|

Die medikamentöse Therapie der Fibromyalgie
Wolfgang Müller, Thomas Stratz, Jochen Tolk
Bekanntlich stellt
die Fibromyalgie ein chronisches Schmerzsyndrom dar, das durch generalisierte
Schmerzen im muskuloskelettalen System kombiniert mit einer erhöhten
Druckempfindlichkeit der sog. tender points - meist Sehneninsertionen
erhöhten oder Muskelsehnenüber-
gänge - gekennzeichnet ist und mit einer Vielzahl funktioneller und
vegetativer Symptome sowie psychopathologischen Veränderungen wie
depressiven Verstimmungen und Angstzuständen einhergeht. Aus therapeutischen
Gründen ist die Unterteilung der Erkrankung in verschiedene Untergruppen
erforderlich, sprechen doch bei der Entwicklung der Fibromyalgie einmal
mehr somatische, ein anderes Mal mehr psychische Faktoren eine ausschlaggebende
Rolle. Prototyp einer vorwiegend somatisch ausgelösten Erkrankung
ist die sekundäre Fibromyalgie, die sich im Rahmen unterschiedlicher
Prozesse, besonders häufig bei entzündlich-rheumatischen Systemerkrankungen
entwickelt. Auf der anderen Seite steht die somatoforme Schmerzstörung,
die das besondere Interesse des Psychosomatikers beansprucht. Bei der
Mehrzahl der Fibromyalgien - den sog. primären Formen - ist eine
Zuordnung zu einer der beiden Gruppen nicht möglich, hier sind meist
somatische Faktoren für das Auftreten der initialen Beschwerden verantwortlich,
später wird das Krankheitsgeschehen von psychischen Faktoren mitdeterminiert.
Da
das FMS eine die Lebensqualität gravierend beeinträchtigende
rheumatologische Erkrankung ist, besteht meistens Handlungsbedarf. Die
Therapie der Fibromyalgie muss entsprechend den unterschiedlichen Krankheitsfaktoren
in der Regel multimodal sein, wobei gleichzeitig eine medikamentöse
Behandlung, physikalisch-therapeutische Maßnahmen und die Psychotherapie
zum Zuge kommen, ergänzt durch Allgemeinmaßnahmen und ein Schulungsprogramm,
das die Aufklärung des Patienten beinhaltet und über Behandlungsmöglichkeiten
der Fibromyalgie orientiert. An dieser Stelle soll nur auf die medikamentösen
Behandlungsformen eingegangen werden.
Am Anfang jeder medikamentösen Behandlung der Fibromyalgie ist die
Frage zu beantworten, ob evtl. durch eine ursächliche Behandlung
einer Grundkrankheit eine Besserung auch der Fibromyalgie erreicht werden
kann. So ist es durchaus möglich, dass bei entzündlich-rheumatischen
Systemerkrankungen, aber auch bei anderen zur sekundären Fibromyalgie
führenden Erkrankungen die Therapie des Grundprozesses die Fibromyalgie
zum Abklingen bringt.
Bei der primären Fibromyalgie ist das Hauptziel der medikamentösen
Therapie die Schmerzbekämpfung, jedoch wird auch eine Beeinflussung
der quälenden Schlaflosigkeit und anderer funktioneller Störungen
sowie der depressiven Verstimmungen und der Angstzustände angestrebt.
Hierbei muss betont werden, dass ein speziell für die Fibromyalgie
zugelassenes Medikament nicht zur Verfügung steht.
Leider haben die bekannten Analgetika und nichtsteroidalen Antiphlogistika
bei der Fibromyalgie nur eine sehr begrenzte Wirksamkeit. In Doppelblindstudien
konnte weder mit Ibuprofen noch mit Naproxen eine Schmerzlinderung erreicht
werden, lediglich bei Kombination von Ibuprofen mit einem Benzodiazepin
ergab sich ein deutlicher Schmerzrückgang. Bei näherer Analyse
zeigt sich jedoch, dass es doch auch durch die alleinige Gabe eines nichtsteroidalen
Antiphlogistika bei etwa 10 - 15 % der Patienten zu einer Schmerzbesserung
kommt, die offensichtlich in den Doppelblindstudien wegen der bei Schmerzpatienten
sehr häufig vorhandenen Placebowirkung nicht zum Tragen kommt. Deshalb
ist es immer gerechtfertigt, am Anfang der medikamentösen Behandlung
einer Fibromyalgie nichtsteroidale Antiphlogistika oder Analgetika zu
versuchen. Das gleiche gilt bei den Patienten, bei denen sich im Verlauf
der Erkrankung kurzfristig stärkere Schmerzen einstellen, die möglicherweise
mit den genannten Medikamenten beeinflusst werden können.
Kortikosteroide gelten bei der Fibromyalgie als kontraindiziert, da kein
offensichtliches entzündliches Geschehen vorliegt und diese Substanzen
auch im Doppelblindversuch keinen Effekt zeigten. Sekundäre Fibromyalgien
insbesondere bei entzündlich-rheumatischer Systemerkrankungen können
aber auf die Kortikosteroidtherapie ansprechen, auch wenn das entzündliche
Krankheitsgeschehen sehr blande verläuft.
Standardtherapie der primären Fibromyalgie ist heute die Behandlung
mit trizyklischen Antidepressiva oder auch Serotonin-Reuptake-Hemmern.
Vor allem Amytryptilin wurde in zahlreichen Doppelblindstudien untersucht
und dabei ein Effekt festgestellt, der sich zwar auch in einer Schmerzverminderung,
vor allem aber in einer Schlafverbesserung manifestieren. Insgesamt sind
die Ergebnisse mit Antidepressiva aber enttäuschend und in einzelnen
Doppelblindstudien konnte die Wirksamkeit der genannten Substanzen auch
nicht bewiesen werden. Zudem scheint nach den spärlichen Langzeituntersuchungen
ein dauerhafter Effekt nicht gewährleistet und häufig müssen
diese Medikamente wegen der Nebenwirkungen abgesetzt werden. In der hausärztlichen
Praxis sollte jedoch immer ein Versuch mit diesen Substanzen durchgeführt
werden, wobei sich Amitryptilin in einer Dosis von 10 - 15 mg täglich
abends am besten bewährt hat. Bei starken Schmerzen ist auch bei
der Fibromyalgie der Einsatz von Opioiden wie Tramadol und Tilidin zu
diskutieren. Leider entspricht aber auch hier der Effekt nicht den Erwartungen.
Zwar spricht ein Teil der Fibromyalgie-Patienten auf diese Medikamente
an - nach unseren Erfahrungen vor allem Männer und solche Patienten,
bei denen sich die Fibromyalgie nach Traumen oder zerebralen Prozessen
entwickelt hat - doch existieren keine Doppelblindstudien, die den Beweis
für die Wirkung erbringen würden mit Ausnahme eine Studie, bei
der zunächst Patienten selektioniert wurden, die auf Opioide ansprachen
und dann randomisiert im placebokontrollierten Doppelblindversuch gegen
Tramadol getestet wurden.
 |
|
(Fotos:
BilderBox)
|
In den letzten Jahren
haben sich 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten in der Behandlung der Fibromyalgie
besonders bewährt. Ausgehend von der Beobachtung über mögliche
Störungen des Serotonin-Stoffwechsels, bei dieser Erkrankung, haben
wir 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten zu ihrer Behandlung eingesetzt. Schon
in Pilotstudien ließen alle getesteten 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten
wie Ondansetron, Tropisetron, Granisetron und Dolansetron eine deutlich
schmerzlindernde Wirkung bei der Fibromyalgie erkennen. Im Doppelblindstudium
an über 400 Fällen konnte dann der Effekt des 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten
Tropisetron bei einer Dosierung von 5 mg peroral über 10 Tage eindeutig
nachgewiesen werden. Höhere Dosen ergaben schlechtere Resultate,
bei 15 mg täglich über 10 Tage entsprach die Wirkung sogar nur
derjenigen des Placebo. Es lag also eine glockenförmige Dosis-Wirkungs-Kurve
vor, wohl bedingt durch die unterschiedliche zentrale und periphere Wirkung
der 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten. Bei intravenöser Injektion konnte
eine noch raschere Wirkung als bei der peroralen Gabe beobachtet werden,
wobei sich eine Dosis von 5 mg täglich über fünf Tage als
ausreichend erwies. Bei diesen Therapiestudien wurde auch eine Wirkung
auf verschiedene funktionelle Symptome, insbesondere die Schlafstörungen
beobachtet und es kam auch zur Besserung depressiver Verstimmungszustände,
wobei sogar eine Korrelation zwischen der Schmerzreduktion und einem Rückgang
der Depression nachweisbar war. Aufgrund aller bisher erzielten Ergebnisse
sind wir der Meinung, dass die 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten im Augenblick
sicher die beste medikamentöse Therapieoption bei der primären
Fibromyalgie darstellen. Allerdings sprechen Fibromyalgie-Patienten mit
stärkerer Depression weniger gut auf eine solche Behandlung an, als
solche ohne eine depressive Verstimmung.
Neben
den genannten Medikamenten wurden noch eine ganze Reihe weiterer Substanzen
zur Behandlung der Fibromyalgie herangezogen. Genannt sei hier nur das
Wachstumshormon, mit dem Bennett bei Patienten mit niedrigem Wachstumshormonspiegel
signifikante Besserungen der Fibromyalgie im Verlauf von ½ Jahr
erreichen konnte, doch ist diese Therapieform wegen der Kosten kaum anwendbar.
Einzelne andere Substanzen zeigten zwar ebenfalls in kontrollierten Studien
positive Ergebnisse, doch konnten die entsprechenden Resultate bisher
nicht bestätigt werden.
Fasst man die bisherigen Kenntnisse über die medikamentöse Therapie
der Fibromyalgie zusammen, so ist folgendes Therapieschema empfehlenswert:
- Falls möglich,
kausale Behandlung einer Grundkrankheit bei sekundärer Fibromyalgie
- Versuch mit Analgetika
wie Paracetamol oder nichtsteroidalen Antiphlogistika über sieben
Tage
- Behandlung mit
dem 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten Tropisetron in einer Dosierung von 5
mg über fünf Tage erfolgen. Der Therapieeffekt hält unterschiedlich
lange an, zum Teil nur wenige Tage, zum Teil aber auch mehrere Monate,
wobei in solchen Fällen eine Wiederholung der Stoßtherapie
vorgenommen werden sollte. Insgesamt ist bei 50 - 60 % der Patienten
eine deutliche Besserung, z. T. sogar eine weitgehende Beschwerdefreiheit
zu erzielen.
- Wenn mit den genannten
Substanzen kein Effekt auf die Schmerzsymptomatik erzielt werden kann,
Einsatz von trizyklischen Antidepressiva wie Amitryptilin oder Serotonin-Reuptake-Hemmern.
Diese Substanzen kommen besonders dann in Frage, wenn zusätzlich
ein stärkerer depressiver Verstimmungszustand vorliegt, in diesen
Fällen schon vor Anwendung der 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten. Eine
Evaluation der Therapie erfolgt nach 4 bis 6 Wochen. Mit einem positiven
Effekt ist in ca. 30 % zu rechnen.
- Sind starke, durch
die aufgeführten Therapien, nicht beeinflussbare Schmerzen vorhanden,
ist versuchsweise der temporäre Einsatz von Opioiden wie Tramadol
oder Tilidin N gerechtfertigt.
Zusätzlich können
insbesondere bei lokalisierten Schmerzen bzw. myofaszialen Schmerzsyndromen
lokale Injektionen vorgenommen werden, wobei nach unseren Beobachtungen
wiederum 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten für solche Injektionen besonders
geeignet erscheinen. Nur als Zusatzbehandlung kommen andere Medikamente
wie Muskelrelaxantien und leichte Schlafmittel in Betracht.
Zusammenfassung:
Die medikamentöse Therapie der Fibromyalgie ist von der jeweils vorliegenden
Subgruppe dieser Erkrankung abhängig. Das Spektrum erstreckt sich
von den weitgehend somatisch geprägten sekundären Fibromyalgien,
bei der die Behandlung der Grundkrankheit - evtl. unterstützt durch
Analgetika und nichtsteroidale Antiphlogistika - im Vordergrund steht
bis hin zu den somatoformen Schmerzstörungen, bei denen vor allem
psychosomatische Behandlungsformen angebracht sind, evtl. unterstützt
durch Antidepressiva. Bei der Mehrzahl der Fibromyalgien, bei denen somatische
und psychische Faktoren sehr eng miteinander verwoben sind, ist eine Behandlung
mit antinozeptiv wirkenden Serotonin-3-Rezeptor-Antagonisten wie Tropisetron
angezeigt, die bereits bei kurzfristiger Behandlung in einem hohen Prozentsatz
eine Besserung nicht nur der Schmerzzustände, sondern auch der Begleitsymptome
wie Schlaflosigkeit, Müdigkeit u. a. erkennen lassen. Insbesondere
wenn eine stärkere Depressivität im Vordergrund steht, sind
trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Opipramol-Insidon o. ä.)
angezeigt.
Dr.
Jochen Tolk, Diesterwegstr. 15, 24113 Kiel
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Müller, Dr. Thomas Stratz,
Hochrhein-Institut für Rehabilitationsforschung Bad Säckingen,
Bergseestr. 61, 79713 Bad Säckingen
|

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
2 / 2003
S. 57 - 60
|