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Nationale
Leitlinien-Agenturen gründen internationales Netzwerk G-I-N:
Hintergrund und Ziele
Günter Ollenschläger
Zusammenfassung
Am 06.11.2002 wurde in Paris das internationale Leitlinien-Netzwerk G-I-N
(The Guidelines International Network) ins Leben gerufen. Die Initiative
kam zustande auf Anregung der Ärztlichen Zentralstelle Qualitätssicherung
ÄZQ1 und des Schottischen Leitliniennetzwerks SIGN und berücksichtigt
die Empfehlung des Europarates, internationale Vernetzung von Forschungseinrichtungen,
Clearingstellen und anderen Institutionen, die evidenzbasierte medizinische
Informationen erarbeiten, zu fördern (Europarat 2002). Die
Idee zur weltweiten Koordination von Leitlinien-Aktivitäten wurde
erstmals im März 2001 zur Diskussion gestellt. Auf der Grundlage
einer Bedarfsanalyse bei 36 Leitlinien-Organisationen aus 18 Ländern
wurde im Sommer 2002 die inhaltliche und organisatorische Konzeption für
G-I-N entwickelt. Im November 2002 konstituierte sich ein Gründungskomitee,
Anfang Februar 2003 erfolgte die formale Gründung als gemeinnütziger
Verein nach Schottischem Recht. Bis Ende Februar 2003 sind dem Netzwerk
29 Institutionen aus 15 Ländern beigetreten, darunter die WHO, aus
Deutschland AWMF und ÄZQ. Über Ziele und Aktivitäten von
G-I-N wird im Folgenden berichtet.
Einleitung
In den vergangenen Jahren hat das Interesse an der Entwicklung, Bewertung
und Implementierung evidenzbasierter medizinischer Leitlinien weltweit
zugenommen (Burgers 2002, 2003). Mittlerweile arbeiten zahlreiche nationale
Institutionen sowie Wissenschaftler und Leistungserbringer im Gesundheitswesen
in supranationalen Netzwerken auf dem Gebiet der Leitlinien-Methodik und
Nutzung. So hat beispielsweise der Europarat 2001 Empfehlungen für
seine Mitgliedsstaaten zur Leitlinien-Methodik verabschiedet (Europarat
2002). Eine durch das Biomed 2-Programm der Europäischen Union geförderte
Forschergruppe (die so genannte AGREE Collaboration) entwickelte
ein generisches Instrument zur Qualitätsbewertung von Leitlinien,
welches international großen Anklang gefunden hat [Agree 2002].
Das US-amerikanische National Guideline Clearinghouse entwickelte eine
internationale Datenbank über existierende englischsprachige Leitlinien
(www.guideline.gov). Die Spitzenverbände der Selbstverwaltung im
deutschen Gesundheitswesen etablierten das Deutsche Leitlinien-Clearingverfahren,
die Bundesärztekammer das Nationale Programm für Versorgungsleitlinien
(Ollenschläger).
Allerdings existierte bisher kein internationales Kommunikationsforum
für Leitlinien-Institutionen und -Experten. Infolgedessen kommt es
immer noch in verschiedenen Ländern und Organisationen zu Parallelarbeit
bei der Entwicklung von Leitliniendokumenten und Implementierungsstrategien.
Dies führt zu Verschwendung personeller, finanzieller und organisatorischer
Ressourcen und betrifft vorwiegend die Vorarbeiten zur Erstellung evidenzbasierter
Leitlinien - wie Literatur-Recherche, -Bewertung und -Auswahl.
Um hier Abhilfe zu schaffen, vor allem um die Leitlinienarbeit inhaltlich
und finanziell zu rationalisieren, wurde vom Autor im März 2001 die
Gründung eines internationalen Leitlinien-Netzwerks auf einer Konferenz
der Leitlinien-Studiengruppe AGREE Collaboration (Agree Collaboration
2000) vorgeschlagen. Vor diesem Hintergrund führte das Schottische
Leitlinien-Netzwerk SIGN (www.sign.ac.uk) bis Anfang 2002 mittels einer
strukturierten Befragung von weltweit 192 Leitlinien-Organisationen eine
Bedarfsanalyse durch. Die Ergebnisse der Rückmeldungen von 36 Organisationen
aus 18 Ländern wurden im Sommer 2002 auf dem Internationalen Leitlinienkongress
CPG 2002 der ÄZQ diskutiert (Miller 2002) und bildeten die Grundlage
für die inhaltliche und organisatorische Konzeption von G-I-N. Im
November 2002 konstituierte sich ein Gründungskomitee aus Mitgliedern
der AGREE Collaboration und Repräsentanten von Leitlinien-Organisationen.
Anfang Februar 2003 erfolgte die formale Gründung als gemeinnütziger
Verein nach Schottischem Recht.
Zwischen Anfang Dezember 2002 und Ende Februar 2003 traten 29 Institutionen
dem Netzwerk bei, darunter die WHO und aus Deutschland die AWMF sowie
das ÄZQ.
Ziele von G-I-N
G-I-N bemüht sich um Qualitätsentwicklung der Gesundheitsversorgung
durch Unterstützung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet
der systematischen Entwicklung von Leitlinien und ihrer Anwendung in der
medizinischen Praxis. Die betrifft insbesondere
- Förderung
von Informationsaustausch, Ausbildung, Wissenstransfer und Zusammenarbeit
zwischen Leitlinien-Programmen zur Berücksichtigung internationaler
Standards und Vermeidung von Doppelarbeit;
- Verbesserung und
Harmonisierung der Methodik zur systematischen Leitlinien-Entwicklung
bei existierenden und neuen Leitlinienprogrammen;
- Verbesserung der
Methodik zur Verbreitung, Implementierung und Evaluation medizinischer
Leitlinien;
- Identifizierung
von Prioritäten sowie Unterstützung von Forschung und Forschungstransfer
auf dem Gebiet der Entwicklung, Verbreitung, Implementierung und Evaluation
von Leitlinien.
- Vernetzung von
Organisationen zur verbesserten Koordination mit anderen Qualitätsinitiativen
im Gesundheitswesen.
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Als Gründungsmitglieder
sind dem Netzwerk bis Ende Januar 2003 folgende Organisationen beigetreten
(Gründungsmitglieder zahlen - zusätzlich zum
Jahresbeitrag € 2 500 von einen Beitrag in gleicher Höhe
für den Aufbau der Organisation - insbesondere des G-I-N-Internet-Programms):
- Ärztliches
Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), D
- Ärztekammer
Berlin, D
- Arbeitsgemeinschaft
der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
(AWMF), D
- Agency for
Health Research and Quality (AHRQ), USA
- Agree Collaboration,
UK
- Agence National
dAccreditation et dEvaluation en Santé (ANAES),
F
- Clinical
Epidemiology Centre, Lausanne (CepiC), CH
- Danish Guidelines
Secretariat, DK
- Dutch College
of General Practitioners (NHG), NL
- Dutch Institute
for Healthcare Improvement (CBO), NL
- Finnish
Medical Society Duodecim, FIN
- Finnish
Office for Health Technology Assessment, FIN
- Flemish
College of General Practitioners (WVVH), B
- French National
Federation of Cancer Research Centres (FNCLCC), F
- Italian
Evidence-Based Medicine Group (GIMBE), I
- Josep Laporte
Library Foundation, E
- National
Institute for Clinical Excellence (NICE), UK
- National
Kindney Foondation, USA
- New Zealand
Accident Compensation Corporation, NZ
- New Zealand
Guidelines Group (NZGG), NZ
- NHS Centre
for Reviews & Dissemination, UK
- Österreichisches
Informationszentrum für Qualitätsmanagment im Gesundheitswesen,
A
- Program
in Evidence-based Care, Cancer Care Outario CDN
- Regional
Health Agency Emilia Romagna, I
- Royal College
of Surgeons in Ireland, IRL
- Scottish
Intercollegiate Guidelines Network (SIGN), UK
- Slovenian
Guidelines Group, SLO
- Sowerby
Centre for Health Informatics at Newcastle, UK
- World Health
Organisation
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Aktivitäten
von G-I-N
Für 2003 sind folgende Aktivitäten geplant:
- Koordination von
Projekten der G-I-N-Mitglieder durch Sammlung und Darlegung der Details
publizierter und in Vorbereitung befindlicher Leitlinien;
- Erstellung einer
Datenbank zum verbesserten Austausch von Hintergrundinformationen zu
Leitlinien (z. B. Literatur-Suchstrategien und Evidenz-Analysen);
- Beteiligung an
Projekten zur Harmonisierung von Systemen der Evidenzbewertung (in Zusammenarbeit
mit der Cochrane Collaboration);
- Organisation von
Workshops zu Fragen einer Internationalen Leitlinienkonferenz
im Dezember 2004. Die ersten G-I-N-Workshops werden Anfang April 2003
in Krakau (Polen) und im September in Washington DC organisiert.
Weitere Aktivitäten,
denen sich G-I-N künftig widmen wird, umfassen:
- Aufbau und Pflege
einer Bibliothek von Instrumenten und Trainingsmaterialien zur Leitlinienentwicklung;
- Erstellung eines
Forschungsregisters über abgeschlossene, in Arbeit befindliche
und geplante Studien zu Leitlinien, um die Verbreitung und Implementierung
von Studienergebnissen zu fördern und Forschungsbedarf identifizieren
zu können;
- Beteiligung an
der Harmonisierung elektronischer Leitlinien-Formate (z. B. XML Format)
zur Vermeidung der Verbreitung nicht kompatibler Systeme;
- Integration von
Health Technology Assessment und Leitlinien;
- Beteiligung von
Patienten und Öffentlichkeit an der Leitlinienentwicklung und -implementierung;
- Förderung
der Koordination von Leitlinienentwicklung, -implementierung und -evaluation.
Mitglieder
Der Erwerb der Vollmitgliedschaft bei G-I-N ist möglich für
nichtkommerzielle Organisationen, die auf den Gebieten der Leitlinien-Entwicklung,
-Verbreitung, und/oder -Evaluation oder in verwandten Bereichen tätig
sind.
Eine Assoziierte Mitgliedschaft ist möglich für kommerzielle
Unternehmen sowie für Einzelpersonen, die in den oben genannten Bereichen
tätig sind (assoziierte Mitglieder haben kein aktives oder passives
Wahlrecht für G-I-N-Gremien).
Organisation und
Management
Bis Januar 2003 war für die Aktivitäten von G-I-N ein Gründungskomitee
zuständig, das aus Repräsentanten mehrerer Gründungsmitglieder
und kooptierten Experten besteht. Danach geht die Verantwortlichkeit in
die Hände des G-I-N-Vorstands über. Ende Dezember 2002 wurden
G-I-N-Arbeitsgruppen zu den Themenbereichen Leitlinien-Datenbank,
Arbeitsmaterialien für die Leitlinien-Entwicklung, Harmonisierung
der Evidenzbewertung, Internetauftritt, Workshops,
Kommunikation und Promotion etabliert.
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Prof.
Dr. Günter Ollenschläger (Foto: Privat)
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Ausblick
Dem neugegründeten internationalen Leitlinien-Netzwerk G-I-N sind
Ende 2002/Anfang 2003 innerhalb von 12 Wochen 29 renommierte Organisationen
aus 15 Ländern inklusive der WHO beigetreten.
Dieser Zuspruch belegt den Bedarf für ein solches supranationales
Kommunikations- und Informationsforum. Um den offensichtlich hochgesteckten
Erwartungen gerecht zu werden, hat das G-I-N-Gründungskomitee kurzfristig
die oben genannten Arbeitsgruppen etabliert.
Bei der Definition der Arbeitspakete wurde Wert darauf gelegt, nicht in
Konkurrenz zu bereits erfolgreichen internationalen Aktivitäten zu
treten (z. B. Cochrane Collaboration - www.cochrane.de
- Schwerpunkt: Studienbewertung, International Network of Agencies for
Health Technology Assessment INAHTA - www.inahta.org
- Schwerpunkt HTA, AGREE Collaboration - www.agreecollaboration.org
- Schwerpunkt: Leitlinienforschung) zu treten.
Vielmehr wird G-I-N subsidiär Themenfelder aufgreifen, die von etablierten
Strukturen bisher nicht aufgegriffen wurden. Dies ist durch das langjährige
Engagement von G-I-N-Experten in den anderen Netzwerken gewährleistet.
Literatur
beim Verfasser
Prof. Dr. Günter Ollenschläger, FRCP Edin, Vorstandsvorsitzender
von G-I-N, c/o Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin
äzq, Aachener Str. 233 - 237, 50931 Köln, E-Mail ollenschlaeger@azq.de
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
3 / 2003
S. 68 - 71
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