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Wie
wirksam sind Lebensstil-Veränderungen bei
Patienten mit koronarer Herzkrankheit?
Klaus-Dieter Kolenda
Grundlagen
Bei der koronaren Herzkrankheit (KHK) handelt es sich um alle Krankheitsbilder,
denen eine Arteriosklerose der Herzkranzgefäße zugrunde liegt,
z. B. Angina pectoris, Herzinfarkt, plötzlicher Herztod, Herzinsuffizienz,
Herzrhythmusstörungen, Zustand nach Bypass-Operation und Zustand
nach Ballondilatation.
- Rauchen
- Ernährung
- Fett- und Cholesteringehalt
- mehrfach ungesättigte FS/Omega-3-FS
- Körperliche
Inaktivität
- Chronische
Stressbelastungen
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| Tab.
1: Lebensstil-Faktoren, die für das Auftreten und die Progression
der KHK bedeutsam sind und die durch Lebensstil-Veränderungen
beeinflusst werden können. |
Bei der Diskussion
über die Pathogenese der KHK hat sich die Risikofaktorentheorie bewährt.
Unterschieden werden nicht beeinflussbare Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht
und Vererbung von den beeinflussbaren Risikofaktoren. Bei Letzteren unterscheidet
man zwischen somatischen und psychosozialen Risikofaktoren. Die wichtigsten
somatischen Risikofaktoren sind Rauchen, Hypercholesterinämie, Hypertonie,
Adipositas, Diabetes mellitus und körperlicher Inaktivität.
Zu den psychosozialen Risikofaktoren zählen heute chronische (berufliche)
Stressbelastungen, soziale Isolation, feindseliges Verhalten bzw. Ärgerbereitschaft,
Depression und Angstzustände und sozioökonomische Benachteiligung.
Aufgrund der Risikofaktorentheorie lassen sich eine Reihe von Lebensstil-Faktoren
isolieren, die für das Auftreten und die Progression der KHK bedeutsam
sind und durch Lebensstil-Veränderungen beeinflusst werden können
(Tab. 1). Dazu gehören vor allem das Rauchen, aber auch die Ernährung
hinsichtlich des Fett- und Cholesteringehaltes bzw. der Zusammensetzung
der Fettsäuren (FS). Dabei ist zu bedenken, dass weitere somatische
Risikofaktoren wie Adipositas, Diabetes mellitus, Hypertriglyzeridämie
und auch die Hypertonie zu einem wesentlichen Teil ernährungsabhängig
sind und durch eine koronarprotektive Ernährung günstig beeinflusst
werden können. Außerdem sind körperliche Inaktivität
und chronische Stressbelastungen für die Entstehung und Progression
der KHK bedeutsame Lebensstilfaktoren.
Bei der Prävention der KHK wird zwischen Primärprävention
und Sekundärprävention unterschieden. Unter Primärprävention
versteht man alle Maßnahmen, die darauf abzielen, die Entstehung
einer koronaren Herzkrankheit zu verhindern. Maßnahmen zur Sekundärprävention
zielen darauf ab, bei bestehender koronarer Herzkrankheit diese im Verlauf
günstig zu beeinflussen. Erkenntnisse zur Primär- und Sekundärprävention
werden durch wissenschaftliche Studien gewonnen. Studien zur Primärprävention
sind in der Regel epidemiologische Studien, die jedoch nur Aussagen über
Korrelationen und wahrscheinliche Zusammenhänge ermöglichen.
Für die Beurteilung der Wirksamkeit von sekundärpräventiven
Maßnahmen sind Interventionsstudien erforderlich, die prospektiv,
vergleichend und randomisiert mit eindeutigen klinischen Endpunkten durchgeführt
werden müssen.
Bei der Beurteilung der Qualität verschiedener Studiendesigns wird
demnach zwischen verschiedenen Evidenzgraden unterschieden
(1,2). Als Grad I werden randomisierte kontrollierte
Interventionsstudien eingestuft. Diese gelten als Goldstandard.
Wenn mehrere randomisierte Interventionsstudien vorliegen, wird eine Metaanalyse
bzw. ein Review-Artikel als Grad I gefordert. Als Grad II werden weitere
Studien eingestuft, z. B. kontrollierte nicht randomisierte Studien, möglichst
multizentrische Kohorten- oder Fallkontrollstudien oder Fallserien mit
oder ohne Intervention. Als Grad III gelten schließlich z. B. die
Expertenmeinung auf der Basis klinischer Erfahrung, außerdem deskriptive
Studien und Fallberichte.
| Ereignis |
Placebo
(n = 2223)
%
|
Simvastatin*
(n = 2221)
%
|
RRR
(%)
|
ARR
(%)
|
NNT
5,5 Jahre*
|
1
Jahr **
|
Gesamtsterblichkeit
Kardiale Mortalität
Koronare Ereignisse
Ballondilatation, Bypass-Operation
|
11,5
8,5
22,6
17,2
|
8,2
5
15,9
11,3
|
29
41
30
34
|
3,3
3,5
6,7
5,9
|
30
28
15
17
|
167
157
82
93
|
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Tab. 2:
4-S-Studie, 1994; 4 444 Patienten (94 Zentren; 3 617 Männer,
827 Frauen; 35 - 70 Jahre). Einschlusskriterien: Anamnese mit koronarer
Herzkrankheit oder Herzinfarkt; Cholesterol (5,5 - 8,0 mmol/l entsprechend
212 - 310 mg/dl), nach 8-wöchiger Diät: Simvastatin (20
mg - 40 mg/d) versus Placebo über 4,9 - 6,3 Jahre. NNT, *bezogen
auf die mittlere Beobachtungsdauer von 5,5 Jahren, **standardisiert
auf 1 Jahr (modifiziert nach 5)
* Scandinavian
Simvastatin Survival Study = Diese 4-S-Studie erläutert, die
Wirksamkeit des Lipidsenkers Simvastatin bei der Behandlung von
Patienten mit einer KHK. Sie soll Vergleichsgrundlage sein für
die Beurteilung der Effektivität von Lebensstilveränderungen
bei der Behandlung von Patienten mit einer KHK.
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Um die Wirksamkeit
in verschiedenen Studien in quantitativer Hinsicht zu beurteilen, wird
in der Regel die relative Risikoreduktion (RRR) angegeben. Es besteht
jedoch Übereinstimmung darüber, dass die RRR für die Beurteilung
der Wirksamkeit in quantitativer Hinsicht kein geeigneter Parameter ist.
Ein aussagefähiger Parameter ist dagegen die absolute Risikoreduktion
(ARR), deren reziproker Wert als number needed to treat to save
one life (NNT) die Effektivität anschaulich zum Ausdruck bringt
(3).
In Tab. 2 ist am Beispiel der 4-S-Studie (4)
dargestellt, dass für die Verminderung der Gesamtsterblichkeit
bzw. der kardialen Mortalität sich eine ARR von 3,3 bzw.
3,5 % errechnet (5). Das bedeutet, ausgedrückt
in NNT, dass 30 bzw. 28 Patienten 5,5 Jahre behandelt werden müssen,
um ein Leben zu retten. Bezogen auf ein Behandlungsjahr errechnet sich
eine NNT von 167 bzw. 157. Für die Summe der in Tab. 4 aufgeführten
Ereignisse errechnet sich eine ARR von 19,4 % entsprechend
einer NNT von 25 (bezogen auf ein Jahr). Das sind natürlich eher
bescheidene Effekte. Es ist deshalb anzunehmen, dass aus Gründen
der besseren Vermarktung der Studien lieber die RRR angegeben wird, die
in dieser Studie für die Gesamtsterblichkeit 29 % oder
für die Kardiale Mortalität 41 % beträgt und
somit erheblich bessere Ergebnisse suggeriert.
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| Abb. 1:
Kumulative Mortalität von Patienten, die nach einem Infarkt weiterrauchten,
im Vergleich zu solchen, die nach dem Infarkt das Rauchen einstellten
(nach 9) |
Beendigung des
Rauchens
Etwa 70 000 - 80 000 Personen sterben pro Jahr in Deutschland an der KHK
und Folgeerkrankungen wegen des Rauchens (6).
Das Durchschnittsalter beim ersten Herzinfarkt ist bei Rauchern um 7 -
10 Jahre vorverlegt (7). In pathophysiologischer
Hinsicht ist die gefäßschädigende Wirkung des Zigarettenrauchens
weitgehend geklärt. Komponenten des Zigarettenrauchs (z. B. Nikotin,
Kohlenmonoxyd) schädigen das Endothel und fördern die Arteriosklerose
durch z. B. Freisetzung von Adrenalin/Noradrenalin, Erhöhung von
Blutdruck, Herzfrequenz, Gerinnungsfaktoren, Thrombozytenaggregation,
Plasmaviskosität und Fibrinogen (6).
Darüber hinaus werden Vasospasmen und Herzrhythmusstörungen
gefördert.
In einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse von 12 Kohortenstudien
über den Effekt einer Beendigung des Rauchens auf die Sterblichkeit
nach Herzinfarkt (Dauer der Studien zwischen 2 und 10 Jahren) konnte gezeigt
werden, dass alle Studien einen günstigen Effekt aufwiesen (Odds
ratio 0,54) (8). Die RRR betrug zwischen
15 und 61 %. Die ARR lag im Durchschnitt bei 11,25 %, daraus errechnet
sich ein NNT (bezogen auf die durchschnittliche Studiendauer von fünf
Jahren) von 9. (In der Studie selbst wird die number needed to quit
smoking to save one life auf der Basis der Annahme, dass die Sterblichkeit
bei Weiterrauchern 20 % beträgt, mit 13 angegeben). Bei einem Vergleich
mit der Wirksamkeit der Behandlung mit dem Lipidsenker Simvastatin in
der 4-S-Studie kommt man zu dem Ergebnis, dass die Beendigung des Rauchens
bei KHK-Patienten eine um den Faktor 2 - 3 wirksamere Maßnahme ist.
Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass bei der Metaanalyse
von Wilson et al.8 nur kontrollierte Kohortenstudien (Grad-II-Studien)
berücksichtigt werden konnten. Grad-I-Studien gibt es auf diesem
Feld natürlich nicht.
| Morrison-Studie |
| Design |
Randomisierte
Interventionsstu-
die zur Sekundärprävention, Dauer 3 Jahre bzw. 12
Jahre,
IG 50, KG 50 |
| Intervention |
Fettarme
Kost (< 15 % Fett) |
| Ergebnisse
|
Alle Todesfälle
in IG-Gruppe
signifikant niedriger (n. 3 Jahren
14 % vs. 30 %; nach 12 Jahren
62 % vs. 100 %) |
|
Abb.
2: Effekt einer fett- und cholesterin-
armen Kost bei Patienten nach Herzinfarkt (13,14) |
In der Abb. 1 kommt
besonders deutlich zum Ausdruck, dass es sich bei der Beendigung des Rauchens
um eine sehr effektive Maßnahme bei Patienten mit einer KHK handelt.
Diese Darstellung ist der Arbeit von Mulcahy et al.9 entnommen, deren
5-Jahresergebnisse in die Metaanalyse von Wilson et al.8 eingegangen sind.
Nach 13 Jahren waren ca. 90 % der Weiterraucher verstorben, während
in der Gruppe der Exraucher nur ca. 40 % verstorben waren. Das bedeutet,
dass allein die Maßnahme der Beendigung des Rauchens die Sterblichkeit
nach Herzinfarkt bei einer Nachbeobachtungszeit von 13 Jahren um mehr
als ca. 50 % vermindert.
Koronarprotektive
Ernährung
Die Korrelation zwischen Cholesterinspiegel und KHK-Sterblichkeit ist
seit der Framingham-Studie bekannt und vielfach bestätigt, z. B.
in der 7-Länder-Studie und in der internationalen Autopsiestudie
von Keys et al.(10,11). In einer neueren
Studie aus dem Jahre 1993 wurden die Cholesterinwerte bei 1 000 jungen
Männern festgestellt. Nach einer Beobachtungszeit von 30 Jahren ergab
sich eine signifikante Beziehung zwischen dem Ausgangscholesterinwert
und der KHK-Sterblichkeit: Pro 36 mg/dl Unterschied stieg die Sterblichkeit
auf das Doppelte (12). Mittlerweile liegen
mehrere randomisierte Interventionsstudien mit CSE-Hemmern vor, die zeigen,
dass parallel zur Senkung des Cholesterins die Gesamtmortalität und
KHK-bedingte Mortalität bei KHK-Patienten signifikant vermindert
wird (4,5).
Morrison und Mitarbeiter veröffentlichten 1951 und 1960 (13,14)
eine erste randomisierte Interventionsstudie über den Effekt einer
fett- und cholesterinarmen Kost bei Patienten nach Herzinfarkt (Abb. 2).
Sie konnten zeigen, dass alle Todesfälle in der Interventionsgruppe
signifikant niedriger waren als in der Kontrollgruppe. Nach drei Jahren
waren in der Interventionsgruppe 14 %, in der Kontrollgruppe jedoch 30
% der Patienten verstorben, nach 12 Jahren betrugen die Zahlen 62 % versus
100 %. Daraus errechnet sich eine ARR nach drei Jahren von 16 %, das entspricht
einer NNT von ungefähr sechs bezogen auf eine Studiendauer von drei
Jahren und von 18 bezogen auf ein Jahr. Bei einer Studiendauer von 12
Jahren betrug die NNT, bezogen auf ein Jahr, ungefähr 30.
| Lyon-Diet-Heart-Studie |
| Design |
Randomisierte
Interventionsstu-
die zur Sekundärprävention,
Dauer 4 Jahre IG 302, KG 303 |
| Intervention |
Mediterrane
Kost mit
Brot (+)
Gemüse (+)
Fisch (+)
Obst (+)
Margarine mit a-Linolensäure
Olivenöl (+)
Fleisch (Geflügel) (-) |
| Ergebnisse
|
Tod und
Reinfarkt in der IG we
sentlich seltener (8 % vs. 20 %),
auch sekundäre Endpunkte
(Myokardinfarkt, Tod, instabile
Angina pectoris, Herzinsuffizienz,
Schlaganfall) (15 % vs. 30 %);
Halbierung des Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse |
|
| Abb. 3:
Effekt einer mediterranen Kost bei der Sekundärprävention
der KHK (21) |
Wenn man das Ergebnis
der Morrison-Studie, die vor fast 50 Jahren veröffentlicht wurde,
ernst nimmt, so ist es unverständlich, warum dieser Ansatz nicht
weiterverfolgt und weitere Studien zur Sekundärprävention mit
einer fett- und cholesterinarmen Kost (Fettanteil < 20 %) durchgeführt
wurden. Stattdessen sind in der Literatur im Rahmen der Sekundärprävention
eine Reihe von Interventionsstudien zu finden, bei denen eine nur geringgradig
fettreduzierte Kost (Fettanteil ca. 30 %) verwendet wurde. Diese Studien
haben im Großen und Ganzen keine signifikanten Effekte auf die Mortalität
ergeben15,16. Aufgrund der vorliegenden epidemiologischen Studien (z.
B. 7-Länder-Studie, internationale Autopsie-Studie) sind jedoch viele
anglo-amerikanische Wissenschaftler, die sich mit dieser Thematik befassen,
der Meinung, dass eine fett- und cholesterinarme Ernährung (Fettanteil
< 20 %) eine sehr wirksame Maßnahme ist, um die koronare Herzkrankheit
günstig zu beeinflussen (15,16). Aus
diesem Grunde wurde in den 90er Jahren eine Reihe von multifaktoriellen
Interventionsstudien mit fett- und cholesterinarmer Kost als wichtiger
Interventionskomponente unternommen, auf die weiter oben noch ausführlich
eingegangen wird.
| DART-Studie |
| Design |
Randomisierte
Interventionsstu-
die zur Sekundärprävention,
Dauer 2 Jahre, IG 1 015,
KG 1 018 |
| Intervention |
Regelmäßiger
Verzehr von fet-
tem Fisch (2 Mahlzeiten à 200
g/Woche) oder Omega-3-FS als
Fischöl-Kapseln (ca. 0,5 g/die),
ungesättigte FS (+), Ballaststoffe (+),
gesättigte FS (-) |
| Ergebnisse
|
Gesamttodesfälle
und kardio-
vaskuläre Todesfälle in der IG
signifikant niedriger (9,3 % ge-
genüber 12,8 % bzw. 7,7 % ge-
genüber 11,4 %). Kein signifi-
kanter Unterschied bei den nicht
tödlichen Herzinfarkten |
|
| Abb. 4:
Effekt des regelmäßigen Verzehrs von fettem Fisch oder
der Einnahme von Fischölkapseln bei der Sekundärprävention
von KHK (22) |
Während sich
bis heute vor allem anglo-amerikanische Autoren für eine fett- und
cholesterinarme koronarschützende Ernährung einsetzen, wobei
sie darauf hinweisen, dass dadurch auch weitere Risikofaktoren wie Adipositas,
Diabetes mellitus, Hypertriglyzeridämie und Hypertonie günstig
beeinflusst werden, wurde im letzten Jahrzehnt in Europa auch ein anderer
Ansatz untersucht, die mediterrane Kost (17).
Es handelt sich dabei um eine Ernährung, die reich an einfach und
mehrfach ungesättigten Fettsäuren und Omega-3-Fettsäuren
ist. Seit längerem ist ja bekannt, dass die Eskimos sich sehr fettreich
mit Fischtranen ernähren und trotzdem eine sehr niedrige Herzinfarktrate
aufweisen. Weiterhin gibt es eine Reihe von Belegen dafür, dass fetter
Fisch (z. B. Hering, Makrele, Lachs) mit einem hohen Anteil von Omega-3-Fettsäuren
und ungesättigten Fettsäuren als Nahrungsergänzung sich
günstig auf das KHK-Risiko auswirkt (18,19).
In der Lyon-Diet-Heart-Studie (20,21) wurde
an einem großen Patientenkollektiv in einer randomisierten Interventionsstudie
die Effektivität einer derartigen so genannten mediterranen
Kost im Rahmen der Sekundärprävention untersucht (Abb.
3). Die Dauer der Studie betrug vier Jahre. Dabei ergab sich für
Tod und Re-Infarkt eine absolute Risikoreduktion von 12 %, das entspricht
einer NNT von 8,3 bezogen auf eine Behandlungsdauer von vier Jahren bzw.
einer NNT von 33 bezogen auf ein Jahr. Der entsprechende Wert für
die Summe aus Gesamtsterblichkeit und koronaren Ereignissen in der 4-S-Studie
beträgt 10 %. Das entspricht einer NNT bezogen auf ein Jahr von 55.
Das bedeutet, dass eine koronarschützende Ernährung im Sinne
einer mediterranen Kost eine um den Faktor 1,7 wirksamere
Maßnahme als die Behandlung mit Simvastatin in der 4-S-Studie ist.
Leider ist die Lyon-Diet-Heart-Studie die einzige Untersuchung mit mediterraner
Kost. Einen ähnlichen Ansatz verfolgten jedoch Burr et al.
in der DART-Studie (Abb. 4) (22). Dabei ergab sich
eine Verminderung der Gesamttodesfälle und der kardiovaskulären
Todesfälle in einer Größenordnung, die die entsprechenden
Werte der 4-S-Studie um etwa das 3-fache übertrifft. Auch in der
Gissi-Preventione-Studie (23) wurde gezeigt,
dass sich eine an mehrfach ungesättigten Fettsäuren reiche Kost
günstig auf die kardiovaskuläre Morbidität und Letalität
auswirkt.
| Metaanalyse
von OConnor |
| Design |
Metaanalyse
von 22 kontrollierten und randomisierten Interventionsstudien
nach Herzinfarkt;
4 554 Patienten, Beobachtungs-
zeitraum drei Jahre |
| Intervention |
Regelmäßige
körperliche Akti-
vität in ambulanten Herzgruppen |
| Ergebnisse
|
Gesamtmortalität
in der IG signifikant niedriger (RRR 20 %, ARR 2,2 %), ebenso
Verminderung der Herz-Kreislauf-Todesfälle (RRR 22 %),
des tödlichen Reinfarktes (RRR 25 %) und des plötzlichen
Herztodes (RRR 35 %) |
|
| Abb. 5:
Effekt von regelmäßiger körperlicher Aktivität
bei der Sekundärprävention der KHK (28) |
Regelmäßige
körperliche Aktivität
Seit längerem ist bekannt, dass eine regelmäßige körperliche
Aktivität einen günstigen Einfluss auf die Entstehung der KHK
hat. So zeigt z. B. die berühmte Paffenbarger-Studie aus dem Jahre
1978 an Harvard-Studenten, dass ein maximaler koronarprotektiver Effekt
bei einer regelmäßigen körperlichen Aktivität auftritt,
die zu einem Kalorienmehrverbrauch von 2 000 - 3 000 kcal pro Woche führt
(24). Da diese relativ hohe Kalorienzahl
verbraucht wird, wenn man täglich z. B. 30 Minuten joggt, wurde zunächst
die Auffassung vertreten, dass für die Koronarprotektion im Rahmen
der Sekundärprävention ein regelmäßiges Ausdauertraining
erforderlich ist.
In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte jedoch in mehreren
epidemiologischen Studien an großen Probandenzahlen gezeigt werden,
dass erwartungsgemäß ein niedriges Aktivitätsniveau mit
einer deutlich erhöhten KHK-Mortalitätsrate einhergeht, bei
einem mittleren Aktivitätsniveau die Mortalitätsrate jedoch
dreimal so niedrig liegt und bei hohem Aktivitätsniveau sich nicht
günstiger darstellt (25). Unter mittlerem
Aktivitätsniveau wurde eine regelmäßige körperliche
Aktivität in Form von Haus- und Gartenarbeit und täglichen Spaziergängen
verstanden. Hohes Aktivitätsniveau bedeutete eine regelmäßige
sportliche Aktivität in Form eines Ausdauertrainings. Aufgrund dieser
Befunde ist man heute der Meinung, dass die günstigen langfristigen
Effekte der Bewegungstherapie bei Koronarkranken vor allem durch eine
günstige Beeinflussung von stoffwechselabhängigen Risikofaktoren
wie Hypertonie, Adipositas, Diabetes mellitus, Hypercholesterinämie
und Hypertriglyzeridämie durch Kalorienmehrverbrauch zustandekommen
(26). Daneben gibt es Studien, die zeigen,
dass regelmäßige körperliche Aktivität günstige
Effekte auf psychosoziale Risikofaktoren wie Depression und soziale Isolation
aufweist (27).
Über die Wirksamkeit von regelmäßiger körperlicher
Aktivität im Rahmen der Sekundärprävention lassen sich
aufgrund der Metaanalyse von OConnor et al. (28)
aus dem Jahre 1989 ebenfalls eindeutige Aussagen machen (Abb. 5). Dabei
handelt es sich um eine Metaanalyse von 22 randomisierten Studien nach
Herzinfarkt mit körperlicher Aktivität als Intervention. Eingeschlossen
waren 4 554 Patienten. Hinsichtlich der Gesamtmortalität war eine
RRR von 20 % festzustellen und eine ARR von 2,2 % über eine Beobachtungszeit
von drei Jahren. Das entspricht einer Wirksamkeit, die in der Größenordnung
Wirksamkeit der CSE-Hemmer-Behandlung in der 4-S-Studie liegt.
 |
| Abb. 6: Kumulative
Ereignis-Zeit-Kurven von 107 Patienten mit mental-induzierbarer Myokardischämie,
die in 3 Gruppen aufgeteilt wurden (Stress Management,
Exercise und Usual Care) (30) |
Abbau chronischer
Stressbelastungen
Unter Stress versteht man die Gesamtheit körperlicher
Mechanismen in Form einer Notfallreaktion, mit der der Organismus
versucht, schädliche Einflüsse abzuwehren. Stressoren sind dabei
stressauslösende schädliche Einflüsse. Eine Stressreaktion
ist somit ein ganz normaler Vorgang, bei der ein Stressor eine Notfallreaktion
mit einer Hormonausschüttung (u. a. Adrenalin/Noradrenalin/Cortisol)
auslöst. Daraus resultiert z. B. eine kurzzeitige Erhöhung von
Blutdruck und Herzschlag. Es wird zwischen Eustress (positiver Stress)
und Distress (negativer Stress) unterschieden. Letzterer ist meist mit
negativen Emotionen verbunden.
Chronische Stressbelastungen (chronischer Disstress) sind
chronische Belastungen und Bedrohungen, denen das Individuum schlecht
ausweichen kann, deren Bewältigung unsicher ist und die mit negativen
Emotionen wie Angst, Ärger und Niedergeschlagenheit einhergehen.
Dabei werden die körperlichen Veränderungen, die durch die Notfallreaktion
ausgelöst werden, nicht ausgeglichen, sondern schaukeln sich auf
und wirken langfristig fort. Psychosoziale Risikofaktoren wie soziale
Isolation, feindseliges Verhalten bzw. Ärgerbereitschaft, Depression
und Angstzustände können das Auftreten von chronischem Disstress
fördern. Eine Reihe von ursächlichen Zusammenhängen zwischen
chronischen Stressbelastungen und kardialen Ereignissen sind bekannt (27).
Dazu gehören eine vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen,
ein längerfristiger Anstieg des arteriellen Blutdrucks, eine Blutplättchenaktivierung,
eine Verstärkung der Blutgerinnung, eine Zunahme der Verkrampfungsneigung
der Herzkranzgefäße und das Auftreten von Herzrhythmusstörungen.
Es gibt viele epidemiologische Studien, in denen ein Zusammenhang zwischen
psychosozialen Risikofaktoren wie chronische berufliche Belastungen, soziale
Isolation, feindseliges Verhalten/Ärgerbereitschaft, Depression/Angst
und sozioökonomische Benachteiligung und dem Auftreten der KHK nachgewiesen
wurde (27). Im Gegensatz dazu finden sich
jedoch nur sehr wenige kontrollierte Interventionsstudien, in denen z.
B. der Effekt des Abbaus von chronischen Stressbelastungen auf harte Endpunkte
überprüft worden ist (29). Besonders
hervorzuheben ist hier die Untersuchung von Blumenthal und Mitarbeitern
aus dem Jahre 1997 (Abb. 6) (30). Nach einem
viermonatigen Stressentspannungstraining betrug die RRR in Bezug auf den
kombinierten Endpunkt kardialer Zwischenfall (kardialer und
nicht kardialer Tod, nicht tödlicher Herzinfarkt, Bypass-Operation
und Ballondilatation) im Rahmen einer vier Jahre dauernden Nachbeobachtungszeit
75 % und die ARR 20,9 % im Vergleich zur Patientengruppe Usual care.
Daraus errechnet sich eine NNT (bezogen auf ein Jahr) von etwa 20. Für
den entsprechenden kombinierten Endpunkt findet sich in der 4-S-Studie
eine NNT (bezogen auf ein Jahr) von etwa 25 (vergl. auch Tab. 2). Dieses
Beispiel zeigt, dass auch der Abbau von chronischen Stressbelastungen
durch ein Stress-bewältigungstraining eine wirksame Maßnahme
im Rahmen der Sekundärprävention sein kann, wobei die Effektivität
etwa so hoch wie die der Lipidsenker-Behandlung in der 4-S-Studie zu veranschlagen
ist.
| Lifestyle
Heart Trial |
| Design |
Randomisierte
Interventionsstu-
die zur Sekundärprävention,
Dauer 1 Jahr quantitative Koronarangiographie, IG 28, KG 20
|
| Intervention |
Fettarme
Kost (Fettgehalt < 10 %),
Nichtrauchen, regelmäßiges
Stressbewältigungstraining, regelmäßige körperliche
Aktivität
geringer und mittlerer Intensität,
Gruppenunterstützung |
| Ergebnisse
|
In der
IG signifikante Regression
der Koronarstenosen im Mittel
um 5,3%, Häufigkeit von Stenokardien um 90 % (-),
Gewicht ca. 10 kg â, LDL-Cholesterin 37 % (-) |
|
| Abb. 7:
Design und Ergebnisse des Lifestyle-Heart-Trial nach 1 Jahr Behandlungsdauer
(1) |
Ergebnisse multifaktorieller
Interventionsstudien
In der Literatur des letzten Jahrzehnts finden sich eine Reihe von multifaktoriellen
randomisierten Interventionsstudien, bei denen die Ergebnisse der quantitativen
Koronarangiographie für die Beurteilung der Effektivität im
Rahmen der Sekundärprävention herangezogen wurden (31,32,33,34).
Allen Studien ist bei ansonsten unterschiedlichen Interventionen gemeinsam,
dass ein Interventionsbestandteil die fettarme Kost (Fettanteil < 20
%) war. Bei einer weiteren Studie (35) handelt
es sich um eine nicht randomisierte Interventionsstudie mit einer Interventionsgruppe
und einer konventionell behandelten Kontrollgruppe, bei der gezeigt wurde,
dass umfassende Lebensstil-Veränderungen entsprechend der Untersuchung
von Ornish auch bei KHK-Patienten in Deutschland zu erreichen sind.
Als eine Pionierarbeit ist das Lifestyle-Heart-Trial von Ornish und Mitarbeitern
aus dem Jahre 1990 anzusehen (Abb. 7) (31,36).
Es handelt sich um eine randomisierte Interventionsstudie zur Sekundärprävention,
bei der anhand der quantitativen Koronarangiographie beurteilt wurde,
ob eingreifende Lebensstil-Veränderungen wie eine fettarme Kost,
Nichtrauchen, ein regelmäßiges Stressbewältigungstraining
und regelmäßige körperliche Aktivität von geringer
oder mittlerer Intensität zu einer Rückbildung der Koronarstenosen
führen können. In dieser Untersuchung zeigte sich, dass schon
nach einem Jahr eine signifikante Regression der Koronarstenosen um 5,3
% erreicht wurde. Darüber hinaus nahm die Häufigkeit pectanginöser
Beschwerden schon innerhalb der ersten Monate um ca. 90 % ab und die Höhe
des LDL-Cholesterinspiegels um 37 %.
1998 wurden die Ergebnisse des Lifestyle-Heart-Trial nach 5-jähriger
Behandlungsdauer publiziert, die diese Befunde im Wesentlichen bestätigten
(32). Dabei konnten auch die Daten zu kardialen
Ereignissen (Tod, PTCA, Koronar-Bypass, Myokardinfarkt, Krankenhausbehand-
lung) bei der gesamten Studienpopulation erhoben werden. Es kam zu 45
Ereignissen bei 20 Patienten (2,3 pro Patient) in der KG, hingegen nur
zu 25 Ereignissen bei 28 Patienten in der IG (0,9 pro Patient).
Ausblick
Die dargestellten Befunde zeigen nicht nur, dass durch Lebensstil-Veränderungen
die Prognose und die Klinik der KHK günstig zu beeinflussen ist,
sondern auch, dass das Ausmaß der zu erreichenden Veränderungen
durchaus mit den Effekten einer medikamentösen Therapie mit CSE-Hemmern
zu vergleichen ist bzw. diese zum Teil erheblich übertrifft. Die
vorliegenden Evidenzen sprechen dafür, dass mit den angeführten
Lebensstil-Veränderungen zusammengenommen ein Mehrfaches an Wirksamkeit
im Vergleich mit einer Lipidsenker-Behandlung zu erreichen ist.
Zusammenfassung
In der vorliegenden Arbeit wird die Wirksamkeit von Lebensstil-Veränderungen
bei der Behandlung der koronaren Herzkrankheit (KHK) mit der Wirksamkeit
der medikamentösen Therapie mit dem Lipidsenker Simvastatin in der
4-S-Studie verglichen. Dabei ergibt sich, dass die Beendigung des Rauchens
bei der Behandlung von Patienten mit einer KHK den größten
Effekt hat und 2 - 3-mal wirksamer sein dürfte als eine Lipidsenker-Behandlung.
Eine möglichst fettarme Ernährung dürfte ebenfalls sehr
wirksam sein, wie sich aus einer älteren randomisierten Interventionsstudie
und insbesondere auch aus randomisierten multifaktoriellen Interventionsstudien
ergibt. Die mediterrane Kost bzw. eine Kost mit reichlich
fettem Fisch erwies sich in zwei großen randomisierten Interventionsstudien
als eine ähnlich wirksame Maßnahme wie die Beendigung des Rauchens.
Für eine regelmäßige körperliche Aktivität und
für den Abbau von chronischen Stressbelastungen durch ein Stressbewältigungstraining
fanden sich im Rahmen von randomisierten Interventionsstudien Effekte,
die in der Größenordnung der Wirksamkeit einer Lipidsenker-Behandlung
bei Patienten mit KHK liegen.
Literatur
beim Verfasser
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm, An den
Salzwiesen 1, 24217 Schönberg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
3 / 2003
S. 61 - 68
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