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Kammer-Info

Integrierte Medizin, Modell und klinische Praxis

Bibliographische Angaben:
T. von Uexküll, W. Geigges, R. Plassmann,
Schattauer Verlag, Stuttgart 2002,
306 Seiten, 15 Abbildungen, 4 Tabellen,
gebunden 35,95 Euro, ISBN 3-7945-2149-8

Inhaltsangabe: Thure von Uexküll hat sein Lebenswerk der Aufgabe gewidmet, eine Humanmedizin zu realisieren, die die psychischen und sozialen Probleme kranker Menschen genauso ernst nimmt wie ihre körperlichen. Wissenschafts- theoretisch verbindet er für diesen Zweck die Systemtheorie, den Konstruktivismus und die Biosemiotik zum Modell einer Integrierten Medizin, deren aktueller Erkenntnisstand in dem vorliegenden Buch niedergelegt ist. Es ist das Ergebnis eines sechs Jahre währenden Teamworks von 11 Autoren aus dem Kreis der Akademie für Integrierte Medizin.

Kritische Bewertung: Das besondere an dem Buch liegt in der in dieser Form einzigartigen Verbindung von theoretischer Fundierung und Auseinandersetzung mit dem einzelnen Patienten im Rahmen ausführlicher Fallbesprechungen. Für diese wurde in der Akademie für Integrierte Medizin die Methode der „reflektierten Kasuistik“ entwickelt, mit deren Hilfe drei Narrative zu einer einheitlichen Sichtweise zusammengeführt werden sollen: Die Geschichte einer Krankheit, die Geschichte eines Kranken und die Geschichte einer Arzt-Patienten-Beziehung. Mit dieser Vorgehensweise werden Patientenbehandlungen aus den Gebieten Innere Medizin, Geburtshilfe, Psychosomatische Rehabilitation, Psychiatrie, aus der körperbezogenen Psychotherapie und der Neurotraumatologie berichtet und dann auf der Basis der genannten theoretischen Grundlage, nämlich der Systemtheorie, des Konstruktivismus und der Biosemiotik einer genauen Analyse unterzogen. Auf diese Weise gelingt es, bei der Behandlung der dargestellten Patienten den Dualismus einer Medizin für körperlose Seelen und einer Medizin für seelenlose Körper zu überwinden. Allerdings sind die genannten theoretischen Grundlagen nicht gerade leichtgängig, was insbesondere für die Biosemiotik gilt. Aus Sicht des Rezensenten sind deswegen gerade die langen Kapitel (z. B. über Geburtshilfe und Körperpsychotherapie), in denen die Verbindungen von konkreter Behandlungssituation und theoretischen Grundlagen besonders ausformuliert sind, die faszinierendsten. Aber auch von den Autoren der übrigen Kapitel wird der Leser in angenehmer Weise dazu aufgefordert, die geschilderten Behandlungsverläufe selbst zu reflektieren, die Modelle, die ihrer Beschreibung zugrunde liegen, im Hinblick auf ihre Eignung zu überprüfen und zu überlegen, wie die medizinische Behandlung weiter verbessert werden kann.

Empfehlung: Der Rezensent hat sich als klinischer Psychosomatiker ständig mit den Zusammenhängen von psychischen, sozialen und körperlichen Problemen von Patienten auseinander zu setzen. Das von den Autoren des Buches beschriebene „lernende Modell“ einer integrierten Medizin ist für ihn dabei unverzichtbar geworden, so vorläufig und verbesserungswürdig es an der einen oder anderen Stelle auch noch sein mag. Das Buch ist aber auch hilfreich für Ärzte der somatischen Fachgebiete, die Patienten und nicht nur Erkrankungen therapieren, und die eine Theorie für einen ganzheitlichen Ansatz suchen. Es ist auch interessant für Psychiater, Körperpsychotherapeuten und Kollegen anderer Gebiete, die sich mit Zusammenhängen von psychischen und körperlichen Phänomenen beschäftigen. Es ergänzt die evidence based medicine, in deren Leitlinien der Patient als Individuum zu verschwinden droht, um den so wichtigen Blick auf die Person des Kranken und seine Geschichte. Das Buch kann damit ganz wesentlich zur Antwort auf die Frage beitragen: Was ist gute Medizin?

Rezensent: Prof. Dr. Christoph Schmeling-Kludas, Segeberger Kliniken GmbH,
Am Kurpark 1, 23796 Bad Segeberg

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 4 / 2003

S. 45, 76