Lässt sich diese Art der Behandlung wissenschaftlich
rechtfertigen?
Methode: Die Arbeit betrachtet die Standardbehandlung eines erwachsenen
rückenkranken Patienten aus dem Blickwinkel der evidenzbasierten
Medizin und vergleicht die Ergebnisse der Literaturrecherche mit der
üblichen konservativen Therapie.
Ergebnis: Die Schlussfolgerung aus der MMW aus 1997 kann heute
nur unterstrichen werden. Ein großer Teil der konservativen Therapie
des Rückenschmerzes von Krankengymnastik bis zur physikalischen
Medizin ist wissenschaftlich nicht belegt, nicht sinnvoll und damit
verzichtbar.
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Das Leitlinien-Clearing-Verfahren
Auf dem Wege zu solchen Behandlungskonzepten für Menschen mit
Rückenschmerz verabredeten die Spitzenverbände der Selbstverwaltungskörperschaften
im Gesundheitswesen 1999 die Durchführung eines Leitlinien-Clearing-Verfahrens
durch die Ärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung. Die
Ergebnisse liegen seit 2001 vor.
Dabei wurde zunächst ein Forderungskatalog für eine optimale
Leitlinie aufgestellt, dann wurden die besten 15 im Research gefundenen
existierenden Leitlinien an diesen Vorgaben geprüft. Und in der
ausführlichen Zusammenfassung der Ergebnisse wurden Empfehlungen
für Aufbau und Inhalt einer nationalen Leitlinie akuter Rückenschmerz
gegeben.
Nach diesen Empfehlungen steht am Anfang die Abklärung des Charakters
und der Schwere der Erkrankung. Dabei ist die Anamnese erster und wichtigster
Bestandteil der Analyse der Beschwerden bei Rückenschmerzen. Die
körperliche Untersuchung dient der Gewinnung weiterer Informationen
zur Abklärung der Arbeitshypothese.
Bildgebende Verfahren alleine stellen keine Grundlage für eine
Schmerzdiagnose oder Therapie im Bereich der Stütz- und Bewegungsorgane
dar. Bei erstmals oder auch in größeren Abständen auftretenden
unkomplizierten Rückenschmerzen (keine Red Flags) ist
eine Röntgenaufnahme - zumindest innerhalb der ersten vier Wochen
- nicht notwendig. (Plaine x-rays are not recommended for routine evaluation).
Mittel der Wahl in der Diagnostik ist die MRT.*
Es ist dabei insbesondere zu differenzieren zwischen
a. einfachen Rückenschmerzen,
b. Nervenwurzel-Schmerz,
c. möglicher bedrohlicher spinaler Pathologie,
wobei die Abklärung von c. und damit die Entscheidung über
dringliche Interventionen an erster Stelle steht.
Hinweise auf eine
bedrohliche Erkrankung ergeben sich aus den sog. Red Flags:
Das Philadelphia
Panel beschränkte sich auf die Bewertung der physikalischen Therapie
und fand ebenfalls nur den advice to stay active sinnvoll.
Und was nützt
nicht?
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass eine darüber hinausgehende
Therapie wie Akupunktur, Thermotherapie, Traktion oder Tens von Nutzen
sein könnte. Insbesondere die Exercise-Therapie (vulgo: KG) wurde
als ineffektiv bewertet. Ein positiver Einfluss auf den Erkrankungsverlauf
ist nicht zu erwarten.
80 - 90 % aller Rückenschmerzpatienten sind bei erstmaligem
Auftreten der Beschwerden innerhalb von 6 - 8 Wochen beschwerdefrei.
Dabei spielt es keine Rolle, ob überhaupt eine - und ggf. welche
- Therapie durchgeführt wurde, so der Clearingbericht.
Die Anwendung dieser Therapieformen bei akutem Rückenschmerz stellt
aber nicht nur eine Über-, sondern auch eine Fehlversorgung dar
mit Gefahr einer iatrogenen Chronifizierung, denn, wie Indahl schrieb,
ist die Prognose nur dann gut, when untampered.
Besonderer Hinweis: Nutzen von Injektionen wurden streitig auch
im Deutschen Ärzteblatt diskutiert, wobei der Neurologe auf die
teils schwerwiegenden Komplikationen hinwies, der Orthopäde den
Effekt pries. Diesen Effekt hat die Cochrane Foundation nicht mehr gefunden,
so dass derartiges Vorgehen als gesundheitsgefährdend angesehen
werden kann.
Gleiches gilt übrigens auch für die manuelle Therapie, deren
Nutzen nahe Null ist bei ganz erheblichen und bisher krass unterschätzten
Risiken. Ich habe persönlich schon Fälle mit Plexuslähmung,
Serratuslähmung, Kleinhirneinklemmung, Schlaganfall nach Intimazerreißung
der Arteria vertebralis und Wirbelkörperfrakturen sowie jede Menge
Bandscheibenprobleme nach solcher Behandlung gesehen.
Ergebnis: Die Schlussfolgerung aus der MMW aus 1997 kann heute
nur unterstrichen werden. Ein großer Teil der konservativen Therapie
des Rückenschmerzes von Krankengymnastik bis zur physikalischen
Medizin ist wissenschaftlich nicht belegt, nicht sinnvoll und damit
verzichtbar.
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2. Vortrag
Disease Management beim chronischen Rückenschmerz: Ist der Sofa**
der bessere Arzt?
Die Rentenversicherungsträger und Krankenkassen haben in der Rehabilitation
die konzeptionelle Führung übernommen und entscheiden über
Behandlungsinhalt und -umfang.
Frage: Zu welchen Ergebnissen hat dieses Krankheits-Management
durch Sozialversicherungs-Fachangestellte geführt?
Methode: Aufgesucht und ausgewertet wurden alle Outcome-Studien
aus dem Bereich Rehabilitation zur Behandlung von Rückenerkrankungen
der letzten zehn Jahre.
Ergebnis: Der Mittelaufwand steht in keinem Verhältnis zum
dokumentierten Erfolg.
Im Bereich der Rehabilitation liegt der Sicherstellungsauftrag und das
Disease-Management schon lange bei den Krankenkassen und Rentenversicherungs-Trägern:
Sie bestimmen Art und Umfang der Maßnahmen und treffen die Leistungsentscheidung.
Allein die Statistik des VDR (Verband der Rentenversicherer) weist für
das Jahr 2000 ca. 750 000 Teilnehmer an stationärer Reha für
muskuloskeletale Beschwerden aus. Der weitaus größte Teil
dieser Rehabilitanden wird subsummiert unter die Diagnose Wirbelsäulenbeschwerden.
Die Kosten für die stationären Rehamaßnahmen in der
Rentenversicherung lagen bei mehr als 2 Mrd. Euro. Ziel dieser Maßnahmen
nach dem Motto Reha vor Rente ist die Wiedereingliederung
in den Arbeitsprozess.
1993 hat N. Gerdes aus dem Hochrhein-Institut eine Vergleichsstudie
vorgelegt, die der Frage nachging, ob die Maßnahme hält,
was sie verspricht: Wird der AU-Trend geändert? Das Ergebnis war
einerseits katastrophal: Nein, der AU-Trend wird nicht geändert.
Die so genannte Reha bewirkt keine Abnahme der Arbeitsunfähigkeit.
Die festgestellte Abnahme der Krankheitszeiten ist nur Ausdruck des
normalen Verlaufes: Wer erkrankt, gesundet meist auch wieder. Und das
gilt auch für Teilnehmer an Rehamaßnahmen.
Andererseits war das Ergebnis eine entschiedene Aufforderung zur Forschung,
um die jährlich ausgegebenen Milliarden zu legitimieren.
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Die Forschung ist
vorangeschritten, die Erkenntnis über unterschiedlichste Einflüsse
auf Erkrankung und Verlauf haben zur Bildung des sog. biopsychosozialen
Modelles geführt. Dieses biopsychosoziale Modell erklärt die
Entstehung der Erkrankung aufgrund von drei wesentlichen Faktoren(-gruppen):
a. bio: Die Struktur ist gestört, es liegt ein Bandscheibenvorfall,
eine Nervenwurzelbedrängung, eine Stenose o. Ä. vor.
b. psycho: angstvolle Erwartung, Depression, Erleben der Hilflosigkeit
etc.
c. sozial: Arbeitssituation(-zufriedenheit), Mobbing, Arbeitslosigkeit,
Geldsorgen, Familienprobleme etc.
Zu fragen ist nun, ob und wie diese Faktoren zu beeinflussen sind.
Schauen wir uns hierzu zunächst a. bio an: Theoretisch ist
nicht zu erwarten, dass warmes oder kaltes Wasser, halbverwester Pflanzenmatsch
oder Hautperforationen die Struktur einer Bandscheibe oder des Wirbelkanales
beeinflussen. Und tatsächlich haben verschiedene Untersuchungen
gezeigt: Die einzelne Maßnahme (Anwendung) wie Massage,
Traktion, Tens etc. ist wirkungslos:
Im Einzelnen fand das Philadelphia Panel heraus (Physical Therapy Vol.
81 No. 10 Oct 2001), dass Massage, elektrische Stimulation und mechanische
Traktion, Thermotherapie, Biofeedback für chronischen Nackenschmerz
wirkungslos sind. Einen Wirkungsnachweis fand das Panel als Einziges
für therapeutische Übungen bei chronischem Nackenschmerz.
Ähnlich sah das Bild für low back pain aus.
Im Cochrane Bulletin on the effectiveness of health service interventions
for acute and chronic low back pain vom November 2000 wurden bei chronischem
Rückenschmerz wiederum nur NSAID, Verhaltenstraining und Exercises
als sinnvoll angegeben. Keine klare Effektivität wurde gefunden
für Injektionen, physikalische Anwendungen oder Manipulationen.
Die Quebec Task Force empfahl im Supplement der Spine zum
Schleudertrauma, die Rechnungen für Physiotherapie bei Nackenschmerz
nicht mehr zu bezahlen.
Und da es dann auch nichts nützt, mehrere dieser sehr üblichen
aber unsinnigen Therapieformen zu kombinieren, gibt es auch keine Dosis-Wirkungs-Beziehung
(Die Protos-Studie, Hochrheininstitut, fand: keinen Zusammenhang
zwischen Höhe des therapeutischen Aufwandes und Stärke der
erzielten Effekte). Ob viele oder wenige dieser so genannten Anwendungen
während der drei Wochen in der Klinik durchgeführt wurden,
beeinflusst das Outcome nicht. Von Rückenschulen (deren Inhalt
nach den Druckanalysen von Wilke et al., Spine Apr. 99, oft von zweifelhaftem
Wert ist) ist (so Raspe 1997) kein relevanter Beitrag zur Lösung
der sozialmedizinischen Problematik unspezifischer Rückenschmerzen
zu erwarten.
Dann zu c. sozial: Stellen Sie sich einen großen Topf mit
kochend heißem Wasser vor. Und einen Hummer. Und nun werfen Sie
den Hummer in das kochende Wasser. Dem Hummer geht es schlecht, er wird
krebsrot - und stellt einen Reha-Antrag. Er macht ein Problem mit seiner
Arbeitsumgebung geltend - und Sie fischen ihn wieder raus. Und nach
drei Minuten werfen Sie ihn zurück in den Topf. Mit Ihrer Reha-Maßnahme
haben Sie das Schicksal des Rehabilitanden nicht beeinflusst. Das Wasser
ist nicht abgekühlt, die Arbeitsumgebung hat sich nicht geändert.
Und genau so sieht die Situation für den Rehabilitanden des VDR
aus.
Bleibt noch die Betrachtung von b. psycho: Wichtig ist der positive
Zuspruch insbesondere durch den Arzt. Jahrzehntelang hat die von den
Ärzten implantierte Vorsicht mit Hinweis auf ein rückengerechtes
Verhalten die Menschen dazu geführt, sich wie auf dünnem Eis
zu bewegen. Die Mahnung zur Vorsicht und die Aufforderung zur Vermeidung
von Risikosituationen verlängert die Genesung und ist damit für
die Patienten nicht förderlich, es droht die iatrogene Chronifizierung
(profitiert haben dafür diverse Leistungsanbieter). Es muss deshalb
in den Köpfen von Behandlern und Patienten eine Umkehr erfolgen,
wir müssen unseren Patienten die Sicherheit zurückgeben, wir
müssen das Eis wieder dicker machen.
Hilfreich kann dabei die Erfahrung der eigenen Leistungsfähigkeit
sein. Daraus wurden Programme wie Work hardening oder exercises
abgeleitet. Und für exercises wurde bei chronischem
Schmerz auch ein Wirkungsnachweis erbracht.
Dabei gilt diese Feststellung zwar nicht für alle Rehabilitanden,
aber für nahezu alle Formen der Übungen. Es profitieren dabei
Menschen mit geringem eigenen Antrieb ohne beispielsweise Anbindung
an einen Sportverein von der Förderung der Aktivität. Ob dabei
eher Rü- cken, Bauch oder der rechte kleine Finger trainiert wird,
spielt keine Rolle. Wichtig ist die Stärkung der Rückenmuskulatur
nur als Projektionsfläche.
Hildebrandt schrieb hierzu: Die Erfolgsattribution der Patienten
ist im Wesentlichen ausgerichtet auf die körperlichen Anteile der
Behandlung (Kraft- und Ausdauertraining). Dies steht im Widerspruch
zu den gefundenen prognostischen Parametern, in denen sich nicht objektive
Leistungssteigerungen, sondern die subjektive Vorstellung über
die Wiederherstellung der Funktionalität als am aussagekräftigsten
erwiesen haben.
Trotz möglicherweise geringer Bedeutung für den Behandlungserfolg
ist der körperliche Behandlungsteil daher wichtig, da er den Behandlungserwartungen
der Patienten entgegenkommt und ihnen eine erfolgreiche Attributionsfläche
bietet.
Wer aktiv und beruflich engagiert oder alt (> 45 Jahre) ist, dessen
Chancen werden durch solch ein Programm nicht verbessert - so das Ergebnis
einer von der AOK Niedersachsen initiierten Feldstudie des ISEG, Prof.
Schwartz, Hannover, in der auch Aussagen zum sinnvollen Umfang eines
solchen Programmes gemacht wurden:
Mit einem Kurs von 2 mal 1,5 h pro Woche über fünf Wochen
mit Schwerpunkt Aktivierung und Training kann das Rehapotenzial dieser
selektierten Gruppe in der Regel ausgeschöpft werden. Kosten ca.
500 Euro pro Teilnehmer.
(Meiner persönlichen Einschätzung nach wäre die Aktivierung
durch die leihweise Ausgabe eines Dackels vermutlich genau so effektiv.)
Fazit: Der Sofa ist nicht der bessere Arzt. Das Disease-Management durch
Kassen und RV-Träger hat in der Rehabilitation zu einer erheblichen
Fehl- und Überversorgung geführt.
Die Zahl der Rehabilitanden für muskuloskeletale Erkrankungen und
die für Reha aufgewandten Mittel könnten ohne negative Effekte
für die Gesundheit der Versicherten drastisch reduziert werden.
Eine Mittelreduktion um 75% ohne Qualitätsverlust ist vorstellbar.
Dr. Jens Lucka,
Eielkampsweg 23 e, 25469 Haltenbek
*(Hinweis neue Röntgenverordnung:
§ 23 Rechtfertigende Indikation Absatz 1: Die rechtfertigende Indikation
erfordert die Feststellung, dass der gesundheitliche Nutzen der Anwendung
am Menschen gegenüber dem Strahlenrisiko überwiegt.)
** Sozialversicherungsfachangestellte