|
|
|
Für
alle Referenten des Forums galt, die lebhafte Diskussion nach dem
Vortrag zu bestehen. (Fotos: rat)
|
Interdisziplinäres
Forum 2003
400 Experten diskutieren neue Erkenntnisse in der Medizin
Edda Oppermann
Über 400 Experten
aus wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Ärztekammern, Kassenärztlichen
Vereinigungen und Berufsorganisationen der Ärzte nahmen dieses Jahr
in Köln am 27.
Interdisziplinären Forum Fortschritt und Fortbildung in der
Medizin der Bundesärztekammer teil. Der dreitägige Kongress
ist die zentrale Fortbildungsveranstaltung der Bundesärztekammer,
zu der namhafte Wissenschaftler aus verschiedenen Teilbereichen der Medizin
eingeladen werden, um über neue Erkenntnisse der Forschung und ihre
Anwendung in Klinik und Praxis zu referieren.
Auch in diesem Jahr standen wieder interessante und durchaus auch kontrovers
diskutierte Themen auf dem Programm des Forums. Im Vordergrund stehen
natürlich neue Erkenntnisse der medizinischen Forschung und ihre
Auswirkungen auf die Praxis. Gefragt wurde aber auch: Was ist neu und
was ist hiervon für die praktische Medizin von Bedeutung? Welche
Methoden sind überholt, welche werden zu Unrecht nicht mehr angewandt?
Welche alten Methoden sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten? Welche
Fehler werden erfahrungsgemäß häufig gemacht?
Ziel des Forums ist es es, insbesondere über die Multiplikatoren
Fortbildungsbeauftragte die Fortbildungsschwerpunkte für die
folgenden Jahre festzulegen und diese in die Ärztekammern zu kommunizieren.
Hierbei sind die Fortbildungsbeauftragten aus Schleswig-Holsteins Kreisen
übrigens seit Jahren Spitze - sie stellten wie
eigentlich immer zahlenmäßig die meis-
ten Teilnehmer auf dem Interdisziplinären Forum! Die Themen in diesem
Jahr lauteten u. a.: Prionenkrankheiten - Herausforderung an jeden
Arzt, Posttraumatische Belastungsstörungen, Botulinum
- vom giftigsten aller Gifte zum segensreichen Medikament?, Kritische
Indikationsstellung beim Einsatz von Blutprodukten im klinischen Alltag,
Angstzustände und ihre Behandlung in verschiedenen Lebensphasen
sowie Medikamentöse Langzeittherapie bei Alzheimer-Demenz,
Morbus Parkinson und Osteoporose.
Creutzfeldt-Jakob:
Viele Faktoren noch unbekannt
Zuverlässige Prognosen über die Entwicklung der Prionenkrankheiten
beim Menschen sind derzeit nicht möglich. Viele Faktoren der
neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sind nicht bekannt. So
ist beispielsweise die Inkubationszeit bei der Übertragung auf den
Menschen unbekannt. Auch wissen wir nur wenig über den Zeitpunkt
der Infektion sowie die Erregermenge, die zur Erkrankung führt,
so Prof. Dr. Hans Kretzschmar, Vorstand des Instituts für Neuropatholgie
an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
 |
| Im Schattenriss:
(von re.) Prof. Dr. Friedrich-W. Kolkmann, Präsident der Ärztekammer
Baden-Württemberg, danach li. Dr. Erwin Odenbach, der Schöpfer
des Interdisziplinären Forums |
Durch die BSE-Epidemie
hat das allgemeine Interesse an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD)
stark zugenommen. Insbesondere die Befürchtung, die Rinderkrankheit
könne durch den Verzehr von infizierten Rinderprodukten auf den Menschen
übertragen werden, hat auch bei Nicht-Medizinern großes Interesse
geweckt. Die neue Variante der Krankheit (vCJD) ist aller Wahrscheinlichkeit
nach auf die Rinderseuche BSE zurückzuführen. In 80 bis 90 %
der Fälle tritt die CJD allerdings sporadisch auf, ohne dass eine
Infektionsquelle oder der Modus der Krankheitsentstehung bekannt wäre.
Zu einem geringen Prozentsatz wird die CJD vererbt (familiäre CJD).
Die sporadische Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (sCJD) betrifft in der
Regel Patienten im siebten Lebensjahrzehnt. Erste Auffälligkeiten
sind im allgemeinen Demenz und verschiedene neurologische Symptome,
so Kretzschmar. In Deutschland tritt pro Jahr etwa ein sCJD-Fall pro Million
Einwohner auf. Dies entspricht der weltweiten Verbreitung der Erkrankung.
Eine definitive Diagnose kann jedoch nur durch die neuropathologische
oder biochemische Untersuchung des Gehirns festgestellt werden.
Die sporadische Form und die neue Variante der CJD unterscheiden sich
- obwohl beide zu den Prionenerkrankungen gehören - im klinischen
und neuropathologischen Bild. Die vCJD wurde in Großbritannien beobachtet
und wird vermutlich von demselben Erreger verursacht wie die BSE. Diese
Krankheit wird vorwiegend bei jungen Leuten beobachtet, das Durchschnittsalter
ist um die 30. Die jüngste Patientin war 14, der älteste bislang
beobachtete Patient war 74, so Kretzschmar.
Das Trauma als
dauerhafte Belastung
Welche psychischen Folgen haben Katastrophen wie das Eisenbahnunglück
von Eschede oder die Terroranschläge von New York für die Überlebenden?
Diese Frage stand ebenfalls im Mittelpunkt von Referaten und Diskussionen
auf dem Forum. Dabei wurde deutlich, dass nicht nur unmittelbar Betroffene,
sondern auch Augenzeugen oder Helfer nach solchen Ereignissen schwere
psychische Probleme entwickeln können. Häufigste Ursachen
für so genannte Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)
sind jedoch weiterhin Verkehrs- und Arbeitsunfälle, erläuterte
Prof. Dr. Mathias Berger, Direktor der Abteilung für Psychiatrie
und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg.
 |
|
Regelmäßig
auf dem Forum: Prof. Dr. C. Vilmar (li.), Ehrenpräsident der
Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages
|
Die Wahrscheinlichkeit,
ein traumatisches Ereignis zu erleben, liegt nach Erhebungen in US-amerikanischen
Großstädten bei 39 %. Ein Viertel der traumatisierten Personen
entwickelten zumindest vorübergehend eine PTBS. Diese Daten zeigten,
dass traumatische Ereignisse nicht außerhalb der normalen menschlichen
Erfahrung liegen, sondern häufig zu psychischen Störungen wie
PTBS führen können, so Berger. Bereits während oder kurz
nach einem Trauma können intensive psychische Reaktionen auftreten
in Form von Übererregung, Angst und Panik, Desorganisiertheit und
depressivem Erleben. Den meisten Betroffenen gelingt es aber, innerhalb
von Tagen und Wochen die Erlebnisse zu überwinden. Dauern die Symptome
allerdings mindestens drei Monate, gilt die PTBS als chronisch.
Botulinum: Modedroge
oder wirksames Medikament?
Das Nervengift Botulinumtoxin gilt als Wunderwaffe gegen Falten
und erfreut sich vor allem in den USA großer Beliebtheit. Das Mittel
wird aber nicht nur in der Dermatologie eingesetzt, sondern auch und vor
allem in der Schmerztherapie sowie zur Behandlung von spastischen Bewegungsstörungen
und fokaler Hyperhidrose. In der Hand des erfahrenen Anwenders ist
diese Behandlungsoption durchaus eine sichere und zufriedenstellende Therapieoption
im Bereich der ästhetischen Medizin. Vor dem Missbrauch des Botulinumtoxins
als Modedroge und so genannten Botox-Partys möchte ich jedoch eindringlich
warnen, sagte Prof. Dr. Marc Heckmann, Ärztlicher Leiter der
Praxisklinik Starnberg.
Der Einsatz von Botulinumtoxin in der Dermatologie umfasst die Therapie
der primären Hyperhidrosis sowie die Behandlung hyperkinetisch bedingter
Mimikfalten. Etwa 0,5 bis 2 % der Bevölkerung leiden an anfallsartigen
Schweißausbrüchen. Hyperhidrose ist kein lebensbedrohlicher
Zustand, aber eine Erkrankung, die die Lebensqualität und die Freude
am Leben empfindlich beeinträchtigen kann, so Heckmann. Auch
um beispielsweise ausgeprägte Zornesfalten zu beseitigen, reiche
eine einfache, kaum schmerzhafte Injektion, um den gewünschten Effekt
zu erzielen. Als besonderen Vorteil gegenüber operativen Eingriffen
erachtet Heckmann die nach drei bis sechs Monaten nachlassende Wirkung
des Botulinumtoxins, durch die eine problemlose Rückkehr in den Ausgangszustand
möglich ist.
Ein weiterer Einsatzbereich des Mittels ist die Schmerztherapie. Botulinumtoxin
wird vor allem zur Behandlung von Erkrankungen angewendet, die durch eine
unangemessen hohe Muskelkontraktion cha-
rakterisiert sind, z. B. spastische Bewegungsstörungen. So trägt
Botulinumtoxin unter anderem zur Normalisierung übermäßiger
Muskelspindelaktivität und muskulärer Hyperaktivität bei.
Die Wirksamkeit der Behandlung von Schmerzen bei muskulärer Hyperaktivität
ist empirisch gut belegt. Bei anderen Einsatzgebieten, beispielsweise
bei primären Kopfschmerzen, differieren noch die Ansichten zur Dosierung,
zu Injektionsarealen und zum methodischen Vorgehen. Die teilweise widersprüchlichen
Befunde erfordern daher weitere Studien, so dass an den Einsatz von Botulinumtoxin
erst nach Ausschöpfung der Standardtherapieverfahren zu denken ist.
 |
| Posttraumatische
Belastungsstörungen: Heute weiß man, dass die sofortige
Betreuung für medizinisches Hilfspersonal nicht erforderlich
ist (Prof. Dr. Berger, Freiburg) |
Infektionsquote
bei Bluttransfusionen bald gleich Null?
Die Sicherheit der Bluttransfusion befindet sich auf einem historischen
Höchststand, erklärte Prof. Dr. Harald Klüter, Leiter
des Instituts für Transfusionsmedizin und Immunologie in Mannheim.
Einige der künftigen Verfahren wie die Pathogen-Inaktivierung könnten
das infektiologische Risiko bei Bluttransfusionen weiter gegen Null senken.
Diese Entwicklung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen,
dass eine Vielzahl von vermeidbaren Komplikationen der Blutübertragung
weiterhin durch Blutgruppen-Verwechslungen und Fehltransfusionen entsteht,
sagte Klüter.
Bis vor wenigen Jahren war die Übertragung von Hepatitis-Erkrankungen
das Hauptrisiko bei Transfusionen, ebenso verschiedene Retroviren und
die AIDS-Erreger HIV-1 und -2. Nach der Einführung der Nukleinsäure-Amplifikationstechnik
(NAT) liegt das verbleibende Restrisiko für eine unerkannt gebliebene
HIV- oder HCV-Infektion eines Blutspenders in einem Bereich zwischen 1:10
Millionen bis 1:20 Millionen.
 |
|
Auch
technisch auf der Höhe:
Die meisten Forum-Beiträge wurden über Laptop projiziert.
|
Seit Einführung
spezifischer Untersuchungsverfahren ist etwa das Übertragungsrisiko
des Syphilis-Erregers äußerst gering. Durch den allgemeinen
Spenderausschluss nach Fernreisen sind Übertragungen etwa von Malaria
oder Chagas ebenfalls sehr selten. Im Zusammenhang mit der neuen Variante
der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) gibt es derzeit international keinen
dokumentierten Fall einer Übertragung durch Bluttransfusion. Trotzdem
werden Spendewillige, die länger als sechs Monate zwischen 1980 und
1996 in Großbritannien waren, vorsichtshalber zurückgestellt.
Neben den bekannten Viren bestehe aber grundsätzlich die Gefahr,
dass weitere, bislang unbekannte Viren, Bakterien oder andere Krankheitserreger
übertragen werden, mahnte Klüter. Die im Transfusionsgesetz
und in den Richtlinien der Bundesärztekammer geforderte Zusammenarbeit
zwischen Klinikärzten und Transfusionsmedizinern sei daher unerlässlich.
Sie führe zur schnellen Erfassung und Analyse von unerwünschten
Wirkungen der Bluttransfusion innerhalb der Krankenhäuser und zum
Aufbau eines nationalen Netzwerkes.
 |
| Spezialist für
Posttraumatische Belastungsstörungen: Prof. Dr. Berger, Freiburg
(Mi.), während der Diskussion mit dem Plenum |
Angstzustände
bei Kindern weit verbreitet
Zwischen 5 und 10 % aller Kinder und Jugendlichen leiden an Angststörungen.
Damit gehören diese Störungen zu den häufigsten Erkrankungen
in dieser Altersgruppe. Häufig treten in diesem Zusammenhang auch
depressive Störungen auf. Zu unterscheiden ist zwischen drei Formen
von Angststörungen: phobische Störungen, sonstige Angststörungen
und emotionale Störungen des Kindesalters. Bei den phobischen
Störungen wird Angst ausschließlich oder überwiegend durch
eindeutig definierte, im allgemeinen ungefährliche Situationen oder
Objekte hervorgerufen, so Prof. Dr. Bernhard Blanz von der Klinik
für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum der Universität
Jena. Zu den phobischen Störungen gehören beispielsweise die
sozialen Phobien, zu den sonstigen Angststörungen zählen unter
anderem Panikstörungen und eine Mischung aus Angst und depressiver
Störung. Diese Formen beginnen in der Regel nicht vor dem Jugendalter,
so Blanz.
Durch eine depressive Episode wird in der Regel eine zuvor bestehende
Angstsymptomatik verschlimmert, erläutert Blanz. Er geht davon
aus, dass verschiedene Faktoren ursächlich für die Entstehung
von Angststörungen sind: Genetische, biologische und Temperamentsfaktoren
spielen ebenso eine Rolle wie belastende Lebensereignisse sowie elterliches
Modell- und Erziehungsverhalten.
Die unterschiedlichen Ursachenmodelle machen ein auf den Patienten abgestimmtes
Behandlungsprogramm notwendig. Blanz empfiehlt generell ein multimodales
Vorgehen, das sich auf die vier Säulen Beratung, Psychotherapie,
Einbeziehung der Familie und Psychopharmakotherapie stützt. Ziel
der Behandlung von Angststörungen sei es, die Betroffenen in die
Lage zu versetzen, sich den Angst auslösenden Situationen stellen
und sich in ihnen behaupten zu können, so Blanz.
 |
| Fast in der ersten
Reihe: Dr. Werner Kröger, Rendsburg, davor: Prof. Dr. Heyo Eckel,
Präsident Ärztekammer Niedersachsen |
Eine Million ältere
Menschen leiden an Alzheimer
Etwa eine Million ältere Menschen in Deutschland leiden an einer
demenziellen Erkrankung wie der Alzheimer-Demenz. Die durchschnittliche
Krankheitsdauer für Alzheimer-Demenz liegt zwischen 4,7 und 8,1 Jahren.
Diese Zahlen gab Prof. Dr. Hermann-Josef Gertz von der Psychiatrischen
Klinik an der Universität Leipzig bekannt. Die Europäische Union
hat 1998 Leitlinien erarbeitet, die die Vorgehensweise von Antidementiva
in klinischen Studien europaweit vereinheitlichen sollen. Es wird
in der Fachwelt als Fortschritt angesehen, dass die Leitlinien auch die
Verlangsamung oder den Stillstand der Progression als Therapieziel bei
der Alzheimer-Demenz anerkennen, meinte Gertz.
Eine Reihe von mehrmonatigen Studien konnte nachweisen, dass Antidementiva
geeignet sind, die Symptome zu verbessern. Die beste Wirkung zeigen die
Acethylcholinesterasehemmer. Nach 12 Monaten beginnt aber auch bei effizienter
medikamentöser Therapie eine Verschlechterung.
Eine Verzögerung des Krankheitsverlaufs um ein Jahr ist sicher
ein ermutigender Befund, so Gertz. Nach wissenschaftlicher Erkenntnis
sollte eine medikamentöse Therapie möglichst früh beginnen.
Ein um nur drei Monate verzögerter Start zeigt bereits eine deutlich
schlechtere Wirkung. Der Vorteil einer konsequenten medikamentösen
Therapie von Alzheimer-Patienten ist auch, dass die Rate von Heimeinweisungen
reduziert werden kann. Die Therapie ermöglicht es somit den
Kranken, länger in der vertrauten häuslichen Umgebung zu bleiben,
so Gertz. Es ist aber notwendig, die medikamentöse Therapie bei ausreichend
hoher Dosis ohne Unterbrechung kontinuierlich fortzuführen.
Dr.
Edda Oppermann, Ärztekammer Schleswig-Holstein, Bismarckallee 8 -
12, 23795 Bad Segeberg
|

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
2 / 2003
S. 69 - 73
|