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Wissenschaft und
Forschung
Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom (SARS)
Emil C. Reisinger, Martina Littmann
Michael Lafrenz, Christel Hülße
Das SARS trat erstmals
im November letzten Jahres in der Stadt Foshan in der südchinesischen
Provinz Guangdong auf. Ein Patient war an einer atypischen Lungenentzündung
unbekannter Ursache erkrankt. In der Folge traten gehäuft schwere
Pneumonien auf, Mycoplasmen oder Chlamydien wurden zunächst als Erreger
vermutet.
Aus Südchina wurde die Erkrankung im Februar 2003 nach Hongkong und
weiter nach Hanoi exportiert. Bis Anfang April wurden der WHO Fälle
aus 18 verschiedenen Ländern (China inklusive Hongkong, Singapur,
Taiwan, Thailand, Vietnam, USA, Australien, Brasilien, Frankreich, Großbritannien,
Irland, Italien, Kanada, Malaysia, Rumänien, Schweiz, Spanien und
Deutschland) gemeldet.
Hochrisikogebiete
(Häufungen von SARS) sind (Stand 08.04.2003):
| Kanada
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Toronto |
| Singapur
|
Singapur |
| China
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Guangdong,
Hongkong, Shanxi, Taiwan |
| Vietnam |
Hanoi |
Die WHO und das Auswärtige
Amt haben Reisewarnungen für Reisen nach Hongkong und die südchinesische
Provinz Guangdong ausgesprochen.
Bis Februar 2003 waren 792 Personen in acht Städten erkrankt. Bis
31.03.2003 wurden 1 550 Fälle gemeldet, davon 54 Todesopfer. Bis
zum 8. April 2003 wurden insgesamt 2 671 Erkrankungs- fälle und 103
Sterbefälle an die WHO gemeldet. Das entspricht einer Letalität
von 3,9 %. Damit hat SARS eine etwas geringere Letalität als die
Influenza (in Deutschland 6 - 7 %). Allerdings ist SARS eine neue Infektionskrankheit
und die nun nachgewiesenen Coronaviren waren bisher unbekannt. Daher ist
das Wissen über die Kontagiosität und die Ausbreitungsgeschwindigkeit
noch unzureichend. Da es im Vergleich zur Influenza keine Impfung und
keine spezifische Therapie gibt, erscheint die Aufregung um SARS verständlich
und die derzeit propagierten Sicherheitsmaßnahmen sind vernünftig.
Falldefinition
Die WHO und das Robert-Koch-Institut (RKI) erließen folgende Falldefinition
(Stand 04.04.2003):
Ein Verdachtsfall von SARS ist gegeben wenn:
- Erkrankungsbeginn
nach dem 1. November 2002 und
- Fieber über
38 °C und
- eines oder mehrere
respiratorische Symptome wie z. B. Husten, Atemnot oder Kurzatmigkeit
und
- mindestens eine
der folgenden Expositionen vorliegt:
- enger Kontakt
innerhalb von 10 Tagen vor Beginn der Symptome mit einem Verdachts-
oder wahrscheinlichen Fall von SARS
- Aufenthalt
innerhalb von 10 Tagen vor Beginn der Symptome in einer Region aus
der gemäß oben aufgeführter Liste Häufungen
von SARS berichtet wurden
oder
- Erkrankungsbeginn
nach dem 1. November 2002 und
- verstorben an einer
akuten Atemwegserkrankung unklarer Ursache, ohne dass eine Autopsie
durchgeführt worden war und
- eine der folgenden
Expositionen vorliegt:
- enger Kontakt
innerhalb von 10 Tagen vor Beginn der Symptome mit einem Verdachts-
oder wahrscheinlichen Fall von SARS
- Aufenthalt
innerhalb von 10 Tagen vor Beginn der Symptome in einer Region aus
der gemäß oben aufgeführter Liste Häufungen
von SARS berichtet wurden
Ein wahrscheinlicher
Fall von SARS ist gegeben wenn:
- Kriterien für
SARS-Verdachtsfall (s. o.) erfüllt sind und
- mindestens eine
der folgenden Bedingungen vorliegt:
- Röntgenbefund
weist auf Pneumonie hin oder Bestehen eines akuten Atemnotsyndroms
(ARDS)
- ungeklärte
Atemwegserkrankung mit Todesfolge sowie Autopsiebefund mit Hinweis
auf ARDS ohne feststellbare Ursache
Ausschlusskriterium
Vorliegen einer labordiagnostisch gesicherten anderen Diagnose, die das
Krankheitsbild vollständig erklären kann.
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Elektronenmikroskopische
Aufnahmen der neuen Coronaviren an der Zelloberfläche (Quelle:
Department of Microbiology, The University of Hong Kong (Hong Kong
SAR, China)
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Klinische Erscheinungen
In einer aktuell publizierten Studie im New England Journal of Medicine
(N. Lee et al. A Major Outbreak of Severe Acute Respiratory Syndrome in
Honkong; 7. April 2003; www.nejm.org)
wurde ein SARS Ausbruch mit 138 Patienten (66 Männer, 72 Frauen)
im Prince Wales Hospital in Hongkong analysiert. 69 SARS Erkrankte waren
in der Kranken-
betreuung tätig. Alle Patienten hatten Fieber, 78 % hatten Veränderungen
im Thorax-Röntgen (54,6 % davon einseitige fokale Veränderungen,
45,4 % hatten einseitige multifokale oder bilaterale Veränderungen).
Husten und Kopfschmerzen waren bei mehr als 50 %, Muskelschmerzen waren
bei 60,9 % zu finden. Im Labor zeigte sich erhöhtes LDH bei 71 %,
eine Lymphopenie bei 69,6 % und eine Thrombozytopenie bei 44,8 %. 23,2
% der Patienten wurden auf Intensivstation verlegt, fünf Patienten
verstarben. In einer Multivarianzanalyse waren hohes Alter, hohe LDH-Werte
und eine hohe absolute Neutrophilenzahl mit einer schlechten Prognose
assoziiert. Eine klinische Besserung trat in der Regel nach sechs bis
sieben Tagen auf.
Eine am 08.04.2003 publizierte Studie im Lancet (Peiris JSM et al. Corona
Virus as a Possible Cause of Severe Acute Respiratory Syndrome; www.thelancet.com)
wurde der Zusammenhang von SARS mit den neu entdeckten Coronaviren belegt.
Das neue Coronavirus konnte bei zwei von 50 Patienten isoliert werden,
bei 45 von 50 Patienten wurde virusspezifische RNA gefunden. Fieber, Schüttelfrost,
Muskelschmerzen und Husten waren die häufigsten Symptome. Neben Infiltraten
in der Lunge fanden sich im Labor Lymphopenie, Leukopenie, Thrombozytopenie
sowie erhöhte Leberenzyme und erhöhte CK. Eine therapeutische
Option beschreiben die Autoren mit der Gabe von Ribavirin i. v. und hoch
dosierten Glukokortikoiden, wenngleich diese Therapie derzeit natürlich
weder durch Labordaten noch durch Vergleichsstudien belegt werden kann.
Erreger
Als Erreger des SARS werden derzeit in erster Linie Coronaviren beschuldigt,
Paramyxoviren, Metapneumoviren und Chlamydien werden als Kofaktor diskutiert.
Coronaviren sind einsträngige RNS-Viren. Bisher sind menschenpathogene
Coronaviren bekannt, die den Respirationstrakt oder den Gastrointestinaltrakt
befallen. Tierpathogene Coronaviren kennen wir von Katzen, Schweinen und
diversen Geflügel. Die beiden Coronavirus-Isolate, die PCR-Amplifizierung
und die Sequenzierung des genetischen Materials aus Rachenflüssigkeit
von SARS-Patienten zeigen, dass es sich um ein bisher unbekanntes Coronavirus
handelt.
Übertragung
Die Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion bei engem Kontakt
(face to face). Eine fäkal-orale Schmierinfektion bzw.
Verbreitung durch Abwasser wird diskutiert, scheint aber derzeit eine
untergeordnete Rolle zu spielen.
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Diagnose
Die Diagnose des SARS kann durch den PCR-Nachweis von Coronavirus-spezifischer
RNA in Atemwegssekreten von Patienten geführt werden. Diese PCR ist
mittlerweile im Tropeninstitut in Hamburg und am Robert Koch-Institut
in Berlin etabliert. Elektronenmikroskopische Aufnahmen können die
Diagnose zusätzlich bestätigen (s. Abbildung).
Vorgehen bei Verdachtsfällen
Erfüllen Personen vollständig die Kriterien eines Verdachtsfalles,
ist nach unten stehendem Fließschema zu verfahren (Abb. 1).
Der Patient ist sofort mit einem Mund- und Nasenschutz (z. B. chirurgische
Maske) zu versehen. Bei stationärer Aufnahme ist der Patient einzeln
unterzubringen (bei mehreren Patienten mit der Verdachtsdiagnose ist ggf.
eine Kohorten-Isolierung möglich). Das Zimmer sollte eine eigene
Nasszelle und möglichst eine Schleusenfunktion haben. Raumlufttechnische
Anlagen, über die eine Verbreitung von Luft auf andere Räume
möglich ist, sind abzustellen.
Das Personal schützt sich durch barrier nursing mit Schutzkittel,
Einweghandschuhen und Atemschutzmaske der Schutzstufe FFP3. Zur Händedesinfektion
sind RKI gelistete viruswirksame Desinfektionsmittel (z. B. Sterillium,
Virugard, Chloramin-T) einzusetzen. Weitere Informationen zu den Desinfektionsmitteln
finden Sie unter www.rki.de.
Transport des Patienten
mit SARS-Verdacht
Vor Beginn des Transportes ist die Zieleinrichtung zu informieren. Der
Patient muss, wie oben erwähnt, eine chirurgische Maske tragen. Das
Transportpersonal trägt Atemschutzmasken (FFP3), Schutzkittel, und
Einmalhandschuhe. Der Kontakt zu anderen Personen ist zu vermeiden. Unmittelbar
nach dem Transport ist im Transportfahrzeug eine Wisch- und Scheuerdesinfektion
sämtlicher Flächen und Gegenstände und auch z. B. der fahrbaren
Liege, durchzuführen.
In Mecklenburg-Vorpommern wurden bisher drei Verdachtsfälle gemeldet.
In allen Fällen konnte mittels PCR die Diagnose der Coronavirus-Infektion
rasch verworfen werden. Die Patienten waren auf der Infektionsstation
der Universität Rostock isoliert worden.
In diesem Beitrag ist der Wissensstand bis Anfang April berücksichtigt.
Der weitere Verlauf der Pandemie ist schwer vorhersehbar. Jeweils aktuelle
Informationen erhalten Sie auf der Homepage des Robert Koch-Institutes
(www.rki.de) und der WHO
(www.who.org).
1)
Prof. Dr. Emil C. Reisinger, Dr. Michael Lafrenz, Abt.
für Tropenmedizin u. Infektionskrankheiten, Klinik für Innere
Medizin, Universität Rostock, E.-Heydemann-Str. 6, 18055 Rostock
Dr.
Martina Littmann , Prof. Dr. Christel Hülße, Landesgesundheitsamt
M-V, Gertrudenstr. 11, 18057 Rostock
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Ärzteblattes Mecklenburg
Vorpommern, Heft 5/2003
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
6/ 2003
S. 64 - 67
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