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Forscher wenden hochpräzise
Röntgenmethode zum Studium lebender Insekten an
Atemsystem an lebenden Insekten erforscht
Oliver Betz
Ein internationales
Forschungsteam berichtet in der aktuellen Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift
Science (24. Januar), dass Insekten über einen bislang
unbekannten Atemmechanismus verfügen, der analog zur Lungenventilation
der Wirbeltiere funktioniert. Insekten haben ein System innerer Röhren
(Tracheen), das Sauerstoff zu den inneren Organen transportiert und dort
über passive und relativ langsame Diffusionsprozesse austauscht.
Die neue Studie zeigt nun, dass bei vielen Insekten die Tracheenstämme
des Thorax (Vorderkörper) und Kopfes bei der Atmung in rascher Folge
aktiv zusammengezogen und wieder erweitert werden.
Zu Tage getreten ist die Entdeckung dieser Pumpbewegung nur durch eine
von den Forschern erstmals bei lebenden Tieren eingesetzte neue Röntgenmethode,
die eine besonders präzise Röntgenstrahlung nutzt und nur von
Synchrotron-Teilchenbeschleunigern erzeugt werden kann.
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| Röntgenbilder
der vorderen Tracheenstämme eines Laufkäfers im Ruhezustand
und in kontrahiertem Zustand. Die Bilder liegen etwa 0,5 Sekunden
auseinander (Copyright: Science) |
Der einzige Insektenkundler
des Wissenschaftlerteams ist Dr. Oliver Betz, Privatdozent am Zoologischen
Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er forscht
gemeinsam mit Biomechanikern des Field Museum of Natural History und Physikern
des Argonne National Laboratory in Chicago unter der Leitung von Dr. Mark
Westneat, Kurator am Field Museum.
Die Wissenschaftler ermittelten über die beobachteten Volumenänderungen
in den Tracheen den Gasaustausch im Atemsystem der lebenden Insekten und
stellten fest, dass etwa die Hälfte des Gesamtvolumens pro Sekunde
ausgetauscht wird. Sowohl das Volumen des Gasaustausches als auch die
Geschwindigkeit entsprechen den Verhältnissen bei einem Menschen,
der leichte Übungen verrichtet. Oliver Betz erklärt: Diese
Ergebnisse stellen einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der
Evolution landbewohnender Insekten dar. Die Möglichkeit eines aktiven
trachealen Atemmechanismus spielte vermutlich eine wichtige Rolle bei
der Entwicklung besonderer Leistungen wie schnelles Laufen oder Fliegen.
Gleichzeitig war sie wohl eine Grundvoraussetzung für die Sauerstoffversorgung
des Gehirns zur Wahrnehmung komplexer Sinnesfunktionen.
Die Röntgenstrahlung, die diese Untersuchungen erstmals ermöglicht,
wird durch Synchrotron-Teilchenbeschleuniger wie der Advanced Photon Source
des Argonne National Laboratory erzeugt. Diese Anlagen können Elektronen
auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Die schnellen Elektronen geben
eine stark gebündelte, hochpräzise Röntgenstrahlung ab,
mit der auf sehr kleine Objekte fokussiert werden kann. Im Vergleich zur
Röntgenstrahlung, wie man sie aus der Medizin kennt, erzeugen Synchrotron-Teilchenbeschleuniger
ungleich intensivere und präzisere Strahlen.
Im nächsten Schritt wollen die Forscher weitere Organsysteme bei
Insekten untersuchen sowie die Untersuchungsmethode optimieren. Das bedeutet
konkret: Die energiereiche Strahlung soll derart modifiziert werden, dass
Wirbeltiere ihr unbeschadet standhalten. Dann könnten
kleinste Bereiche des Knochenskeletts oder der Blutgefäße untersucht
werden, und es wäre möglich, Herz-, Kreislauferkrankungen sowie
Schädigungen an der Wirbelsäule an lebenden Organismen ganz
genau zu durchleuchten.
Dr.
Oliver Betz,
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel,
Zoologisches Institut der Universität,
Am Botanischen Garten 1 - 9, 24118 Kiel
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
4 / 2003
S. 55 / 56
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