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Medizin & Wissenschaft

Nahrungsmittelallergien
Regina Fölster-Holst

Nahrungsmittel werden häufig als Ursache von Krankheitserscheinungen vermutet. So lag in einer englischen Studie die Selbsteinschätzung mit 19,9 % weit über dem tatsächlichen Vorkommen der Erkrankung mit 1,4 - 1,7 %, errechnet nach doppelblind-placebokontrollierten Provokationstestungen.
Eingreifende diätethische Maßnahmen, die mit Fehlernährung und emotionalen Belastungen verbunden sein können, sind zu vermeiden. Bei Verifizierung einer Nahrungsmittelallergie ist eine Kooperation mit Ökotrophologen/Diätassistenten ratsam.
Um sinnvolle therapeutische Interventionen einzuleiten, ist eine genaue Definition der Nahrungsmittelallergie und die Abgrenzung zu anderen Nahrungsmittelunverträglichkeiten wichtig (siehe Abb. 1). Nahrungsmittelunverträglichkeiten werden in toxische und nichttoxische Reaktionen unterteilt. Verdorbener Fisch oder verdorbene Fischkonserven, die große Mengen Histamin enthalten, sind typische Beispiele einer toxischen Reaktion. Nichttoxische Reaktionen umfassen pathogenetisch immunologische (Allergien) und nichtimmunologische Reaktionen (Intoleranzen). Enzymopathien (Laktoseintoleranz, Glutenintoleranz) und pseudoallergische Reaktionen (Nahrungsmittel, die zu unspezifischer Histaminliberation führen wie Tomaten und Erdbeeren; biogene Amine enthaltende Nahrungsmittel wie Banane, Käse und Nüsse; Nahrungsmittelzusatzstoffe wie Konservierungsmittel und Farbstoffe) sind Beispiele einer Intoleranz.

Die folgende Darstellung bezieht sich auf klassische IgE-mediierte Nahrungsmittelallergien
Abb. 1: Einteilung der Unverträglichkeitsreaktionen auf Nahrungsmittel (nach den Empfehlungen der Europäischen Akademie für Allergologie und klinische Immunologie, 1995) (Grafik: Bi)

Nahrungsmittelallergien des atopischen Säuglings
Die schwere Form der Neurodermitis ist im Säuglings- und Kleinkindesalter mit einer Nahrungsmittelallergie assoziiert (ca. 1/3 der Kinder), die jedoch transienter Natur ist und bei über 50 % der Kinder bis zum Schulalter verschwunden ist. Zu den häufigsten Allergenen gehören Hühner- und Milcheiweiß, die zu unterschiedlichen Reaktionsmustern wie Urtikaria, Erytheme, Pruritus und Auslösung eines Neurodermitisschubes führen können.
Hauttestungen (Prick, Scratch) und Blutuntersuchungen zum Nachweis spezifischer IgE-Ak sind lediglich orientierend, therapeutische Konsequenzen sollten daraus nicht abgeleitet werden. Neuere Testverfahren wie der Atopie-Patch-Test, bei dem inhalative und nutritive Allergen epikutan getestet werden, sind aufgrund fehlender Standardisierung nicht in Routineuntersuchungen einzusetzen.
Anamnestisch hat sich das Führen eines Symptom-Nahrungsmitteltagebuches bewährt. Ist die Zuordnung der Symptome zur Nahrungsmittelaufnahme nicht möglich, ist eine schrittweise Elimination fraglicher Nahrungsmittel in Erwägung zu ziehen. Bei Besserung schließen sich Provokationstestungen zur Verifizierung an, die aus Sicherheitsgründen unter stationären Bedingungen erfolgen sollten. Ist eine Kuhmilchallergie gesichert, so ist aufgrund möglicher Kreuzallergien die Milch anderer Tierarten wie Ziege oder Schaf keine Alternative. So sind z. B. Kaseine, Kuhmilchproteine mit hoher allergener Potenz, nicht artspezifisch und bergen die Gefahr einer allergischen Reaktion bei Ausweichen auf Milch anderer Tierarten. Eine nachgewiesene Milchallergie erfordert vielmehr eine Umstellung auf extensiv hydrolysierte Milchformula und bei älteren Kindern zusätzlich eine Beratung durch Diätassistenten/Ökotrophologen.
Die Prävention für Atopierisikofamilien beinhaltet das ausschließliche Stillen für sechs Monate, die anschließende stufenweise Einführung der Beikost und das Meiden potenter Allergene wie Fisch, Nüsse und Hühnereiweiß im ersten Lebensjahr.

Abb. 2: Positiver Scratchtest auf Banane und Kartoffel
(Foto: Hautklinik Kiel, Dr. R. Fölster-Holst)

Pollenassoziierte Nahrungsmittelallergie
Die pollenassoziierte Nahrungsmittelallergie ist auf Kreuzreaktionen gleicher oder ähnlicher Allergendeterminanten (Epitope) in Pollen- und Nahrungsmittelallergenen zurückzuführen. Bei der klinischen Manifestation der pollenassoziierten Nahrungsmittelallergie steht das orale Allergiesyndrom (OAS) im Mittelpunkt. Dieses äußert sich in einem Kribbeln, Brennen, Juckreiz und pelzigen Gefühl der oralen Schleimhaut und wird vornehmlich bei Patienten mit einer Allergie gegen frühblühende Bäume (v. a. Birke, Hasel) beim Genuss von Kern- oder Steinobst sowie Nüssen beobachtet. Bei Gräser- und Getreidepollenallergien findet sich häufig eine Sensibilisierung gegen Getreide und Hülsenfrüchte. Die Kräuterpollenallergie (v. a. Beifuss) ist mit einer Allergie gegen unterschiedliche Gemüsearten und Gewürze assoziiert und hat zur Krankheitsbezeichnung „Sellerie-Beifuß-Gewürz-Syndrom“ geführt. Klinisch stehen hier Urtikaria, Quincke Ödem und anaphylaktischer Schock im Vordergrund.
Im Vergleich zur Nahrungsmittelallergie im frühen Kindesalter ist eine Diagnosestellung der pollenassoziierten Nahrungsmittelallergie häufig bereits anhand anamnestischer Angaben in Verbindung mit dem Hauttest (Prick, Scratch) und dem Nachweis spezifischer Antikörper möglich. Gerade bei Nahrungsmitteln wie Sellerie, Nuss und Erdnuss sollte aufgrund möglicher lebensbedrohlicher Reaktionen auf die Provokation verzichtet werden.
Interessanterweise wird die Nahrungsmittelallergie auch positiv durch eine spezifische Immuntherapie mit Pollenextrakten beeinflusst. Besonders profitieren Patienten mit einer relevanten Birkenpollenallergie und einem oralen Allergiesyndrom von der Behandlung, während die gleichzeitige Applikation einer Immuntherapie mit Birken- und Gräserpollenextrakten auf die Symptome einer zusätzlichen Nahrungsmittelallergie keine Besserung erkennen lässt.
Die beste und sicherste Therapie bei Nahrungsmittelallergien ist die Karenz, deren Einhaltung für die seltenen Nahrungsmittel auch keine Probleme bereitet. Grundnahrungsmittel wie Ei, Milch/Milchprodukte, Getreide und Nüsse, die auch versteckt in anderen Lebensmitteln vorkommen, erfordern jedoch eine Kooperation mit Ökotrophologen/Diätassistenten.

Latex-Frucht-Syndrom
Die Latex-Allergie gehört zu den klassischen Typ I-Allergien, bei der kreuzreagierende Allergene der Nahrungsmittel (v. a. Avocados, Banane, Feige, Edelkastanie und Kiwi) nachzuweisen sind. Die Klinik umfasst Urtikaria, Quincke Ödem, Asthma, Gastrointestinalbeschwerden und Anaphylaxie. Die Diagnostik eines Latex-Frucht-Syndroms ruht auf einer detaillierten Anamnese sowie Hauttestung (die Abb. 2 zeigt eine positive Scratchtestung auf Banane) und Nachweis spezifischer IgE-Ak. Eine Provokation, die zu lebensbedrohlichen Reaktionen führen kann, ist nicht erforderlich.
Eine Kreuzsensibilisierung (lediglich Nachweis spezifischer IgE-Ak) gegen die aufgeführten Nahrungsmittelallergene ohne entsprechende Klinik rechtfertigt keine Eliminationsdiät. Die Patienten sollten jedoch über die möglichen klinischen Kreuzreaktionen aufgeklärt werden.
Sicherheitshalber sollten Nahrungsmittelallergiker mit systemischen Reaktionen mit einem Notfall-Set ausgerüstet sein, das ein Antihistaminikum und Kortikosteroid (jeweils oral) sowie ggf. eine Adrenalin-Fertigspritze (abhängig von der Compliance des Patienten, nach entsprechender Schulung des Patienten) enthalten sollte. Bei multiplen Nahrungsmittelallergien kann eine prophylaktische orale Medikation mit Dinatrium Cromoglykat, in Kombination mit einem nicht-sedierenden oralen Antihistaminikum versucht werden.

Literatur bei der Verfasserin
Dr. Regina Fölster-Holst, Klinik für Dermatologie des UKSH,
Campus Kiel, Schittenhelmstr. 7, 24105 Kiel

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 4 / 2003

S. 64 - 66