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Prof.
Dr. Walter Heldwein
(Foto: Privat)
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Dr.
Nikola Landauer
(Foto: Privat)
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Neue Aspekte der
Darmkrebsvorsorge
Nikola Landauer, Walter Heldwein
Die endoskopischen
Screeningmethoden auf kolorektale Karzinome bieten die Möglichkeit,
das Auftreten von Malignomen im Kolon weitgehend zu verhindern, bereits
aufgetretene Karzinome frühzeitig zu diagnostizieren und damit die
Prognose deutlich zu verbessern. Unsere ärztliche Aufgabe besteht
jedoch nicht nur in der Durchführung der Vorsorgeuntersuchungen.
Vor allem sollte es unser Interesse sein, das Wissen um die Entstehung
des kolorektalen Karzinoms und die Möglichkeiten der Prävention
an unsere Patienten weiterzugeben. Nur so kann gewährleistet werden,
dass die Vorsorgemaßnahmen von der Bevölkerung angenommen werden
und damit die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms gesenkt werden kann.
Das Kolonkarzinom war nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts
(RKI) im Jahr 1998 mit 57 000 Erkrankungen und etwa 30 000 Todesfällen
in Deutschland die häufigste Tumorerkrankung insgesamt. Bei Männern
liegt das Kolonkarzinom mit 16 % nach Prostata- und Bronchialkarzinom
an Stelle drei der Krebserkrankungen, bei Frauen mit knapp 17 % an Stelle
zwei nach dem Mammakarzinom. Die meisten kolorektalen Karzinome (KRK)
entstehen aus adenomatösen Polypen über die so genannten Adenom-Karzinom-Sequenz.
Eine rechtzeitige Diagnostik und Ektomie von Adenomen kann das Auftreten
von Karzinomen deutlich vermindern. Die National Polyp Study Work Group
schätzte anhand einer Studie mit 1 418 Patienten, bei denen Polypektomien
durchgeführt worden waren, die Reduktion der Karzinominzidenz um
76 bis 90 %. Bei bereits bestehendem KRK sind von prognostischer Relevanz
das lokale Ausmaß des Tumors, der Befall regionaler Lymphknoten,
nodale Mikrometastasen, Gefäßinfiltration, Vorhandensein von
Residualtumor und Serum-CEA-Spiegel. Die Mehrzahl dieser Faktoren fällt
bei rechtzeitiger Diagnose des Tumors natürlich günstiger aus,
weshalb eine frühzeitige Diagnosestellung angestrebt werden sollte.
Dennoch wird die Teilnahme an den Vorsorgemaßnahmen noch nicht ausreichend
wahrgenommen. Unsere ärztliche Aufgabe ist es, Ängste vor den
notwendigen Untersuchungen abzubauen sowie durch eine ausführliche
Aufklärung über die Entstehungsweise des Kolonkarzinoms die
Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Vorsorgemaßnahmen zu verdeutlichen.
Die Prävalenz von Adenomen beträgt etwa 25 % im Alter von 50
Jahren und steigt in den folgenden 30 Jahren auf etwa 55 %. Das Lebensrisiko,
an einem KRK zu erkranken, beträgt für einen Patienten mit durchschnittlichen
Risikofaktoren 5 %. In 90 % der Fälle tritt die Erkrankung nach dem
50. Lebensjahr auf. Nach Angaben des RKI liegt das durchschnittliche Erkrankungsalter
des Mannes bei 67 Jahren und das der Frau bei 72 Jahren. Daten der National
Cancer Database zeigen, dass seit dem Dokumentationsbeginn 1988 Tumore
proximal der linken Flexur von 51 auf 55 % zugenommen haben, wobei die
größte Häufigkeitszunahme das Coecum betrifft. Diese Verschiebung
mag zum Teil durch frühzeitige Karzinomprävention infolge Polypektomie
bei Rektosigmoidoskopien erklärbar sein, unterstreicht aber andererseits
auch die zunehmende Notwendigkeit von totalen Koloskopien zur Karzinomprävention
und Früherkennung.
Welche Patienten
sind besonders gefährdet?
Genetische Syndrome, die autosomal dominant vererbt werden, umfassen die
familiäre adenomatöse Polyposis Coli (FAP) sowie das hereditäre
nonpolypöse Kolonkarzinom (HNPCC), die
1 % respektive bis zu 6 % aller KRK ausmachen. Das Lebenszeitrisiko für
Anlageträger eines HNPCC, ein KRK zu entwickeln, beträgt 70
bis 80 %, das von Patienten mit FAP beläuft sich auf 100 %. Eine
positive Familienanamnese für KRK sollte den betreuenden Arzt immer
aufmerken lassen: Ist ein Familienangehöriger ersten Grades an einem
KRK erkrankt, so steigt für den Patienten das Risiko 1,7fach und
erhöht sich weiter bei Erkrankung des Indexpatienten vor dem 55.
Lebensjahr bzw. Erkrankung eines zweiten Familienangehörigen. Patienten
mit einer Vorgeschichte von Kolonkarzinom oder großen (> 1 cm),
multipel auftretenden Adenomen sind ebenfalls mit einem erhöhten
Risiko belastet. Das relative Risiko für KRK bei Polypen in der Anamnese
beträgt 3,5 bis 6,5. Bei einem Karzinom in der Vorgeschichte findet
sich in bis zu 3 % der Fälle ein Zweitkarzinom in den ersten fünf
postoperativen Jahren. Eine Pancolitis ulcerosa führt nach acht bis
zehn Jahren zu einem 5 bis 15fach erhöhten Risiko für Darmkrebs.
Auch bei der linksseitigen Kolitis steigt das Risiko, allerdings erst
15 bis 20 Jahre nach Diagnosestellung. Für den Morbus Crohn liegen
diesbezüglich weniger Daten vor, doch ist anzunehmen, dass auch hier
das Risiko für ein KRK vergleichbar erhöht ist. Durch die Nurses
Health Study konnte belegt werden, dass für Patientinnen mit Diabetes
mellitus das relative Risiko für ein KRK mit 1,43 erhöht ist.
Zu weiteren Risikofaktoren zählen Zigarettenrauchen, ureterokolische
Anastomosen nach Harnblasenchirurgie, abdominelle Bestrahlung sowie Akromegalie.
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| Abb.: Teilstenosierendes
Rekturmkarzinom |
Abb.:
Flacher Polyp, so genanntes flat adenoma
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Vorsorgeuntersuchung:
Totale Koloskopie ist der Goldstandard
Ziel der Vorsorgeuntersuchung ist einerseits, Polypen rechtzeitig zu entfernen,
um die Entstehung eines Karzinoms über die Adenom-Karzinom-Sequenz
zu verhindern, zum anderen, bereits bestehende Karzinome frühzeitig
zu entdecken, um die Prognose zu verbessern. Die geschätzte durchschnittliche
Entstehungszeit eines Karzinoms über ein Adenom erlaubt es, die sensitiven
Tests, hier die Koloskopie als Goldstandard, in Abständen von zehn
Jahren einzusetzen. Die weniger sensitiven Tests, hier der Test auf okkultes
Blut (FOBT), bieten jährlich die Möglichkeit, Läsionen,
die bei den Voruntersuchungen übersehen wurden oder die sich inzwischen
neu gebildet haben, zu entdecken. Eine große Meta-Analyse zur Kosteneffektivität
von Screeningverfahren über die Jahre 1993 bis 2001 konnte zeigen,
dass sich in den USA die Kosten für das endoskopische Screening auf
KRK pro gerettetes Lebensjahr auf 10 000 bis 25 000 Dollar belaufen. Im
Vergleich zu den Ausgaben für ein Mammographie-Sscreening oder die
Behandlung eines moderaten Hypertonus fallen die Zahlen kostengünstig
aus. Seit dem 1. Oktober 2002 ist es in Deutschland möglich, die
EBM-Ziffer Nr. 156 für eine Früherkennungs-Koloskopie bei Patienten
ab dem vollendeten 55. Lebensjahr abzurechnen.
Leitlinien der
Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen
(DGVS)
Die Koloskopie besitzt die höchste Sensitivität für das
Auffinden von Adenomen und KRK. Sie sollte bei asymptomatischen Personen
mit durchschnittlichem Risiko spätestens mit 55 Jahren durchgeführt
werden und ist bei unauffälligem Befund im Abstand von zehn Jahren
zu wiederholen. Die DGVS empfiehlt alternativ die jährliche Durchführung
des Tests auf okkultes Blut - bestehend aus drei Testbriefchen für
drei konsekutive Stühle - ab dem 50. Lebensjahr. Ein positives Testergebnis
macht die endoskopische Untersuchung des gesamten Dickdarms erforderlich.
Die regelmäßige Durchführung des FOBT führt zu einer
Reduktion der KRK Mortalität um 23 %. Die Effizienz der Sigmoidoskopie
als Screeningmethode gilt ebenfalls als gesichert. KRK des Rektosigmoids
können dadurch um 60 bis 80 % reduziert werden. Da jedoch nicht alle
Darmabschnitte eingesehen werden, ist sie der Koloskopie unterlegen. In
Kombination mit FOBT sollte eine Sigmoidoskopie zur Vorsorge bei asymptomatischen
Patienten alle fünf Jahre erfolgen. Bei Diagnose von Adenomen in
der Sigmoidoskopie sollte immer eine komplette Koloskopie zur Polypektomie
und zur Beurteilung der gesamten Kolonschleimhaut erfolgen. Eine digitale
rektale Untersuchung ist obligater Bestandteil jeder Koloskopie. Bei aus
technischen Gründen unvollständiger Koloskopie muss eine Röntgenuntersuchung
in Doppelkontrasttechnik angeschlossen werden.
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| Abb.: Gestielter
Polyp |
Abb.:
Zirkulär wachsendes Kolonkarzinom
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Auf was gilt es
bei der Endoskopie zu achten?
So genannte flat adenomas, also kleine rötliche, eventuell zentral
eingesunkene und nur minimal über das Schleimhautniveau erhabene
Läsionen, die sich zum Teil nur mit modernen Videoendoskopen, eventuell
mit zusätzlichen Spezialfärbungen (Chromoendoskopie) oder Vergrößerungsendoskopie
(Zoomtechnik) darstellen lassen, wurden zunächst nur in der japanischen
Literatur beschrieben. In einer Serie von 1 000 Koloskopien in England
zeigten sich jedoch von 320 ektomierten Polypen 36 % als solche flache,
kaum über das Schleimhautniveau erhabene Adenome. 29 % der mehr als
10 mm großen flachen Läsionen enthielten hochgradige dysplastische
Veränderungen oder bereits invasive Karzinome. Deshalb sollte unser
Augenmerk auf diese flat adenomas gerichtet sein. Die Leitlinien der DGVS
empfehlen die Schlingenektomie nach Unterspritzung.
Endoskopische Abtragung
von Polypen
Voraussetzungen für die endoskopische Polypektomie sind ein in der
Komplikationsbeherrschung erfahrener Untersucher, ein über die Risiken
ausreichend aufgeklärter Patient, eine vollständige Gerinnungsanamnese
sowie ein suffizient gereinigter Darm. Die Risiken der endoskopischen
Polypektomie sind die postinterventionelle Blutung, die Perforation und
das so genannte Post-Polypektomie-Syndrom, eine lokale Reizung der Muskularis
propria durch die Elektrokoagulation. Die DGVS-Leitlinien empfehlen bei
der endoskopischen Diagnose von Polypen bei einer Größe von
> 5 mm die Polypektomie mit Diathermieschlinge, bei einer Größe
< 5 mm die komplette Entfernung mit der Zange. Die Bergung der Polypen
sollte einzeln und unter Angabe der Lokalisation, optimal mit Durchleuchtungsbestimmung,
erfolgen. Alle abgetragenen Polypen sollen einer pathohistologischen Analyse
zugeführt werden.
Neue Entwicklungen
Bei der virtuellen Koloskopie handelt es sich um eine CT-Untersuchung
nach Darmvorbereitung und Luftinsufflation. In einer Studie mit 100 Hochrisikopatienten,
die sich sowohl einer virtuellen als auch einer normalen Koloskopie unterzogen,
zeigt sich, dass die virtuelle Koloskopie alle Karzinome und 91 % der
über 10 mm großen Polypen entdecken konnte. Bei den bis zu
5 mm großen Polypen sinkt der Anteil auf 55 %. Wesentlicher Nachteil
der virtuellen Koloskopie sind die mangelnde Sensitivität und Spezifität.
Darüber hinaus ist wie bei der Koloskopie eine vollständige
Darmreinigung erforderlich. Im Falle eines positiven Befundes muss die
Koloskopie mit therapeutischer Intervention angeschlossen werden.
Erprobt werden Tests, die genetische Veränderungen im Stuhl detektieren.
Kolorektale Karzinomzellen werden in die Faeces abgeschilfert und die
in diesen Zellen enthaltene DNA kann auf Veränderungen untersucht
werden. Für den klinischen Alltag sind diese Methoden derzeit jedoch
noch nicht relevant.
Als Anlaufstelle für Patienten mit einem hochgradigen Verdacht auf
ein hereditäres Kolonkarzinom (HNPCC, FAP) haben wir seit kurzem
eine Spezialsprechstunde eingerichtet. Kontaktperson ist Dr. U. Schiemann,
Tel. 089/ 51602330.
Literatur
bei den Verfassern
Dr. Nikola Landauer, Prof. Dr. Walter Heldwein, Medizinische Klinik,
Klinikum Innenstadt der LMU, Ziemssenstr. 1, 80336 München
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Bayerischen Ärzteblattes
Heft 3/2003
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Karrikatur:
Dr. Markus Oberhauser
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
5 / 2003
S. 61 - 64
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