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Gesundheitspolitischer
Kongress Hamburg
Mehr Kontrolle, tiefes Misstrauen und strenge Knebelung
Dirk Schnack
Ist ein gerechtes
Gesundheitssystem finanzierbar? Auf diese Frage bekamen die Medizinstudenten
des Gesundheitspolitischen Kongresses (GPK) in Hamburg von den eingeladenen
Experten keine zufriedenstellende Antwort. Stattdessen wurden sie am 7.
Juni von vermeintlichen Experten einseitig informiert.
Eigentlich war schon bei der Vorstellungsrunde klar, in welche Richtung
die Podiumsdiskussion gehen würde. Die Teilnehmer sollten doch bitte
auch erklären, wo sie krankenversichert sind, verlangte die Moderatorin
von der taz. Die Aufgeforderten ließen sich nicht lange
bitten und gaben stolz ihre AOK- oder BKK-Mitgliedschaften preis. Wäre
Prof. Dr. Karl Lauterbach kein Beamter, hätte auch er sicherlich
eine GKV-Mitgliedschaft. Nur Dr. Wieland Schinnenburg fiel aus dem Rahmen:
Ich bin privat versichert - und zwar aus Überzeugung,
erklärte Schinnenburg. Und hatte sich damit schon nach wenigen Minuten
als der Außenseiter dieser Runde zu erkennen gegeben. Auch sonst
erfüllte Schinnenburg alle Voraussetzungen, um aus der geschlossenen
Phalanx aus Krankenkassen- und Gewerkschaftsvertretern auszuscheren: Der
Mann ist Freiberufler, Zahnarzt und auch noch FDP-Politiker.
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| Prof. Dr. Karl
Lauterbach |
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Wolfgang Rose,
Gewerkschaft ver.di
(Fotos: di) |
Für unabhängige
Beobachter war Schinnenburg damit ein wohltuendes Gegengewicht in einer
einseitigen Veranstaltung. Besonders Lauterbach, Securvita-Vorstand Dr.
Ellis Huber und Wolfgang Rose von der Gewerkschaft ver.di ließen
keinen Zweifel daran aufkommen, welche gesundheitspolitische Richtung
sie präferieren: Mehr Kontrolle durch den Staat, tiefes Misstrauen
gegenüber den Leistungserbringern und strenge Knebelung der Pharmaindustrie,
der an diesem Tag immer wieder vorgehalten wurde, dass sie dreisterweise
Gewinne erwirtschaftet.
Dabei schaffte es der Gewerkschaftsfunktionär, mit seinen wirtschaftspolitischen
Auffassungen selbst Lauterbach noch zu verblüffen. Allen Ernstes
verlangte Rose, die Diskussion um die hohen Lohnnebenkosten in Deutschland
endlich zu beenden. Begründung: Lohnnebenkosten sind gar nicht so
schädlich für Beschäftigung und Volkswirtschaft, wie dies
immer dargestellt wird. Arbeitnehmer sollten sich nach Meinung Roses sogar
freuen - denn je höher die Lohnnebenkosten, um so mehr Geld wird
von den Arbeitgebern für die soziale Absicherung ausgegeben. Und
das findet Rose gut. Wir müssen das Bewusstsein dafür
schärfen, dass dieses Geld nicht verloren ist, forderte Rose.
Ohne dabei zu berücksichtigen, dass Lohnnebenkosten den Faktor Arbeit
verteuern und damit Arbeitgeber davon abhalten, Menschen zu beschäftigen.
Das einseitige Bild des Gewerkschaftsfunktionärs konnte auch Lauterbach
nicht trüben. Er erinnerte Rose daran, dass steigende Lohnnebenkosten
eine Ursache für die zunehmende Schwarzarbeit in Deutschland sind.
Schinnenburg versuchte es ganz einfach (Höhere Lohnnebenkosten
bedeuten weniger Netto für die Arbeitnehmer) - doch vergebens.
Wir lassen uns den Sozialstaat nicht kaputt reden, beharrte
Rose. Schließlich habe die Vergangenheit ihn gelehrt, dass auch
bei einer Senkung der Lohnnebenkosten keine zusätzlichen Arbeitsplätze
entstehen.
In der anschließenden Diskussion übergingen die Medizinstudenten
Roses Ausführungen zu den Lohnnebenkosten stillschweigend. Auf Interesse
stießen dagegen bei vielen die Vorwürfe gegen Leistungserbringer
und Industrie. Die Organisatoren ärgerten sich anschließend
nicht über die ohne roten Faden verlaufene Diskussion, sondern freuten
sich über den regen Zuspruch und die für sie vielen neuen Informationen.
Mit einem ausgewogeneren Podium wären diese Informationen allerdings
objektiver ausgefallen.
Dirk Schnack, Dorfstr.
14 a, 24589 Schülp
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
7 / 2003
S. 87
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