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Ein
Beitrag zum Einstieg in die Körperwelten
Anatomie und Kunst
Volker Lehmann
Wenn Gunther von Hagens
mit schwarzem Hut, den er auch drinnen nicht abnimmt, die Szene betritt,
denkt man an Joseph Beuys. Wenn diese Verbindung auch vehement von ihm
geleugnet wird, so verstärkt die Vehemenz doch eher den Verdacht
der gewollten Ähnlichkeit. Seine präparierten Leichen stellt
er als Skulpturen dar, die in Posen den Raum ergreifen, an Möbeln
platziert sind, so dass sie an die Werke von Segal erinnern. Nur die Gestalten
sind nicht aus Gips, sondern es sind tote nackte Menschen. Menschen, die
einmal eine Lebensgeschichte hatten. Und darin liegt die Sensation der
Ausstellung. Die Ausstellungsstücke haben auch keine anatomischen
Bezeichnungen, sondern sie heißen Der Fechter, Der
Läufer, Der Hacker. Wie in jedem Kunstmuseum ist
auch ein Museumsshop der Ausstellung angegliedert, in dem die Leichname
in Kunststoff verkleinert und in Glas gegossen für den Schreibtisch
oder das Vertiko zu kaufen sind, je nach Größe zwischen 40
und 80 Euro. Es gibt aber auch billigere Erinnerungsstücke wie den
Anstecker mit entsprechendem Leichenmotiv für zwei Euro oder die
Unterlage für die Computermaus für vier Euro. Hier spätestens
wird der kommerzielle Hintergrund der Ausstellung überaus deutlich.
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| Abb. 1: Antonio
Pollaiuolo: Schlacht der nackten Männer, 1470, Holzschnitt. British
Museum, London |
In allen Städten,
in der Gunther von Hagens Ausstellung gezeigt wurde, war der Besuch
immens. In Berlin kamen 1,3 Millionen. Zurzeit steht man in Stuttgart
Schlange. Wenn Prof. Hornbostel, Direktor des Hamburger Museums für
Kunst und Gewerbe, sein Urteil über die Ausstellung mit Ekel
erregend zusammenfasst, so ist das sicher zu flach empfunden und
auch gedacht (Hornbostel, 2003). Zu der heute in Hamburg geplanten Kulturpolitik
würde die Ausstellung mit ihrem Eventcharakter jedoch gut passen.
Die Ausstellungsstücke sind von großem ästhetischem Reiz.
Hier lebt die Verbindung von Anatomie und Kunst aus dem 15. Jahrhundert
wieder auf, auch wenn dieses Leben an Leichen erweckt wird mit einem deutlichen
Hang zur Gewinn bringenden Massenkultur. Das ethische Problem soll hier
nicht Thema sein.
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| Abb. 2: Gerard
Dou: Stillleben mit Totenschädel, ca. 1631, Öl auf Holz.
Muzeum Narodowego, Danzig |
Die Wissenschaft für
die bildende Kunst und die bildende Kunst für die Wissenschaft wurden
in ihrer Gegenüberstellung und ihrer Verflechtung im 16. Jh. offensichtlich.
In der Renaissance erhielt der Mensch eine neue Stellung, einen neuen
Wert in der Gesellschaft, in der Philosophie, Theologie und Wissenschaft.
Ein neues Bild entstand und die Künstler waren mit dessen Darstellung
beschäftigt. Dazu benötigten sie eine genaue Kenntnis von der
körperlichen Funktion des Menschen. Die Anatomen hatten erkannt,
dass die genaue, detailgetreue Abbildung mehr Erkenntnis vermitteln kann
als ein wissenschaftlicher Text. Dazu benötigten sie den Künstler.
Wie wichtig der Beitrag des Künstlers eingeschätzt wird, ist
aus der Diskussion zu erkennen, die das Erscheinen von Vesals Fabrica
1543 hervorgerufen hat, ob der Text des Anatomen Vesalius oder die Holzschnitte
des Künstlers Stephan von Calcar den größeren Wert des
Werkes ausmachen.
In vielen Städten Europas hatten sich schon im 12. und 13. Jh. Ärzte
und Künstler in Gilden zusammengetan unter Ausschluss der Chirurgen,
die geringschätzig als Gewerbetreibende eingestuft wurden. Ärzte,
Apotheker und Künstler verband die Verwendung von Pulver, wobei es
bei den Künstlern die feingeriebenen Pigmente waren.
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| Abb.
3: Johann Zoflany: Hunter unterrichtet an der Royal Academy, ca. 1772,
Öl auf Leinwand. Royal College of Physiciancs, London |
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Abb.
4: Michael Sweerts: Interieur eines Bildhauer-Ateliers, ca. 1655,
Öl auf Leinwand. Hunterian Art Gallery, Glasgow |
In der Zeit der Frührenaissance
haben diese gemeinsamen Gilden der Ärzte und Künstler bei zunehmender
Bedeutung der Anatomie für beide eine wichtige Rolle gespielt. Es
gab Maler, die Sektionen beigewohnt haben, die von Chirurgen vorgenommen
und von Ärzten geleitet wurden. Mantegna war der erste, der von 1466
bis 1468 in Florenz die Bewegung an nackten Körpern studierte. Vasari,
der Biograph der Renaissancekünstler, schrieb über Mantegna:
Er beherrschte das Nackte besser als jeder andere seiner Vorgänger,
weil er Anatomie am Seziertisch gelernt hatte. (Vasari, 1568) Leonardo
da Vinci, Michelangelo, Raffael und Tizian haben sogar selbst Leichen
seziert. Die bildenden Künstler wollten sich nicht mit der bloßen
Bewunderung des vollkommenen Körpers begnügen, sie wollten die
Ordnung der Muskeln unter der Haut und die Funktion des Knochengerüstes
ergründen. Das waren damals ganz neue gedankliche Ansätze zur
Betrachtung des Menschen.
Bis in die Frührenaissance dienten die offiziellen Leicheneröffnungen
an den medizinischen Fakultäten der Universitäten lediglich
dazu, die medizinischen Thesen Galens zu demonstrieren, wobei deutliche
Widersprüche zur Übereinstimmung mit dem großen Lehrer
mehr oder minder ungeschickt eingeebnet wurden. Die Medizin und damit
auch die Anatomie wurden damals weitgehend spekulativ betrieben. Der Arzt
saß erhöht auf seinem Lehrstuhl - unter ihm zerschnitten die
Chirurgen den Leichnam - und zeigte mit einem Stock auf die bloßgelegten
Organe. Dazu las er aus der ratio scripta, die vor ihm auf
einem Pult lag. Das waren die Schriften von Hippokrates und Galen oder
eine Kombination von beiden. So beschränkte sich die ganze Gelehrsamkeit
auf ein unermüdliches Definieren, Klassifizieren und Argumentieren,
ohne die empirische Wirklichkeit und die eigene Erfahrung zu Rate zu ziehen.
Folglich vertreten einige Medizinhistoriker die Meinung, dass nicht
das Seziermesser in den Händen des Anatomen, sondern der Zeichenstift
des Malers das erste taugliche Instrument war, das der Menschheit die
Kenntnis von dem Inneren des menschlichen Körpers vermittelte.
Das Nachzeichnen und Nachbilden der Muskeln und des Knochenbaus, wie die
Künstler es übten, haben die moderne Anatomie, ja die moderne
empirische Wissenschaft überhaupt begründet (Fülöp-Miller,
1937).
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| Abb. 6: Hendrik
Goltzius: Der Farnese Herkules, Holzschnitt, 1617. British Museum,
London |
Ob die Verdienstzuweisung
für die Anatomie so klar und apodiktisch ausgesprochen werden kann,
ist sicher eine Diskussion wert. Einen großen Anteil an dem Aufblühen
der Anatomie als wissenschaftliches Fach hatte die bildende Kunst sicher.
Für die bildenden Künstler waren profunde Kenntnisse der Anatomie
Voraussetzung, um das Bild des neuen, dem Mittelalter entwachsenen Menschen
zu erschaffen. Studiere die Anatomie wie eine Wissenschaft: dann
halte Dich an die Praktiken, die der Wissenschaft gemäß sind.
Sei methodisch und schließe keinen Teil ab, so lange er Dir nicht
völlig ins Gedächtnis eingedrungen ist, empfiehlt Leonardo
da Vinci seinen Schülern (Braunfels-Esche, 1961). Während Leonardo
da Vinci ein großes naturwissenschaftliches Interesse hatte und
die tieferen Geheimnisse des Körpers und das Geheimnis des
Lebens ergründen wollte, galten für Michelangelo die anatomischen
Untersuchungen ausschließlich als Voraussetzung für sein künstlerisches
Bestreben. Die Notwendigkeit genauer anatomischer Kenntnisse hat er beschrieben:
Keine Gestalt, wenn sie auch noch so sorgfältig nach ihren
anatomischen Voraussetzungen aufgebaut ist, wird künstlerisch wirksam,
wenn sie nicht beseelt ist. Die Beseelung kommt nicht nur im Antlitz zum
Ausdruck, sondern auch durch die von Muskeln bewirkte Spannung, Haltung
und Bewegung der Glieder des Körpers. Äußere Bewegungen
können nicht nur dazu dienen, einen Berg zu erklimmen, auf einen
Baum zu klettern, in eine Grube zu steigen oder über einen Bach zu
springen. Solche Bewegungen können, wie etwa das Springen, auch Ausdruck
der Freude sein, so wie gebeugte Haltung Ausdruck des Leidens. (Kornell,
1993)
Dieses Problem, durch äußere Zeichen innere Zustände auszudrücken,
ist so alt wie die Kunst selbst. Schon Sokrates hat in der ihm eigenen,
zermürbenden Fragetechnik den Bildhauer Kleiton zu folgender Einsicht
geführt:
Schön sind sie, mein lieber Kleiton, deine Läufer, Ringer,
Boxer. Die Nachahmung der Anstrengung der in der Bewegung dargestellten
Körper bereitet dem Betrachter sicher ein Vergnügen.
Wahrscheinlich.
Muss man nicht auch die Augen der Kämpfenden drohend, den Blick
des Siegers aber fröhlich bilden?
Ganz gewiss.
Folglich muss der Bildhauer die Werke der Seele darstellen.
(Snell, 1953)
Um die körperliche Bewegungsmechanik als Spiegel für seelische
Erschütterung benutzen zu können, musste die Anatomie beherrscht
werden. Die Urgründe der Beseelung eines anscheinend rein mechanischen
Vorganges hat Heinrich von Kleist in seinem berühmten Aufsatz über
das Marionettentheater versucht zu benennen.
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| Abb.
7: John Isaacs: A necessary change of heart, Wachs, 2000. 2021 Galerie,
Essen |
Die Erfahrung, dass
anatomische Kenntnisse für den Künstler grundlegend notwendig
sind, hat dann in den Werkstätten der Künstler dazu geführt,
dass für die Schüler Vorlagen geschaffen wurden, nach denen
sie Muskelspiel in Licht und Schatten sowie Körperhaltungen studieren
konnten. Als eine der ersten solcher Zeichnungen, die Schul- und Übungszwecken
diente, gilt die Grafik von Antonio Pollaiuolo (um 1430 - 1498) Schlacht
der nackten Männer, die zur Darstellung ihrer Muskeln in den
unterschiedlichsten Haltungen aufeinander einschlagen und einstechen (Abb.
1).
Die erste Kunsthochschule, die Accademia de Designo, wurde
1563 von Giorgio Vasari unter der Schirmherrschaft von Cosimo de Medici
in Florenz gegründet. Die Schüler erhielten einen Anatomieunterricht,
Leichensektionen wurden für sie im Hospital S. Maria Novella vorgeführt.
In allen später in Europa gegründeten Kunstakademien wurde Anatomie
ein Pflichtfach in der Grundausbildung. Als Lehrer wurden die Professoren
für Anatomie aus den medizinischen Fakultäten engagiert.
Die Beschaffung der Leichen für die Sektionen war bei dem zunehmenden
Bedarf der Anatomen problematisch. Es gab drei Möglichkeiten, Leichen
zu acquirieren. Eine Zusammenarbeit mit Henkern oder Hospitälern
führte zum Erfolg, eine letzte Möglichkeit war, Leichen heimlich
ausgraben zu lassen. In der Enzyklopädie von Diderot und DAlembert
wird im Artikel über die Anatomie die Forderung gestellt, dass Kriminelle
sich zur Vivisektion zur Verfügung stellen müssten, um ihre
Schuld bei der Gesellschaft abzutragen. Sollten sie die Prozedur überleben,
sollte ihnen das mit Schmerzen verbundene Leben gelassen werden (Diderot,
1751 - 1772).
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| Abb. 8: Stephan
von Calcar: Andreas Vesalius, Muskeln des Unterarmes darstellend.
Holzschnitt, 1543. Aus A. Vesalius: De humani corporis fabrica. |
Abb. 9: Jan Wandelaar:
Muskelmann mit Rhinoceros, Kupferstich, 1747. Aus B. S. Albinus: Tabulae
sceleti et musculorum corporis humani |
Die gleichen Schwierigkeiten,
genügend Leichen zu erhalten, hat auch Gunther von Hagens. Ihm wirft
man vor, illegal aus osteuropäischen Ländern beschaffte Leichen
präpariert zu haben. Nach anfänglichem Leugnen gesteht er jetzt
ein, die Herkunft der Leichen nicht genau zu kennen. Diese Leichen befänden
sich aber nach der Präparation nicht in der Ausstellung, sondern
im Institut in Heidelberg.
Auch die Lebensläufe scheinen denen zu gleichen, die im 16. Jh. auf
dem Seziersaal oder im anatomischen Theater präpariert wurden. Der
Rektor der medizinischen Akademie in Nowosibirsk Anatolij Jefrenow sagt
zur Entschuldigung der unklaren Herkunft der Leichen, dass es sich sowohl
bei den Leichen als auch bei den Hirnpräparaten um Häftlinge,
psychisch Kranke oder Obdachlose gehandelt habe. Jefrenow: Nach
denen kräht kein Hahn. (Wundisch, 2002). Die Jahrhunderte haben
anscheinend keine andere Lösung des Problems der Leichenbeschaffung
und keine wesentliche Änderung der Sicht des Menschenbildes erbracht.
Wenn im 16. Jh. und in der Zeit danach Sektionen nicht möglich waren
aus Mangel an freigegebenen Leichen, standen für das Studium die
großen anatomischen Atlanten zur Verfügung (Abb. 2). Später
im 18. Jh. wurde an Ecorché-Skulpturen (écorcher = Haut
abziehen) der menschliche Körper studiert. Der berühmte Anatom
und Geburtshelfer William Hunter hat an der Royal Academy in London den
anatomischen Unterricht für die Kunststudenten gegeben und dabei
die Plastik eines Muskelmannes benutzt, die über Generationen von
Studenten gezeichnet wurde u. a. auch von William Turner (Abb. 3). In
vielen Kopien stand die Plastik auch in den Ateliers der Künstler.
Michael Sweerts (1624 - 1664) hat sie auf einem Gemälde dargestellt
(Abb. 4).
Die Darstellungen wurden immer aufwendiger und kunstvoller und glichen
sich auch dem Kunstgeschmack der Zeit an. Der italienische Bildhauer Agostino
Carlini arrangierte mit W. Hunter einen gehäuteten Leichnam eines
Schmugglers nach der berühmten römischen Plastik des sterbenden
Galliers (Abb. 5). Dieser Echorché wurde in zahllosen Kopien
hergestellt und verließ wegen seiner großen Ästhetik
auch die Akademien und Ateliers, um als Skulptur häusliche Räume
zu schmücken.
Der Wunsch nach exakter Beobachtung und Wiedergabe führte zu extremen
Produktionen. Der englische Künstler Thomas Banks stellte 1801 in
Zusammenarbeit mit dem Anatomen Joseph Constantine Carpue einen Echorché
her, der die Anatomische Kreuzigung genannt wurde. Dazu schlugen
sie den gehäuteten Leichnam eines Mörders ans Kreuz, um beobachten
und festhalten zu können, was mit einem gekreuzigten Körper
geschieht, wenn er noch warm ans Kreuz fixiert in seine endgültige
Haltung sackt nach Aufrichten des Kreuzes.
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| Abb. 10: Clemente
Surini: Liegende weibliche Figur, Wachs, spätes 18 Jh. Historisches
Museum, Florenz |
Das manchmal übertriebene
Bestreben der Künstler, ihre Anatomiekenntnisse zu demonstrieren,
wurde dann überdeutlich in den muskelbepackten Figuren, die in ihren
Bildern schwer und leblos standen (Abb. 6).
John Flaxman, der Präsident der Royal Academy of Arts, hatte 1852
vor der Gefahr gewarnt, dass die Kunst eine anatomische Kunst werden würde
(Kemp, 1975). Schon 350 Jahre vorher hatte Leonardo da Vinci mit einem
leichten Seitenhieb auf Michelangelos muskulöse Gestalten, die Schüler
ermahnt, nicht die Aufmerksamkeit zu exzessiv auf Muskeln und Skelett
der Figuren zu richten, sondern die anatomischen Kenntnisse mit Zurückhaltung
und Diskretion zu dokumentieren (Braunfels-Esche, 1961).
Die Anatomie war also zu einem wichtigen Fachbereich in der Ausbildung
der Künstler geworden. Auch noch in der ganz aktuellen Kunst wird
die Anatomie benutzt, um Tableaus herzustellen, die im wahrsten Sinne
furchtbar sind und es auch sein wollen (Abb. 7). Aus anatomischen Versatzstücken
setzt John Isaacs im Jahr 2000 das Bild eines zerstörten Menschen
zusammen.
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| Abb. 11: Das
Anatomische Theater in Leiden, Kupferstich, ca. 1700 |
So wie die Anatomie
für die Ausbildung der Künstler von großem Wert war, so
haben andererseits die Künstler mit ihrer genauen, unvoreingenommenen
Beobachtungsgabe, ihren manuellen Fähigkeiten und künstlerischer
Darstellungskraft die Anatomen unterstützt und zur Entwicklung der
Anatomie als Wissenschaft wesentlich beigetragen. Die Anatomie hat im
16. Jh. von der Neugierde und der genauen Sicht der Künstler profitiert.
Leonardo da Vincis Beitrag zur Anatomie kann gar nicht hoch genug bewertet
werden. Ascanio Condivi, der 1553 die erste offizielle Biographie Michelangelos
geschrieben hat, berichtete, dass bei einer Sektion durch den Anatomen
und Chirurgen Realdo Colombo Michelangelo als Beobachter anatomische Details
entdeckte und darauf hingewiesen hatte, die vorher nicht gesehen worden
waren (Condivi, 1976).
Weiterhin hat die medizinische Wissenschaft damals von den Künstlern
profitiert, indem diese ihnen Abbildungen für ihre anatomischen Atlanten
schufen. Zwei Kombinationen von Anatom und Künstler seien dafür
beispielhaft genannt, weil sie wohl die wichtigsten und auch schönsten
Atlanten produziert haben. Für Andreas Vesalius schuf Stephan von
Calcar 1543 die Holzschnitte und für Bernhard Siegfried Albinus war
Jan Wandelaar 1747 tätig, also etwa 200 Jahre später.
Bei von Calcar mögen die italienischen Landschaften noch schmückendes
Beiwerk sein, die auch an seine Tätigkeit in der Werkstatt von Tizian
erinnern (Abb. 8). Aber die Bilder von Jan Wandelaar zu dem Atlas von
Albinus erzählen mehr als nur vom Sitz der Knochen und Muskeln zueinander
(Abb. 9). Die klassische Pose des Skelettes betont die Verbindung zu antiken
Marmorskulpturen und damit steht vor uns nicht nur ein Objekt der Schönheit,
vielmehr eine Darstellung der Einheit von Kunst und Natur. Eine Parklandschaft,
wie sie im 18. Jh. mit Baum und Ruine geschaffen wird, erinnert den Betrachter
an die Vergänglichkeit der Schönheit. Für die Naturphilosophen
der damaligen Zeit war das Nashorn ein Symbol der Melancholie. Die Interpretation
dieser Abbildung von Gunther von Hagens spricht nicht so sehr für
die tiefere Kenntnis zu dem Thema Anatomie und Kunst. Ihn erstaunt die
Irrationalität der Bildkonzeption, wenn das Nashorn ins Bild drängt,
um die sprichwörtliche Dicke seiner Haut dem enthäuteten, präparierten
Menschen gegenüberzustellen (von Hagens, 2000). So schlicht
geht die Kunst mit ihren Themen dann doch nicht um.
Es gab damals keine Wissenschaft ohne Moral und Theologie. Der Knochen-
oder Muskelmann war immer zugleich ein Objekt von Ästhetik, Ethik
und Metaphysik. Die großen anatomischen Skulpturen waren zu allegorischen
Tableaus arrangiert oder standen in klassischer Pose, manchmal antiken
Statuen direkt nachgebildet, als ästhetisches Abbild des Menschen
vor dem Betrachter. In Florenz und Wien liegt eine wunderschöne,
junge Frau als Wachsmodell auf einem Seidenkissen, ihre Haartracht ausgebreitet,
eine Perlenkette um den Hals. Ihre Bauchdecke ist eröffnet und die
Organe liegen frei (Abb. 10). Mit der Betonung der Schönheit dieser
Frau wird gleichzeitig die Tragik eines frühen Todes dargestellt.
In diesen Bildern und Skulpturen verbinden sich Kunst und Wissenschaft
auf das Innigste. Der ästhetische Reiz war so groß und die
Weltsicht von Schönheit, Vergänglichkeit und Tod so bewegend,
dass diese aus unserer Sicht wissenschaftlichen Darstellungen von medizinischen
Laien erworben und gesammelt wurden. Zar Peter der Große hat die
Werke des niederländischen Anatomen Ruysch aufgekauft und nach St.
Petersburg gebracht, wo Teile noch heute zu besichtigen sind.
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| Abb. 12: Rembrandt
van Rijn: Anatomie-Vorlesung des Doktor Nicolaes Tulp, 1632, Öl
auf Leinwand. Mauritshuis, Den Haag |
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| Abb. 13: Geatano
Zumbo: Präparation eines Kopfes, ca. 1701, Wachs. Museum Nationale
dHistoire Naturelle, Paris |
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| Abb. 14: Gunter
von Hagens: Oberflächliche Kopf- und Halspräparation, 1999,
Plastinat. Körperwelten, Ausstellung, Berlin |
Im Jahr 1745 hatte
das Imperiale Reale Museo di Fisica e Storia Naturale die Wachsmodelle
von verschiedenen italienischen Künstlern ausgestellt, die ihre Ausbildung
in Bologna im Zentrum der anatomischen Wachsbildnerei erfahren hatten.
Nicht nur Goethe, sondern auch der österreichische Kaiser Joseph
II. waren tief beeindruckt von den handwerklichen und ästhetischen
Meisterwerken. Joseph II. ermöglichte mit 30 000 Gulden aus seiner
Privatschatulle den Aufbau einer einmaligen Sammlung dieser Wachsmodelle.
Die Sammlung ist heute noch in Wien zu besichtigen. Eine zweite Sammlung
bietet Florenz.
Den Weltenplan zu erfassen, den die Theologen Gott zuschrieben und von
dem die Philosophen der Aufklärung den Universalverstand als Urheber
sahen, versuchten im 17. und 18. Jh. viele Menschen, indem sie so genannte
Kunstkammern anlegten.
Es wurden große naturwissenschaftliche Sammlungen zusammengetragen.
Getrocknete Pflanzen, Insekten, Tiere, Steine, was die Welt zu bieten
hatte, wurde in den Kabinetten angehäuft. Und es galt immer noch
der Satz der Antike, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, und
somit galt der Einsicht in den menschlichen Körper ein überaus
großes Interesse.
An den Universitäten wurden anatomische Theater eingerichtet, in
denen öffentlich oder für ausgewählte Kreise, aber durchaus
nicht immer nur vor Medizinern, Sektionen vorgeführt wurden (Abb.
11). Schaulust und Wissensdurst trieben die Menschen zu den Vorführungen.
Der venezianische Chirurg Alessandro Benedetti (etwa 1450 - 1512) hat
die Voraussetzungen und notwendigen Einrichtungen für eine Obduktion
in einem Anatomietheater sehr genau beschrieben: Es ist nur erlaubt,
Leichen zu sezieren, wenn man zuvor ein päpstliches Placet dazu eingeholt
hat. Das Gesetz erlaubt also nur unbekannte Leichen zu sezieren, Leichen,
die von niederem Stande sind und aus entfernt gelegenen Gebieten stammen,
so dass weder Verwandten noch Nachbarn derselben ein Schaden entstehen
kann. Unter denen, die gehängt wurden, werden jene ausgewählt,
die mittleren Alters sind, weder zu dick noch zu dünn und von hohem
Wuchs, so dass solche, die einer Sektion beiwohnen, das Material besser
sehen können. Am besten lassen sich Sektionen während eines
kalten Winters durchführen, denn in der Sommerhitze gehen die Leichen
sofort in Verwesung über. Für die Sektion ist es vonnöten,
eine Art Theater der Sektionskunst zu schaffen: einen großen, luftigen
Raum, in welchem Sitzbänke in einem Halbrund aufgestellt sind, ein
Raum nach der Art, wie man sie in Rom und Verona sehen kann. Dieser Raum
sollte groß genug sein, die Zuschauer bequem und in solcher Entfernung
von den sezierenden Chirurgen unterzubringen, dass dieselben bei ihrer
Arbeit nicht gestört werden. Auch sollte eine Sitzordnung erstellt
werden, die die Sitzplätze nach Maßgabe des Ranges und der
Würde der Zuschauer verteilt. Deshalb ist auch ein Aufseher vonnöten,
der über Einhaltung der Regeln wacht. Außerdem sind Torwachen
nötig, die neugierige Eindringlinge fernhalten. Auch sollen zwei
Schatzmeister gewählt werden, die dafür zuständig sind,
aus gesammelten Geldern alles Notwendige einzukaufen. Gebraucht werden:
Rasiermesser, Messer, Haken, Bohrer und Instrumente zur Öffnung des
Schädels. (Carmichael und Ratzau, 1994)
Die Anatomen, besonders die der Niederlande, ließen sich im 17.
Jh. gerne im Kreise ihrer Schüler und Kollegen beim Sezieren abbilden.
Das bekannteste Bild aus einer großen Reihe von Bildern ist wohl
Die Anatomie-Vorlesung des Dr. N. Tulp, das Rembrandt 1632
malte (Abb. 12). Dr. Tulp wurde der Vesalius der Niederlande genannt,
nicht nur weil er der berühmteste Anatom seiner Zeit war, sondern
auch weil sein Lehrer Pieter Pauw ein Schüler Vesals gewesen ist.
Und es mag kein Zufall sein, dass er sich wie Vesal bei der Präparation
der Hand hat porträtieren lassen. Von den Anatomen wurde damals die
Hand als das Instrument der Instrumente bezeichnet. Diese Bilder sind
Auftragsarbeiten, die das bürgerliche Selbstbewusstsein und die gehobene
gesellschaftliche Stellung der Ärzte demonstrieren sollten. Sie haben
nichts mit der gegenseitigen Beeinflussung und Förderung von Anatomie
und Kunst zu tun.
Diese anatomischen Vorführungen einer Zerlegung wurden auch als die
zweite Bestrafung für die Leiche des Mörders angesehen. Grundsätzlich
gab es damals heftige Kritik, wenn die Sektion nicht nur der medizinischen
Ausbildung, sondern der öffentlichen Sensationslust galt (Bergdolt,
2000).
Wenn also Gunther von Hagens öffentliche Sektionen durchführt,
so ist das nicht neu, und die Diskussion darüber wird genau so verlaufen
wie über die Ausstellungen seiner Präparate. Wenn die
Ausstellung solchen Erfolg hat, ist das natürlich gut für Hamburg,
hat der Sprecher der Kulturbehörde, Andreas Ernst, schlicht gesagt.
Das ist natürlich ein unschlagbares Argument. Die Kultursenatorin
Dr. Dana Horakova würde die Schau in Hamburg begrüßen,
hat sie wissen lassen (HA, 19.02.2003). So einfach ist das in Hamburg.
Die Wissenschaft braucht die Kunst heute nicht mehr. Sie hat andere Methoden
der virtuellen Darstellung entwickelt. Der Erkenntnisstand, der aus den
Präparaten von Gunther von Hagens zu ziehen ist, ist allerdings nicht
größer als der aus den 250 Jahre alten Skulpturen aus Wachs
und Gips (Abb. 13 + 14). Der medizinische Laie, den von Hagens aufklären
will, kann dort alles erkennen, was er möchte. Er muss nicht unbedingt
einem Leichnam ins Gesicht blicken. Aber dieser Reiz, leibhaftig einen
toten Menschen vor sich zu haben, der zu einem Objekt geworden ist, dessen
Lebensgeschichte im Geheimen bleibt, treibt die Besucher in die Ausstellung.
Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. Volker
Lehmann, Vogelerstr. 55, 21075 Hamburg
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Hamburger Ärzteblattes,
Heft 5/2003
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
7 / 2003
S. 74 - 81
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